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Was Pablo Nouvelle, Greis und Jeans for Jesus von der unbefristeten Schliessung der Reitschule halten

Wir haben uns bei neun Berner Kulturmenschen umgehört, welche Bedeutung die Reitschule für sie hatte und immer noch hat.

von Ugur Gültekin
20 Juli 2016, 1:00pm

Foto: Facebook

"Die Reitschule bleibt bis auf Weiteres geschlossen." Mit diesen Worten äusserten die Betreiber der Berner Reitschule am 9. Juli ihren Entschluss, die Tore der wichtigen Kulturinstitution inmitten der Schweizer Bundeshauptstadt zu schliessen. Das seit 1987 definitiv besetzte und autonom geführte Haus reagierte damit auf die problematische Situation auf dem Vorplatz, auf dem es immer wieder zu Problemen mit Gewalt und Drogen gekommen war. Den Entschluss begründeten die Betreiber mit folgender Erklärung:

Die Reitschule geniesst schweizweit unter vielen Kulturschaffenden und Musikern grosses Ansehen und bietet als einer der letzten nichtkommerziellen Orte Freiraum für Experimente. Ich habe neun Exponenten der Berner Musikszene um ihre Gedanken zur vorläufigen Schliessung der Reitschule gebeten.

Pablo Nouvelle, Musiker

Foto: Facebook

Je älter ich wurde, desto wichtiger wurde die Reitschule für mich. Sie ist einer der wenigen Orte, wo Kultur noch unabhängig von kommerziellen Begierden passieren kann. Eine Alternative, welche das Nachtleben Berns mindestens so dringend benötigt wie bei ihrer Gründung.

Ich kann den Entschluss der Betreiber nachvollziehen. Es ist ein Aufschrei, aber suizidgefährdet ist die Reitschule nicht. Meine Hoffnung ist, dass dies der Beginn einer Reitschule ist, die sich nicht immer wieder selbst ans Bein pinkelt und fähiger wird, einen konstruktiven Dialog mit ihren Kontrahenten zu führen. Eine definitive Schliessung der Reitschule ist für mich undenkbar. Ich bin aber zuversichtlich, dass unser "Berner Schandfleck" von der grossen Mehrheit, auch von denen, die noch nie einen Fuss in die Halle gesetzt haben, als ein Ort von gesellschaftlicher und kultureller Bedeutung wahrgenommen wird. Die Reitschule ist ein Statement dafür, dass sich in Bern nicht alles weggentrifizieren lässt, dass auch das Unangenehme, Unangepasste seinen Platz hat.

Nur ein grundlegendes Umdenken geflüchteten Menschen gegenüber kann das Problem bei der Reitschule langfristig lösen. Solange wir Leuten verweigern, zu arbeiten und sich zu integrieren (währenddem wir uns ironischerweise darüber beklagen, dass sie nicht arbeiten und unsere Sprache nicht sprechen) werden die Probleme mit den Dealern und die damit verbundene Kriminalität bestehen bleiben. Sei es auf dem Vorplatz oder anderswo.

Baldy Minder, Manager / Veranstalter / Label-Chef (Chlykass / Equipemusic)

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Ich habe Verständnis für die Betreiber und ihren Entschluss. Ich hätte es sogar verstanden, wenn sie das bereits früher gemacht hätten. Für das Verhalten einiger Gruppen auf dem Vorplatz habe ich kein Verständnis. Diese Menschen sägen an ihrem eigenen Ast. Das Manifest der Reitschule unterstütze ich zu 100 Prozent. Die Gruppen, die sich nicht an dieses Manifest halten, sabotieren quasi ihren eigenen Freiraum, was ich beim besten Willen nicht verstehen kann.

Auch ich persönlich hatte Erlebnisse auf dem Vorplatz, die ich in dieser Form nicht akzeptieren kann. Es kann nicht sein, dass ein Freiraum, der dafür geschaffen wurde, dass was Konstruktives, Kreatives entsteht, auf diese Art und Weise missbraucht wird und das Recht des Stärkeren herrscht. Die interne Security der Reitschule versucht ihr Bestes, damit der Vorplatz geschützt wird, jedoch greifen ihre Massnahmen leider nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Werte der Reitschule, die im genannten Manifest aufgelistet sind, vom Publikum noch stärker gelebt und verteidigt werden. Das würde bedingen, dass eingegriffen wird, wenn gegen diese Werte verstossen wird.

Mit Zivilcourage könnte der internen Security unter die Arme gegriffen werden und es würde das Signal ausgesendet, dass man bereit ist, die Werte der Reitschule zu verteidigen. Wenn die Reitschule definitiv geschlossen werden würde, wäre das für mich eine Katastrophe. Natürlich gebe es ganz wenige Alternativen, an denen ich meine Veranstaltungen durchführen könnte. Aber kein anderer Ort hat den Geist, den Flair oder die Infrastruktur, die die Reitschule zu bieten hat.

Pamela Méndez, Singer-Songwriterin und Kulturvermittlerin (Stube im Progr und Female Homestudio, Mitbegründerin des UNA Festivals)

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Wir stecken in Bern leider in einer Kultur der gegenseitigen Schuldzuweisung fest. Die Schliessung stellt ein Zeichen dafür dar, dass es ohne Zusammenarbeit nicht weitergehen kann. Gleichzeitig sind kulturpolitisch einige Dinge im Gang in Bern, welche die nahe Zusammenarbeit der Stadt und den MusikerInnen vorantreibt. Ich hoffe darauf, dass die Schliessung nur temporär sein wird. Vielleicht wird dieser temporäre Schlussstrich gar dafür sorgen—oder zumindest einen Denkanstoss geben—, dass die verschiedenen Interessengruppen sich dazu entschliessen, stärker zusammenzuarbeiten.

Ich wünsche mir eine gründliche gemeinsame Erarbreitung einer Lösung. Ohne die Reitschule hätte die Stadt Bern keinen Ort mehr, an dem es zu echter Durchmischung kommen würde. Das wäre nicht nur schädlich für die Musikszene, sondern ein kulturelles Desaster.

Nativ, Rapper (S.O.S. / Dawill & Nativ)

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Die Reitschule begleitet mich seit meiner Jugend und hat auch ihren Teil zu meinem politischen Interesse beigetragen. Für viele mag die Reitschule ein Schandfleck sein, ein Ort ohne Gesetze und ohne Autorität. Doch wer sich mit ihrer Geschichte auch nur ein bisschen auseinandersetzt, erkennt, dass die Reitschule eine der wichtigsten kulturellen Institutionen der Schweiz ist.

Die Reitschule ist für mich ein Symbol der Freiheit und des Widerstandes. Leider wird diese Freiheit von einigen BesucherInnen der Reitschule, aber auch von ReitschülerInnen selber, ausgenutzt. Ich finde es schade, dass es überhaupt soweit kommen musste, dass die Reitschule nun bis auf Weiteres geschlossen ist. Ich bin ja auch erst 22 Jahre alt, aber seit ich die Reitschule besuche, hat sich vieles verändert.

Ein linkes Gedankengut zu haben, scheint keine Einstellung mehr zu sein, sondern vielmehr ein trendiger Hype. Unzählige Teenies tummeln sich jedes Wochenende auf dem Vorplatz, nicht weil sie die Reitschule als kulturellen Ort schätzen, sondern weil sie sich dort volllaufen lassen können, ohne in Konflikt mit der Polizei zu geraten. Wenn dann die Bullen doch mal in die Nähe kommen, schmeissen irgendwelche postpubertäre Idioten Steine, weil sie reiche Eltern im Rücken haben, die sie eh wieder aus der Scheisse holen können.

Ich persönlich habe mich seit einiger Zeit im Umfeld der Reitschule, wegen genau dieser Menschen, ein wenig fehl am Platz und darum nicht mehr ganz so wohl gefühlt. Der Platz diente mir früher als Inspirationsquelle, als Ort, an dem Kreativköpfe aufeinander treffen. Heute ist er für mich mehr oder weniger nur noch eine Einladung, mir die Kante zu geben, von Frieden und Liebe ist nicht mehr viel übrig. Und was mich auch nervt ist das ewige Gepose: Es geht ums Sehen und Gesehen werden. Das langweilt mich.

Andreas Ryser, Musikmanager, Booker & Labelchef (Mouthwatering Recordings)

Foto: Facebook

Ich habe fast ein Jahrzehnt meines Lebens dem Dachstock in der Reitschule gewidmet und dort sehr viel Zeit verbracht. Zuerst an der Eingangskasse und an der Bar, dann als Booker in der Veranstaltungsgruppe und als DJ oder Musiker auf der Bühne. Der Dachstock bedeutet mir sehr viel: Mein Label und meine Karriere als Musiker mit meiner Band Filewile sind im Umfeld der Reitschule entstanden. Sie ist ein Ort, der seit Jahrzehnten unglaublich viel Kreativität und Kultur hervorbringt.

Ich kann mich aber auch an viele schwierige Momente erinnern: Vor allem spät in der Nacht, da waren wir die einzigen, die länger als bis 03.30 Uhr geöffnet hatten und auch geöffnet haben wollten. Somit haben wir quasi ehrenamtliche Sozialarbeit für die Stadt Bern erledigt. Wir haben wohl auch vielen Leuten einen Zufluchtsort geboten, die sonst nirgends hinkonnten. Viele Obdachlose und Drogenabhängige wurden von der Berner Stadtpolizei aus der Altstadt vertrieben und in die Reitschule verwiesen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter übernehmen Verantwortung in dieser Stadt und viele Probleme werden einfach auf sie und auf den Vorplatz abgeschoben. Das war schon immer so, und ist für einen solchen Ort extrem zermürbend und anstrengend.

Die Reitschule ist eines der wichtigsten und spannendsten Kulturzentren in Europa. Der Dachstock ist für viele, auch internationale Acts, ein höchst beliebtes Konzertlokal und hat ein schier unglaubliches Palmares an Künstlern vorzuweisen, die dort gespielt haben.

Ich bin nicht mehr aktiv in der Reitschule und es ist immer einfach, als Aussenstehender Kritik zu äussern und zu sagen, was besser gemacht werden sollte. Ich persönlich würde mir wünschen, dass die Kommunikation mit der Politik verstärkt und verbessert würde. Man sollte sich gegenseitig mehr zuhören und aufeinander zugehen, um Lösungen zu finden.

Greis, Rapper und Musiker (Chlyklass / PVP)

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Seit 2003 habe ich acht Platten im Dachstock getauft. Ohne die Reitschule gäbe es keinen Greis. Ich verstehe den Entscheid der Betreiber, da die Reitschule zwar stets in die Pflicht genommen wird, wenn es darum geht, unliebsames Publikum zu absorbieren, sie dann aber gleichzeitig immer als Sündenbock herhalten muss, wenn im Umkreis von einem Kilometer irgendwas zu Bruch geht. Wenn das unliebsame Publikum erstmal wieder auf den Dorfplätzen und Bahnhöfen der Berner Agglomeration Platz nimmt, wird diese vielleicht realisieren, welche Arbeit ihnen die Reitschule bisher abgenommen hat.

Bei einer Schliessung der Reitschule würde ich auf keinen Fall mehr in Bern Steuern zahlen und nach Basel ziehen. Der Skatepark wird sicher neuen Wind in die Sache bringen und es würde auch nicht schaden, wenn Stadt und Kanton mal anerkennen, dass ihnen die Betreiber der Reitschule erheblich viel Arbeit abnehmen. Die Arbeit der Reitschule als institution muss mehr honoriert werden.

Mike, Musiker (Jeans for Jesus)

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Die Reitschule und ich haben eine gute, offene, lange und recht stabile Beziehung. Wir sind gute Freunde und Lovers. Die Reitschule hat mich mitsozialisiert und viele meiner heutigen Freunde kenne ich aus dieser Zeit. Einige waren damals auch in Gruppen gegen den Irak-Krieg aktiv und haben Demos organisiert. Ich selbst war eher schöngeistig und herumhängend, bin mehr mit Freunden etwas trinken gegangen, hab Konzerte besucht oder einfach nur gefeiert. Es gab damals auch noch andere Orte, wie zum Beispiel das Graffitti oder den Notausgang im Berner Wyler Quartier. Heute gehe ich, wenn ich in Bern bin, immer noch oft an Konzerte ins Rössli, die beste Bar der Stadt, in den Dachstock, esse im Sous-le-Pont oder gehe ins Tojo. Die Reitschule ist sehr wichtig für unsere Band Jeans for Jesus. Sie war immer Homebase für unsere Tour. Und wie viele andere Berner Bands können wir die Räumlichkeiten manchmal nutzen, um zu checken, wie die Musik auf einer Bühne, respektive auf einem grossen PA klingt.

Die Situation auf dem Vorplatz hat sich massiv verändert, soweit ich mich erinnern kann. Als ich 2005 oder 2006 zum ersten Mal im heutigen Rössli gespielt habe, war der Vorplatz mehr oder weniger leer. Vielleicht hat jemand mal ein Feuer gemacht, ein paar Dealer waren dort, ein paar Punks, ein paar Kiffer. Heute ist es der Treffpunkt der Kids, die keine Freiräume in ihren Quartieren und Gemeinden haben. Wie ein ewiges Gratis-Gurtenfestival. Es ist für mich nicht in Ordnung, wie die Reitschüler_innen, die extrem viel für diese Stadt für fast kein Geld machen, von einigen Medien, Politikern und der Polizei als Sündenböcke hingestellt werden.

Es braucht unbedingt mehr, respektive andere Freiräume für uns Kids und alle Menschen in der Stadt. Auch oder gerade für die, die einfach feiern wollen. Früher sind die Flaschen doch auch auf der Kleinen Schanze geflogen, das hat meistens wenig mit Politik zu tun. Das Problem mit den Dealern wiederum scheint dann schon deutlich komplexer. Da müsste man fast mit Obama sprechen. Wahrscheinlich sind die Platzierung des Sleepers und der Drogenabgabestelle direkt bei der Reitschule nicht gerade ideal. Hinzu kommt, dass sich die Fronten zwischen der Polizei und den Kids, die Steine schmeissen, offenbar verhärtet haben. Was sich die Polizei zum Teil vor der Reitschule leistet, ist sicherlich nicht okay, da kann man sagen, was man will.

Ich habe das während dieses Labs mit den Bars und Restis auf der Schützenmatte mal selbst gesehen. Extrem aggressiv, wie die in Vollmontur eingefahren sind. Gleichzeitig wird die Weltrevolution wohl nicht auf der Schützenmatte von ein paar Betrunkenen Agglo-Kids beim Steineschmeissen begonnen. Bringt leider also genauso wenig. Aber auch da hab ich keine Lösung, Freunde werden die wohl nicht mehr.

Chaostruppe, Musikkollektiv

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Jedes Chaostruppe-Mitglied hat individuell irgendwann den Weg auf den Vorplatz oder in die Reitschule gefunden und hält sich seitdem mehr oder weniger regelmässig dort auf. Einige von uns interessiert vor allem die politische Arbeit der Reitschule, andere eher das Kulturangebot. Wir alle stehen aber hinter den Grundsätzen des Reitschule-Manifests und geniessen das Zusammensein auf dem umstrittenen Vorplatz.

An diesem Ort, welcher in der bürgerlichen Presse ausnahmslos mit sogenannten TerroristInnen, DealerInnen, GewalttäterInnen und MesserstecherInnen in Verbindung gebracht wird, ist auch extrem viel Schönes möglich: Tausende von jungen oder jung gebliebenen Menschen mit diversen Hintergründen treffen sich jedes Wochenende auf diesen paar Quadratmetern, da sie die kommerziellen Schicki-Micki-Clubs nicht mehr interessieren; der soziale Austausch und der nicht vorhandene Konsumzwang scheinen ihnen wichtiger. Wir haben selber viele Konzerte auf dem Vorplatz gespielt und stehen für diesen Freiraum ein.

Man könnte und sollte den Raum vor der Reitschule natürlich noch besser beleben, um aufkeimende Konflikte zu verhindern. Man könnte zum Beispiel noch mehr kulturelle Aussenangebote für ein durchmischtes Publikum oder niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche anbieten. Aber man darf trotzdem nicht vergessen, dass Drogenhandel und -konsum, Sexismus und Gewalt gesellschaftliche Probleme sind. Diese betreffen uns alle und natürlich stranden sie auch an der letzten Freiraum-Insel der Stadt. Die Betreibenden der Reitschule können und wollen die Verantwortung nicht alleine tragen, denn sie liegt bei uns allen. Wir alle, die den Vorplatz und die Reitschule besuchen, müssen die Grundsätze dieser kleinen, schönen Insel verinnerlichen und hinaustragen.

Regula Frei, Bassistin und Leiterin Geschäftsstelle HELVETIAROCKT

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Ich war als Mädchen und junge Frau in der Reitschule an diversen Konzerten, damals noch mit Kollekte. Ich habe mich an vielen Weihnachtsabenden frei getanzt. Die Reitschule war fantastisch, aufregend und geheimnisvoll für mich als Jugendliche. Ich verbinde viele Erlebnisse mit der Reitschule als Geniesserin und Darbieterin in unterschiedlichsten Räumen und Rollen. Ich habe da Musik gemacht, Theater gespielt, Podien und Workshops mitveranstaltet.

Ich ging regelmässig mit meinen Ex-SBB-Arbeitskollegen im Sous le Pont essen. In dieser Vielfalt zeigt sich die Reitschule. Ich mag Vielfalt. Zudem haben mich die Ladies vom Frauenraum in den letzten Jahren als Geschäftsleiterin von HELVETIAROCKT ganz ausserordentlich toll unterstützt. Die wohl schönste Kooperation und Zusammenarbeit überhaupt. Der Frauenraum ist eine Oase, welche viele Bernerinnen und Berner gar nicht kennen!

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