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Interviews

Anika liebt es, Fehler zu machen

Und wir hören ihr gerne dabei zu. Aber noch lieber unterhalten wir uns mit dem Kritikerliebling.

von Toni Lukic
07 März 2013, 2:00pm

Als wir uns endlich treffen, wirkt sie etwas durcheinander, die gute Anika. Die Hausnummer verplant... Böse dafür kann man ihr nicht sein, dafür wirkt sie auf Anhieb viel zu sympathisch. Aber die Verdattertheit scheint chronischer Art zu sein, wenn man Anikas bisherigen Lebensweg betrachtet. Die Deutschbritin arbeitete zunächst als politische Journalistin in Cardiff und steckte knietief in der örtlichen Musikszene — allerdings hinter der Bühne, als Promoterin, Bookerin, DJane. Doch im Privaten sang und schrieb Anika selbst ein paar Zeilen und wie die Legende besagt, kam irgendwann ein Anruf aus Bristol von einem Typen, der noch eine Sängerin für seine Band Beak> suchte. Dass die Stimme am Telefon von Geoff Barrow kam, dem musikalischen Mastermind hinter Portishead, wurde Anika erst später bewusst. Weil aber Anikas befremdliche und gleichzeitig hinreißende Stimme so in den Vordergrund preschte, beschloss man kurzerhand ein Soloprojekt für sie zu starten.

Herausgekommen ist das gleichnamige von Kritikern gelobte Soloalbum, dass hauptsächlich Coverversionen von Yoko Ono, Bob Dylan oder Ray Davies beinhaltet. Die Vehemenz, mit der Anika sich diese Songs zu eigen machte, lässt uns fasziniert und ehrfürchtig zurück. Wir haben uns mit Anika über das britische Schulsystem und die Kunst des Coverns unterhalten.

Noisey: Du hast als politische Journalistin gearbeitet. Was genau war dein Themengebiet?
Anika
: Ich habe viel über Bildungspolitik geschrieben. Ich bin in England zur Uni gegangen und hatte viel Schwierigkeiten damit.

Was hat dich an dem britischen Bildungssystem so gestört?
Das ist sehr komplex, ich sollte nicht so tief in die Marterie gehen. Es gibt einfach viele Fehler in dem System, und ich habe das Gefühl, dass meine Generation so ein bisschen die verlorene Generation ist. Viele meiner Freunde sind arbeitslos. Das hat mich wütend gemacht und dazu gedrängt, darüber zu schreiben.

Ist dieses Label „politische Journalistin“ ein Vorteil für dich?
Nein, eigentlich nicht. Als ich mit Musik begann, habe ich mich nicht als Musikerin gesehen. Wenn ich nach Amerika geflogen bin und ich am Flughafen gefragt wurde, was ich arbeite, habe ich nicht „Musikerin“, sondern „politische Journalistin“ gesagt, was im Nachhinein blödsinnig war, weil sie dann immer dein Gepäck durchsuchen. Aber ich arbeite ja nicht mehr in dem Gebiet.

Ist deine Musik denn politisch? Oder gehen die Leute nur davon aus, weil du in dem Gebiet gearbeitet hast?
Das war einer der Gründe, warum ich mich für die Musik entschieden habe. Als Musikerin habe ich eine größere Plattform, politisch zu sein. Ich kann so mehr Menschen erreichen. Zwar gebe ich keine Botschaft, doch ich hinterfrage Dinge. Was mich an der Musikszene in England verwundert hat, ist die Tatsache, dass es keinen Platz für Politik gibt, während so viel Scheiß im Land passiert. Warum kann Musik nicht genutzt werden, um diese Dinge anzusprechen?

Musik wird in der Regel genutzt, um der Realität zu entfliehen.
Und das ist das Schöne bei Musik, aber es sollte nicht nur dazu dienen. Mit Musik kann man viel experimentieren, aber die Leute haben Angst davor, wie es vom Publikum angenommen wird.

Du hast lange Zeit hinter den Kulissen der Musikindustrie gearbeitet. Wie bist du dazu gekommen, selbst zu singen und Songs zu schreiben?
In Cardiff habe ich als Promoterin gearbeitet, habe Abends die Shows organisiert und war nachts DJ. Wenn ich nach so viel Stunden Arbeit nach Hause ging, konnte ich nicht schlafen und habe dann selbst was geschrieben. Die Texte waren aber eher lyrisch. Als ich Beak> getroffen habe, habe ich meine Gedichte benutzt um die Songs aufzunehmen.

Wie bist du denn mit Beak> in Kontakt gekommen?
Es war Zufall. Über eine Freundin von mir aus Bristol habe ich einen Anruf von einem Typen bekommen, der wusste, dass ich selbst Texte schreibe und singe. Er wollte sich mit mir treffen, zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade meinen Job hingeschmissen, war wütend auf die Welt und hatte nichts zu verlieren. Wir haben uns in seinem Studio getroffen und er hat mir erzählt, dass er diese Band Beak> gegründet hat. Dann haben wir zusammen gejamt und er meinte, dass ich nächste Woche wiederkommen sollte.

Und du wusstest nicht, dass der Typ Geoff Barrow von Portishead war?
Nein, nachdem wir drei Sessions gemacht hatten, habe ich Beak> erst bei Myspace gefunden und erkannt, dass es Geoff Barrow ist.

Er hat nie Portishead erwähnt?
Nein, so ist er nicht. Geoff ist einer der bescheidensten Menschen, die ich kenne. Bei ihm geht es nicht um Namen oder derartiges, deswegen arbeite ich so gerne mit ihm zusammen.

Wie ist das Soloprojekt „Anika“ entstanden?
Anfangs sollte ich nur die Vocals zu den Beak>-Tracks einsingen, aber meine Stimme war etwas anders als ich sie erwartet hatten. Sie hat viel mehr Raum eingenommen, weswegen sie vorgeschlagen haben, dass wir daraus ein Soloprojekt machen sollten. Dann habe ich in Berlin einen Job als Journalistin angenommen und habe dieses Projekt etwas beiseite geschoben. Doch Geoff schickte mir ein Artwork mit einem Bild von meiner Facebookseite und meinte, dass wir die Songs als Soloprojekt „Anika“ releasen sollen. Und ich habe zugestimmt.

Auf dem Album sind hauptsächlich Coversongs. Was war die Intention dahinter?
Es war der schnellste Weg Songs aufzunehmen. Wir haben Songs auf Youtube gesucht, die ich auf meine eigene Art und Weise interpretieren würde. Als wir „Yang Yang“ aufgenommen haben, hatte ich keine Ahnung von Yoko Onos Musik. Seitdem sammle ich ihre Platten, und ich halte sie für eine großartige Musikerin.

Jeder kann einen Song covern. Aber wie macht man es gut?
Ich habe verdrängt, wer es war, aber eine Gruppe von Dichtern hat mal gesagt, dass man immer von der Vergangenheit borgen soll und es in der Gegenwart neu interpretieren soll. Wir haben uns einen Song ein einziges Mal angehört, dann habe ich die Lyrics ausgedruckt und wir haben es einfach nach Instinkt aufgenommen. Das ging sehr schnell, das mag ich daran.

Viele Musiker haben einen sehr perfektionistischen Ansatz bei ihrer Musik.
Wenn ich einen Song eingesungen habe, kann ich ihn mir nicht noch Mal anhören. Ich lege viel Wert auf die Grundlagen eines Songs, aber wenn es ums Aufnehmen geht, dann will ich schnell damit durch sein. Wenn man die Fehler drin lässt und nichts poliert, das lässt einen viel echter und verletzlicher wirken. Das mag ich.

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