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KIDS N CATS haben Beinbehaarung und eine Babykatze an den Drums

Im Video zu ihrer Single „Tip Tip" geht es um Süßigkeiten, Ärsche und Schamhaar-Lollis. Wir haben nachgefragt.
28.5.14

Alle Fotos von Julian Haas.

„So this is what you get when old hipsters try to make music and a video with a 99c store budget.“ steht da als Kommentar unter dem wohl buntesten und ganz sicher liebevollst gebastelten Video des Jahres. „Das ist schon ein bisschen böse, aber auch ein bisschen wahr“, wird Jeanne später beim Fotoshoot im Park sagen. Jeanne ist eigentlich Puppenspielerin, aber nebenher auch ein Drittel der großartigen KIDS N CATS aus Wien. Die anderen zwei Drittel sind Marten und Peter Paul, die man von diversen anderen Musikprojekten kennen könnte. Die Ideen müssen schließlich alle irgendwohin. Der Humor auch. Und Humor hat die Band reichlich, im Gegensatz zum Großteil der Menschen im Internet.

Ich treffe Jeanne, Marten und Peter Paul in Martens Wohnung im 15. Bezirk, wo auch besagtes Video zu ihrer ersten Single „Tip Tip“ entstanden ist. Es gibt M&M‘s, Chips, Bier, Zitronensoda, im Bücherregal stehen noch ein paar Artefakte und bunte Überbleibsel vom Videodreh. Die Band trägt T-Shirts mit dem eigenen Konterfei, alle sind überraschend leise, beinahe schüchtern, gleichzeitig aber unfassbar herzlich und engagiert, reden bereitwillig über Körperhaare und Baby-Katzen, bauen Dia-Projektoren auf, klettern auf Sofas und Klettergerüste, kurz: Es ist die netteste Band Wiens.

Ihr seid ja ziemlich aus dem Nichts aufgetaucht. Wie lange gibt es euch denn schon in dieser Formation?

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Marten: Jeanne und ich kennen uns sogar schon seit acht, neun Jahren.

Peter Paul: Ich kenne die beiden seit etwa zwei Jahren. Kennengelernt ganz unspektakulär auf einer Party, aber gleich gemerkt, das passt.

Bisher kennt man ja vor allem euer Video „Tip Tip“, das für ziemliches Aufsehen gesorgt hat. Wie viel davon seid tatsächlich ihr und wie viel ist die Regisseurin Daliah Spiegel?

Marten: Wir sind grundsätzlich sehr offen für Einflüsse von außen. Das merkt man auch, wenn man die anderen Lieder von uns hört, dass es da in sehr viele verschiedene Richtungen gehen darf. Und auch beim Video haben wir einfach jede Idee aufgenommen. Wir haben uns mit der Daliah schon Wochen vorher zusammengesetzt und das Ganze mitkonzipiert. Wir hatten alle große Lust Verschiedenes auszuprobieren und verrückte Dinge zu machen.

Aber den Masterplan fürs Video stammt in erster Linie von Daliah?

Peter Paul: Viel von dem Video ist ja erst in der Post-Production entstanden. Aber wir waren uns schon im Klaren wohin das gehen soll. Trotzdem sieht man natürlich sofort, dass es Daliahs Arbeit und zu 100% ihr Stil ist.

Jeanne: Total. Ich hab mit ihr aber auch zu Beginn darüber gesprochen, dass es schon auch um den Text gehen soll, um Aufruhr und Aufruf, ein „Empört euch!“-Text sozusagen. Dass wir uns die Gesellschaft selbst machen. Über all diese Themen haben wir im Vorfeld viel diskutiert und vor allem auch versucht, die vielen Gender-Elemente im Video gemeinsam zu entwerfen. Die Umsetzung davon lag dann aber total bei Daliah.

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Marten: Ein Beispiel für die Gender-Motive wären die behaarten Frauenbeine im Video, die gekämmt werden, zusammen mit dem reingeschnittenen Youtube-Tutorial „Hairy Legs“. Ein weiteres Motiv „Frauen mit Bart“, auch sehr prominent momentan.

Dann werdet ihr vielleicht auch weiterhin mit ihr zusammenarbeiten?

Jeanne: Wir werden ganz sicher auch in Zukunft was zusammen machen, uns verbindet ja neben der Freundschaft auch die gemeinsamen Interessen.

Tatsächlich fanden einige von meinen Bekannten das Video ein bisschen verstörend. Und auch die Youtube-Kommentare scheinen gespalten. Mich hat das ein bisschen erstaunt angesichts dessen, was man ja sonst alles im Internet zu sehen bekommt. Euch auch?

Peter Paul: Ja, das Video war ja nicht in erster Linie provokativ gemeint.

Jeanne: Na ja, ein bisschen schon.

Peter Paul: Ich würde es jetzt nicht als ultimativ provozierend sehen. Das Süße und Bunte sollte eben durch die etwas ekligeren Dinge gebrochen werden.

Wie z.B. das Thema „Haare“. Es ist ja schon interessant, für was für eine Aufregung Haare immer sorgen können. Da fühlen sich ja ganz schnell Leute angeekelt oder angegriffen… Warum glaubt ihr ist das so?

Jeanne: Gute Frage.

Peter Paul: Also wir mögen Haare.

Jeanne: Voll. Ich habe auch gerade eine lustige Beinbehaarung.

Marten: Ich versteh das Haarthema grundsätzlich nicht. Ich hör immer, was für ein polarisierendes Thema das ist, Achselhaare, Beinhaare bei Frauen, Schamhaare…mir ist das alles eher egal. Sicher gibt es praktische Gründe, warum es manchmal besser ist, wenn irgendwo keine Haare sind.

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Jeanne: Ja, z.B. stinkt man mehr, wenn man Achselhaare hat. Das ist leider eine traurige Tatsache.

Peter Paul: Aber wir müssen jetzt nicht Conchita Wurst kommentieren, oder?

Nein. Aber das heißt, ihr verfolgt die Diskussionen rund um euer Video dann schon.

Peter Paul: Ja, das macht ja auch viel Spaß. Also ich steh auf jeden Kommentar, der disst.

Jeanne: Ja, letztendlich ist ja jeder Kommentar, der disst, auch ein Kompliment.

Marten: Es bedeutet, es berührt die Menschen.

Was macht ihr, wenn ihr gerade nicht KIDS N CATS seid?

Jeanne: Ich bin Puppenspielerin. Eigentlich hab ich Theaterwissenschaften und Übersetzen und Dolmetschen studiert und hab durch Zufall ein Praktikum bei einem Puppentheater gekriegt und dann vor zwei Jahren dort eine Ausbildung gemacht.

Marten: Ich arbeite bei departure und hab vorher BWL studiert.

Peter Paul: Ich bin Musiker und gerade in mehreren Bereichen tätig. Ich hab klassische Gitarre studiert und neben KIDS N CATS mein Soloprojekt Eoae und noch eine andere Band namens Ford Madox Ford, den Gameboy Music Club und die Musiksendung „12 Minutes Live“ auf Okto TV. Außerdem versuch ich gerade als Produzent ein bisschen Fuß zu fassen, z.B. bei A Basement In Bloom. Die haben gerade ihre erste EP fertig und sind noch ganz fresh.

Und was macht ihr, wenn ihr gerade KIDS N CATS seid? Arbeitet ihr schon an neuem Material?

Marten: Wir haben ein Album fertig in der Tasche. Produziert by Wolfgang Schlögl aka I-Wolf. Dann haben wir Remixe für andere Bands gemacht und andere Bands haben welche für uns gemacht, die auch in der nächsten Zeit veröffentlicht werden. Außerdem planen wir gerade zwei neue Musikvideos.

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Peter Paul: Drei, um genau zu sein.

Marten: Stimmt, aber das dauert dann immer länger als man möchte bis die rauskommen. Die Albumveröffentlichung ist auch noch in der strategischen Planungsphase.

Peter Paul: Was heißt, dass wir noch auf der Suche nach einem passenden Label sind, auf dem das Album erscheinen wird.

Jeanne: Ja, wir müssen noch auf die Suche gehen nach einem Label, das uns will und das wir wollen.

Peter Paul: Außerdem sind dann natürlich auch noch Live-Auftritte geplant.

Wie kann man sich eure Live-Shows denn vorstellen? Werdet ihr mit buntem Süßkram werfen, während Babykatzen auf der Bühne herumwuseln?

Marten: Auf jeden Fall. Der Drummer ist eine Babykatze.

Peter Paul: In Wirklichkeit haben wir für die Live-Umsetzung den Maximilian Atteneder als Drummer, der sonst Keyboarder bei Catastrophe & Cure ist.

Jeanne: Aber unbedingt auch ganz viele Katzen.

Marten: Ja, es steckt auf jeden Fall auch da ein Konzept dahinter. Ganz sicher mit allerhand visuellen Elementen.

Wie seid ihr zum Wolfgang Schlögl gekommen?

Jeanne: Wir haben geschaut, wen gibt es, auch in Deutschland und haben uns dann mit ein paar Leuten getroffen und geschaut, wer am besten zu uns passt.

Marten: Musikalisch, aber auch menschlich.

Peter Paul: Beim Wolfgang war dann einfach beides super.

Marten: Ja, es gab viele, die sich nur im elektronischen Bereich bewegen und andere, die nur Indie-Rockbands machen. Und der Wolfgang ist jemand an der Schnittstelle von beidem, das hat uns gefallen.

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Was ist mit dem früheren Bandprojekt passiert? Habt ihr „Friedrich & Ludwig“ begraben?

Marten: Ja, das ist so langsam ausgelaufen. Wie ein gutes Fade out.

Jeanne: Na ja, nicht ganz langsam. Ich fand es war eher ein brutales und plötzliches Ende!

Peter Paul: Ja, die Freude ist brutal ausgelaufen.

Marten: Es hat einfach nicht mehr gepasst.

Jeanne: Wir hatten ja KIDS N CATS zu dem Zeitpunkt schon. Das lief dann eine Zeit lang parallel, bis wir uns nur mehr auf KIDS N CATS konzentriert haben.

Marten: Ein Crossfade sozusagen.

Wie ist denn die Idee zu KIDS N CATS dann entstanden?

Marten: Wir hatten die Gelegenheit, in einem Studio einen Song aufzunehmen. Da haben wir dann einfach drauflos probiert und das Ergebnis erwies sich als äußerst fruchtbar. Da hatten wir dann Lust, mehr zu machen, als wir gemerkt haben, dass da ein paar ganz OKe Nummern entstehen. Das hat uns sehr motiviert, auch weil alles so schnell und auf Anhieb geklappt hat. Natürlich hat man auch von den früheren Bands seine Lehren gezogen, was die Herangehensweise betrifft. Als Band kann man ja grundsätzlich zwei Strategien verfolgen: Entweder auf einmal viel machen und z.B. gleich ein Album raushauen, oder eben Schritt für Schritt kleine Sachen machen. Bei KIDS N CATS haben wir versucht, viel für uns zu machen und dann auf einen Schlag viel preiszugeben und an die Öffentlichkeit zu bringen.

Peter Paul: Die stilistische Freiheit, die wir dadurch beim Arbeiten hatten, war natürlich auch sehr sehr angenehm für uns. Es gab von Anfang an keine fixe vorgeschriebene Sound-Vorstellung, jeder konnte mit Ideen kommen.

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Jeanne: Deshalb klingen die Lieder auch so vielfältig.

Vor die Wahl gestellt: Kinder oder Katzen?

Marten: Dazu gibt‘s eine lustige Anekdote. Als wir bei I-Wolf aufgenommen haben, liefen die ganze Zeit über seine zwei kleinen Kinder und zwei Baby-Katzen in seiner Wohnung herum. Und es war dann einfach so, dass dieser Bandname so gut zu diesem Produktionsklima gepasst hat mit den Kindern, die die Katzen auf dem Arm haben und auf den Katzen Gitarre spielen und solche Sachen. Deswegen ist die Antwort wahrscheinlich: die Kombination.

Peter Paul: Ja, wir sagen: Beides!

Jeanne: Unbedingt!

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