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DIE LITERATURAUSGABE 2012

Mein Vater am Ende

Wir sind stolz darauf, einen Auszug aus Michael Kimballs im September erscheinenden Roman Big Ray präsentieren zu können.
17.7.12

Illustrationen von Joe Denardo

Vor seinem Tod zog mein Vater von Las Vegas zurück nach Michigan. Meine Schwester hatte dort ein Einzimmerapartment für ihn gefunden, das er sich von seiner Sozialhilfe leisten konnte. Mit dem Geld, was er noch hatte, kaufte er ein neues Bett, eine neue Couch und einen neuen Fernseher, und meine Schwester gab ihm die Sachen zurück, die sie für ihn in ihrem Keller aufgehoben hatte, während er in Las Vegas war. Sie half ihm mit der neuen Wohnung—packte alles aus, installierte das Telefon und andere nützliche Dinge. Unser Vater bekam vieles nicht mehr alleine hin, und meine Schwester nahm den Großteil dieser Last auf sich. Kurz vor seinem Tod war mein Vater nicht mehr gut zu Fuß. Das lag einerseits an seinem Gewicht, andererseits an den Knochenspornen, die ihm an den Füßen gewachsen waren (was nicht zuletzt wiederum an seinem Gewicht lag). Die Knochensporne waren die Reaktion seiner Füße auf das viele Gewicht, das sie tragen mussten. Sie begannen, zusätzliche Knochen zu produzieren, um die zusätzlichen Pfunde tragen zu können. Sie waren die einzigen, die versuchten, etwas gegen das Gewicht meines Vaters zu unternehmen. Mein Vater hatte verschiedene Stöcke und Gehhilfen, um sich fortzubewegen, dennoch führten seine Probleme mit dem Gehen dazu, dass mein Vater seine Wohnung oft tage- oder wochenlang nicht verließ. In dieser Zeit schrieb mein Vater eine Liste mit Dingen, die er benötigte—meist Lebensmittel—und meine Schwester kaufte sie, brachte sie ihm in die Wohnung und verstaute sie. Sobald mein Vater wieder in Michigan wohnte, rief er mich jeden Tag an, und eine Zeit lang sprach ich jeden Tag mit ihm. Ohne das Kasino konnte er in seiner Wohnung außer Essen und Fernsehen nicht viel tun. Zurück in Michigan veränderte sich in meinem Vater etwas, und er wurde wieder richtig gemein. Die Gemeinheiten zeigten sich normalerweise in Form von einfachen Beschimpfungen oder Seitenhieben, wenn er versuchte, alles, was ich sagte, zu verbessern oder zu untergraben. Wie oft hatte ich das in meiner Kindheit gehört und gespürt. Jetzt erschien mir mein Vater jedoch irgendwie so erbärmlich, dass ich einfach so tun konnte, als wäre das, was er sagte, gar nicht an mich gerichtet. Er schien oft einsam, und ans Telefon zu gehen, war eine recht einfache Methode, um ihm Gesellschaft zu leisten.
Während dieser Telefongespräche schlief mein Vater auch hin und wieder ein. Ganz egal, wer sprach. Manchmal kam von meinem Vater nur noch ein leises Murmeln, und dann hörte ich, wie er zu schnarchen begann. Ab und zu schien es, als wolle er mich unterbrechen, aber dann hörte ich, wie er zu schnarchen begann. Am merkwürdigsten war es, wenn ich einfach nur den Hörer auf dem Boden aufschlagen hörte und dann bloß noch Hintergrundgeräusche. Als das zum ersten Mal passierte, rief ich meinen Vater so lange beim Namen, bis er aufwachte. Aber mit der Zeit legte ich dann einfach auf. Normalerweise rief er erst am nächsten Tag zurück. Während einiger dieser Telefongespräche hatte mein Vater auch angefangen, wirres Zeug zu reden oder zu halluzinieren. Manchmal nannte er mich beim Namen seines verstorbenen Bruders Kenny. Dann wieder bei dem seines noch lebenden Bruders Walter. Ab und zu war es der Name eines meiner Cousins, Butch. Ich dachte dann immer, dass er eigentlich einen anderen Sohn wollte. Einmal fing mein Vater aus heiterem Himmel an, über Chili-Dogs und Flinten zu reden. Oder aber er begann, chinesisches Essen bei mir zu bestellen, bis ich ihn schließlich unterbrach. Ein anderes Mal begann mein Vater zu schreien: „Ein Bär. Ein Bär.“ Ich versuchte, mit ihm zu reden, aber es kam keine Reaktion. Es hörte sich an, als hätte er den Hörer aufgelegt, und dann hörte ich im Hintergrund einen lauten Knall. Als er wieder ans Telefon kam, fragte ich ihn, was passiert sei. Er meinte, er hätte den Bären verscheucht. Irgendwann wurden die Telefongespräche mit meinem Vater so frustrierend und schwierig, dass ich nicht mehr ranging. Ich hatte deswegen ein schlechtes Gewissen und kam mir schließlich bescheuert vor, als mir klar wurde: Ich musste nicht mit meinem Vater reden, auch wenn er mein Vater war. Je öfter ich seine Anrufe nicht entgegennahm, desto öfter rief er an. Manchmal rief er dutzende Male an, bis ich irgendwann den Hörer abnahm, nur damit er Ruhe gab. Das hielt dann leider nur für den Rest des Tages an—und manchmal vergaß er auch, dass wir am Nachmittag schon telefoniert hatten und rief mich abends noch mal an, nur um mir das Gleiche zu erzählen wie im Gespräch davor. Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur eins dieser Telefongespräche mit meinem Vater mit einem guten Gefühl beendet zu haben. In seinem letzten Lebensjahr habe ich fast gar nicht mit meinem Vater gesprochen. Ich hätte schon Jahre vorher damit aufhören sollen—was für eine Erleichterung. Als ich nicht mit ihm sprach, ging es mir so viel besser, als in der Zeit, in der ich mit ihm sprach. Es war eine Art Selbstschutz. Ich hörte auf, mit meinem Vater zu reden, aber mein Vater hörte nicht damit auf, mich jeden Tag anzurufen und mir Nachrichten zu hinterlassen. Zuerst hörte ich sie mir an, aber sie waren fast immer gleich: „Danny, hier ist dein Vater. Ruf zurück.“ Es waren fast immer eine Aussage und ein Befehl. Er versuchte immer noch, mir vorzuschreiben, was ich zu tun hatte. Ich rief weiterhin nicht zurück. Ich begann, die Nachrichten ungehört zu löschen. Irgendwann überlegten meine Frau und ich sogar, unsere Telefonnummer ändern zu lassen. Ironischerweise empfanden wir das aber als zu gemein. Fast ein Jahr verging, ohne dass ich mit meinem Vater gesprochen hätte. Ich fühlte mich leichter und fand nach und nach, dass ich seine Gespräche wieder annehmen könnte. Um Weihnachten 2004 nahm ich den Hörer ab, und mein Vater war am anderen Ende. Er war überrascht, dass ich rangegangen war. Er klang erfreut, mich erwischt zu haben. Er fragte mich, was ich so gemacht hätte, und ich erwiderte, ich sei ziemlich beschäftigt gewesen. Wir verloren nie mehr ein Wort darüber. In einem unserer letzten Telefongespräche erzählte mein Vater mir, er sei gerade beim Arzt gewesen und dass er sehr viel zugenommen hätte. Zu Hause habe er sich seit Jahren nicht mehr auf die Waage gestellt, weil er wegen seines Bauches die Anzeige zwischen seinen Füßen nicht mehr lesen konnte, und selbst wenn er sie hätte lesen können, wäre sie nicht hoch genug gegangen, um sein Gewicht anzuzeigen. Seit Jahren konnte er nur bei seinem Arzt herausfinden, wie viel er wog. Doch dieses Mal konnte mein Vater mir die genaue Zahl nicht nennen, weil er die 500-Pfund-Waage des Arztes geschlagen hatte. Er war schwerer. Wirklich dicke Menschen bewegen sich anders als solche, die nicht dick sind. So musste mein Vater beispielsweise in Etappen aufstehen. Da die meisten Stühle und Sofas zu klein für ihn waren, saß er oft auf dem Fußboden. Um wieder aufzustehen, musste er sich an etwas festhalten, an dem er sich abstützen oder hochziehen konnte—eine Tür, ein Stuhl oder ein anderes Möbelstück. Dann drehte er sich auf die Seite und kam auf die Knie, indem er seinen Oberkörper hochzog oder sich abstütze. Einmal auf den Knien stellte er erst den einen Fuß flach auf den Boden, dann den anderen. Und dann drückte er die Beine durch. Sobald er seine Beine unter sich hatte, konnte er seinen Oberkörper aufrichten, bis er gerade stand. Einmal aufrecht bewegte er sich eine Weile nicht. Er musste sich erst ausruhen und wieder zu Atem kommen. Wenn mein Vater sich abstützte, dann nicht mit der flachen Hand. Er tat es mit der Faust. Als er das letzte Mal die flache Hand benutzt hatte, renkte er sich zwei Finger seiner rechten Hand aus. Niemandes Finger sind so stark, dass sie so viel Gewicht tragen können. Die Arme meines Vaters waren immer dicker als meine Beine. Die Beine meines Vaters waren schon allein vom Stehen und Gehen sehr stark. Bei jedem Schritt musste er seine 500 Pfund mitschleppen. Die Beine von sehr fettleibigen Menschen reiben für gewöhnlich aneinander, sodass sie sie beim Gehen nach außen werfen. Auch ihre Arme werden von ihrem ausladenden Torso nach außen gedrückt. Langsam beginnen ihre Proportionen denen eines Babys zu gleichen—nur dass der Kopf bei Fettleibigen im Vergleich sehr klein ist. Fast alle extrem übergewichtigen Menschen gehen etwas vorgebeugt. Mein Vater sah ein wenig deformiert aus mit all dem Gewicht, das ihn niederdrückte. Er muss das Verlangen gehabt haben, sich aus diesem Körper zu befreien. Auch wirken die Arme von fettleibigen Menschen zu kurz. Manchmal beobachtete ich, wie mein Vater nach etwas griff und dann ein wenig erstaunt war, dass seine Hände nicht drankamen. Ihm muss das wie eine optische Täuschung vorgekommen sein, als hätten die Dinge sich von ihm wegbewegt. Als mein Vater älter wurde, ergraute sein Haar, wodurch er aber immer blonder wirkte. Außerdem schien sein Gesicht gar keine Falten zu bekommen. Als er dick und fett wurde, straffte sich seine Haut, was meinen Vater jünger aussehen ließ, als er war. Nachdem wir wieder angefangen hatten, miteinander zu reden, rief mein Vater mich erneut täglich an. Beim letzten Anruf, den ich von meinem Vater erhielt, hinterließ er wieder die übliche Nachricht. Ich rief ihn nicht zurück, weil ich wusste, er würde später oder am nächsten Tag wieder anrufen. Mein Vater rief mich am nächsten Tag nicht an, und ich weiß noch, wie ich mich nachts darüber wunderte. Ich dachte, vielleicht stimmt was nicht mit ihm, aber dann vergaß ich es für ein paar Tage. Mein Vater rief mich auch an meinem Geburtstag nicht an, und ich dachte, irgendwas stimmt vielleicht nicht mit ihm, aber es war schließlich mein Geburtstag, und ich hatte keine Lust, mich gerade jetzt mit ihm zu beschäftigen. Dass mein Vater eine ganze Weile nicht anrief, war wie eine Befreiung. Ich habe kein schlechtes Gewissen, ein Jahr lang nicht mit meinem Vater gesprochen zu haben, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, ihn dieses eine Mal nicht zurückgerufen zu haben. So viele Male hatte ich gedacht, dass mein Vater bald sterben würde, aber er ist nie gestorben. Ich begann zu denken, er würde einfach immer nur dicker und dicker und am Leben bleiben, als ob das ganze Gewicht ihn vor dem Tod schützen würde. Jetzt, wo er tot ist, möchte ich wieder mit meinem Vater reden. Einmal habe ich seine alte Telefonnummer gewählt, nur um zu sehen, ob er wirklich tot ist. Irgendwie hielt ich es für möglich, dass er abnimmt. Es kam nur eine Ansage, dass der Anschluss nicht mehr existiert.