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Endlich habe ich KISS verstanden

Mish Way von White Lung erklärt euch, warum Kiss so großartig sind.

von Mish Way
16 Juli 2014, 9:00am

Weißt du, was ich meine, wenn ich von einem „Kiss Fan“ spreche? Ein echter Kiss-Fan ist ein Mensch, der alle Texte auswendig kann, einer, der sich seit der vierten Klasse das Gesicht wie Paul „The Starchild“ Stanley anmalt, und einer, der seine Eltern angebettelt hat, ihm Dressed To Kill zu kaufen. Ein Kiss-Fan ist ein wahrer Fanatiker—und das seit der ersten Stunde. Kiss-Fans sind auch bei Weitem nicht nur Menschen, die in den 70ern auf die Welt gekommen sind, nein, es gibt auch reichlich Kiss-Fans, die erst in den 2000ern geboren wurden.

Mein beste Freundin (und Drummerin unserer Band, White Lung) Anne-Marie hat schon oft versucht, meine Einstellung gegenüber Kiss zu ändern. Jedes Mal wenn ich sagte, dass Kiss mir einfach nicht so viel geben—oder irgendetwas in der Art—erwiderte sie nur, dass ich eine Närrin sei und begann, mir einen ellenlangen Vortrag darüber zu halten, dass die Band die beste Live-Show überhaupt abliefern würde. „Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hat eine 50 Jahre alte Frau die Beine für Paul Stanley breit gemacht und sie hatte keine Unterwäsche an“, berichtete sie mir.

In letzter Zeit gibt es in meinem Leben viel mehr „Hard Rock“. Ich glaube, das hat etwas mit meinem Freund zu tun. Der ist so ein Typ. Ich beschwere mich auch gar nicht darüber. Ich bin ja auch immer schon auf Gitarren abgefahren, aber eben eher für die der Wipers als die von Lynyrd Skynyrd.

Egal, ob du Kiss für Clowns oder Götter hältst, du musst auf jeden Fall anerkennen, was sie für einen Kult um sich herum geschaffen haben: Die Kiss Army. Die Band gibt es seit 1973 und selbst 2014 habe ich noch Sechsjährige mit bemalten Gesichtern gesehen, die bei den Shows total aus dem Häuschen waren. Kindern und Kiffern gefallen auch irgendwie die gleichen Dinge: Ordentlich Pyrotechnik, funkelnde Lichter und abgefahrene Kostüme. Ja, wer mag so etwas eigentlich nicht?

In der VH1-Dokumentation Kiss: Behind The Make-Up sagt Paul Stanley, „Wir haben sehr hart daran gearbeitet und waren sehr ehrgeizig bei dem Versuch, ganz nach oben zu kommen. Wir wollten wie die Band aussehen, die wir noch nie gesehen hatten. Wir wollten wie die Band klingen, die wir noch nie gehört hatten. Wir wollten die ultimative Kombination aller Dinge darstellen, die wir liebten.“

Bei Kiss gab es keine Apathie, nur diesen Antrieb und diese Hingabe, die ich bei heutigen Bands nicht mehr wirklich erkennen kann. Liegt das vielleicht auch einfach daran, dass Bands heutzutage nicht mehr auf die gleiche Art „nach oben“ kommen, wie noch vor fast einem halben Jahrhundert? Hat sich durch das Internet vielleicht einfach alles geändert? Wie dem auch sei, bei Kiss gibt es diese „Du bekommst das, wofür du bezahlt hast“-Attitüde. Wenn ich selber auf der Bühne stehe, denke ich mir tatsächlich oft: Gebe ich den Menschen auch wirklich das, wofür sie bezahlt haben? Es ist jetzt nicht unbedingt etwas, über das ich bewusst nachdenke, während ich singe, aber es ist definitiv in meinem Kopf, wenn ich da raus gehe und performe. Ich mache meinen Job. Es macht nicht nur mir Spaß, sondern stellt auch die Leute zufrieden, die hergekommen sind, um sich das Konzert anzuschauen. Das ist Performance. Warum haben nur so viele Menschen diesen unverzichtbaren Austausch vergessen?

Def Leppard beenden gerade ihren Auftritt und ich nähere mich dem Boden meines gigantischen Plastikbechers mit Whiskey-Cola. Das Forum wimmelt nur so vor Mitgliedern der Kiss Army. Unglaublich viele Frauen haben sich mit Selbstbräuner und Kiss-Minikleidchen zurechtgemacht. Ich liebe ihre blondierten Haare. Eine Frau mit Extensions wie magisches Pony-Stroh, die mir in der Toilette über den Weg läuft, beeindruckt mich besonders. Ihre Brüste könnten Schiffbrüchige retten.

Die Sache mit großen Rockshows ist, dass sie auch wirklich große Rockshows sein müssen. Mein Leben lang gehe ich schon auf Konzerte, aber normale Konzerte sind etwas total anderes. Wenn du Kohle hast, kannst du abgefahrenen Scheiß machen und das solltest du dann auch. Kiss waren immer schon gut im theatralischem Auftreten: Simmons Zunge allein ist eine Show für sich. Flammen, die aus Gitarren schießen, Lichter, Hebebühnen, das sind doch die Sachen, die du sehen willst. Außerdem muss man einfach, wenn man in gigantischen Arenen und Stadien spielt, große, ausladende Gesten machen, damit auch die armen Menschen in den hinteren Reihen (ich) mitbekommen, was auf der Bühne vor sich geht.

Kiss legen los und die Menge rastet aus. Wie muss es sich anfühlen, für fast ein halbes Jahrhundert solche Shows zu spielen? Ich kann es mir nicht mal ansatzweise vorstellen. Es ist einfach unbegreiflich. Die andere geniale Sache an Kiss? Das Make-Up: Sie können dank ihrer Gesichtsbemalung auch heute noch genau so aussehen wie damals, als sie in ihren 20ern waren. Sie werden optisch nie alt und müde erscheinen—ein wahrer Geniestreich. Ich frage mich, ob sie das von vornherein so geplant hatten? Als sie in den 80ern in femininere Soft-Glam-Gefilde abdrifteten und ohne Make-Up auftraten, sah es für die Band nicht so gut aus, oder? Sie brauchen das Make-Up einfach.

Paul Stanley und Gene Simmons (die einzigen beiden Gründungsmitglieder, die bis heute durchgehend in der Band waren) sind totale und wahrhaftige Freaks. Stanleys Stimme ist hoch und sehr eigen. Er spricht zu der Menge wie ein wahrer Showman. Er gibt damit an, dass sie in der Rock’n’Roll of Fame sind, reißt einen Witz über Rage Against The Machine und fliegt dann über die Menschenmenge hinweg, um auf einer Plattform in der Mitte der Arena zu landen. Kiss sind 100% Angeberei. Es ist einfach nur fantastisch. Simmons begibt sich auf eine gigantische, elektronische Spinne und für die gefühlten nächsten zehn Minuten läuft ihm Blut aus dem Mund, während er auf seinem Bass rumklimpert und seine Zunge baumeln lässt. „Es gibt keine Regeln“, sagte Gene Simmons 2001. „Natürlich verkaufen wir uns. Jede Nacht, die wir spielen, verkaufen wir uns.“

Mein Freund baut einen Joint und wir werden ziemlich breit. Er bietet ihn unseren ganzen Freunden an und dann reiche ich ihn an das Paar neben uns weiter, das alterstechnisch in den 50ern sein dürfte. Die Frau, die eine Farrah Fawcett Frisur hat und eine rote, hochgeschnittene Hose sowie ein Neckholder-Bustier trägt, schüttelt erst verneinend mit dem Kopf, zuckt dann kurz mit den Schultern und nimmt den Joint.

„Weißt du was?“, schreit sie mir ins Ohr. „Ich habe Kiss hier in der Halle gesehen, als ich in der dritten Klasse war. Ich bin von dem ganzen Gras hier schon passiv breit, also dachte ich mir nur, was soll’s?“ Sie nimmt ein paar Züge und singt weiter jedes Wort mit. Ich bin tierisch bekifft und kann nicht viel mehr machen, als sie anzulächeln.

„Diese Jeans sind 30 Jahre alt!“, klärt sie mich auf, „30 Jahre alt!“

Sie sieht gut aus. Sie sieht aus, als wäre es 1976. Sie hat Spaß, als wäre es 1976.

Das ist nämlich genau das Ding: Eine Rockshow sollte in dir Begeisterung entfachen. Sie sollte dich total erfüllt unterhalten und geplättet zurücklassen. Manchmal denke ich zurück an die verschiedenen Phasen der Rockmusik und wie die jeweils populären Drogen der jeweiligen Zeit den Klang der Musik beeinflussten: Die70er waren total vertrippt, theatralisch und auf die beste erdenkliche Art albern: unglaubliche Riffs und ausgefallene Klamotten. Die 80er waren geprägt von gutem Koks, alle waren aufgeputscht und fertig zur gleichen Zeit. Man zeigte so viel Haut wie möglich, während man die Geschlechterrollen auslotete. Die 90er? Komplett breit, abgestumpft und apathisch.

Am Ende der Show gab Stanley bekannt, dass sie, anstatt von der Bühne zu gehen, die Menge noch mehr schreien zu lassen und dann für eine Zugabe wieder einzutrudeln, einfach direkt drei Songs mehr spielen würden, weil er eh schon wüsste, dass wir das wollen. Er hatte so was von recht. Wenn du schon so lange dabei bist wie Kiss (und das, abgesehen von leichten Kurven, überaus erfolgreich), kannst du so etwas sagen und dafür nichts als frenetischen Applaus ernten.

Nach dem Konzert fahre ich bekifft und glücklich nach Hause. Kiss haben mich einmal um 180 Grad gedreht. Ich war endlich konvertiert.

Das heißt allerdings nicht, dass du Mish Way irgendwann in naher Zukunft in einem Kiss-Minikleidchen sehen wirst. Sie ist bei Twitter—@myszkaway

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