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Wir waren auf Europas „extremstem“ Festival, um herauszufinden, was „extrem“ bedeutet

„Das hier war anscheinend die größte Zusammenkunft von Männern, die gerne ungefragt ihre Schwänze rausholen.“

von Alan Smithee
12 Juli 2016, 2:25pm

Während sich Männer in Fußballtrikots andernorts gegenseitig im Namen des Sports mit Plastikstühlen bewarfen, fand während der EM 2016 in Frankreich auch noch ein anderes „extremes“ Großereignis statt. Irgendwo in einem pittoresken Städtchen, unweit von Nantes, geht alljährlich das Hellfest über die Bühne. Ein Metal- und Punkfestival, das die Dichte an schwarzen T-Shirts und Cargo-Hosen in dem Landstrich vorübergehend stark in die Höhe schießen lässt.

Die Veranstaltung genießt europaweites Ansehen und konnte bei ihrer diesjährigen Ausgabe mit den allerletzten Auftritten von Black Sabbath und Twisted Sister in Frankreich aufwarten. Daneben gab es aber noch 150 weitere Metal- und Punkbands, die jedes noch so ausgefallene Subgenre von Pagan, über Sludge, Doom bis hin zu Crust bedienten. Laut Eigenbeschreibung ist Hellfest „eins der führenden europäischen Festivals für extreme Musik.“

Das Wort „extrem“ wollte mir wirklich nicht aus dem Kopf gehen. Einerseits wird der Begriff von verpickelten Teenagern verwendet, um relativ sichere Formen der Adrenalinförderung zu beschreiben, wie z.B. mit dem Skateboard einen Bürgersteig runterfahren oder Mentos in eine Colaflsche kippen. Auf der andern Seite ist „extrem“ ein starkes Adjektiv, das die Zerstörungskraft von Stürmen oder abnormale Verletzungen beschreibt (z.B. wenn sich deine Kniescheibe durch die Haut gebohrt hat und dann labbrig raushängt). Auch Steve-Os Ich-tackere-meinen-Hoden-an-einen-Tisch-Aktion bekannt aus Steve-O: Don’t Try This At Home kannst du meinetwegen als extrem bezeichnen.

Ich war mir dementsprechend nicht ganz sicher, wo genau das Hellfest in diesem Venn-Diagramm aus harmlosen Freizeitbeschäftigungen und potentiellen Notaufnahmeanwärtern stehen würde. Erst einmal: Was ist ein „extremes“ Musikfestival? Ein Haufen bekloppt aussehender Typen, die sich gegenseitig Bier über den Kopf schütten? Jemand, der mit seinen Fingern eine Pommesgabel formt, um einen fiktionalen Teufel zu grüßen? Ein bisschen Rumgeschubse und Geschiebe? Schimpfworte? Oder würde mir vielleicht doch jemand die Eier abreißen und einen rostigen Nagel in den Arsch schieben? Um eine Antwort auf all diese wichtigen Fragen zu finden, bin ich nach Frankreich gereist, um die extremsten Momente auf Europas extremstem Musikfestival mitzuerleben.

Als ich dort ankomme, fühlt sich alles ein bisschen zahm an. Direkt nebenan befindet sich ein Weingut—ein geradezu friedlicher und beruhigender Ausblick. Das Wetter ist ausgesprochen angenehm und auf spontane Selbstentzündungen wird man hier wohl lange warten. Noch nicht mal ein feuchtwarmer Hundehaufen ist irgendwo zu sehen. Von Extremen keine Spur, abgesehen vielleicht von dem extrem peinlichen Union-Jack-Zelt mit der extrem bescheuerten Piratenflagge.

Nachdem ich mein Zelt an einem recht idyllischen Plätzchen aufgebaut habe, entscheide ich mich dazu, das Gelände zu erkunden. Auf dem Hellfest gibt es wirklich alles zu kaufen: Nippelklemmen, Stoßzähne geschlachteter Mammuts (beworben als „Viking Drinking Kit“) und schwere Arbeitsstiefel. Das übliche Metallerzeug reicht mir aber nicht aus. Ich will wirklich gefährliches Merchandise—etwas, das anschaulich zeigt, wie extrem das Hellfest eigentlich ist. Also greife ich in die „Surprise T-Shirt“-Box. Und was bekomme ich? Ein weißes T-Shirt mit einem Spruch, der von dem Gefälligstem aller Rapper in der Welt verbreitet wurde. Selbst hier gibt es vor Drake offensichtlich kein Entkommen.

Schließlich komme ich am ‚Extreme Market’ vorbei—im Grunde nichts anderes als zwei Markthallten voll mit Merchandise. Hätte ich die Taschen voller Geld, würde ich mir ein Effektpedal, eine fetzig aussehende Gitarre, ein Tool-Patch mit Schraubenziehern in Form eines Penis drauf, ein paar Ziegenhornprothesen, eigens für Metaller entworfene Chilisaucen und ein paar seltene Schallplatten kaufen. In meinen Taschen herrscht aber gähnende Leere, also kaufe ich mir ein Overkill-T-Shirt, auf dessen Rücken sieben Mal „Fuck You“ steht. Das ist schon ziemlich extrem, oder? Schimpfwörter sind cool, oder? Fick dich, Mom!

Bevor es aber zu den Bühnen geht, statte ich dem Supermarkt nebenan noch einen Besuch ab. Dieser ist ebenfalls total auf Hellfest getrimmt. Ich muss mich unweigerlich fragen, wie es wohl aussehen würde, wenn ein britischer Supermarkt so was für das Leeds Festival machen würde. Also ernsthaft, britische Supermärkte kommen nicht mal mit dem Ansturm unbeaufsichtigter Menschen an ihren SB-Kassen klar. Wie sollen sie es dann schaffen, so etwas wie dieses komische, kuchenähnliche Ding hier zu produzieren?

Sobald man auf dem Gelände ist, wird einem klar, dass die Hellfest-Macher großen Wert auf die Deko gelegt haben. Schau dir diesen Scheiß nur mal an: Als hätten Iron Maiden Disneyland gekapert und alle Besucher bis auf die Väter rausgeschmissen.

Als wäre diese megalithische Kathedrale des Untergangs nicht genug, wurde sich auch bei anderen Festivalbereichen ähnliche Mühe gegeben. Nehmen wir zum Bespiel den „Hell City Square“, Hellfests Interpretation von Camden Town—mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es in ihrer Version keinen unglaublich versifften KFC, Libertines-Jacken oder einen Stand mit gefälschten Beats-Kopfhörern gibt. Aber extrem? Würde ich jetzt nicht sagen. Bei Bedarf hättest du dich hier wohl problemlos tätowieren und frisieren lassen und nebenan eine Gitarre kaufen können. Alles, was du dann allerdings nach dem Festival mit nach Hause gebracht hättest, wären tiefe Scham und unendliche Reue gewesen.

Als ich Samstagmorgen aufwache, fühle ich mich frisch und erholt. Ich habe zwar immer noch nichts gesehen, was mir Hellfests Ruf als extremstes Festival Europas bestätigt würde, aber das Wochenende ist ja noch lange nicht rum. Zuerst muss ich aber frühstücken. Und was eignet sich dafür besser als ein Metal-McDonald's? Ein Metal-McDonald's ist eigentlich genau wie jeder andere McDonald's, nur vefügt dieser über ein neues, semi-spannendes Logo, das man anstarren kann, bevor man die dekonstruierten Rinderreste runterwürgt.

Ich verpasse die Bands mit den besten Namen des ganzen Festivals: Fleshgod Apocalypse, Agoraphobic Nosebleed und Cattle Decapitation. Stattdessen sitze ich ein wenig rum, schaue mir Leute an und gucke nebenbei Fußball. Fußballgucken auf dem Hellfest, so viel sei hier festgehalten, ist auch nicht extremer als Fußballgucken im Pub. Es gibt nur mehr Denim, fragwürdige Hüte und übleren Mundgeruch. Wo bleiben nur die Extreme, die das Hellfest mir versprochen hat?


Foto vom Autor

Eine Sache, die dir auffällt, wenn du über das Festivalgelände schlenderst, ist, dass alle entweder komplett in Schwarz oder nackt rumlaufen. Als sich die Menge teilt und ich ein Wesen komplett in Weiß erblickte, bin ich entsprechend aus dem Häuschen. Wer war dieser extreme Vorreiter extremer Kleidung? Wer wagt es, Unruhe in das endlose Meer aus AC/DC-T-Shirts zu bringen? Moment mal... Jesus! Der echte Jesus? Was zur Hölle? Und dann auch noch nicht mal irgendeine extrem anrüchige Form von Jesus mit Blutflecken, Kreuz und Nägeln in der Hand? Nein, der strahlendweiße und todesgechillte Jesus. Wackeldackel-Jesus. Buddy Christ Meme Jesus. Aber wann endlich kommet das Extreme?

Ich entscheide mich dazu, zum Lemmy-Memorial zu gehen und den Mann zu ehren, der all das verkörpert hat, was rebellisch und radikal ist. Unter einer riesigen Statue von ihm mit einer Art Dreizack in der Hand befindet sich ein kleiner Schrein, den man mit einem Paar Stiefel, einer Flasche von seinem Bier und ein paar Kerzen dekoriert hatte. Besucher hatten auch noch Münzen, und Kondome in den Schrein geworfen, was schon irgendwie ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Ich frage mich kurz, ob das Wireless vielleicht eines Tages eine ähnliche Statue für Justin Bieber oder Jason Derulo errichten würde, und gehe dann weiter.

Dann taucht plötzlich dieses amorphe Konstrukt aus Lack, Kreuzen, viel nackter Haut und Kylie Jenners Lippenfüller auf und endlich nimmt die ganze Angelegenheit etwas an Fahrt auf. Endlich wird es extrem.

Es dauert nach dieser Begegnung nicht lange, bis ein Man mich fragt, ob ich seinen tätowierten und gepiercten Penis sehen will. Du kennst doch auch dieses Sprichwort, dass man immer den Veganer im Raum erkennt? Das Gleiche gilt für den Mann, der sich eine Nadel in den Schwanz gerammt hat. Du wirst den Mann, der sich eine Nadel in den Schwanz gerammt hat, nie übersehen, weil er erst wieder abziehen wird, wenn du dir seinen Schwanz anschaust, in den er sich eine Nadel gerammt hat.

Wahrscheinlich könnte ich die nächsten paar Absätze beschreiben, was sonst noch so auf dem Hellfest passiert ist—die Auftritte von Bring Me the Horizon und Napalm Death, den Film Gutterdämmerung oder diese eine Band, deren Alleinstellungsmerkmal ein Leadsänger ist, der einen dämonischen Anti-Papst mit einer ereignisreichen Hintergrundgeschichte darstellt—aber was würde das bringen? Hier war ich endlich an dem Punkt angekommen, an dem mir das Festival seine Extreme offenbarte.

Schau dir zum Beweis die folgenden Fotos an:

Ja, so sieht’s aus. Neben glorreichen Szenen extremer Hellfestigkeit gab es einen Haufen Schwänze, Pimmel, Dödel und noch mehr Schwänze. Kurze, lange, dicke, dünne und quadratische. Wie es scheint, ist das Hellfest eine einzige, große Schwanzparade—ein Festival infiltriert von einer Pimmelarmee. Große Schwänze hier, stolz aufgerichtete Prinz-Alberts dort—für jeden was dabei. Das hier war anscheinend die größte Zusammenkunft von Männern, die gerne ungefragt ihre Schwänze rausholen. Ein Treffen ganz im Zeichen des freischwingenden Gliedes.

Natürlich habe ich beim Hellfest nicht nur Schwänze gesehen. Ich wurde auch Zeuge des besten Feuerwerks überhaupt (natürlich Lemmy gewidmet), gefolgt von Aufnahmen von eines früheren Motörhead-Auftritts auf dem Hellfest; ich sah mit eigenen Augen, wie ein Punk Gitarre spielte, während er sich tätowieren ließ; ich sah, wie die Band Ghost einen langen Monolog über weibliche Ejakulation hielt, nur um kurz danach einen Kinderchor auf die Bühne zu holen; ich sah, wie Walls of Jericho die Warzone Stage in einen Ort der ekstatischen Hardcore-Vergötterung verwandelten; ich sah einen Mann, der aus einer Beinprothese Bier trank und mit Sägespänen um sich warf.

Aber es sind die Schwänze, die sich für die Ewigkeit in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Vielleicht ist es in dieser brutalen, unbarmherzigen und ungerechten Welt, in der wir 2016 leben—einer Welt der nicht enden wollenden Kriege, der Armut, der beschissenen Gehälter, der flächendeckenden Überwachung; einer Welt mit ISIS, Steueroasen und Naturkatastrophen—unmöglich geworden, etwas zu erschaffen, was im Vergleich zu Realität noch wirklich extrem ist. Und wenn niemand mehr wirklich weiß, wie man unter diesen Umständen noch extrem sein soll, greift der verwirrte Mann auf den letzten, urwüchsigen Akt des Extremen zurück: Er packt seinen Schwanz aus.

Aber gutes Festival, muss ich schon sagen. Du solltest auf jeden Fall nächstes Jahr hin.