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You Need to Hear This

Unbekannte Welten: Hardcore aus Israel

Wie Hardcore den Teenies in Israel einen Soundtrack für die Jahre, bevor sie eingezogen werden, gibt.

von Jak Hutchcraft
23 Dezember 2013, 11:00am


Foto von Bas Spierings

Eine Punk- oder Hardcoreszene entsteht meistens aus einem blubbernden Kessel an Unzufriedenheit—und Israel ist so ein Kessel. Tel Aviv, die moderne Metropole des Landes, ist zwar eine sichere und amerikanisierte Stadt, aber der Rand Israels ist immer noch durch die Konflikte mit den benachbarten palästinensischen Gebieten geprägt. Punks werden misstrauisch beäugt und Szenen sind gewachsen, aber wieder verschwunden, bedingt durch ihren schlechten Ruf, die kurze Lebensdauer der Bands oder die lange obligatorische Wehrpflicht für alle 18-jährigen Männer des Landes. Viele der jungen Menschen täuschen psychische Krankheiten oder Verletzungen vor, um dem Zwang des Militärs zu entgehen.

Unglücklicherweise hat die Regierung dieses Verhalten vor ein paar Jahren stark mit der Punk- und Emoszene des Landes assoziiert, sodass sich diese unter dem Druck der Stereotypisierung „alternativer“ junger Leute und der daraus entstandenen Angst aufgelöst hat. Aber die Kids haben sich wieder zusammengerauft und die Szene lebt wieder—allen Widrigkeiten zum Trotz.

Die größte Israeli-Punkband, die es „geschafft hat“, ist Useless ID aus Haifa, die bei Fat Wreck unter Vertrag ist und seit Mitte der Neunziger durch die Welt tourt. Trotzdem bringen es die meisten Punkbands—abgesehen von Useless ID—nicht auf mehr als eine LP. Ich habe mit Nadav Rotem, dem Bassisten der israelischen Hardcoreband Kids Insane, nach ihrer vor kurzem beendeten Europatour gesprochen: „Die Punks haben ihre eigenen Wege, dem Militär aus dem Weg zu gehen. Drei aus unserer Band sind zum Psychiater gegangen und haben ihm gesagt, dass wir die Welt und einfach alles hassen, ins Bett pinkeln, Drogen nehmen und so einen Kram.“ Gleichzeitig herrscht aber auch die Gewissheit, dass die meisten Kids nicht diese Entschlossenheit an den Tag legen und sich dem Militär nicht widersetzen: „Es ist ein komisches Gefühl, all die 15-jährigen Kids auf einer Punk-Show zu sehen und genau zu wissen, dass ein Großteil von ihnen in zwei oder drei Jahren beim Militär sein wird. Viele kommen und gehen.“

Die Bands, deren Mitglieder es schaffen, der Einberufung zu entkommen, sind jedoch weiteren Hindernissen ausgesetzt: „Mein größtes Ziel war, mit Kids Insane in Malaysia und Indonesien zu spielen, aber dort können wir nicht spielen, da wir nicht den richtigen Pass haben.“, erklärt Nadav. „Es gibt dort eine große Hardcore-Szene und es ist wirklich bitter, weil die ebenfalls nicht rüber kommen können. Es geht darum, Grenzen zu ignorieren…Ich denke, die nächste Generation wird so denken.“

Es ist also nicht verwunderlich, dass Punk und Politik in Israel Hand in Hand gehen—genauso wie überall anders auf der Welt auch. Ich habe mit Smiley geredet, der You’re Next Records, eines der Punklabels in Israel, betreibt und seit Jahren in der Szene und in verschiedenen Bands aktiv ist: „Durch Punk haben viele Leute die verrückte politische Situation in Israel verstehen gelernt, die Besetzung und die Unterdrückung von vier Millionen Palästinensern. Es gibt im Westjordanland täglich Repression und die Leute, die diese Realität sehen, nutzen Punk als ein wichtiges Instrument, um ihre Ideen und ihre Kritik auszudrücken.“

Damit zusammen hängt der BDS-Boykottaufruf, eine weltweite Kampagne, die Künstler dazu aufruft, nicht in Israel zu spielen und die Besetzung anzuprangern. Die Bewegung hat für die israelischen Punks, obwohl viele sie unterstützen, allerdings auch den Effekt, dass sie viele westliche Bands nicht zu Gesicht bekommen. Der positive Effekt ist hingegen, dass sich die Bewegung im starken DIY-Ethos der Szene gefestigt hat. Nadav (Kids Insane) erklärt das Dilemma so: „Es ist wichtig, dass politische Bands, die bestimmte Dinge ansprechen, von den Kids gehört werden. Aber wenn eine Band das wirklich machen will, muss sie den Boykottaufruf ignorieren und nach Israel kommen. Rihanna spielt heute hier und in dem Fall befürworte ich einen Boykott, da sie nicht hier ist, um über irgendwas Wichtiges zu sprechen, sondern nur, um einen Haufen Geld zu machen und sich dann zu verpissen!“

Jello Biafra hat 2011 sein Konzert in Tel Aviv abgesagt, dabei jedoch auf direkten Support für die BDS-Kampagne verzichtet. „Jello Biafra ist ein gutes Beispiel, da er ein Aushängeschild des politischen Punks ist. Wenn er sagt, dass er nicht in Israel spielt, solange die Regierung die Probleme im Land nicht löst, wird das in der ganzen Welt gehört“, erklärt Smiley.

Zusätzlich zur politischen Spannung wird Israels Punkszene durch die vergleichsweise geringe Bevölkerungsgröße von 7,9 Millionen Menschen zusammengehalten. Es gibt nur wenige Läden, in denen Punk-Konzerte veranstaltet werden, aber der große Zusammenhalt innerhalb der Szenen trägt dazu bei, dass sie mit großer Leidenschaft betrieben werden. „Es gibt diesen DIY-Laden namens Zimmer, der einen künstlerischen Background hat und wo Punk-Shows stattfinden. Politische Sachen gibt es dort auch, genauso wie ein Sommercamp und Hausaufgabenhilfe für die Kinder afrikanischer Flüchtlinge“, erzählt Smiley. „Ich sehe das alles als Teil der Punkbewegung, denn für sozialen Wandel zu kämpfen und sich dem Normalzustand des Landes, in dem du lebst, zu verweigern, ist ein wichtiges Element von Punk.“

Die meisten israelischen Punks, mit denen ich gesprochen habe, waren bislang selten in palästinensischen Gebieten, Konzerte haben sie dort erst recht nicht gespielt. Dies bedeutet aber nicht, dass dies andersherum nicht passieren würde: „Wir hatten verrückte Abende im Rogatka (einem DI-Venue)“, erinnert sich Smiley. „Abende, an denen sich Leute geprügelt und Drogen genommen haben und palästinensische Rapper aufgetaucht sind, sich in den Pausen zwischen den Punkbands das Mikro geschnappt und losgelegt haben.“

Das israelische Label Modo Gecko hat 2011 außerdem eine Split-LP mit der algerischen Hardcoreband Demokhratia veröffentlicht. Auch das verdeutlicht die Bemühungen, die die jüngere Generation unternimmt, um die Beziehungen zu verbessern. „Ich sehe bei der jüngeren Generation tatsächlich mehr Entschlossenheit, in unsere Fußstapfen zu treten und die Probleme anzugehen“, sagt Nadav von Kids Insane euphorisch.

Andererseits sind nicht alle Bands von politischen Idealen geprägt; Bo La’Bar (hebräisch für „Komm an die Theke“) geht es um die Flucht in eine gute Zeit und soll uns daran erinnern, dass das Wochenende nun mal Wochenende ist, egal wo du bist. „Manchmal ist [Hardcore] ein großartiger Weg, in deiner eigenen Welt zu leben“, gibt Ishay Berger, Frontmann von Bo La’Bar und Bassist von Useless ID, zu. „Viele Leute sind Teil dieser kollektiven, nostalgischen Sache. Es geht nicht immer um Politik…“

Auch Nadav (Kids Insane) kann dieser Herangehensweise etwas abgewinnen: „Am Wochenende versucht jeder, eine gute Zeit zu haben, um nicht allzu schwermütig zu werden! Wenn man hier unten wohnt, neigt man dazu, ausgelassen zu sein, denn du könntest jederzeit mit einem Bus fahren, der explodiert—das passiert tatsächlich. Wenn du also auf eine Punk-Show gehst, geht es hauptsächlich darum, Party zu machen.“

Auf die Zukunft von Israel und Palästina angesprochen äußern alle Punks eine ähnliche Befürchtung: „Es gibt einfach zu viel Hass und Aggression…was auch immer passiert, es wird Opfer geben“, sagt mir Nadav nachdenklich. Smiley bringt etwas Optimismus zum Ausdruck: „Ich denke, dass immer mehr Israelis sehen und verstehen werden, was hier passiert und es mehr Widerstand geben wird.“

Vielleicht ist es die geringe Lebensdauer der Bands in der Szene, die das Ganze so jugendlich und frisch machen. Die Leute schließen sich keinen Bands an, um die nächsten Guns ’N Roses zu werden oder damit erfolgreich zu sein, es ist einfach nur ein Weg, um Spaß zu haben, Krach zu machen und gehört zu werden, während man sich in der Glasglocke Israel befindet.

Diese sehr aktive und eigenständig gewachsene Szene ist der Inbegriff von Punk und von der ungetrübten Leidenschaft für Konzerte und die Musik kann man noch viel lernen. Die Szene wird von Heranwachsenden geprägt und die Jahre vor der Einberufung ins Militär verbringen sie mit Crowd-Surfing und Circlepits, was ziemlich großartig ist, wie ich finde.

Ishay von Bo La’Bar fasst dies am besten zusammen: „Hardcore ist das coolste für die Kids hier drüben und wenn du denkst, du bist besser als diese Kids, dann verpiss dich!“

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