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Ich war auf der Präsentation des neuen Strache-Raps in der Bettelalm

Ich war gestern in der Bettelalm. Und Strache hat mir beinah ein bisschen leid getan.
25.9.15

Auch Menschen, die in der britischen Literatur des 19. Jahrhunderts nicht so bewandert sind, können im Normalfall die Grundzüge von Das Bildnis des Dorian Gray nacherzählen. In Oscar Wildes einzigem Roman bleibt ein Londoner Dandy für immer jung und moralisch unbefleckt, weil auf seinem Dachboden ein Porträt für ihn altert und seine Sünden aufsaugt.

Es ist Donnerstagabend, knapp zwei Wochen vor der Wien-Wahl, und ich drücke mich in der Bettelalm hinten an der Bar herum. Normalerweise finden hier Partys statt, die Namen wie „Hüttengaudi“ oder „Hüttenparty“ tragen, wo Menschen glauben, es sei adäquat, im ersten Wiener Gemeindebezirk Aprés-Ski zu feiern. Das Lokal ist aber auch traditionell der Ort, an dem die FPÖ ihre Wahlkampf-Songs vorstellt. Darum bin ich hier. Es wäre einfach, daraus jetzt eine Investigativ-Geschichte zu drehen. Es wäre aber auch falsch. Man sieht mir—obwohl ich meine Kappe auf Anweisung eines ausgesprochen freundlichen Türstehers ausziehen musste—mit ziemlicher Sicherheit auf 20 Meter gegen den Wind an, dass ich nicht dazugehöre. Journalisten sind allerdings ausdrücklich eingeladen. Also besteht der einzige Stress darin, darüber nachzudenken, ob ich mir nicht eventuell doch die Haare hätte waschen sollen.

Es ist klassisches FPÖ-Kaderpublikum, das sich in der Bettelalm versammelt hat. Die Modernisierungsverlierer vom Viktor-Adler-Markt sind hier ein gutes Stück weit weg. Eher ordentlich gekleidete und frisierte Jus-/BWL-Studenten und ältere Männer mit Glatze, die so ausschauen, als würden sie ihr mittelständisches Unternehmen eher ruppig führen. Es sind einige Männergruppen dort, während die überwiegend blonden Frauen alle eher so wirken, als wären sie „die Begleitung“ von jemandem.

Seit 2005 nimmt der FPÖ-Bundesobmann vor jeder Wahl, bei der er prominent platziert ist, im Vorfeld einen „Strache-Rap“ auf. Das sind eher holprige Sprechgesänge, bei denen meistens das politische System nicht so gut wegkommt, Österreich aber schon. Heuer hat Strache etwas Neues gewagt und „rappt“ eigentlich nicht mehr selbst, sondern überlässt das MC Blue—einem hyperaktiven, jungen Spaßmacher mit Kappe und Sonnenbrille, der in einer gerechten Welt entweder hinter dem DJ-Pult einer Karaoke-Bar oder vor der Kamera bei VIVA arbeiten würde.

Es ist mittlerweile knapp 22:00 Uhr, aus den Boxen dröhnt „Bomba“, als Unruhe aufkommt. Strache und seine Entourage bahnen sich ihren Weg durch über die Tanzfläche zum DJ-Pult. Die gesamte Prominenz ist dort: Kickl, Gudenus, Steger. Sie werden begleitet von bulligen Leibwächtern und attraktiven, jungen Mädchen, die FPÖ-Goodies verteilen. Strache trägt Lederjacke, lacht jovial und begrüßt jeden per Handschlag, der nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Wenn man Strache nur von Wahlplakaten und aus Sommergesprächen kennt, ist man verwundert, wie alt er eigentlich in Wirklichkeit ausschaut. Das liest sich viel fieser, als es gemeint ist. Strache ist Mitte 40 und (wahl)kämpft seit mittlerweile 10 Jahren gegen die vermeintlichen Ungerechtigkeiten dieser Welt. Immer im Ausnahmezustand, immer persönlich irgendwelche „Wellen“, „Tsunamis“ oder „Invasionen“ zurückhaltend. Das sieht man ihm mittlerweile halt auch an. Das ist überhaupt nicht schlimm, aber der Kontrast vom strahlenden Ritter ohne Furcht und Satzbau, den man von den Plakaten kennt, und dem real existierenden FPÖ-Chef mit den verquollenen Augen im Endspurt des Wahlkampfs ist dann dort beträchtlich.

Wie einst Jörg Haider lebt auch Strache zu einem nicht unbeträchtlichen Teil von seinem jugendlichen Image, das ihn im Linzer A1 wie auch bei Schwiegermüttern gut ankommen lässt. Aber der Wahlkampf der FPÖ verengt sich auch stets ziemlich darauf. Was macht das mit einem Menschen, de facto nicht wirklich altern zu dürfen? Nicht sagen zu können, wie lächerlich die Vorstellung ist, ab einem bestimmten Alter noch auf Wahlkampf-Veranstaltungen in Diskotheken den Anschein erwecken zu müssen, man sei ein Teil des Publikums? Strache spielt den Strahlemann auf Bundesebene jetzt seit 2004. Damals war er 35 Jahre alt, mittlerweile ist er 46.

Er schlägt an dem Abend in der Bettelalm mit Menschen ein, die in dem Jahr geboren wurden, in dem er Bezirksrat wurde. Nicht falsch verstehen: Natürlich versucht auch jemand wie Michael Häupl, junge Menschen anzusprechen. Aber er tut es wenigstens als das, was er ist: ein 66-jähriger Berufspolitiker und Bürgermeister von Wien. Nicht wie dein cooler Politiker-Kumpel, den du auch mal in der Passage fragen könntest, ob er dein Wingman sein will.

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In der Bettelalm hat sich Strache mittlerweile gemeinsam mit MC Blue zum DJ-Pult durchgekämpft. Er nimmt das Mikro in die Hand und erzählt, wie wichtig es sei, sich nicht zu ernst zu nehmen und mit solchen Aktionen auch die jungen Wähler anzusprechen. Er treffe auf seinen Wahlveranstaltungen schon Siebenjährige, die seine Raps auswendig kennen würden. Die Freiheit der Kunst wolle man nicht den politischen Mitbewerbern überlassen, und er freue sich darüber hinaus auch schon wieder darauf, dasss sich diese über den Rap das Maul zerreißen werden.

Das beschreibt halt auch ganz gut das Dilemma, in dem man auch steckt, wenn man kein „politischer Mitbewerber“ ist. Die FPÖ hat sich mittlerweile ein eigenes Haus mit starken Kanälen zusammengezimmert. Man braucht die klassischen Medien eigentlich kaum mehr, Kleinvieh wie uns sowieso nicht, und Attacken lassen die Reihen nur noch mehr zusammenrücken. Grundsätzlich kann niemand so richtig sagen, wie stabil dieses Haus ist. Aber momentan pusten alle von allen Seiten dagegen, in der Hoffnung, dass es vielleicht doch aus Karten gebaut sei. Scheint aber gerade nicht so zu sein.

Der DJ legt jetzt „Good Men(sch)“, den neuen Rap, auf. MC Blue hampelt ein bisschen auf der Bühne herum, ein paar Leute bewegen sich, aber so richtig will der Funke nicht überspringen. Die Menschen machen lieber Selfies mit Gudenus. Strache lacht ausgiebig. Der DJ schmalzt sich sofort im Anschluss durch „I Am From Austria“, wozu ein paar Mutige und/oder Dumme ihre Feuerzeuge herausholen. Strache wünscht den anwesenden Kadern noch einen schönen Abend („Feierts schön!“) und verlässt schnurstracks den Raum. Dadurch verpasst er, wie sich die Tanzfläche bei „Atemlos“ schlagartig füllt. Der DJ ersetzt per Mikro das „Wo-ho!“ tatsächlich einige Male durch „H-C“, was den FPÖ-Nationalratsabgeordneten gefällt, die noch auf der Tanzfläche mitwippen.

Es ist mittlerweile knapp 1:30 Uhr. Ich liege auf der Couch und habe mir Straches Video mehrfach hintereinander angesehen. Es ist genauso lächerlich wie die davor, aber eigentlich—bis auf den Teil, wo Strache in einen Dialog mit dem Opa aus dem „Texas Chainsaw Massacre“-Remake tritt—wenig spektakulär. Es werden sich in den nächsten Tagen unzählige Menschen darüber aufregen. Das kann Strache zwar völlig egal sein, passiert aber völlig zu Recht.

Es gibt Gründe, warum sich einem bei Straches Raps der Magen deutlich mehr umdreht als bei anderen peinlichen Wahlssongs. Es gibt eben noch mal einen entscheidenden Unterschied zwischen Dingen wie zwischen „Mein Herz schlägt Linz“ beziehungsweise der Blauen Lady und dem, was Strache macht. Anders als Pop oder Schlager war Rap immer politisch, schon lange Zeit, bevor er durch Bands wie NWA oder Public Enemy explizit politische Aussagen machte.

Rap—oder genauer gesagt HipHop—wurde von marginalisierten Menschen an marginalisierten Orten erschaffen. Es ging dabei explizit immer auch um Selbstermächtigung, um Schaffung einer Gegenkultur. Ja, natürlich reden wir hier nicht über die Bronx der 70er-Jahre, sondern über eine globalisierte (Netz-)Welt im Jahr 2015, wo Dinge oft nur noch als Zitat des Zitats des Zitats existieren können. Aber trotzdem schwingt in einem Rap einer zumindest rechtspopulistischen Partei noch mal eine gehörige Portion Ungeheuerlichkeit mit. Eine Ausdrucksform von Marginalisierten wird hier zum Aufschrei der vermeintlich Marginalisierten. Eine Klage derer, die eigentlich eh genug vom Leben haben, aber Angst haben, genau das zu verlieren, weil Leute, die vom Leben wenig bis nichts haben, es ihnen nehmen könnten. Ein Vehikel, um sich nach oben zu arbeiten, wird zum Instrument, um nach unten zu treten. Das ist auf so vielen Ebenen falsch.

Während ich mir Strache gerade anschaue, wie er für ein Facebook-Video einen grinsenden Hampelmann high-fiven muss, der sein Sohn sein könnte, merke ich, dass das zumindest meine persönliche Hölle wäre. Die Vorstellung, mit Mitte 40 noch mit 20-jährigen in Clubs bemühte Gespräche „auf Augenhöhe“ führen zu müssen, hat letztlich doch einiges von Bill Murray in Groundhog Day. Ich kann nicht sagen, wie es Strache damit geht. Vielleicht ist er eh glücklich. Und selbst wenn nicht—er ist für zu viele Widerlichkeiten verantwortlich, als dass er mir leid tun könnte. Aber insgeheim wünsche ich dem Menschen Heinz-Christian Strache gerade ein bisschen, dass er auf seinem Dachboden ein Bildnis stehen hat, das älter werden darf.

Du erkennst Jonas auch auf Twitter auf 20 Meter gegen den Wind: @L4ndvogt

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