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Wir haben uns mit Matanza Zaubertränke und Vegiburger reingeschmissen

Die nachgeborenen Mapuche-Indianer tragen ihre Tradition in den Tribal-Tech-House.

von Philippe Stalder und Fotos: Thomas Gibbons
13 August 2014, 1:03pm

Es war ein äusserst erfreuliches Wiedersehen, als die charmanten Schlitzohren von Matanza unseren Fotografen Tom a.k.a. Gibby Luv und mich in der Geroldsküche vor ihrem Konzert am Samstagabend im Hive empfingen. Zwei Jahre ist es her, seit Matanza das letzte Mal in Zürich waren und wir alle eine kurze, aber intensive Exkursion ins Reich der toten Anden-Indianer am spirituellen Rande unserer Galaxie unternahmen.

Es war der Vorabend meines Geburtstages und jemand mixte uns zur Feier des Tages einen kristallinen Zaubertrank, der verloren geglaubte Superkräfte in uns mobilisierte. Nachdem ich auf Gibby Luvs Schultern durch das halbe Hive gehopst war, hatten wir mit den Jungs von Matanza erleuchtende Gespräche über Neoimperialismus, Karma und Liebe, die am nächsten Tag leider nicht mal mehr halb so viel Sinn ergaben. Zumindest die Ideen glühten noch etwas in den Kater hinein.

Seither haben die Zeremonienmeister Vicho, Spec und Loli weiter an ihrem Tribal-Tech-House (so wird diese Musik tatsächlich genannt) rumgebastelt und vor einem immer grösser werdenden Publikum in Südamerika und Europa zelebrieren können.

Ihre diesjährige TATA INTI-Tour führte sie auch wieder ins Hive. Die Einladung von Tourmanager Anton schlugen Tom und ich in guter Erinnerung an das letzte Treffen natürlich nicht aus. Hier ist das nüchternere Interview:

VICE: Ihr wart in den letzten zwei Jahren oft unterwegs. Wie habt ihr euch die Zeit unterwegs totgeschlagen?
Spec:Während unseren Reisen haben wir viele Musikerkollegen kennengelernt. Durch den Kontakt mit ihnen stiessen wir auf neue Musik. Wir waren auf Tour eigentlich ständig auf der Suche nach Samples, die wir für neue Tracks verwerten können. Zudem hat sich Spec noch ein paar neue analoge Tools für die Live Shows zugetan.

DJ Specs Augen leuchten beim Begriff ‚neue Tools' wie eine Discokugel.

Was zeichnet eure Musik aus und wieso kommt sie in Europa so gut an?
Unsere Musik vereint ekstatischen Tech-House mit Mapuche-Folklore. Da die Mapuche-Indianer einzig Pachamama (Mutter Erde) und keine anderen Götter fürchten, waren sie eines der einzigen indigenen Völker Südamerikas, welches die eindringenden Spanier nicht für Götter hielten und sich darum auch nicht unterwarfen.

Viel mehr hielten sie die Spanier mit Guerillataktik Jahrzehnte lang mit Speeren und Trittfallen in Schach. Unsere Musik macht mit der Musikindustrie im Grunde dasselbe: Wir verkaufen keine Tonträger, sondern bieten sie im Internet gratis zum Download an. Wir konzipieren unsere Musik so wie wir es für richtig halten und nicht wie es Markttrends vorgeben. Ich denke gerade diese Kompromisslosigkeit kommt in Europa momentan gut an. Zudem gibt es keine anderen Bands hier, die mit Panflöten zu Tech-House-Beats spielen. Wir sind die einzigen unserer Art.

Welchen Bezug habt ihr persönlich zu den Mapuche?
Wir stammen allesamt von den Mapuche ab, unsere Eltern haben uns früher sogar noch zu Ritualen mitgenommen. Dadurch können wir uns auch heute noch mit deren Weltanschauung identifizieren; alles Leben ist miteinander verknüpft, alles ist eins. Wir glauben zudem nicht, dass der Kapitalismus die Menschen weiterbringt. Wir respektieren nicht das Geld, sondern die Menschen und die Natur und gehen deshalb sorgfältig mit allen Ressourcen um.

Welchen Ratschlag habt ihr für westliche Individualisten?
Versucht nicht als Individuen, sondern als Gemeinschaft grösser zu werden!

Wie steht es mit dem Mapuche-Bewusstsein in der chilenischen Zivilgesellschaft?
Vielen Chilenen fehlt dieses Bewusstsein leider. Nach der Pinochet-Diktatur hatten viele von ihnen Angst. Sie stellten den wirtschaftlichen über den sozialen Fortschritt, orientierten sich an den USA und vergassen die Werte der Mapuche. Die Leute kümmern sich lieber um sich selbst und um ihr Geld, anstatt um ihre Nächsten und um die Natur.

Wie kümmert ihr euch denn um die Natur?
Durch einen nachhaltigen Umgang mit ihren Ressourcen, z.B. beim Essen. Wir lieben alle Tiere und versuchen deswegen so wenig Fleisch wie möglich zu konsumieren. Da aber das Fleisch in Chile einfach zu gut schmeckt, schaffen wir es leider nicht ganz vegetarisch zu leben. (lacht)

Was ist euer Spezialgericht?
Jeder hat da so seine persönliche Spezialität. Vicho steht voll auf Meeresfrüchte, er macht das beste Ceviche. Spec ist für die italienischen Gerichte zuständig. Seine Gnocchi sind unschlagbar! Und Loli ist für die vegetarischen Speisen und Salate zuständig.

Könnt ihr das auch beweisen?
Na klar, da hinten brutzelt ja bereits der Grill, worauf hast du Lust?

Hmm.. auf einen Vegi-Burger, in Anlehnung an einen bewussten Umgang mit Ressourchen.
Die Fake-Fleisch-Pilze, die im Volksmund Vegiburger heissen, haben es mir tatsächlich angetan. Die edle Kost der Geroldsküche füllte unsere Mägen mit einem soliden kulinarischen Fundament, das uns ermöglichte noch bis tief in die Nacht zu Matanzas Klängen im Hive abzugehen.
Oder wie es Spec gesagt hat: „Cooking food is a very latin way to express love." Indianerehrenwort!

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