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Warum Ausgehen oft zu Fremdgehen wird

Zwischen Reue und Treue liegt oft nur ein Shot.

von Caro Sommer
16 Oktober 2015, 9:50am

Der Begriff "Mauvaise foi" ist für einige von euch nicht mehr als zwei beschissene französische Wörter, von denen man nicht weiß, was sie bedeuten. Beziehungsweise, dass sich hinter ihnen eine ganze Welt verbirgt. Es bedeutet Unaufrichtigkeit.

Nun. Unaufrichtigkeit. Untreue. Lügen. Dinge, die nicht dasselbe bedeuteten, sondern sich in Nuancen unterscheiden. Und in vielen Bereichen vorkommen. In der Politik zum Beispiel. Oder in Komplimenten. Aber auch – und vor allem – beim Fremdgehen. Was das ist, muss ich wohl niemandem erklären. Man kann sogar sagen, dass wir von der Existenz der Intrigen und des Treuebruchs schon in Kinderschuhen erfahren. In ungefähr allen Walt Disney-Filmen zum Beispiel. Irgendwann kommt dann Cruel Intentions und später Sartre, der dir plötzlich beibringt, dass Untreue vollkommen OK ist.

Foto via Flickr | Robert Shiple | CC BY-SA 2.0

Irgendwann, nachdem sich unsere Eltern hundert Mal scheiden ließen, sind wir dann selbst alt genug, um zu entscheiden, was für uns richtig und falsch ist. Man hat den ersten Freund oder die erste Freundin, selten bleibt das beständig, weil man ja naiv und der eigene schlechte Geschmack irgendwann nicht mehr zu leugnen ist. Aber irgendwann ist sie da, die Beziehung, in der man doch über Subtanz spricht und auch an Substanz glauben will. In vielen Fällen gibt es aber sowas wie eine Halbwertszeit der anfänglichen Anziehungskraft, und die Liebe ist schon mehr wie der viel zu große Schwanz einer Katze, der ständig im Dreck schleift. Genau dann würde man gerne aus diesem selbsterbauten Gefängnis einen kurzen Ausflug an einen anderen Ort machen. Das Nachtleben zum Beispiel.

Das Nachtleben ist zum einen ein Zirkus für Halberwachsene, in dem man seine eigene Lächerlichkeit mit Alkohol betäubt und damit alles nur noch schlimmer macht. Die Nacht ist aber auch Eskapismus und manchmal ist die Intention hinter dieser Alltagsflucht eine ganz simple: Einen Abend mit Freunden zu verbringen. Das war der Anfang und das Ende ist das Erwachen in einem Bett, dessen Bettwäsche nach unbekanntem Männerparfum riecht und neben dir liegt ein Mensch, der im ersten Moment unangenehmer einfährt, als ein Elektroschock.

Foto via Flickr | icanteachyouhowtodoit | CC BY 2.0

Es wäre vermutlich ein bisschen traurig, wenn ich behaupte, dass ihr das kennt. Aber vereinzelt wird es wohl ein paar Menschen geben, die morgens, verkatert und voller Scham aus einer Wohnung gestürzt sind, ins nächste Taxi gestiegen sind und rekapitulieren, was da letzte Nacht eigentlich passiert ist. Alkohol, du enthemmendes Schwein, von MDMA fang ich gar nicht erst an. Ich glaube, dass beim Fortgehen viele Faktoren zusammenspielen, die uns eher verdrängen lassen, dass man eigentlich in einer Beziehung ist: Wie gesagt, der Alkohol. Alkohol ist keine Ausrede? Pah. Natürlich ist es keine solide oder erwachsene Ausrede, aber ganz ehrlich, besoffen macht man Dinge, die man im nüchternen Zustand einfach nicht machen würde. Allein schon von der Euphorie ist man high, der Alltag oder vielleicht Stress mit deiner Beziehung reicht dir für ein paar Stunden und irgendwie hat man Lust darauf, sich einmal wieder zu spüren. Vielleicht auch frei zu fühlen – sobald von Freiheit die Rede ist, ist auch von Untreue die Rede.

Foto via Flickr | icanteachyouhowtodoit | CC BY 2.0

Natürlich kann man jetzt mit dem Argument kommen, dass man dann eben in keiner Beziehung sein sollte oder in der falschen Beziehung ist, aber so einfach ist das nicht. Ich muss niemandem erklären, dass fundamentale und aufrichtige Liebe manchmal auch damit einher gehen kann, Kondome über den Schwanz eines anderen Manne zu stülpen. Das hat nichts mit einer Identitätskrise zu tun, sondern ich glaube, es ist irgendwie fast natürlich. Dieses archaische Schema von "eine Beziehung für immer" hingegen ist so unnatürlich, dass es schon aufgeflogen ist und aufgebrochen wurde. Es gibt immer mehr neue Beziehungsformen, Polyamore hier, offene Beziehung dort.

Oft ist man aber mit jemandem zusammen, der von sexueller Freiheit genau so viel hält wie Batman von Joker. Nichts. Fremdgehen ist ein heikles Thema und auch eines, mit dem man sich a) viele Feinde machen kann und b) eines, das mit einem Artikel einfach nicht erledigt ist. Es ist ein zweischneidiges Schwert und das Produkt ist meistens mediokre: Irgendwo zwischen eogistischer Befriedigung und schlechtem Gewissen.

Warum es OK ist, fremdzugehen

In Sachen Fremdgehen gibt es zwei maßgebende Unterschiede: emotionsverbundenes und unemotionales Fremdgehen. Da wir uns in einem Club oder einer Bar befinden, gehen wir von zweiterem aus. Wenn ficki ficki mit anderen Menschen mit Emotionen verbunden ist, dann ist es falsch. Dann wird es Zeit, ein Gespräch mit dem Partner zu führen und im schlimmsten Fall ist es auch an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Wenn du aber nach viel zu vielen Spritzern, einem guten und intensiven Gespräch oder einfach nur zwei Sekunden Augenkontakt bei irgendeiner Party mit jemandem rumschmust, ist das substanzlos. In dem Moment ist es OK und einem schießt eine Mixtur aus Adrenalin und Endorphinen durch den alkoholgetränkten Körper. Warum sollte das nicht in Ordnung sein? Im Endeffekt macht man nichts Böses. Betrug hat viele Gesichter, aber – zumindest meiner Ansicht nach – ist dieses Szenario keines davon. Mein Gott, hat man sich eben mal gehen lassen, so what.

Solange daraus nichts wird, was ein ernsthaftes Problem für deine Beziehung darstellt, ist das kein Weltuntergang. Wenn du am nächsten Tag aufwachst und dir deine Zunge in einem anderen Mund wieder einfällt hast du zwei Optionen: Entweder, du sagst es deinem Lebensabschnittspartner (obviously) oder nicht. Ersteres ist die egoistische Option. Warum etwas sagen, das keine Bedeutung hat? Weil man es sich selbst leicht machen möchte und das schlechte Gewissen nicht aushält. Die Variante, die mehr OK wäre: dich mit dem Geschehenen abzufinden. Dein zermaterndes Gewissen war von Anfang Teil dieses Deals, tu also nicht so überrascht. Die andere Variante ist folgend, dass du es ihm sagst. Entweder könnt ihr ohnehin offen drüber reden und ihr habt diesbezüglich eine Abmachung oder ein Einvernehmen oder du brichtst jemandem das Herz, weil er den Unterschied zwischen Liebe und Schmusen nicht kennt. So oder so: Auf Taten folgen Konsequenzen. Welche das sind, musst du am Ende ohnehin mit dir selbst ausmachen.

Warum es nicht OK ist, fremdzugehen

Wenn jetzt jemand mit dem Argument kommt, dass dieser Text ambivalent ist, dann nehme ich das niemandem übel. Wie dem auch sei. Im Endeffekt gibt es nur einen Grund, warum es nicht OK ist: Ihr habt beide ganz klar definiert, dass Fremdgehen tabu ist. Wenn du dem zugestimmt hast, die Dinge aber anders siehst, bist du selbst schuld. Abschließend kann ich nur sagen, dass es da kein universelles Gesetz gibt. Das hat wohl jedes Paar für sich selbst auszumachen.

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