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Nazar hat eine Meinung und das ist auch gut so

Österreichs größter Rapper hat zu vielen Themen klare Ansichten. Auch zu FPÖ, Religion und Nahost-Konflikt.

von Jonas Vogt
12 August 2014, 8:03am

Foto: Matthias Heschl | Susanne Einzenberger

UPDATE:

Nazar hat nicht nur eine Meinung zu Religion, wie ihr unten lesen könnt, sondern auch zu HC Strache. Er hat ihn auf seinem letzten Wien-Konzert „Hurensohn“ genannt. Strache will ihn jetzt klagen. Seht euch das Video hier an.

Post by Nazar.

Nazar ist zweifelsfrei Österreichs größter Rapper. Ich habe ihn vor zwei, drei Wochen das erste Mal persönlich getroffen und ihn als klugen, nachdenklichen und verbindlichen Mann kennengelernt, der aber jederzeit weiß, wann es gut ist, mal wieder den „Kanacken" raushängen zu lassen. Er gibt auch dem 60. Interviewpartner in vier Tagen (in diesem Fall: mir) das Gefühl, dass er Spaß daran hat, mit dir zu reden. Kurzum: Nazar (zumindest der Nazar, den ich kennengelernt habe) ist ein wirklich angenehmer Kerl. Das Interview ist bald an dieser Stelle zu lesen.

Nazar ist aber nicht nur Österreichs größter Rapper, sondern auch ein verdammt politischer Mensch. Seit Jahren. Er hat sich für die SPÖ eingesetzt und gegen die FPÖ. Er hat sich mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten—sofern ihn jemand gefragt hat, was gar nicht so viele Menschen getan haben. Wer will, kann Nazars Meinung zu Favoriten, der Neuen Mittelschule, dem Deutschförderunterricht und vielem anderen zum Beispiel in einem ausführlichen Interview nachlesen, das die Kollegen von The Gap vor 2 Jahren mit ihm geführt haben.

Solange Nazar seine Meinung nur in Popkulturmagazinen kundgetan und sie Pro-SPÖ und Contra-FPÖ war, hat das eigentlich auch niemanden so richtig gestört. Naja, gut: die FPÖ halt schon.

Jetzt hat sich Nazar allerdings in einem Interview mit allgood.de einem Thema gewidmet, bei dem man (fast) nur verlieren kann. Also eigentlich drei Themen, die vermengt sogar noch eine größere Sprengkraft haben: Der Nahost-Konflikt, Religion und Rap-Promo. Einige Auszüge aus dem Interview gibt es hier, es lohnt sich aber definitiv, es sich ganz durchzulesen.

Dicker, ob du fastest oder nicht, ist mir scheißegal! Wenn du es tust, dann tust du es für dich. (...) Meiner Meinung nach sollte Religion eine Sache sein, die du nur für dich in deinem Herzen tust. Denn nur dann kann sie auch wirklich ehrlich sein. (...) Weißt du, wie oft ich mich von irgendwelchen Leuten fragen lassen muss, ob ich Moslem bin? (...) »Aber wie kannst du Moslem sein, wenn du tätowiert bist?« Dieser Satz alleine! (...) Und das wollte ich mit dieser Zeile aussagen: Dass außer meiner Mutter und meinem Bruder kein Mensch aus Fleisch und Blut überhaupt das Recht hat, mit mir über so ein Thema zu reden. Jeder von uns wird irgendwann in seinem Leben an den Punkt kommen, wo er sich für alles, was er tut, rechtfertigen muss.

Auch dieses Islam-Ding, was wegen der Palästina-Krise gerade auf Facebook so krass abgeht, ist dermaßen heuchlerisch. Ich bin 30 Jahre alt, ich bin sehr politisch interessiert, ich bin ein Kriegsflüchtlingskind, mein Vater ist im Krieg gestorben. Ich glaube, ein bisschen Ahnung davon zu haben, was im Nahen Osten und in der Weltpolitik abgeht. Aber was die ganzen Rapper da gerade auf Facebook fabrizieren, diese Welle, die sie da losgetreten haben ... Jeden Tag kam wieder einer dazu, weil er gesehen hat, dass ein anderer Rapper was gegen Israel gepostet hat – und dann muss er ganz schnell selbst etwas gegen Israel posten, sonst steht in seinen Kommentaren sofort was von »Du Heuchler, du Hund, أيها الأحمق, warum bist du nicht auch dafür?«. Dicker, was in diesem traurigen Palästina passiert, ist wie in einem Zeitraffer alle fünf Jahre das gleiche Thema. Wieso schiebt ihr plötzlich jetzt diese Filme? Das kann doch nicht mit einer ehrlichen Intention passieren, was diese Leute da machen.

Und dann noch diese brutalen Videos, wo man den Background dazu meist überhaupt nicht kennt ... Ich will jetzt aber nicht den Eindruck erwecken, dass ich es nicht gut fände, etwas gegen den Krieg zu unternehmen. Oder dass ich nicht der Ansicht wäre, dass die Palästinenser extrem unterdrückt werden. So meine ich das auf keinen Fall. Aber dass das so ist, das wissen wir. Und dass keiner von uns etwas daran ändern kann, das wissen wir auch. Auf Facebook Videos zu teilen, in denen irgendwelche israelischen Soldaten Unschuldige töten, wird niemandem etwas bringen. Das Einzige, was passiert, ist, dass man bei kleinen Kindern noch mehr Hass auf etwas schürt, wovon sie gar keine Ahnung haben. Und neben dem Palästina-Ding gibt es ja auch noch diese ISIS-Sache. (...) diese ganze Facebook-Propaganda führt dazu, dass kleine, ungebildete Idioten permanent irgendwelche komischen Dinge sehen und sich ein falsches Bild davon machen. Und sie nehmen das Thema viel zu persönlich.

Ich weiß, dass es gefährlich ist, worüber ich da rede und dass das auch scheiße für mich ausgehen kann. Aber ich finde es einfach wichtig, dass meine jungen Fans das hören. Ich bin ein Junge aus dem Iran, in Österreich aufgewachsen, ich habe meinen Glauben, bin dennoch von oben bis unten zutätowiert und offen für viele Dinge. Ich habe das Glück, dass meine Fans deswegen schon sehr offene Typen sein müssen. Ich hoffe, dass sie, indem sie sich solche Interviews durchlesen, auch mal intensiver nachdenken und sich ihr eigenes Bild machen.

Ich weiß, ich bin weder in den Konflikt, noch in Religionsdingen emotional verstrickt, aber spontan klingen diese Aussagen reflektiert, vernünftig und alle Seiten einbeziehend. Das Problem: Das sind alles Themen, bei denen manchen Menschen der Kopf hochgeht.

WER FÜHLTE SICH DAVON ANGEGRIFFEN?

Zunächst mal andere Rapper, die Nazar zwar nicht explizit angesprochen hatte, die sich aber offenbar gemeint fühlten. Farid Bang, PA Sports und Alpa Gun, SadiQ.

Aber das Internet wäre nicht das Internet, wenn nicht auch in den Kommentaren unter Nazars Postings und dem allgood.de-Artikel der Bär steppen würde.

Aber man sollte natürlich auch nicht verschweigen, dass Nazar auch eine Menge Unterstützung bekommt. Stellvertretend dafür dieses Posting:

WIE GEHT NAZAR SELBER DAMIT UM?

Wie man es von ihm erwarten würde: Offensiv, gelassen, stilvoll. Nazar ist niemand, der auf Kommentare auf seiner Facebook-Page löschen würde (was den Wermutstropfen hat, dass dort gelegentlich das Wort „Jude" als Beschimpfung auftaucht).

Ja, Wissen ist Macht. Und Meinung ist mächtig. Man muss nicht in allem mit Nazar übereinstimmen—das tue ich auch nicht. Aber Österreich kann sich glücklich schätzen, einen Rapper mit Meinung zu haben, der mittlerweile auch in der Position ist, diese äußern zu können. Und zwar nicht nur, wenn es gegen Strache geht.

Jonas versucht stets zu vermeiden, öffentlich eine Meinung zum Nahost-Konflikt zu haben. Er ist auf Twitter: @L4ndvogt

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