FYI.

This story is over 5 years old.

Features

Matthew Dear im Interview über sein neues Album „Beams“

Der Rhythmusfanatiker über den optimistischen Bruder des düsteren Vorgängeralbums und seine Liveperformance.
30.6.12

Der überaus produktive Matthew Dear, der unter einer Reihe von Pseudonymen ein paar der besten Tracks der letzten zehn Jahre produziert hat, kehrt mit seinem neuen Album Beams zurück ins Rampenlicht. Beams erscheint Ende August auf seinem eigenen Label Ghostly International. Matthew schafft es immer, mit seinen Track zu bewegen – im Wort- wie im übertragenen Sinn. Das gilt auch für sein neues Album, vollgestopft mit funkigen, intelligenten, deepen Dancetracks. Matthews Produktionen fordern den Hörer heraus, sie sind immer anspruchsvoll und doch unter der Oberfläche auch immer ein wenig schmutzig. So wie guter Sex. Matthew Dear hat eine fast beispiellose Macht über Rhythmus und Beats, seine Stimme ist schlicht verlockend. Beams ist das perfekte Album, um lange Sommernächte durchzutanzen.

Anzeige

Das Video zur ersten Single „Her Fantasy“ feierte bereits am 2. Juli hier bei Noisey Premiere.

Wenn man sich Beams anhört, klingt es vom ersten Moment an sehr viel leichter als Black City – schon der Name beschwört ein ganz anderes Bild. Sahst du dich gezwungen, einen helleren Ort zu erreichen?
Es wäre einfach zu sagen, dass Beams der optimistische Bruder vom letzten Album ist, auch wenn das auf eine bestimmte Art zutrifft. Meine letzte LP Black City – wenn man über ein Album sprechen muss, dann musst du Aufmerksamkeit dafür schaffen und es verkaufen, völlig egal, ob es jetzt mein eigenes Album ist oder ein anderes von meinem Label. Am Ende erzählst du immer Geschichten über die Songs und was sie für dich bedeuteten als du sie geschrieben hast. Black City steht für die Zeit als ich gerade nach New York gezogen bin, nach einer extrem langen Zeit auf Tournee und auf der Straße über einen Zeitraum von vielleicht zehn Jahren. Das war eine sehr intensive Zeit in meinem Leben und ich habe vieles in meinen Songs verarbeitet, Gutes und Schlechtes und ich denke Beams ist definitiv der Schacht, der aus dieser Verrücktheit hinausführt, deswegen gibt es darauf sehr viel mehr Übersichtlichkeit und Entschlusskraft. Entschlusskraft inmitten von Verrücktheit, würde ich sagen.

Wie fängst du an, einen neuen Song zu schreiben? Beginnst du mit Beats oder Melodien?
Normalerweise fange ich mit der Instrumentierung oder dem Rhythmus an. Das ist eine großer Teil in der Dancemusic, aus der ich komme, oft tendiere ich dazu, eigenartige, kleine Loops zu bauen und dann einfach zu sehen, wohin der Tag mich führt. Manchmal versuche ich, einen bestimmten Style zu erreichen oder einen Synthesizer-Sound zu bekommen, der mir automatisch den nächsten Schritt zeigt. Ich setze einen Baustein auf den anderen. Ich bin nicht so ein Musiker, der einen Song auf der Basis einer einzigen Melodie aufbaut. Bei mir kommt normalerweise die Melodie erst sehr spät in diesem Prozess.

Anzeige

Hast du auf diesem Album anders gearbeitet als zuletzt?
Ich habe alles in meinem Home-Studio aufgenommen und habe, wie sonst auch, alles allein gemacht. Aber dieses Album habe ich erstmals in ein großes Mixing-Studio gebracht, die Rare Book Studios in Brooklyn. Dort habe ich erstmal alles wieder auseinandergenommen, die Tracks durch ein großes Mischpult geschickt, dabei die Sounds und Frequenzen neu übersetzt und alles genauer und enger auf die Songs geschnitten. Dabei entstanden auch noch ein paar neue Dinge, zum Beispiel Synthesizerparts.

Wenn du neue Stücke schreibst, denkst du schon daran, wie du Einfluss darauf nehmen kannst, wie die Leute die Songs hören werden oder schreibst in erster Linie um zu experimentieren? Denkst du darüber nach, wie die Songs lebendig werden können?
Wenn ich im Studio bin, geht es hauptsächlich im mich selbst und darum, wie ich mich an dem Tag fühle. Aber ich mache das gleichzeitig auch für die Leute, die mein Album zuhause in einer eher leisen Atmosphäre hören. Die Songs sind eher vertraulich und wenn ich dann auf Tournee gehe, wird es auf eine Art ein völlig anderes Erlebnis.

Ich habe es schon oft erlebt, dass Leute nach einem Konzert zu mir kommen und sagen, dass sie viele Lieder nicht erkannt haben, bis sie einen bestimmten Teil der Lyrics erkannten, also ja, live zu spielen ist eine völlig andere Sache. Das war es am Anfang noch nicht, aber wenn man all diese Musiker dabei hat, live Drums, live Trompeter – das gibt es auf dem Album alles nicht. Das ändert die ganze Sache auf eine sehr gute Art.

Anzeige

Ich könnte stattdessen auch genau das abspielen, was ich auf dem Album mache, mich mit ein paar Samples auf die Bühne stellen, leise singen und versuchen, es genau so klingen zu lassen, wie auf dem Album. Aber ich finde, die Leute haben ein bisschen mehr verdient. Mich reizt dieses Nebeneinander von dem, was die Leute auf dem Album hören und dem, was sie live erleben. Man kann den Leuten einfach ein bisschen mehr geben, was sie mit nach Hause nehmen.

Ich könnte auch nicht glücklicher mit meiner neuen Band sein und der Art, wie sich gerade alles entwickelt. Wir haben jetzt ein fünftes Mitglied für Percussions, das hat auf eine Art das gesamte Niveau gehoben. Bei uns läuft es grad einfach super.

Hast du die Hoffnung, dass das Album eine größeres Publikum erreichen könnte? Und vielleicht sogar in den Mainstream hineinreicht?
Die einfache Antwort darauf ist, dass ich überhaupt kein Problem damit habe, mehr und mehr Leute zu erreichen. Das finde ich absolut okay. Was es dafür braucht, weiß ich allerdings nicht. Es gibt Tonnen von Künstlern, die aus dem Nichts kommen und plötzlich einen Tournee-Vertrag über hunderttausend Dollar unterschreiben. Die spielen dann zwei Jahre wie verrückt Konzerte und dann sind sie auf einer bestimmten Ebene angekommen. Bei mir war das anders, ich habe immer nur das gemacht, was ich mache und gehofft, dass ein paar Leute vorbeikommen. Ich komme mit der Geschwindigkeit klar, in der meine Karriere verläuft. Ich bin hier, um Musik zu machen und mit sehr kreativen Leuten zu arbeiten und sehr kreative Leute kennenzulernen. Ich bin wirklich glücklich damit, wie es bisher gelaufen ist und ich hoffe, dass es einfach so bleibt, wie es ist.

Anzeige

Hast du das Gefühl, dass neue Software und Werkzeuge zu mehr Kreativität führen? Oder werden sich die Leute dadurch stilistisch eher ähnlicher? Welchen Rat würdest du neuen Produzenten und DJs geben?
Es gibt heutzutage so viel, was wir machen können, was früher sehr schwierig war. Damals hatten die Leute eine Menge Spaß dabei, herauszufinden, wie man solche bestimmten Sound hinbekommt. Heute liegt alles offen vor uns auf diesen eleganten, kleinen Spurstreifen in der Software, damit wurde der Kreativität eine Menge Spaß genommen. Wenn du Künstler bist, solltest du keine Angst davor haben, ein Rätsel zu erschaffen. Spiel dir selbst einen Trick und mach es dir so schwer, wie möglich. Versuch wirklich komische Wege zu entdecken, Dinge anzugehen.

Wenn du dich daran hältst, wirst du deinen eigenen Sound entwickeln und das ist das Allerwichtigste. Du musst eine eigene Sicht entwickeln, weil es da draußen so viele Menschen gibt, die das gleiche machen. Das ist eine großartige Sache.

Kreativität ist momentan einfach nur verrückt, in allen künstlerischen Formen. Es gibt so viele Möglichkeiten für wenig Geld, aber das macht es halt auch einfach, dasselbe zu tun, wie alle anderen, weil man auch dieselben Werkzeuge dafür benutzt.

Es wird allerdings immer Genies geben, die alles überstrahlen, die komplett ihren eigenen Weg verfolgen. Solche Leute wird es immer geben und ich bin total glücklich darüber, dass es solche Leute immer geben wird.

@suzeolbrich