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Leute, die keine Musik mögen, sind nicht innerlich tot, sie haben vielleicht nur eine Störung

Jetzt gibt es endlich eine wissenschaftliche Erklärung für diese emotionslosen Hater.

von Dan Wilkinson
12 Dezember 2014, 10:30am

Musik nicht zu mögen, ist eine Einstellung, die nur schwer vertretbar ist. Ich meine, wer findet sich nicht gelegentlich dabei wieder, wie er widerwillig nickt, wenn sich zwei Typen in der Kneipe angeregt darüber unterhalten, dass die Royal Blood-Platte das erste Album seit fünf Jahren ist, das sie gekauft haben. Denn wenn du das nicht magst, muss irgendwas verkehrt mit dir sein, richtig? Für die meisten von uns beruht die Entscheidung, bestimmte Musik nicht zu mögen, auf Geschmack, Komposition, die eigene Einordnung und darauf, ob die Leute, die sie machen, wie ein Haufen Spinner aussehen oder nicht. Für manche Leute hingegen ist Musik mit viel weniger Gedanken und Empfindungen verbunden und es gibt da draußen seltene Fälle von Leuten, denen es praktisch unmöglich ist, überhaupt Musik zu mögen. Diese Leute leiden unter musikalischer Anhedonie.

Anhedonie ist der medizinische Begriff für Leute, die unfähig sind, Freude durch etwas zu gewinnen, das den meisten anderen Leuten Freude bereitet. Es war sogar der Arbeitstitel für den Woody Allen-Film Annie Hall und wenn du ihn gesehen hast, weißt du warum. Vor Kurzem hat ein Experiment an der Universität Barcelona Fälle von musikspezifischer Anhedonie untersucht und herausgefunden, dass 2% der Testpopulation keinen Genuss aus Musik beziehen konnten.

Die Studie hat zuerst Individuen ausgemacht, die in ihrer Freizeit keine Musik hören und sie dann mit verschiedenen Musikstücken getestet. Eins der Stücke war John Williams gefühliger Soundtrack zu Schindlers Liste, das andere Schwanensee von Tschaikowski. Die Betroffenen haben während des Hörens der Musik keine Veränderungen gezeigt, sie waren jedoch in der Lage, herauszufinden, was sie fühlen sollten. Dies unterscheidet Hörer mit Anhedonie von Leuten mit Amusie, bei der eine Person Musik überhaupt nicht verarbeiten und ein Stück nicht von einem anderen unterscheiden kann.

In einem Versuch, diese emotionslosen Hater zu verstehen, habe ich mit einem der Professoren der Studie, Dr. Robert Zatorre—einem Neurowissenschaftler des Montreal Neurological Institute an der McGill University, über die Auswirkungen, Musik nicht zu mögen, gesprochen.

Noisey: Was hat den Bereich Musik und ihren Einfluss auf das Gehirn für die Forschung interessant gemacht?
Dr. Robert Zatorre: Na ja, Musik ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die sich in allen Gesellschaften finden lässt und auf die Anfänge unserer Spezies zurückgeht, also ist es wichtig, zu verstehen, wie sie funktioniert. Außerdem bietet sie Einblicke in die Gehirnfunktion, da Musik im Prinzip alle komplexen menschlichen kognitiven Fähigkeiten einbindet.

Welchen Einfluss kann sie auf das Gehirn haben?
Sie kann sich auf jedes der folgenden Systeme auswirken: Wahrnehmung, Beachtung, Erinnerung, Emotion usw.

Was ist charakteristisch für jemanden, der unter musikalischer Anhedonie leidet?
Sie sind in allen anderen Belangen ganz normal; sie können einfach nur keinen Genuss am Musikhören finden. Wir haben verifiziert, dass sie die normale Fähigkeit haben, Musik und andere Klänge wahrzunehmen und wir haben verifiziert, dass sie nicht unter genereller Anhedonie leiden oder depressiv sind. Wir haben sichergestellt, dass sie Lust an anderen Dingen wie Essen, Sex, sozialen Kontakten, Sport oder Geld empfinden; wir haben sogar getestet, ob sie in der Lage waren, Emotionen in einem musikalischen Stück zu verstehen, so wie Traurigkeit, Freude oder Spannung (das konnten sie). Es gibt also eine mangelnde Verbindung zwischen ihrem Wahrnehmungssinn, der intakt ist, und ihrem Sinn für Genuss, der ebenfalls intakt ist, der aber nicht mit dem anderen kommuniziert.

Was ist Ihre Definition von Anhedonie?
Es gibt Standarddefinitionen von Psychiatern, mit angemessenen Maßstäben. Im Prinzip ist es die Unfähigkeit, Freude an etwas zu empfinden, das normalerweise Freude bereitet. Es wird oft mit Depressionen assoziiert. Aber wie ich schon sagte, unsere musikalisch anhedonischen Leute haben keine Anzeichen davon gezeigt.

Wie sah das Experiment aus?
Zuerst haben wir eine Skala für musikalischen Genuss entwickelt und diese ungefähr 900 Leuten gegeben, um die Leute zu finden, die einen sehr niedrigen Wert aufweisen (ungefähr 5% der Grundgesamtheit). Dann haben wir diese 5% getestet—zusammen mit einer Kontrollgruppe, die normal abgeschnitten hat—indem wir sie gebeten haben, sich alleine Musikstücke anzuhören, die wir als sehr angenehm ausgewählt haben. Die musikalischen Anhedonisten haben auf einer Bewertungsskala natürlich angegeben, dass sie keinen Genuss empfinden. Noch wichtiger war, dass wir auch ihre Physiologie (Herzfrequenz und Hautleitwert) gemessen haben, die sehr wenig Reaktion gezeigt hat, während die Kontrollgruppe mit großen physiologischen Veränderungen reagiert hat.

Wie haben Sie sichergestellt, dass sie nur mit Musik nichts anfangen können?
Na ja, um zu sehen, ob ihr Belohnungssystem normal funktioniert, haben wir sie mit einer gängigen Spielaufgabe getestet, die die meisten Leute sehr belohnend finden (da es unerwartet Geld zu gewinnen gibt). Unseren musikalischen Anhedonisten hat das genauso gut gefallen wie allen anderen und außerdem normale Ausschläge bei Herzfrequenz und Hautleitwert gezeigt, wenn sie viel gewonnen haben. Dadurch wussten wir, dass ihr Belohnungssystem normal funktioniert.

Warum denken Sie, dass wir Musik als soziales Instrument so wichtig finden?
Das geht auf unser Gehirn zurück. Es ist natürlich, weil wir die Gehirnfunktionen haben, um Musik als Kommunikationswerkzeug zu verstehen, mit dem wir Gefühle vermitteln und ausdrücken und Emotionen regulieren (sowohl die eigenen als auch die anderer Leute). Außerdem werden die rhythmischen Eigenschaften von Musik häufig als grundlegende soziale Funktion angesehen, da die Leute sich oft synchron zur Musik bewegen, zum Beispiel beim Tanzen.

Wie würde jemand mit musikalischer Anhedonie auf ein Musikstück reagieren, das Sie oder mich dazu bringen würde, mit den Füßen zu wippen?
Das testen wir gerade. Es sieht so aus, als würden sie normale Aktivität in den auditiven Bereichen zeigen—wie vermutet—aber keine Reaktion im Striatum, was die Region im Gehirn ist, die für Genuss und Belohnung zuständig ist.

Fühlen sich Anhedonisten von anderen Leuten dafür ausgegrenzt, dass sie mit Musik nichts anfangen können?
Viele der musikalischen Anhedonisten haben uns gesagt, dass sie nicht herumerzählen, dass Musik sie kalt lässt, weil sie nicht wollen, dass andere Leute denken, sie wären komisch. Da Musik auch oft als soziales Element genutzt wird (auf Partys oder so), haben sie gesagt, dass sie nicht wollen, dass andere Leute sie für antisozial halten. Nachdem der Bericht erschien, haben uns diverse Leute geschrieben, um zu sagen: „Danke, dass ihr erkannt habt, dass wir so sind, wie wir sind und nichts falsch an uns ist.“

Danke, Doktor Zatorre!

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