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Prince war ein Held für mich und die LGBTQ-Szene—und unser Albtraum

Sein Song „Da Bourgeoisie" von 2013 hatte einen abstoßenden Text, in dem er darauf reagiert, dass seine Freundin es mit einer anderen Frau getan hat.

von Michael Musto
25 April 2016, 7:24am

Ein junger Gott: Die Rückseite von Princes' Album Prince aus dem Jahr 1979

Als Mitte der 1970er seine musikalische Kraft explodierte, erschien Prince wie eine sexuelle Ein-Mann-Revolution—jemand, der sich unverfroren mit Tabuthemen auseinandersetzt, keine Angst davor hat, explizit seine Geilheit zur Schau zu stellen, und frech genug ist, sich nackt, halbnackt oder mit Rüschenhemden und fein gestutztem Bart zu zeigen, während er sich und Millionen lechzender Fans beglückte.

Während Michael Jackson, mit dem er immer wieder verglichen wurde, seine sexuellen Triebe öffentlich zu unterdrücken schien, wälzte sich Prince in seinen. Er machte hormonelle Ausbrüche zu seinem Markenzeichen, indem er „I Wanna Be Your Lover" trällerte, über die Herrlichkeit von „Head“ zwitscherte, spöttisch „Jack U Off“ versprach und in „If I Was Your Girlfriend“ sogar metaphorischen Drag andeutete.

Seine lilafarbene Majestät war ein femininer, unverfrorener Weirdo in Rüschenhemd, der die Grenzen so weit überschritt, dass seine Unverfrorenheit eine panische Tipper Gore dazu brachte, die Eltern durch Einführung des „Parental Advisory"-Labels vor seiner Musik zu warnen. Das machte es für die Kids natürlich noch begehrenswerter und sie fanden ihre Wege, um unter dem Kirschmond zu stehen und die verbotenen Strahlen aufzusaugen.

Prince hat mit seinem „versauten Gemüt“ zwar immer wieder „Kontroversen“ heraufbeschworen, er konnte aber auch milde poetisch („When Doves Cry“) und sanft romantisch („Raspberry Beret“) sein oder sogar politisch, wie in der ultimativen Weltuntergangshymne „1999“. Seine Bewunderer verfolgten jeden grellen Orgasmus und weiteten seine lilafarbene Regentschaft auf mehrere aufgeheizte Jahrzehnte voller Spaß und Aufruhr aus.

Seine Musik schallte regelmäßig durch die Dance-Clubs, wo die textliche Unanständigkeit ausgesprochen willkommen war und der vulgäre Ton genau zu der Fantasieumgebung passte, in der Leute ihre Körper um Partner schlungen, mit denen sie es später treiben sollten.

Auf der Bühne—auf der ich ihn im Laufe der Jahre glücklicherweise einige Male sehen konnte—war Prince ein unersättlicher Antreiber. Jemand, der dafür lebte, dort oben abzuliefern, und stundenlang unermüdlich sang und umherstolzierte. All das mit einer Fülle an musikalischem Genie in den Fingerspitzen und einer Menge Bad-Boy-Theatralik auf der Zunge.

Prince bei einem Konzert in London Anfang der 90er | Foto: Imago

Ich war mir nicht sicher, ob er hetero, schwul, bi oder überhaupt männlich oder weiblich war—so fließend war die Elektrizität seiner Persönlichkeit. Dadurch rüttelte er, noch lange bevor Geschlecht Teil des täglichen Diskurses wurde, unser puritanisches Land auf und füllte es mit den pochenden Klängen der Leidenschaft, während er den fantastischen Freak, den trotzigen Außenseiter und den düsteren Dandy gab.

Seine eigensinnige Persönlichkeit, seine heißen Freundinnen und die plötzlichen, verrückten Erklärungen („Nennt mich ‚The Artist formerly...'“—was alle taten) machten ihn zu einer fesselnd merkwürdigen Figur, so wie das tyrannische Kind aus der berühmten Twilight Zone-Folge „It's a Good Life“. Nur dass er sanft über seine Macht über die Medien kicherte und sie im Allgemeinen dafür nutzte, banale Denkweisen aufzurütteln.

Für mich—und für viele andere Schwule auf der Suche nach relevanten Vorbildern—war er eine LGBT-Ikone, die implizit sexuelle Freiheit und Akzeptanz repräsentierte. Besonders weil er so explizit farbenfrohe Mode, Ausstattung im Liberace-Stil und Alles-ist-möglich-Texte zur Schau trug, begleitet von pulsierenden Rhythmen, die Sex und Sexualität in deine Seele brannten, während du ausgelassen tanztest.

Leider war er irgendwann in seiner lila Blase des Privilegs gefangen und fing an, gegen Schwule zu wettern. In den 2000ern wurde Prince Zeuge Jehovas und gegenüber dem New Yorker sagte er 2008: „Gott kam auf die Erde und sah, dass Leute es überall reinsteckten und es mit wem auch immer taten. Und er hat einfach aufgeräumt. Er sagte: ‚Genug'."

Sein Song „Da Bourgeoisie" von 2013 hatte einen abstoßenden Text, in dem er darauf reagiert, dass seine Freundin es mit einer anderen Frau getan hat. Er singt mit einem Ausstoß des Ekels: „I wish I never kissed your ... ugh.“ Anscheinend war dies für den allumfassenden, befreienden Prince eine unverzeihliche Beleidigung—etwas, das völlige Verachtung und Mitleid verdient. Und vor zwei Jahren war bei Gawker zu lesen, wie er bei einem Auftritt in Arsenio Halls Fernsehsendung mehrere Male homophobe Aussagen vom Stapel ließ und sogar zusammenzuckte, als er über all die „Typen“ sprach, die bei der Oscar-Party, auf der er war, in ihn hineinliefen.

Auf einmal wurde ich—seit Jahren einer seiner leidenschaftlichsten Fans—in der engstirnigen biblischen Vorstellung meines Idols auf ein „Was-auch-immer“ reduziert. Wie traurig. Wie heuchlerisch. Würden Schwule ausradiert, dann wäre Prince sicherlich einer der ersten, der gehen müsste!

Wie wird aus einem Symbol der Befreiung eines der Unterdrückung?

Leider passiert dies immer wieder. Barry Humphries (aka Dragqueen Dame Edna) wetterte vor Kurzem gegen Transfrauen, die er nicht für echte Frauen sondern nur für verstümmelte Männer hält. Der Lauf der Geschichte führt oft genug dazu, dass Leute, die Dinge vorangetrieben haben, allmählich zu den Reaktionären werden, die sie einst einschränkten—ohne jeglichen Sinn für Ironie, dass sie zu ihren Großeltern geworden sind.

So tragisch diese Veränderung auch war, sie nimmt nicht das, was Princes Musik und Persönlichkeit in den 70ern und 80ern geschafft haben: Wie ein großer, aufgestauter Höhepunkt voll Eiweiß und Glitzer in das Gesicht der Welt zu explodieren. Er hat die Gesellschaft am Kragen gepackt, aus der Annehmlichkeit gerissen und in ein schickes Zimmer voller Möglichkeiteb gesteckt. Heiß.

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