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Wir haben anstatt des Albums von Bushido und Shindy die Promophase zu ‚CLA$$IC‘ rezensiert

Wir haben uns ‚CLA$$IC‘ zwar nicht angehört, aber alle Interviews und Musikvideos angeguckt, um die Promophase der beiden zu rezensieren.

von Ben Park und Moritz Götz
06 November 2015, 2:00pm

Machen wir uns nichts vor: Wenn sich ein Bushido vor die Kamera setzt, um über was-auch-immer zu reden, kann sich derjenige, dem die Kamera gehört, über mindestens fünfstellige Klickzahlen freuen. Und wenn daneben auch noch Shindy in die Linse grübelt, scheucht das ganz Rapdeutschland vor den Bildschirm—vor allem wenn die beiden über ihr erstes Kollabo-Album CLA$$IC reden. Mittlerweile sind Interviews für eine erfolgreiche Promophase eben fast genauso wichtig wie Vorab-Musikvideos. Und Twitter.

Daher ist es kein Wunder, dass sich ein Medienprofi wie Bushido genau bewusst ist, wie er sich zu geben hat, wenn das rote Licht angeht. Und es ist auch kein Wunder, dass wir uns die Interviews und Musikvideos ganz genau angesehen haben, um zu bewerten, wie gut die Promophase zum heute erschienenen Album eigentlich war. Die volle Promo-Dröhnung eben. Fangen wir doch mal mit den Interviews an.

Die Interviews

Oliver Marquart hat für das rap.de-Interview eine luxuriöse Hotelbar auserwählt. Das scheint zwar einem Album namens CLA$$IC angemessen, ist aber nicht immer der richtige Platz für ein ungestörtes Interview. Zumal man vielleicht berücksichtigen sollte, dass einer der Künstler ohne seine Schachtel Marlboro zu nichts zu gebrauchen ist. Shindy darf also nicht rauchen und genau das scheint ihm auch ein wenig die Quasselstimmung zu vermiesen. Er hält sich in der Gesprächsrunde sehr zurück, sodass sein großer Bruder, Freund und Mentor Bushido dazu berufen fühlt, den Raum mit Worten zu füllen. Selbst die einfachsten und relativ zurückhaltenden Fragen beantwortet er in langen Monologen extrem ausführlich und lobt dabei Shindy pausenlos, während der gelangweilt auf seinem Stuhl hängt und alles abnickt. Man möchte den Bildschirm schon anraunzen, dem Mann doch endlich eine Kippe und einen Aschenbecher zu geben, damit er vielleicht doch noch die Zunge lockert. Anfangs noch bemüht, gibt es Oliver Marquart irgendwann auf, das Mikrofon in Shindys Richtung zu halten. Das ist dem aber eh total egal—passt aber zu seiner arroganten Art, die er auch in der Musik in den Beat legt. Trotzdem ein ganz guter Einstieg, da wir viele Informationen zum Album bekommen.

Das Interview mit Rooz von HipHop.de ist dagegen schwer zu ertragen. Nicht nur, weil ein Interview mit Rooz immer bedeutet, dass er irgendwann alles eingeschüchtert nachredet und seinem Interviewpartner so viel Honig ums Maul schmiert, bis dieser selbst schon fast kotzen muss, sondern auch weil sich Bushido hier immer wieder in Nichtigkeiten verliert und sich sein Kollabo-Partner viel zu sehr zurückhält. Shindy scheint total desinteressiert von Roozs Fragen zu sein, sitzt ihm größtenteils nur schweigend und teilnahmslos gegenüber, schlürft seine Cola Light und zündet sich eine Kippe nach der anderen an. Vielleicht hat es bei Marquart ja doch nicht am Nikotin gelegen. Zumindest scheint Rooz endlich mal gepennt zu haben und seine riesigen Augenringe sind diesmal nicht die Hauptattraktion des Interviews. Schade nur, dass ihm nicht einmal grundlegende Infos einfallen—ja, Bushido und Shindy haben „Stress ohne Grund“ zusammen gemacht und nein, auf CLA$$IC ist entgegen jeder Erwartung kein einziger Diss-Track. Mit tollpatschiger Eleganz hangelt sich Rooz von Frage zu Frage, während er versucht, nebenbei seine Kameras zu richten und dem Zigarettenqualm von Shindy zu entkommen. Zum Glück schauen die schlagfertige Oma Erika, Fler und ein paar andere Kollegen kurz vorbei, um immer wieder die stockende Unterhaltung zu sprengen und das Ganze unterhaltsamer zu gestalten. Schlauer ist man nach diesem langgezogenen Spielfilm aber nicht.

Ganz anders beim Staiger-Interview für 16bars: Als Intro gibt es eine kleine „nackter Kay One“-Anekdote, bei der man schon merkt, dass sich Marcus Staiger und Bushido sehr gut leiden können. Deswegen kann sich Staiger bei der Auswahl der Fragen auch mehr erlauben als seine Kollegen. Die subtile Wilkommensstichelei verzeihen ihm „Bushido und Shindo“ sofort. Denn Marcus Staiger hat spürbar Bock, ernsthaft und seriös zu diskutieren und scheut sich nicht, auch ein paar unbequeme Themen anzusprechen. Nach gerade mal fünf Minuten schafft er es, dass Shindy aufrecht und kerzengerade auf seinem Stuhl sitzt und zumindest interessiert wirkt. Shindy spricht dann sogar relativ lang über seinen Vater, seine Jugend und wofür er seine ganze Kohle ausgibt. Bushido verzichtet hier größtenteils auf Rumgelaber, gibt halbwegs straighte Antworten und erklärt unter anderem nochmal deutlich, warum der Song von Kay One verboten wurde und wie sich sein Verhältnis zu seinem ältesten Rap-Freund Fler verbesserte. Sehr starker Track, ähm, starkes Interview.

Natürlich kann kein Interview-Format das Rad neu erfinden und viele Themen wiederholen sich durch ähnlich gestellte Fragen immer wieder. Daher ist es ganz nett, die beiden im Berlin Music TV mit einer weiblichen Interviewpartnerin im Gespräch zu sehen. Moderatorin Vero scheint Shindy ein bisschen zu gefallen—anders können wir uns seine ungewohnte Lebhaftigkeit nicht erklären. Um das Ganze ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten, müssen sich Shindy und Bushido einem Beziehungstest unterziehen. Nette Idee—wenn die Gangsterrapper nicht nach ihren eigenen Regeln spielen würden. Veros nettes Lächeln prallt an Teflon-Bushido ab. Er gibt seinem Kollabo-Partner weiterhin die Antworten offensichtlich vor. Obwohl die Idee viel hergeben hätte, verlässt sich Bushido zu sehr auf altbekannte Formeln.

Die Überraschung der Promo-Interviews gelingt Backspins Niko. Mit fast schon akademischen Ansätzen und relativ hohem Niveau versucht er, die Welt des Deutschraps zu erklären. Das gefällt sicher nicht jedem Zuschauer, aber damit drückt er dem Interview nochmal seinen ganz eigenen Stempel auf. Bushido und Shindy definieren den Begriff Kunst für sich selbst und grenzen sich klar davon ab, ihre Songs verändern zu wollen, um Leuten zu gefallen. Da hat jemand scheinbar sein Intermezzo mit Peter Maffay und Karel Gott vergessen. Trotzdem ist es erfrischend, wie feinfühlig Niko sämtlichen belanglosen Standardfragen aus dem Weg geht und trotz der bereits gesehenen Interviews einen hohen Unterhaltungsfaktor schafft.

Insgesamt gibt sich vor allem Bushido viel handzahmer und verzichtet auf unnötige Provokationen und harte Worte gegen seine Feinde. Während in der CCN3-Promophase noch jeder beleidigt wurde, der Bushido auch nur ansatzweise in die Quere kam, wendet er sich jetzt vom pöbelnden Sonny ab, um mit Shindy stylisch dem Luxus zu frönen. Sowohl in der Öffentlichkeit wie auch auf dem Album. Er will jetzt eben mehr der Künstler sein. Aber kennen wir ihn nicht genau so von damals, bevor er mit Sonny Black einen perfekt ausgeführten Backflip landete?

Die Musikvideos

Die drei Musikvideos, die als erster Vorgeschmack auf den kommenden Klassiker dienen, sprechen allerdings eine etwas andere Sprache. Los ging es mit „Brot brechen“. Was wir sahen, war eine Hochglanz-Produktion mit ein paar stilvollen Schwarzweiß-Aufnahmen, einem Rechtschreibfehler und fragwürdigen Einsätzen von Waffen und Palitüchern. War des jetzt Teil der altbewehrten Provo-Phase, die Bushido schon immer meisterlich beherrschte, oder einfach nur Kunst?

Eine Woche vor Albumrelease folgte dann das Video „G$D“ (kurz für „Gott sei Dank“). Hier posierten Shindy und Bushido unter anderem auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und zeigten damit, dass sie die Geschichte des Dritten Reiches wohl echt faszinierend finden. Das war jetzt aber wirklich provokativ… oder?

Es folgte der Titeltrack zum Album, diesmal ohne Bushido oder Shindy im Bild, dafür aber mit Hitler, Stalin, Breivik, Netanjahu und dem World Trade Center. Überheblich über Oberflächlichkeiten sinnieren, während die Nazis in Paris einmarschieren? Wir sind ein bisschen vom Provokationsmeister enttäuscht.


Die Überraschung

Immer wieder hatte Bushido nebulös von einer Überraschung geredet, die aber nur die Leute entdecken dürften, die sich die Box kaufen würden (natürlich). Denn am Ende des Albums gibt es einen Hiddentrack. Nach einer kurzen Pause, in der man der Stille lauscht und darüber sinniert, wie man seinen Kindern später von diesem Klassiker berichten wird, ertönt wieder ein Beat und... Money Boy rappt. Auf einem Bushido-Shindy-Album. Und dann kommt auch noch sein Schützling Hustensaft Jüngling. Auf einem Bushido-Shindy-Album. Das war also das Statement an die Rapszene, das Bushido versprochen hatte: Da wurde wirklich Brot gebrochen. Und viele engstirnige Fans dürften auch gebrochen haben.

Fazit

Es überwiegen die Interviews, in denen uns ein redseliger Bushido seine Sicht der Dinge schildert und gelangweilter Shindy sich zurückhält. Die Musikvideos sahen rein optisch zwar sehr schick aus (bis auf „CLA$$IC“), hatten aber alle keinerlei Medienwirkung—außer, dass sich die Stadt Nürnberg gefreut hat, dass dort endlich mal ein Musikvideo gedreht wurde. Die Promophase zu CLA$$IC werden wir also aufgrund fehlender Höhepunkte schnell vergessen haben. Ob das Album wirklich der Meilenstein ist, den uns die beiden versprochen haben, wird am Ende also nur die Musik entscheiden. Was ja auch mal ganz gut ist.