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Anlässlich des St. Patrick’s Day: Eine Ode an Irish Pubs

Was verbindet die Österreicher mit den Iren? Richtig: Saufen.
16.3.16

Saufen. Alle Fotos vom Autor.

Am 17. März ist wie jedes Jahr St. Patrick’s Day. Der Sterbe- und Gedenktag des in der katholischen Kirche als heilig verehrten irischen Bischofs Patrick ist in Irland ein hoher Feiertag, da er als Schutzpatron der grünen Insel und all ihrer Bewohner gilt. Und den haben sie nötig. Kaum ein anderes Volk muss sich mit so vielen Stereotypen herumschlagen wie Iren oder Irischstämmige. Vom sprichwörtlichen (Un)Glück über rote Haare und eine—äh—besondere Nähe zu Schafen bis zu bitterer Armut wird den Bewohnern und Abkömmlingen der grünen Insel einiges nachgesagt. Das und extremes Saufen. Ob das eine jetzt das andere bedingt (wer würde nicht saufen, wenn er ein bettelarmer Ginger auf einer nassen Insel voller Schafe ist), ist nicht auszuschließen. Tatsächlich aber gelten die Iren als (Mit)Erfinder des Whiskys, respektive Whiskeys, und haben für ein so kleines Land eine erstaunliche Anzahl an Biersorten hervorgebracht. Die typischen Pubs schenken davon reichlich aus, an diesem einen Tag eben ganz besonders beherzt. Gleichzeitig ist dieser Feiertag Anlass genug, dass sich Quartalsäufer auf der ganze Welt—egal ob irischstämmig oder nicht—für einen Tag des epischen Wegschießens rüsten, vorzugsweise in einem Irish Pub.

Warum aber gibt es so viele Irish Pubs? Und wieso in Österreich?

Im Gegensatz zu anderen landestypischen Lokalen, wie beispielsweise dem französischen Bistro, der italienischen Osteria, der spanischen Bodega oder der griechischen Taverne, gibt es in Österreich (und komischerweise in Hotels und Flughäfen auf der ganzen Welt, dazu später mehr) eine auffällig hohe Zahl an Irish Pubs. Klar, die Dichte an Chinarestaurants und Pizzerien bleibt unerreicht, aber hier handelt es sich ja vorwiegend um Speiselokale. Die irische Version eines Beisls mit vorwiegend flüssiger Kalorienzufuhr aber findet sich hier praktisch überall, von der Wiener Innenstadt bis ins Weinviertel, die Südsteiermark oder das tiefste Drautal. Alleine in Wien gibt es geschätzt über 30 Pubs. Ich behaupte, das hat genau einen Grund, tu felix Austria. Richtig: saufen.

Mehr Saufen.

Aus den gleichen Gründen, wie man sich nicht wegen besonders langer Zigaretten große OCB kauft oder ein Jugendlicher nicht wegen der schönen Jugendstilarchitektur um eine U6-Station herumschleicht, geht man auch nicht wegen des Essens ins Pub. Nein, man geht mit einem bestimmten Vorsatz in ein Irish Pub, der meist lautet, sich volllaufen zu lassen. Und jeder weiß das. Und weil es in Österreich immer noch sozial akzeptiert, ja sogar integriert ist, sich regelmäßig, auch in der Öffentlichkeit, die Kante zu geben, wird hier ganz ohne Kosmetik proklamiert: „Seht her, hier kommt keiner nüchtern raus!“ Ein Blick in die Speisekarte bestätigt praktisch immer die reine Funktionalität der Kulinarik: ein paar Burger-Varianten und etwas frittiertes Fingerfood. Unterlage eben. Warum auch um echte irische Küche bemühen—zumindest bei den meisten meiner Bekannten löst die Erwähnung von Irish Stew, Lamm, Grünkohl oder ähnlichen Spezialitäten eher Ekel aus.

Ein typisches Irish Pub verfügt über eine Inneneinrichtung, die fast so generisch ist wie die kitschige Folklore beim Asiaten oder der Hipstercharme von Vapiano und Starbucks. Schwere, dunkle Möbel, eine massive Bar mit versifften Barmatten, Messingbeschläge, eine Dartscheibe, ein Regal voll mit diversen Whiskeysorten und eine Zapfanlage, die aussieht wie aus einem Steampunk-Film. Eine geradezu beklemmende Enge, erzeugt durch zusätzliche Tische, eine briefmarkengroße „Bühne“ auf der sich ein Folk-Musiker abmüht und eine große Tafel für Pub-Quiz-Runden, sowie ein mächtiger Bildschirm für Sportübertragungen sind obligatorisch. Auf Nichtraucherbereiche wird meist geschissen. Die so genannte Küche ist meist kleiner als der Platz vom DJ, der in der Regel einen lauten, aber undefinierbaren Mix aus Pop- und Rockmusik mit irischen Akzenten spielt: Taylor Swift, dann Thin Lizzy, etwas Metallica, dann die Corrs.

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Man merkt also gleich: Hier geht es nicht um lukullische Genüsse, gemütliches Lernen für Prüfungen oder philosophische Diskurse, sondern ums Tschechern in geradezu leistungssportlichen Ausmaßen. Klassische Namen für Irish Pubs sind oft irgendwas mit Shamrock, Harp, Paddy, ein Familienname mit O’ davor oder einem -igan bzw. -ahan hintendran. In allem möglichen Permutationen. Praktisch jedes Pub—zumindest in Wien—hat einen echten Native Speaker aus dem Commonwealth in seinen Reihen, was den leicht angeheiterten Gästen natürlich nicht entgeht und sie stark zur englischsprachigen Getränkebestellung für den restlichen Abend motiviert. Bei zunehmend alkoholbedingtem Verlust der Muttersprache wird es natürlich in der leidlich gut beherrschten Fremdsprache nicht besser. Arme Kellner.

Zielgruppenorientierte Werbung.

Wenn sich also heute eine Runde Menschen verabredet, in ein Pub zu gehen, um eine Runde Darts zu spielen oder ein Fußballspiel anzusehen, weiß man schon vorher, wie der Abend ausgeht. Das hat was kalkuliert Beruhigendes. Am St. Patrick’s Day hat dann dieser ohnehin schon latente Nimbus der Volltrunkenheit noch eine gewissermaßen hochamtliche Legitimität, nicht umsonst nehmen sich speziell am 18. März sehr viele Menschen einen Urlaubstag oder müssen—weniger vorausblickend—in den Krankenstand.

Woher diese Institutionalisierung des St. Paddy als Schutzpatron aller Trunkenbolde stammt, lässt sich nicht mehr genau auseinanderdividieren, sehr wohl aber die gnadenlose Vermarktung ähnlich des (übrigens aus derselben Gegend stammenden) keltischen Halloween-Fests. Wo bei einer Gelegenheit Kinder mit Süßigkeiten vollgestopft, Kürbisse geschändet und sittlich zweifelhafte Kostüme angezogen werden, gibt es hier grüne Farbe und Alkohol bis der Arzt kommt. Ursprünglich hat die relativ große Gruppe der irischen Migranten in den USA, die dort ihr Brauchtum weitergeführt haben, dieses Fest in ihrer neuen Heimat immer ausufernder gefeiert. Das gipfelt nun in solchen Irrsinnigkeiten wie der alljährlichen Grünfärbung des Chicago River. Wenn es also um die Integration fremder Besäufnis-Feierlichkeiten geht, ist Österreich progressiv und gründlich wie eine skandinavische Kommune im Bildungswesen.

Irish am Flughafen.

Last but not least: Eine Besonderheit stellt die auffällig hohe Dichte an Irish Pubs auf Flughäfen oder in typischen Business-Hotels dar. Ich kann aus eigener Erfahrung, die ich auf dutzenden Flughäfen gesammelt habe, sagen, dass im Schnitt jeder zweite internationale Airport über ein Irish Pub verfügt, oft sogar in der Nähe der Gates. In Schwchat heißt die Bude übrigens „Dubliner“. Ähnlich verhält es sich mit den Hotelbars der bekannten internationalen Ketten, die meist nur Geschäftskunden beherbergen. Diese Hotelbars sind meist wie ein Irish Pub gestaltet oder zumindest wenig einfallsreich als „Sports Bar“ getarnt. Ist aber das Gleiche, nur mit mehr Bildschirmen und Sportkanälen. Warum? Ganz einfach: weil es sich hier um Orte handelt, wo sich Menschen—meist weg von daheim— tierisch langweilen. Und was hilft gegen Langeweile? Richtig, gepflegt einen hinter die Binde kippen. In der Lobby mit Dosenbier herumgammeln beziehungsweise im Gate ein paar verstohlene Schlucke aus der Duty-Free-Flasche nehmen, ist aber selbst in den tolerantesten Regionen nicht wirklich cool, daher bietet man den Gästen eine Plattform, wo sie das im passenden Rahmen tun können: im guten, alten Irish Pub. In diesem Sinne: Sláinte!

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