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Interviews

Die Geschichte von Grandma Lo-Fi

Die Isländerin begann mit 70 Jahren Musik zu machen und nahm in sechs Jahren 59 (!) CDs auf. Dafür verehrt sie heute noch ganz Reykjavik.
27 Januar 2015, 2:23pm

70 Jahre sind ein Alter, in dem viele pensionierte Menschen beginnen, aus versteckten Leidenschaften ein exzessives Hobby zu machen: Sie entwickeln eine Leidenschaft für Golf, reiben ihre Bonsais mit exotischen Ölen ein, beginnen ihre schmutzigen Memoiren niederzuschreiben oder werden scheißgut im Dame spielen.

In Island haben die Leute aber andere Vorlieben. Sigridur Nielsdottir wurde zwar vor dem zweiten Weltkrieg geboren, aber das war für sie kein Argument, als sie 2001 beschloss, mit dem Musik machen zu beginnen, und in Folge zu einer umjubelten Kultfigur zu werden, die in Island unter dem Synonym Grandma Lo-FI bekannt ist.

Nielsdottir hatte ihr ganzes Leben lang immer wieder mal mit Musik zu tun gehabt. Aber erst mit 70 Jahren begann sie, ihre ziemlich ungewöhnliche Mischung aus Keyboard-Sounds, treibenden Beats und in der freien Wildnis aufgenommenen Samples auf Tape aufzunehmen. Letztendlich hat sie mehr Alben produziert, als Lil B oder Prince—insgesamt sind es 59 LPs. In den sechs Jahre, in denen sie Musik aufnahm, hat die Pensionistin Fans rund um den Planeten gefunden, und das größte Co-Sign an Land gezogen, das Island zu bieten hat: Björk. Letztendlich beendete Grandma Lo-Fi ihre musikalische Karriere, weil sie das Gefühlt hatte, dass die Welt hätte bereits genug von ihrem Sound. Eine mutiger Schritt, den sich viele Musiker zum Vorbild nehmen könnten, die erst halb so alt sind.

Sigridur starb 2011 im Alter von 81 Jahre, doch noch vor ihrem Tod hielt ihr größter Fan überhaupt, Kristin Kristjánsdóttir, ihr Schaffen in einer Dokumentation fest. Björk formierte sogar eine eigenen Tribute Band, die Grandma Lo Fis Songs live spielte, und umging so Sigrids Abneigung gegen das Live-Spielen (den Dokumentarfilm, der dabei entstand, könnt ihr auf Vimeo kaufen). Beim Ansehen fühlt man sich ziemlich genau so, als würde man sich alte Familentapes ansehen, nur dass die Oma in diesem Fall eben ein technikaffiner Fan von elektronischer Musik ist.

Ich habe mit Kristin, der Regisseurin der Filmes, über die die Musik von Grandma Lo-Fi, Audiotricks, und die Frage, wie Björk zu ihrem größten Fan wurde, geredet.

Noisey: Kannst du für die, die Grandma Lo-Fi nicht kennen, kurz ein bisschen über sie und ihr Leben beschreiben?
Kristín: Sie war eine sehr charmante, fröhliche und weise Frau, die mit 70 Jahren begann, Musik zu machen. Sie nahm in sechs Jahren 59 Alben auf. Sie strahlte geradezu vor Enthusiasmus für neue Sounds und suchte ihre Umgebung ständig nach neuen Quellen für Klang ab. Ihre Musik entstand völlig unberührt von jeglicher Musikindustrie. Sie war also am ehesten das, was man als DIY-Artist bezeichnen kann.

Wie würdest du ihre Musik beschreiben?
Verspielt, experimentell, eine ziemlich einzigartige Mischung aus Pop und Verrücktheit. Sie hat aus ihrem kleinen Casio-Keyboard das komplette Potential herausgeholt: Bossanova, Samba, Balladen. Sie sang kindliche, brüchige Hymnen an geliebte Menschen und mischte die Field Recordings, die sie in ihrem Haus aufgenommen hatte, mit hinein. Dazu kamen noch Samples von schnurrenden Katzen, gurrenden Vögeln und Beats, die sie selbst gebaut hatte. In den Songs gibt es eine Menge Humor. Der kreative Prozess hat Grandma Lo-Fi viel Spaß gemacht, und das hört man auf jeder Aufnahme. Sie ist eine großartige Geschichtenerzählerin.

Was hat sie überhaupt darauf gebracht, Musik zu machen?
Ihre Töchter haben ihr ein Keyboard und ein Aufnahmegerät zum Geburtstag geschenkt.

59 Alben sind ein fast bizarr großer Output. Wie kann ein einzelner Mensch in dieser Zeit so viel produzieren?
Das Musikmachen hat sie so glücklich gemacht wie lange Zeit vorher nicht mehr. Man könnte also sagen, dass sie dadurch ein bisschen wiedergeboren wurde. Nachdem sie lange Zeit ein eher einsames, einfaches Leben geführt hatte, entstand durch die Musik plötzlich eine Brücke zur Außenwelt. Sie brachte ihr neue Freunde und auch Fremde, die ihren Tag ein bisschen heller machten. Menschen aus aller Welt klopften einfach an ihre Tür, um Hallo zu sagen.

Wie bist du auf ihre Musik gestoßen?
Sie war eine Kultfigur in Reykjavik. Eine mysteriöse Lady, ein Quelle von bizarrer, wunderbarer Musik und farbenfroher Cover, die sie auch noch selbst gezeichnet hat. Es war fast unmöglich sich nicht für die Person, die Meisterin dahinter zu interessieren.

Was ist dein liebster Audio-Trick von ihr?
Sie hat sich wahnsinnig darüber gefreut, dass Aluminium wie Feuer klingt. Diese Freude war sehr ansteckend!

Stimmt. Ursprünglich hat sie angefangen Musik für ihre Töchter zu machen. Wie kam es dazu, dass sie dann auch Musik für andere Leute gemacht hat?
Ein Mädchen, das in einem Plattenladen gearbeitet hat, fragte sie einmal, warum sie immer Kassetten kauft. Das Mädchen hat ihr dann angeboten ihr zu helfen CDs zu machen und sie im Shop zu verkaufen. Zu ihrer Überraschung gingen die CDs weg wie warme Semmeln.

Wie hat sie auf diesen Erfolg reagiert?
Sie war aufgeregt und fühlte sich geschmeichelt, aber sie wollte daraus keine große Geschichte machen. Sie war sehr bescheiden.

Hatte sie auch einen isländischen Superfan?
Björk hat all ihre CDs gesammelt. Ich glaube, sie ist einer der wenigen Menschen da draußen, die alle hat.

Haben sie sich jemals getroffen?
Nein, ich glaube nicht. Sigridur hat keine Musik gehört, kein Fernsehen geschaut und auch keine Zeitung gelesen. Sie wusste zwar, dass Björk existiert, aber das war es auch schon.

Hat sie jemals ein Live-Konzert gegeben?
Nein, nie! Dafür war sie zu schüchtern. Deshalb war die Erfahrung des Tributes ja so wichtig.

Woher kam die Idee eine Dokumentation zu machen?
Eines Tages haben wir sie auf ein Glas Schokoladenmilch und Kekse eingeladen, als wir gerade The Sigridur Nielsdottir Experience zusammengestellt haben—eine Tribute Band, die sich ihrer Musik verschrieben hat. Wir wollten die Meisterin selbst treffen und herausfinden, wie sie den Zauber in ihre Musik bringt. Am Ende haben wir die nächsten acht Jahre damit verbracht, einen Film über sie zu machen.

Wie hat sie auf die Band und die Idee der Dokumentation reagiert?
Sie meinte, dass sie nichts glücklicher machen würde, als wenn meine Freunde und ich ihre Musik live spielen wollen. Der Dreh zum Film hat ihr sehr viel Spaß gemacht.

Was ist deine intensivste Erinnerung an sie?
Vermutlich die, als wir in der Küche gesampelt haben. Ich habe mit ihr Sounds für The Experience gesammelt und es war schön durch ihre Soundwelt geführt zu werden.

Wie findest du die neue Compilation ihres Werks?
Wir haben ihnen erlaubt, die Masterversion von The Greatest Hits of Grandma Lo-fi zu verwenden, die als CD gemeinsam mit der DVD der Dokumentation herauskommt. Wir drei haben viel Liebe in die Auswahl der Songs gelegt, die wir für den Film ausgesucht haben—es gab fast 700 Lieder, aus denen man aussuchen konnte. Es ist schön zu sehen, dass ihre Musik auf Kassette rauskommt—dem Format, mit dem sie begonnen hat.

Danke für deine Zeit, Kristin!

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