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Thump

Warum der Internet-Hass gegen Ricardo Villalobos albern ist

Villalobos „FAIL" in Kroatien war eigentlich eher ein FAIL des Publikums.
8.10.15

Das Videos trug den Titel „Ricardo Villalobos FAIL closing Sonus Festival 2015". Ich habe nicht danach gesucht. Es ist einfach irgendwann in den Empfehlungen bei Youtube aufgetaucht, als ich versucht habe, mir Surgeons brillantes, komplett analoges Set beim Dekmantel Festival anzusehen. Warum Google es für nötig erachtet hat, nach diesem ziemlich großartigen Set eines vorzuschlagen, was als FAIL bezeichnet wird, kann nur der Algorithmus beantworten, aber ich konnte nicht widerstehen. Ich habe Play gedrückt und mir angesehen, wie der DJ mit dem bekannten Hang zum Abseitigen sein morgendliches Set beim kroatischen Festival mit einem fantastischen Gypsy-Folk-Stück des sogenannten „König der Roma-Musik", dem Serben Saban Bajramovic, ausklingen lassen hat. Dabei hat eine melancholische Geige die Stimmung für den klagenden Gesang des Sängers geschaffen und die Festivalgäste sind dazu sanft hin und her geschwankt, um etwas runterzukommen.

Offensichtlich war aber nicht jeder von diesem sanften Stück ohne Beats und Drops begeistert; du kannst das Zähneknirschen des Publikums über das sanfte Streichen der Saiten beinahe hören. Trotzdem ist es traurig, dass so eine inspirierte und künstlerische Hommage an das Erbe des Landes—und an eine Zeit, bevor die Insel zu einem Lieblingsziel von Techno-Touristen wurde—zu so einer drastischen Überschrift führt. Was ist hier los?

Die Musik von Bajramovic wird auf dem ganzen Balkan geliebt und der anonyme Hater, der den Clip gepostet hat—und dessen andere Youtube-Uploads im Prinzip fast ausschließlich Publikumsaufnahmen von riesigen Techno-Events in ganz Europa sind—macht nicht den Anschein, als würde er oder sie die Quelle verstehen. Das Interesse dieser Person liegt eindeutig bei Beats und Bleeps, nicht bei Balkan-Folk. Es ist bedauernswert, wenn man darüber nachdenkt, dass das Publikum mittlerweile so einen engstirnigen Musikgeschmack hat, dass alles, was klanglich nichts mit Techno und House zu tun hat, sofort gemieden wird.

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An Villalobos ist diese Art von Trolling schon immer abgeblitzt, selbst wenn sie von Seiten eines angeblich „anspruchsvollen" Undergrounds kam. Ricardo ist als größter Bad Boy des Techno bekannt und sein Ruf, ewig lange wach zu bleiben und enorme Mengen Drogen zu konsumieren, hat ihn zu einem Antihelden unter den großen DJs gemacht, die normalerweise ein sehr sauberes öffentliches Image pflegen. Eine Art Keith Richards für die Generation Chemie. Aber anders als der legendäre Gitarrist, der seit fast 50 Jahren das Riff zu „Satisfaction" schrammelt, hat Ricardo sich nie davor gescheut, sich mit den Hits zurückzuhalten, um eine etwas gewagtere Tracklist rauszuhauen.

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Diese Bereitschaft, den Geschmack seiner Fans auszutesten, hat schon öfter Leute verärgert. Das neueste Beispiel für die Wahrnehmung als FAIL war die Aufregung in den sozialen Medien, die auf sein Set beim Cocoon In the Park in Großbritannien folgte. Die Fans haben sich bei Facebook massenhaft darüber ausgelassen, sein Set als „Abtreibung" und „Selbstmord" bezeichnet und gesagt, dass er „den Vibe gekillt" hat, nachdem Carl Cox „es krachen lassen hat". Ein besonders unverschämter Kommentator hat sich auf „diesen letzten bescheuerten Track, den er für 15 Minuten gespielt hat", während er „wie eine Fee posiert" hat, bezogen.

Die Online-Musikpresse ist sofort darauf eingegangen—zunächst um über den Aufruhr bei Twitter zu berichten und anschließend um ein wenig Expertenmeinung zur Verteidigung Villalobos zu verbreiten und dem uninformierten Publikum in Nordengland oder dem schlechten Booking, bei dem die Veranstalter Ricardo zwischen die Crowd Pleaser Coxy und Sven Väth gesteckt haben, die Schuld zu geben.

Ricardo selbst kennt das Spiel gut. Er kennt es, obwohl er sich weigert, selbst online zu interagieren (der Legende nach nutzt er nicht einmal Emails, obwohl mir Leute, die mit ihm arbeiten, gesagt haben, dass das übertrieben ist). Er wusste bereits 2006, wie viel Schaden das Internet Künstlern zufügen kann, als er es als „ein unkontrollierbares Monster" bezeichnet hat.

„Im Internet gibt es sogar Bilder von dem Moment, in dem du deine Augen schließt. Du hast sieben Stunden am Stück gespielt vor dem Typen, der dieses Foto gemacht hat. Er hat getanzt, er war da und dann macht er dieses verdammte Foto in dem Moment, in dem… Sicher, ich schwitze, aber ich schließe nur meine Augen und er macht in diesem Moment das Foto. Dann stellt er es ins Internet: „Seht her, wie fertig Ricardo ist!"

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Damit hat er nicht ganz unrecht. Such bei Google nach Bildern von Ricardo Villalobos und du findest sofort mehrere Fotos, auf denen er total verschwitzt mit müden und hängenden Augen im Club zu sehen ist. Wie viele andere Megastar-DJs werden durch das unerbittliche Gedächtnis des Internets von solchen Momenten verfolgt? Wir kennen eine Menge Leute, die man ähnlich fertig sieht wie Ricardo, die jedoch mehr auf ihr Erscheinungsbild im Internet und den Glanz in den sozialen Medien achten.

Sollten wir also Mitleid mit Ricardo haben? Wohl kaum. Er hat es geschafft, eine einwandfreie musikalische Karriere am Laufen zu halten, obwohl (oder teilweise auch weil) er den Ruf hat, viel zu feiern. Er ist weiter ununterbrochen auf Tour, spielt in den besten Clubs und bei den besten Festivals der Welt vor Zuschauern, die ihn bewundern. Die jüngste Wiederveröffentlichung von zwei seiner einflussreichsten Tracks, „Dexter" und „Easy Lee", hat für Freude gesorgt, während sein derzeitiger Output stilistisch gewagter ist als der seiner Partys anheizenden Kollegen. Und vielleicht ist das der Grund, warum es ein anonymer User in den Kommentaren zum Youtube-Fail-Video für angemessen hielt, ihn als „Salvador Dali der elektronischen Musik" zu bezeichnen.

Natürlich ist es ermutigend, dass fast alle Kommentare unter dem FAIL-Clip Ricardo in Schutz nehmen und 24 Stunden nachdem ich mit diesem Artikel begonnen habe, hat sogar jemand den Ursprung des Songs im kroatischen Folk entdeckt. Das Problem ist, dass sich nur wenige diesen Clip ansehen und noch weniger die Kommentare lesen werden. Glücklicherweise gibt es keine Anzeichen dafür, dass Ricardo irgendwelche Probleme durch die ständigen Anfeindungen im Internet bekommt. Vielleicht werden die Leute am Ende ja sogar einsehen, dass mehr Gypsy-Folk auf Techno-Festivals wahrscheinlich ganz gut tun würde.

Joshua Glazer ist bei Twitter.

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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