Skurrile Rituale, die vor einer Show passieren

Oft fragen wir uns, was manche Bands vor einer Show alles abziehen, bevor sie auf die Bühne laufen. Wir zeigen euch ein paar skurrile Rituale.

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15 September 2015, 10:58am

Wir alle kommen mit den Qualen des Alltags unterschiedlich zurecht. Zu den schrecklichsten Momenten gehört beispielsweise, wenn dich der Wecker aus deinem wohlverdienten Schlaf reißt und du dich der Realität stellen musst. Aber das ist nun mal so, denn Schule, Uni oder Arbeit zwingen uns, unseren Verpflichtungen ausnahmslos nachzugehen. Damit muss jeder fertig werden. Viele haben für den Antritt dieses Abschnitts auch ein Ritual, dass sie vorher durchführen müssen: Sei es die Zigarette zum Kaffee, der Social Medial-Check in der U-Bahn oder sogar Sport. All diese Rituale bereiten uns mental auf unsere Pflichten vor oder lassen uns zumindest noch ein letztes Mal abschalten. Das ist bei Musikern vor einem Gig nicht anders. Was jedoch anders ist, ist die starke Hürde vor Publikum zu spielen: Sie ist quasi der ultimative Comfort Zone-Killer, der dir mental worst case-Szenarios in den Kopf jagt und unbeschreiblich viel Druck und Nervosität auslöst. Manche Künstler brauchen bestimmte Rituale, um sich in ihr Alter Ego zu verwandeln, andere, um generell ihre stage fright zu umgehen. In vielen Fällen kommen die letzten Minuten einem heiligen Moment gleich, der die Verbindung zwischen Normalität und künstlerischer Freiheit herstellt. Es wird meditiert, gebetet, gesoffen und geraucht – was auch immer hilft, die letzten qualvollen Minuten vor Show zu durchstehen.

Hier ein kleiner Überblick über Rituale einiger Bands, die du wahrscheinlich kennst.

Slipknot

Die Live Shows von Slipknot zählen bis heute zu meinen intensivsten Konzerterlebnissen. Vehementes Headbangen, Schweißgestank und ein Haufen Ohrfeigen von herumschwirrenden Haaren. Diese Typen pflegen einen intensiven Kontakt mit dem Publikum: Bei ihrer Show beim Aerodome 2004 sprang Chris Fehn (der böse Pinocchio) in die Menge und prügelte sich mit seinen Fans. Auch ich kassierte Schläge und teilte ebenfalls aus, das gehört zu einem Slipknot-Konzert einfach dazu. Man könnte sich doch denken, dass derartige Gefühlsexplosionen eine Art Warm-Up vor der Stage erfordern, quasi etwas, was den Verrücktheits-Pegel anhebt. Sänger Corey Taylor gestand bei einem Interview, dass genau das der Fall war. Es war ihm sogar etwas peinlich, als er von den absurden Slipknot-Ritualen erzählte.

"Wir hielten eine tote Krähe in einem Gefäß. Clown ließ sie dort sehr lange verwesen. Vor den Shows öffneten wir das Gefäß und atmeten den Gestank tief ein. Daraufhin wurde uns sofort schlecht und wir kotzten uns gegenseitig an. Sid und Clown schlugen sich ins Gesicht, auch ich und Clown taten das. Dann haben wir uns zehn Red Bulls auf einmal reingezogen… Wir waren danach bereit für alles, die Welt gehörte uns. Ich habe keine Ahnung wie wir das überlebt haben."

Foo Fighters

Dave Grohl und der Rest der Foo Fighters ziehen sich eine Stunde lang Musik rein, bevor sie auf die Stage laufen. Die Auswahl der Songs ändert sich im Laufe ihres Tour-Lebens ständig. Zuerst war es ein Death Metal-Zugedröhne, das alle Typen den nötigen Push geben sollte. Später folgte der Wunsch nach eingängigeren Disco-Beats. Es werden auch immer Jägermeister-Shots nachgekippt. Bei einem Interview sagt Grohl: "Manche Bands beten zu Gott damit sie die beste Show geben können. Andere Bands fromen einen Kreis wie beim Rugby und schreien 'Go team!'. Wir hören Michael Jacksons Off The Wall und trinken Jäger-Bombs, die Dave Lee Roth-Saft sind. Wenn du wie Dave Lee Roth auf der Bühne sein willst, braucht du mindestens vier davon." Danke Dave, jetzt wissen wir, wie man das macht.

NIN

Es ist nichts Neues, dass Alkohol die Affinität zur Gewalt steigert. Trent Reznor durchlebte Mitte der 90er Jahre eine extreme Drogenphase, die man anhand seiner intensiven Live-Auftritte mit Nine Inch Nails unschwer erkennen konnte. Die Gigs endeten mit Selbstverstümmelung und einer Menge kaputter Instrumente. Trent erklärte, dass vor der Show immer ziemlich viel Tequila gesoffen wurde. Das gab allen den nötigen Kick und die spürbare Aggression. Heute ist das natürlich anders – Trent ist schon lange clean und die heutigen Shows sind völlig anders als früher – dennoch spielen Rituale vor einer NIN-Show nachwievor eine wichtige Rolle. Was auch immer hinter diesen Vorhang passiert, hat wohl nichts mehr mit den Tequila-Exzessen der 90er zu tun.

Limp Bizkit

Laut Fred Durst behauptet haben auch Limp Bizkit verschiedene Rituale vor einer Show. Neben Gebeten und Gruppenkuscheln wird kurioserweise die Setlist auch kurz vor der Show bestimmt. Nur 15 Minuten bevor das Konzert anfängt, entscheidet die Band spontan welche Songs sie runterspielen wollen. Das macht jeden Auftritt unique. Außerdem werden immer vor den Gigs neue Songs geschrieben, von denen es einige auf ihren neuesten Realse Golden Cobra schafften. Es ist beachtlich, dass in so spannenden Momenten Songwriting überhaupt in Frage kommt.

Alice Cooper

Vincent Damon Furnier ist nicht Alice Cooper, bevor er nicht die Stage betritt. Er ist es auch nicht, bevor nicht das Opening-Tape von Vincent Price vor der Show abgespielt wird. Wenn der Vorhang fällt ändert sich aber alles: Seine Stimme, die Körperhaltung und sein Humor erleben eine komplette Transformation. Bevor Alice die Bühne aber überhaupt betreten kann, zieht er sich noch ziemlich miese Kung Fu-Filme rein, wirft asiatische Kampfmesser auf eine Zielscheibe und stopft sich mit lautem Süßkram voll. Am liebsten hat er Skittles. Das alles passiert meistens 90 Minuten vor der Show. Er kann sich dieses Ritual selbst nicht ganz erklären, für ihn ist es halt Tradition.

Wie bescheuert oder schräg manche Rituale auch klingen mögen, sie sind eine unwegdenkbare Vorbereitung auf viele Ereignisse und bewirken entweder einen Ausgleich oder eine Transformation mit dem Inneren. Viele von diesen werden sogar mit Aberglaube in Verbindung gebracht. Das ist nicht wunderlich, denn in vielen Notsituationen greift der Mensch auf etwas Unbeschreibliches zurück, vielleicht schon nach etwas, das wenig mit der Realität zu tun hat. Manche beginnen zu beten, obwohl sie nicht gläubig sind, wiederum sind Rituale für andere bloß eine Art Gewohnheitsreflex über die sie gar keine Gedanken verschwenden. Es ist erstaunlich was der Mensch braucht, was er durchleben und besitzen muss, um sich so gut es geht seinen Hürden zu stellen, sei es im Alltag oder auf einer Bühne vor tobendem Publikum.

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