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Messer in China—Tourblog, Teil 1

Unsere Lieblingsdeutschrebellen Messer wurden vom Goethe Institut nach China eingeladen, um ein paar Tage durch das Land zu touren.
17.4.14

(Anm.d.Red.: Unsere Lieblingsdeutschrebellen Messer wurden letztens vom Goethe Institut nach China eingeladen, um ein paar Tage durch das Land zu touren. ,Das könnte ja interessant werden‘, dachten wir uns ebenso sehr wie die Band selbst. Also hat Drummer Philipp uns ein kleines Tourtagebuch geschrieben, um ihre Erlebnisse festzuhalten.)

Qingdao, Nanjing, Shanghai—schnell macht sich Euphorie breit, als uns diese Reiseroute angeboten wird. Ich benötige noch ein, zwei weitere Tage, um zu merken, dass Qingdao ja identisch ist mit Tsingtau, der ehemaligen deutschen Kolonialstadt, die für mich von besonderer Bedeutung ist, weil dort mein Großvater geboren und aufgewachsen ist, als Kind eines deutschen Missionars. Es ist auch die Stadt mit dem Bier, das gleichfalls ein deutsches Kolonialerbe darstellt. Das Wort Tsingtau umgibt mich also schon, seitdem ich Kind bin. Die ständige Präsenz des Wortes hat mich jedoch nie veranlasst, mich sonderlich über diese Umstände zu wundern. Erst jetzt, angesichts der bevorstehenden Reise beginne ich mich neu mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Mit meiner Großmutter gehe ich ein altes Fotoalbum durch, das mein Großvater erst relativ kurz vor seinem Tod sortiert hat und das ein erstaunlich deutsch aussehendes Qingdao zeigt. Mit meiner holprigen Rockband ein Konzert im Geburtsort meines Großvaters zu spielen, davon hätte ich zu träumen nie gewagt.

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Natürlich, Geschichten von Kolonialisierung und Missionierung sind hässliche Geschichten. Und auch deswegen fragen wir uns, was es eigentlich bedeutet, vom Goethe Institut als deutschsprachige Rockband nach China geschickt zu werden. Macht uns das schon zu Vertretern einer deutschen Kulturtradition? Einer solchen, der wir uns gar nicht zugehörig fühlen können, wenn wir uns einer deutschen Musiktradition doch gar nicht verbunden sehen, ja sogar der Umgang mit Sprache bisweilen eher dem mit einer Fremdsprache gleich kommt. Und sind Musik und Kunst nicht per se transnationale Projekte? Ja, und weil das so ist, erscheint es auch sinnvoll, in China Konzerte zu spielen.

Schnell werden diese Bedenken also von unserer Neugier auf die große, weite Welt und vom Willen zum Austausch und Perspektivwechsel überrannt. Wir steigen in ein Flugzeug und sofort setzt dieses Klassenfahrtgefühl ein, das jede Tour so an sich hat. Wir bestellen Rotwein und Dosenbier, der Kopf macht Pause.

Am Flughafen von Peking treffen wir nach neun Stunden Oliver vom Goethe Institut, der schnell unser Freund wird, alles perfekt organisiert und zudem noch unser Übersetzer ist. Nach weiteren neunzig Minuten landen wir in Qingdao. Nur nicht schlafen gehen, mahnt Oliver an, dann mache es sich der Jetlag erst so richtig bequem. Wir bleiben also auf den Beinen und laufen durch den Nebel der Stadt. Die Smogwerte seien völlig okay, sagt die Smog-App, das hier ist also richtiger Nebel. Wir besuchen ein Restaurant, Kiosks, Supermärkte und eine Kirche. Alles ist ein einziges Museum in unseren Augen. Nicht nur sind wir von den niedrigen Preisen angetan, im Supermarkt entdecken wir ein Legomaschinengewehr und ein Becken voller Kröten, von denen wir nicht entscheiden können, ob sie leben oder schon tot sind. Unsere vegetarische Reisegruppe ist auf eine perverse Art fasziniert. Das Meer und die Hochhäuser verschwinden heute leider in der Suppe und können nur erahnt werden.

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Tag 1: In der Uni von Qingdao

Der nächste Tag hingegen ist klar, sonnig und warm. Wir nutzen die freie Zeit, um an der Küste entlang zu spazieren, an der noch ein paar Olympiareste sichtbar sind. Später findet der erste Workshop statt, der einen Dialog mit Deutsch-Studentinnen und -Studenten bedeutet. Hendrik und ich versuchen uns vorher noch schnell ein wenig vorzubereiten, nur um später festzustellen, dass der engagierte Deutschdozent bereits alles perfekt durchgeplant hat.

Wir werden herzlich empfangen und kommen schnell mit den Studierenden ins Gespräch. Über die Texte zu sprechen, macht ihnen Spaß, wie mir scheint, die Musik sorgt dagegen eher für Irritation. Den Höhepunkt des Workshops bildet die Frage einer Studentin, ob wir denn unsere Musik selbst überhaupt gut finden würden. Leider sind wir die einzigen, die diese Frage lustig finden, den anderen scheint es wirklich unvorstellbar, an lärmender, teils dissonanter Musik etwas gut zu finden. Oliver tröstet uns im Nachhinein, die Leute würden hier vor allem mit Hochglanz-Bubblegum-Pop zugemüllt. Subkultur finde wenn dann in Peking und zum Teil auch in Shanghai statt.

Im Anschluss finden wir uns mit dem hiesigen Goethe-Team in einem Hot Pot-Restaurant ein. Es wird kräftig zugelangt. Pogo ist vom Hot Pot so begeistert, dass er überlegt, ein Loch in seinen Küchentisch zu sägen, um darunter einen Bunsenbrenner zu installieren. Später wechseln wir in eine Bar, wo noch verheerender zugelangt wird.

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Tag 2: Das erste Konzert in Qingdao

Aufgrund komatösem Schlaf beginnt der nächste Tag etwas später. Wir sind alle sehr verkatert. Manuel bekommt große Anerkennung, da sein Kater zweifelsfrei der größte ist. Bald ist dann auch schon Abfahrt zum ersten Konzert an der Universität von Qingdao. Als wir den Hörsaal betreten, fragen wir uns kurz, ob wir spinnen. Nicht nur fasst der Hörsaal an die 900 Menschen, auf der Bühne sind zudem schon unzählige Techniker dabei, neben der Backline auch noch eine völlig übertriebene Lichtanlage aufzubauen. Das sieht alles so richtig nach Rock aus.

Foto: Nina Skrotzki.

Beim Soundcheck merke ich, wie ungewohnt so große Bühnen sind, und dass Pogos Bass mir nicht von selbst um die Ohren fliegt, sondern nur in gezähmter Form über den Monitor dröhnt. Vom Bühnenrand beobachten wir, wie sich der Saal schon vor dem eigentlichen Einlass zusehends füllt. Schließlich sind die Ränge voll. Jemand hält es für eine gute Idee, am Einlass Knicklichter zu verteilen. Das finden wir kurz lustig. Von der Bühne sieht das allerdings wirklich recht hübsch aus.

Nachdem wir die ersten drei Stücke in einem Rutsch runtergeprügelt haben, wissen wir noch nicht recht, ob das ankommt, was wir da machen. Hendrik macht nun eine zaghafte Ansage und fragt, ob die Menschen nicht aufstehen und direkt vor die Bühne kommen möchten. Es ist, als hätten die Leute nur darauf gewartet. Unter großem Gejubel kommen die Konzertgäste nach vorne gestürmt, wedeln mit ihren Lichtern und schreiben bizarre Nachrichten auf ihre iPads. Ob wir überhaupt einigermaßen gut spielen, wird jetzt total nebensächlich und alles kippt ins Surreale. Das Konzert entwickelt eine Eigendynamik und ist eher so eine Art Happening. Mädchen beginnen auf die Bühne zu klettern, um Hendrik zu umarmen. Ich denke noch schadenfroh, dass ich auch deswegen kein Sänger sein möchte und dass Hendrik doch wirklich kein Morrissey ist, aber schon bald sind auch alle anderen betroffen und ich beginne mich zunehmend überfordert und unwohl zu fühlen.

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Foto: Robin Völkert.

Nach dem Konzert ziehen wir uns schnell in einen Hinterraum zurück, rauchen hastig und werden dann gebeten, ein paar Fotowünsche zu erfüllen. Das klingt jetzt alles sehr witzig, aber für eine Band, die für gewöhnlich in dunklen Spelunken spielt und sich freut, wenn sie für vielleicht hundert Konzertgäste spielen darf, ist es wirklich nicht leicht, damit umzugehen. Wir fahren dann bald ins Hotel zurück, treffen uns noch auf einem Zimmer, trinken ein paar Bier und rauchen viel, um runterzukommen. Exzess ist heute leider nicht denkbar, da wir schon um viertel vor fünf rausmüssen, um den Flug nach Nanjing zu erwischen.

Nächste Woche kommt der zweite Teil des Tourblogs mit Nanjing und Shanghai.

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