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Mathias Kaden ist ein zeitloser Sammler

Von Oldtimern über Antiquitäten bis hin zu südamerikanischen Sounds. Ein Gespräch mit Mathias Kaden.

Eine Hand am Plattenteller und die andere am Produktionsequipment mixt und spielt Mathias Kaden sich durch die Weltgeschichte. Seinen groovenden Techhouse feiert man nicht nur in seiner Heimat Thüringen, sondern zum Beispiel auch auf Ibiza, wo der 33-jährige seit gut fünf Jahren regelmäßig als Cocoon-Resident fungiert. Klare Sache, dass Kaden für den 15. Geburtstag des legendären Labels eine Hälfte der Cocoon Ibiza 2014-Mix-CD gestaltet hat. Während die zweite Seite Popof gehört, lässt Mathias Kaden auf seinem Teil Luciano, Detroit Swindle, Carl Cox und Sven Väth zu einer zeitlosen Angelegenheit ineinanderfließen. Ein Gespräch über das Auflegen am anderen Ende der Welt, den Charme von altem Equipment und seine weitreichende Sammelleidenschaft.

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Noisey: Inwiefern unterscheidet sich das Auflegen im Amnesia vom Auflegen in anderen Clubs?
Mathias Kaden: Das Amnesia ist ja riesengroß. Ich glaube, es passen insgesamt knapp 6000 Leute rein. Ich versuche also, Clubmusik in einem Raum zu spielen, der eigentlich den Sound für ein Festival verlangt. Bei solchen Voraussetzungen spiele ich auch gerne mal den Anfang. Weil der dann schon so klingt, wie dein Primetime-Set im Watergate. Ich fange also nicht bei der deepsten Perlon- oder STL-Platte an, sondern lege direkt etwas Groovendes auf, womit du die Leute auch bewegst.

Bereitest du dich auf das Auflegen vor? Oder stellst du dich einfach hin und legst los?
Letzteres. Kurz nachdem ich mit Auflegen angefangen habe, musste ich meinen zweiten Plattenspieler verkaufen, weil mein Auto kaputt war. Also konnte ich zuhause nicht mehr wirklich üben. Und irgendwie war es immer, wenn ich mich nicht vorbereitet habe, gut. Natürlich schaue ich die Woche vorher, was so rauskommt und kaufe die Sachen, aber ich bereite kein Set vor. Man muss ja aktiv auf die Situation im Club zugreifen.

Aber für den Cocoon-Mix hast du schon eine Auswahl getroffen, oder?
Klar. Ich wollte eben meine All-Time-Favorites, die ich im Cocoon oft gespielt habe, mit reinnehmen. Zum Beispiel den Derrick-Carter-Remix von Sven Väths „L’Esperanza“. Als ich das erste Mal im Cocoon aufgelegt habe, dachte ich halt, man müsse auch etwas von Sven Väth spielen.

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Deine Mix-Hälfte klingt für mich sehr zeitlos.
Ich bin ja 1981 geboren und deshalb bis jetzt immer mit der Zeit gegangen. Aber in den letzten zwei oder drei Jahren sind viele Sachen herausgekommen, an denen sich die Geister scheiden. Ich kenne das zwar alles, aber weiß, dass ich jetzt nicht die neuesten Sachen mixen muss. Klar gebe ich Labels wie Stil vor Talent, Monaberry oder Turnbeutel sehr viel Respekt. Aber die repräsentieren für mich eben die neue Generation und ich glaube, dass deren Zielgruppe mitunter gar nicht weiß, dass es Cocoon überhaupt noch gibt. Ich wollte deshalb lieber einen Mix fernab von Strömungen oder Trends machen.

Dein Faible für Percussions und Rhythmen hört man dennoch ganz klar heraus. Wo kommt das eigentlich her?
2008 habe ich das erste Mal in Südamerika aufgelegt und war sofort von diesen ernstgemeinten und ehrlichen Rhythmen der anderen DJs begeistert. Das klang lange nicht so kalt wie die deutschen Sachen zu der Zeit. Also habe ich mir jede Menge CDs in den Läden vor Ort gekauft und das nach und nach in meine Musik und meine Plattensammlung einfließen lassen.

Wie viel hast du mittlerweile?
So zwischen 5000 und 6000 vielleicht?

Wenn wir schon von Sammeln sprechen: Du hast mal in einem Interview erzählt, dass du großer Oldtimer-Fan bist.
Ganz genau, ja. Am Anfang habe ich mich sehr für die amerikanischen Riesen wie Chrysler oder Cadillacs interessiert. Aber dann habe ich irgendwann gemerkt, dass es auch sehr schöne deutsche und europäische Oldtimer gibt. Ich gehe, wenn die Zeit es zulässt, hin und wieder auf Oldtimer-Treffen, schaue mir alles an und mache Fotos.

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Fährst du denn selber auch einen?
Klar, einen Volvo Amazon von 1966. Den fahre ich nicht immer, sondern nur im Sommer—dann aber so oft wie möglich (grinst). Ich hatte mal vor, mir noch einen zu kaufen. In der Anschaffung sind die ja nicht teuer. Aber den Wagen dann wiederherzustellen dauert Jahre. Deshalb ist meine Sammlung bis jetzt, sagen wir, sehr überschaubar.

Was fasziniert dich so an Oldtimern?
Sie sind einfach zu verstehen. Wenn mein neuer Audi kaputt geht, gebe ich den ab, der wird an den Computer angeschlossen und dann durchgecheckt. Aber mache ich bei meinem Volvo die Motorhaube auf, kann ich dir nach ein paar Minuten sagen, was das Problem ist. Deswegen produziere ich meine Musik zur Hälfte immer noch mit analogen Geräten aus den 80er Jahren. Da gibt’s keine Presets, Plug-Ins oder 250 verschiedene Bänke. Du stellst deinen Sound ein und los geht’s. Das mag ich. Alte Sachen haben etwas Greifbares, ja, etwas Stabiles. Vielleicht mag ich Antiquitäten deshalb auch so gerne.

Antiquitäten?
Klar, ich sammle viele alte Sachen. Weißt du, mit unseren Telefonen haben wir die ganze Welt in der Hand. Alles ist neu, toll, schnell und funktioniert so, wie wir das möchten. Vielleicht will man aber auch mal eine Sache besitzen, bei der schon der Lack abblättert oder die brummt. Alte Sachen sind ehrlich, haben etwas Mystisches und Anziehendes an sich.

Wenn ich fragen darf: Wie sieht deine Wohnung denn dann aus?
Die ist komplett vollgestellt mit afrikanischen und südamerikanischen Skulpturen und Antiquitäten. Meine Gäste fragen mich ständig: „Was willst du denn damit?“ In Peru kaufe ich oft alte Spielfiguren aus Bronze. Man sagt, dass die bis zu 1000 Jahre alt sind. An der Patina kann man eben erkennen, dass die wirklich schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. Mit der Zeit bekommt man auch ein Auge dafür, ob die Dinge wirklich alt sind oder nur im Dreck gewälzt und die Ecken grün angemalt wurden.

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Wann fing das mit dem Sammeln denn an bei dir?
Ich habe eine Zeitlang in München gelebt und dort Micky Waue kenngelernt. Der war Großhändler für Emailleschild. Ich habe ihm mal eine Woche an seinem Stand geholfen und danach angefangen, die zu kaufen. Und irgendwann habe ich sie wieder verkauft. Aber zwei besitze ich noch. Eines von Sarotti und eines von Maggi. Ganz toll sind auch die von Persil. Wenn du da das Original im Nullerzustand hast, ist das angeblich bis zu 50.000 Euro wert.

Bleibt bei all der Sammelei und dem Auflegen überhaupt noch Zeit zum Produzieren?
Ja, ich mache gerade mein neues Album. Das soll im Frühjahr bei Freude am Tanzen rauskommen und da stecke ich die ganze Kraft rein. Ich habe schon Stücke mit Aquarius Heaven und Sergio, dem Sänger von Pulshar aufgenommen. Das Album soll sehr musikalisch werden. Natürlich House und Techno, aber mit einem Funk-Einschlag. Also weniger Percussion und mehr Melodien. Kein Popschnulzen, sondern ehrliche Detroit-Synths und Stimme. Ich werde dann als DJ auch ein bisschen pausieren und das Album live darbieten. Ich bin schon dabei, das Set-Up zusammenzustellen. Natürlich habe ich den Laptop als Kontrollinstanz dabei. Aber ansonsten möchte ich das Album live auf meinen alten analogen Geräten spielen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Thump.

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