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Der rasante Niedergang von Cash Money Records

Seit er 13 ist, ist Lil Wayne unter den Fittichen von Birdman und Co. Jetzt verklagt er YMCMB auf 51 Millionen US-Dollar. Was ist passiert?
Ryan Bassil
London, GB
02 Februar 2015, 5:40pm

Lil Waynes Shit—und davon hat er bekanntermaßen ordentlich, wie er in seinen 104 Songs zu berichten wusste—ist gerade so richtig am Dampfen. Laut TMZ hat er sein Label, Cash Money Records, auf 51 Millionen US-Dollar verklagt. Er will raus und das mit einem ordentlichen Batzen Kohle.

Streitereien zwischen Künstlern und Plattenfirmen sind nichts Unübliches, aber die Trennung zwischen Lil Wayne und Cash Money ist durchaus eine Trennung mit epischen Ausmaßen. Es begann alles letzten Dezember, nachdem Wayne bei Twitter geschrieben hatte, dass er sich von seinem Label wie ein „Gefangener“ behandelt fühlt, weil der Releasetermin seines neuen Albums immer weiter nach hinten verschoben wird. Seit er 13 Jahre alt ist, ist Wayne bei Cash Money unter Vertrag, hat dort mit Tha Carter eine der großartigsten Albenserie der 2000er veröffentlicht und Drake und Nicki Minaj mit an Bord geholt. Er ist der Schlüssel zu YMCMBs Erfolg—ja, es gibt sogar ein Foto, auf dem er und Labelchef Birdman sich küssen, wie das nur Männer in einer hochemotionalen Beziehung zueinander können.

Die Bestimmtheit, mit der sich Lil Wayne von seinem Label trennen will, ist an sich schon schockierend, wenn man dann aber noch bedenkt, dass er seinen alten Arbeitgeber auf eine derart gigantische Summe verklagt, wird man das Gefühl nicht los, dass der hier doch wirklich einiges im Argen liegt—etwas, das noch tiefer geht, als die persönlichen Verwerfungen zwischen zwei erwachsenen Männern mit den Namen „Weezy“ und „Baby“. Letztendlich geht es hier um nichts anderes, als den stetigen Abstieg des größten Labels für modernen HipHop.

In den letzten Jahren nahm die Plattenfirma die nicht mehr ganz so neuen Nu-Metaller Limp Bizkit und Milchbubi Austin Mahone unter Vertrag, aber zum Sündenfall gehört noch mehr als nur eine furchtbare Künstlerwahl: Es geht vor allem darum, wie Cash Money seine Künstler behandelt.

Schauen wir uns das doch mal genauer an:

Bei YMCMB geht nicht alles mit rechten Dingen zu.

Sei es jetzt „Selling kilos through an iPod Nano“ oder die Zusammenarbeit mit Pornhub: Rapper machen täglich irgendwelche millionenschweren Geschäfte und Young Money bildet da keine Ausnahme. Drake fungiert als Aushängeschild für Nike Air Jordan, Nicki Minaj hat Werbung für Pepsi gemacht und irgendwo da draußen wird es garantiert auch noch einen lukrativen Kiffer-Deal für Lil Wayne geben. Abgesehen von dem ganzen Sponsorengedöns, bleiben die genauen Vertragsdetails meistens im Unklaren.

Wayne residiert in einem Palast in Miami Beach—inklusive eigenem Skatepark. Man kann also durchaus sagen, dass er finanziell ganz gut aufgestellt ist. Wendy Day wiederum—die Frau, die Cash Moneys 30 Millionen US-Dollar schweren Deal mit Universal ausgehandelt hatte, der es den Labelkünstlern erlaubte, 83 Prozent ihrer Tantiemen zu behalten—hat das Gefühl, dass bei dem Label nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Letzten November sagte sie in einem Interview mit Nah Right:

„Juvenile wurde nicht vernünftig bezahlt, BG wurde nicht vernünftig bezahlt, Mannie Fresh wurde nicht vernünftig bezahlt. Nicht, dass mich das total verwundert hätte. Mich haben sie auch nicht vernünftig bezahlt, also war ich nicht gerade schockiert, dass sie sich so verhalten haben ...“

„Mit der Zeit merkte ich, dass [Birdman] niemanden bezahlt. Er bezahlte die T-Shirt-Hersteller nicht, er bezahlte Fruit of Islam nicht für ihre Sicherheitsdienste, er bezahlte die Security nicht für ihre Arbeit, er bezahlte seine Angestellten nicht, er bezahlte die Miete für sein Büro nicht. Sie bezahlten einfach niemanden dort.“

Wendys Aussage, dass sie nie vernünftig bezahlt wurde, ist schon ein bisschen suspekt. Es ist durchaus möglich, dass es sich hier um eine missmutige Ex-Angestellte handelt, die ihrem alten Chef noch einen reindrücken will. Nichtsdestotrotz kam 2012 im Rechtsstreit zwischen Drake und dem Label zu Tage, dass der Künstler nie Tantiemen für seine Alben bekommen hatte, obwohl die Plattenfirma über 5 Millionen Einheiten verkauft hatte.

Die interne Kommunikation ist furchtbar.

Im Business ist Kommunikation immer eine schwierige Angelegenheit. Man hat verschiedene Büros an verschiedenen Orten auf der Welt mit verschiedenen Zeitzonen und ein paar Informationen bleiben immer irgendwo auf der Strecke. Es ist normal, dass der gemeine Fußsoldat in der Label-Hierarchie nicht immer auf dem neuesten Stand ist, aber von den großen Fischen würde man schon erwarten, dass sie ständig miteinander in Kontakt stehen.

Wendy sagte in ihrem Interview aber außerdem, dass sie Birdman und Slim—die beiden YMCMB-Bosse—immer separat über alles informieren musste. Das könnte natürlich auch einfach damit zu tun haben, dass beide ständig unterwegs sind und in unterschiedlichen Städten ihr eigenes Ding machen. Wayne gab selber aber letztes Jahr zu Protokoll, dass er nicht wirklich weiß, was mit seinen eigenen Veröffentlichungen geplant ist.

Als ihn MTV News im Juli 2014 zum Veröffentlichungstermin von Tha Carter V befragte, antwortete dieser ziemlich planlos: „Ich bin in sowas nicht so gut. Ich glaube, es kommt entweder im September raus und dann haben wir ... Ah, ich darf dir nichts von dieser Sneak-Geschichte sagen. Egal. Ja, ich glaube, es kommt entweder September oder August raus.“ Die Formulierungen, „ich glaube“, und, „in so was nicht so gut“, hinterlassen hier schon einen faden Beigeschmack—vor allem, wenn sie von dem verdammten Superstar des Labels kommen und dieser keinen Plan hat, was mit seiner Arbeit passiert.

Auf erschreckend vielen Veröffentlichungen sind erschreckend wenig YMCMB-Künstler vertreten

Nothing Was The Same war das erste Drake-Album, auf dem kein einziger YMCMB-Künstler dabei war. Das deutet darauf hin, dass die internen Verwerfungen schon lange vor der Aufschiebung von Tha Carter V vorhanden waren. „Not even talking to Nicki, communication is breaking”, hieß es schon im Intro. Damals dachte man noch, dass Drizzy einfach nur angepisst ist, weil Nicki seine Whatsapp-Nachrichten ignoriert. Rückblickend könnte dies aber auch eine erste Anspielung auf die internen Quereleien in der Young Money-Familie gewesen sein—noch viel mehr, wenn man die Line davor, „paperwork taking too long, maybe they don’t understand me“, dazu nimmt.

Es gibt natürlich auch noch The Pinkprint von Nicki Manaj. Darauf sind ein ganze Reihe YMCMB-Künstler vertreten—Drake, Lil Wayne, Meek Mill—schon klar. Allerdings gehören sie alle zu Waynes engstem Kreis. Meek Mill hat sich in der Angelegenheit Wayne vs Birdman immer auf Waynes Seite gestellt und sollte Lil Wayne wirklich YMCMB verlassen, wird er wahrscheinlich auch Nicki Minaj und Drake mitnehmen. Seit „BedRock“—der Hitsingle mit Gudda Gudda, Tyga und Jae Millz zusammen mit Wayne und Nicki—hat sich eben einiges geändert.

Birdman hat seinen Fokus auf Rich Gang gelegt.

Rich Gang, Birdmans Rapkombo mit Young Thug und Rich Homie Quan, sind ein unerreichter Quell unglaublich nerviger und zugleich großartiger Hooks. „Lifestyle“ ist war Song des Sommers und muss einfach überall viel öfter auf Repeat gespielt werden. Die fantastischen Melodien von „Tell’ Em“ sind wiederum HipHops Antwort auf die psychedelischeren Songs der Beach Boys—ich meine das ernst!

Während Lil Waynes Album in YMCMBs Regalen Staub ansammelt, haben Rich Gang ein Mixtape veröffentlicht und ein weiteres angekündigt. Aus rein geschäftlicher Perspektive heraus betrachtet, ergibt das durchaus auch Sinn: Allein auf YouTube wurde „Lifestyle“ über 85 Millionen mal angeschaut. Die fünf Videos, die Lil Wayne 2014 veröffentlicht hat, haben zusammen nur in etwa 19 Millionen Views geschafft. Um ordentlich Kohle zu machen, will Birdman will jetzt natürlich ein Album mit einer heißen Single rausbringen. Wenn Lil Wayne es wiederum nicht schafft, irgendetwas von Belang zu produzieren, dann konzentriert sich sein Labelboss eben auf Acts, die das hinbekommen.

Was jetzt?

Young Money Cash Money haben vielleicht eine ganze Menge Platten verkauft; vielleicht haben sie Lil Wayne dabei geholfen, dahin zu kommen, wo er heute steht; und vielleicht hat er ihnen dabei geholfen, als größtes Label aus der Ära des polyphonen Klingelton-HipHops hervorzugehen. Macht das alles nun einen derartig ruppigen Bruch auch unbedingt zu einer schlechten Sache? Es scheint einfach, als wäre die Zeit für beide Parteien reif, um eigene Wege zu gehen.

Tha Carter V muss endlich rauskommen! Vielleicht ist es Lil Wanyes schlechteste Arbeit überhaupt—vielleicht ist es auch seine beste. Ganz egal. Wie schon bei jedem Carter zuvor wird auch dies ein monumentaler Event werden, bei dem es sich lohnt, dabei zu sein. Die Klage wirkt dabei nur wie Öl auf das eh schon lodernde Feuer.

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