Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
chiraq

Aus dem Nichts nach ganz oben—Chief Keef ist das Wunderkind Chiraqs

Chief Keef ist der Justin Bieber des Gangsta-Rap—oder sowas ähnliches. Allerdings bewaffnet bis an die Zähne, Bang Bang eben.

von Miles Zornig
19 März 2014, 5:10pm

Chief Keef hat die HipHop-Welt überrollt wie eine Dampfwalze. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Vor drei Jahren kannte ihn nur Chicago, seine Heimat, die Stadt, die er Chiraq nennt. Heute kennt ihn die ganze Welt. Denn mittlerweile ist Chief Keef der Justin Bieber des Gangsta-Raps. Oder sowas ähnliches. Seine Musik provoziert, die Strophen über das Gang-Leben und die Gewalt auf Chiraqs Straßen sind bedrohlich. Sie spiegeln die Hoffnungslosigkeit und Frustration wieder, mit der sich viele andere Rapper identifizieren können.

Trotzdem scheint für Chief Keef rein gar nichts hoffnugslos. Er heult nicht rum, sondern verherrlicht das Leben als Gangster und hat sich mit seinem Sound als wichtigster Vertreter der „Drill“-Musik etabliert—einem Genre, in dem Reime sich um Knarren, Gewalt, und Bitches drehen, die Videos meistens eine Gruppe Teenager zeigt, die aussieht wie eine bis auf die Zähne bewaffnete Armee. Bang Bang eben. Damit hat er Chicagos Musikszene verändert. So hat er einen Plattenvertrag in Millionenhöhe ergattert und dafür gesorgt, dass die Bitches Sosa lieben.

Aber der Reihe nach. Man muss erst mal verstehen, wie ein 18-jähriger Junge überhaupt dazu kommt, innerhalb kürzester Zeit die Musikwelt so gewaltig auf den Kopf zu stellen und von den größten Rappern im Geschäft Respekt zu bekommen. Denn für jemanden, der aus der wohl gefährlichsten Ecke einer Stadt kommt, die wiederum eine der höchsten Mordraten der USA hat, kann das kein einfacher Weg gewesen sein. Chicago heißt die Stadt, Englewood der Ort, an dem Chief als Keith Cozart geboren und aufgewachsen ist. Sein Werdegang ähnelt dem vieler anderer Rapper: Im Alter von fünf Jahren rappte er bereits auf der Karaoke-Maschine seiner Mutter und nahm seine ersten Songs auf leeren Kassetten auf. Mit 15 hatte er keinen Bock mehr auf Schule, er wollte viel lieber Rapper werden und widmete sich voll und ganz seinem Hobby, dem Musikmachen.

Ein Jahr später, im Juli 2011, veröffentlichte er bereits sein erstes Mixtape, The Glory Road, und gründete zeitgleich sein eigenes Label, Glory Boyz Entertainment (GBE). Sollte der Tag des Durchbruchs mal kommen, würde er gleich seine ganze Crew mitnehmen. Doch leider stieß das erste Mixtape auf wenig Interesse, vom Durchbruch keine Spur. „Egal“, muss er sich damals gedacht haben, „beim nächsten Mal klappt es bestimmt“. Und so war es auch. Sein Mixtape Bang, das nur drei Monate später erschien, verpasste Chief Keefs Karriere einen ersten leichten Höhenflug. Zwar keine Säcke voller Geld, keine großen Verträge, dafür aber eine Millionen Klicks, die das Video zum Song „Bang“ innerhalb weniger Monate auf YouTube erreichte. Immerhin.

Die Dinge kamen langsam in Fahrt. Chief Keef musste zu der Zeit zwar gerade samt elektronischer Fußfessel einen Monat Hausarrest bei Oma absitzen, weil er in eine Schießerei mit der Polizei verwickelt war, „Bang“ aber kursierte weiter durch die Cyberwelt und machte die Musikindustrie langsam aber sicher auf den jungen Rapper aufmerksam. Nur drei Wochen nachdem er seinen Hausarrest abgesessen hatte veröffentlichte Rapper Lil’ B, der sich bereits ein paar Jahre zuvor in der Rapszene einen Namen gemacht hatte, einen Remix des Songs „Bang“, während Soulja Boy über den Beat von Keefs „3Hunna“ rappte. Für den richtig großen Knall sorgte dann Chief Keefs drittes Mixtape, Back From The Dead, das im März 2012 erschien und ihm zum endgültigen Durchbruch verhalf. Der auf dem Mixtape vertretene Song „I Don’t Like“ wurde nicht nur zur Hymne seiner Stadt, sondern erreichte auch die Lauscher von niemand Geringeres als Kanye West, der nur zwei Wochen nach Veröffentlichung von Keefs Mixtape einen Remix des Songs ins Internet stellte.

Plötzlich war der erst 16-jährige Chief Keef ganz weit oben. Auf einem Song mit Kanye, Jadakiss, Pusha-T, Big Sean—den ganz Großen im Geschäft. Plötzlich hatte ihn nicht nur Chicago, sondern die ganze Welt auf dem Zettel und nur kurze Zeit später landete der Remix seines Songs auf dem GOOD Music-Album Cruel Summer, das auf Platz zwei der US-Album-Charts einstieg. In der Zwischenzeit hatte Chief Keef bereits seinen ersten, sechs Millionen Dollar schweren Plattenvertag bei Interscope unterschrieben und auf die Art sein Label GBE bei einem Major untergebracht. 2012 im Dezember veröffentlichte er sein Interscope-Debüt Finally Rich, für das er mit Young Jeezy, Rick Ross, 50 Cent und Wiz Khalifa zusammenarbeitete. So schnell kann es gehen. Ein Höhenflug, genauso wie der von Chicagos Mordrate, die ironischerweise im selben Jahr noch zur höchsten der USA wurde. Natürlich muss das nichts mit Chief Keefs Musik zu tun haben. Das könnte ihm zu der Zeit auch ziemlich am Arsch vorbeigegangen sein, schließlich hatte er selber noch Probleme mit Waffen- und Drogendelikten, die immer mal wieder dafür sorgten, dass er hinter schwedischen Gardinen landete. Mittlerweile war er drei Mal im Knast, hinzu kommt Hausarrest und Entzugsklinik. Chief Keef ist 18 Jahre alt.

Aber auch das kann ihm am Arsch vorbeigehen. Chief Keef hat das geschafft, wovon viele noch träumen. From nothing to something zu kommen, aus Scheiße Gold zu machen. Mit seiner Musik einen Trend zu setzen. Zu zeigen, dass manchmal nur ein Mixtape, nur ein Song reicht, um innerhalb weniger Monate die Chance auf Verträge in Millionenhöhe zu bekommen. Er ist der Beweis dafür, dass man es vom Hausarrest bei Oma zum internationalen Star schaffen kann. Jetzt muss er das Niveau nur noch halten.

Alle Noisey Chiraq gibt es auf unseren YouTube-Kanal, den Kanal solltest du abonnieren.

Alle Folgen:
Chiraq–Episode 1

Chiraq–Episode 2
Chiraq–Episode 3
Chiraq–Episode 4
Chiraq–Episode 5
Chiraq–Episode 6
Chiraq–Episode 7

**

Folgt Noisey bei Twitter und Facebook.


MEHR VON NOISEY

Fler kündigt ‚NDW2‘ an: Ein deutscha Bad Boy macht wieder Welle
Fler hat wohl gespürt, dass er mit seinem zuletzt schwer antrainierten Ami-Image nicht weit kommt. Also macht er jetzt wieder richtig Welle mit Deutschtümelei.„Der ‚Arschficksong‘ ist mein ‚Wind of Change‘“—Sido im Interview
Wir haben vor seinem Heim-Konzert in Berlin mit Sido gesprochen, über Beef, das Erbe von Aggro Berlin, Bushidos Angriffe auf Politiker und Promis und Sozialneid auf die Geissens.Bushido meint es ernst, kann Kay One aber nicht zerstören
Bushido betet mal eben in Reimform die Biographie von Kay One herunter, der Beweis, dass er es doch noch drauf hat. Allerdings wird er Kay One damit nicht zerstören.
Tagged:
Music
Features
Noisey
Chief Keef