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Popkultur

Raving `89 - Was Gavin Watson nach Skins und Punks gemacht hat

1989 hat sich Gavin Watson der Dokumentation der Skinhead-Kultur abgewandt, nur um der einzige Mensch zu werden, der in der Ecstasy-Wolke, die in diesem Jahr England umhüllte, noch in der Lage war, eine Kamera zu bedienen.

1989 hat sich Gavin Watson der Dokumentation der Skinhead-Kultur abgewandt, nur um der einzige Mensch zu werden, der in der Ecstasy-Wolke, die in diesem Jahr England umhüllte, noch in der Lage war, eine Kamera zu bedienen. Rave war zu dieser Zeit eine Revolution, auch wenn er mittlerweile mehr als totgetrampelt worden ist. Wir haben uns mit Gavin über die goldenen Momente unterhalten, als du noch die ganze Nacht auf einer Pille durchtanzen konntest und außerdem über die Fotos, die er in dieser Zeit gemacht hat und jetzt in seinem neuen Buch Raving `89 zusammengestellt hat.

Vice: Wie bist du damals in die Raveszene gekommen?
Gavin Watson: Das Skinhead-Ding wurde ein bisschen lahm. Für die meisten gab es keine wirklichen Optionen, es sei denn, du wolltest heiraten und Kinder kriegen. Wir fühlten uns einfach noch zu jung, um schon im seriösen Erwachsenenleben zu verschwinden und da kam das Raven genau zur richtigen Zeit. Alle unsere Freunde gingen zu den Raves und diejenigen die nicht da waren, sind auf dem Weg zu den Raves versumpft.

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Wie war die Atmosphäre auf den ersten Partys, bei denen du warst?
Alle Skinheads kamen zusammen, als wir zu den ersten Raves gingen. Mein Bruder Neville hat sich eine Zeitlang zurückgehalten. Er hatte früher ziemlich viel zu sagen in unserer Gang, aber zu dem Zeitpunkt war uns das egal und wir gingen einfach trotzdem hin. Wir sagten dann so was wie, „Tut uns leid, Kumpel. Wir sind dann mal weg, auf einer Party.“ Ein paar Monate lang hielt er das durch. Rave war total frisch und haute uns richtig um. Es war eine regelrechte Kraft, die durchs Land ging—wie eine Revolution.

Es fühlte sich an, als hätten alle einen riesigen Drang dazu, auf die Raves zu kommen.
Jeder, der was auf sich hielt, hatte irgendwie was damit zu tun. Es war wichtig—wir marschierten in London auf und änderten die Lizensierungs-Gesetze. Wenn es ein reines Arbeiterklassending gewesen wäre, dann hätten sie uns platt gemacht, dann hätten sie uns verdammt noch mal in Grund und Boden getrampelt. Aber das war es nicht, es waren auch Leute aus der Mittelschicht dabei und sogar ein paar Scheißadelige. Alle waren dabei und deswegen konnten sie nichts dagegen tun. Die Bullen haben es einfach nicht verstanden. Die hatten vorher noch nie mit Hunderten von Leuten zu tun, die auf irgendeinem Feld einfach ihren Spaß hatten.

Aber sie müssen schon gewusst haben, dass Drogen mit im Spiel waren, oder?
Die Leute wussten nicht viel über Ecstasy zu der Zeit. Bevor die erste große Welle kam, war es nicht mal illegal. Die Regeln wurden aber ziemlich bald geändert. Aber zu dieser Zeit war es eine Droge, die ursprünglich für Psychotherapeuten entwickelt worden war. Es war nicht so wie Heroin, wo du sehen konntest, welchen Schaden es anrichtet. Die Bullen dachten alle, dass wir auf Acid sind! Das war eine komische Zeit. Da gab es diese Typen, die sich den Arsch aufrissen, um diese Raves vom Zaun zu brechen und ich war so dankbar, dass sie das taten.

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Warst du genau so ein großer Teil von der ganzen Rave-Sache, wie du es bei den Skinheads warst?
Als Person bin ich sehr enthusiastisch, aber ich bin auch immer ein bisschen außen vor. Es war ein großartiges Ventil. Es war keine große Sache, da hinzugehen, aber es war auch nicht so, als hätte ich mir auf einmal ein Smiley-T-Shirt angezogen, ein Bandana um den Kopf gebunden und mich entschlossen „Raver zu werden.“ Es ist einfach so passiert und das andere ist von mir abgefallen. Wir hatten immer noch unsere Skinhead-Freunde, aber alles hatte sich verändert. Es war kein so großer Schritt, vom einen zum anderen überzugehen.

Und was waren die Schattenseiten?
Für uns war es einfach, weil wir uns sowieso schon am Rande der Gesellschaft befanden. Wir wurden genau genommen sogar mehr Mainstream, als wir anfingen zu raven. Von den Jungs mit denen ich zur Schule gegangen war, hatten einige schon mit 18 geheiratet und hatten Kinder. Als diese Ravesache anfing, sind die völlig durchgedreht. Sie haben ihre Häuser verloren, ihre Ehen ruiniert und ihre Leben sind den Bach runter gegangen. Diese Leute hatten einfach keine Ahnung, wann die Party zu Ende ist und die Drogen haben ihren Tribut gefordert.
Raving ’89 erscheint diesen Monat bei DJhistory.com.

Gavin Watson: Die Typen, die die Partys organisiert haben, waren breit gebaute Bodybuilder und die Typen, die die Locations aufstellten, hatten die Kohle und wussten auch damit umzugehen (obwohl sie gleichzeitig auch ziemlich zwielichtig waren). Einer von den Typen fuhr damals mit einem Bentley durch die Gegend und änderte einfach das Nummernschild zu was auch immer ihm gerade in den Sinn kam. Er war ein Gangster, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das muss damals im ganzen Land nach dem Prinzip abgelaufen sein, dass Leute, die sowieso dubiose Geschäfte am Laufen hatten, das Potenzial in dieser neuen Szene sahen und das Beste daraus machten.

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Ich ging mit diesen Jungs zur Schule. Sie waren davor total diesem Rasta-Ding verbunden, aber es war genau das gleiche, wie bei den Skins: jeder schob seine alten Zugehörigkeitsgefühle beiseite und hatte Spaß. Die Bewegung brachte deutlich zu Tage, dass die Regierung wirklich ein Problem mit Freiheit hat und jegliche Form von Ausdruck von Freiheit hasst. Es waren Leute, die auf einem Scheißfeld tanzten und nicht mal Alkohol tranken und darauf kam die Regieruung einfach nicht klar. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Ich glaube der Fakt, dass kein Alkohol im Spiel war, machte ihnen die größte Angst.

Die Pillen, die wir nahmen, kosteten uns ungefähr 20 Pfund das Stück, da gab es diesen ganzen Scheiß wie 80 Pillen pro Nacht schmeißen nicht. Du hast eine starke genommen und das hat gereicht. Es gab wenig Opfer, keine Arme, die abfaulten wie beim Heroin und dem ganzen anderen Scheiß. Die Zeitungen drehten alle durch, aber das Beste war, dass sie alle überhaupt keine Ahnung hatten. Sie waren so verzweifelt auf der Suche nach Fakten, dass sie sogar darüber berichteten, wenn jemand Ecstasy-Verpackungen fand. Ich muss wohl extra nicht sagen, dass bei den „Acid House“ Raves auch niemand Acid nahm.

Die meisten Bullen fanden, dass diese Partys ein Geschenk des Himmels waren. Sie befreiten die Innenstädte vom Ärger und es passierte ziemlich oft, dass sie uns sagten, wo genau die Raves stattfanden, damit wir schön brav weiterfuhren und nicht mit unseren Autos die Straßen in ihren Dörfern verstopften oder fertige Leute zurückließen. Aber nach einer Weile änderte sich die Gesetzeslage und sie durften das Equipment und so konfiszieren. Trotz allem wurden alle Partys, die in den frühen Tagen aufgelöst wurden, ohne Gewalt beendet. Die Polizei war uns in dem Anfangszeiten noch ziemlich milde gestimmt.

FOTOS: GAVIN WATSON

INTERVIEW: BRUNO BAYLEY