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Was wurde eigentlich aus Gruftis?

Wir haben drei Goths und einen Ex-Goth nach ihrer persönlichen Meinung über die Bewegung und ihren Erfahrungen mit der österreichischen Szene gefragt.

von Viktor Sohm
05 April 2016, 7:50am

Foto via Flickr | -OkOk- | CC BY 2.0

Gruftis. Eine der wenigen Subkulturen, die ihr Klischee und Image über die Jahrzehnte erfolgreich kuriert und verteidigt hat. Es gibt immer einen Metaller mit Iron Maiden-T-Shirt, es gibt immer einen HipHoper, der das Etikett seiner Kappe aufs Blut verteidigt und es gibt immer einen Grufti, der durch konstante schwarze, lange Kleidung—auch im Hochsommer—auffällt. Das Klischee des Grufits definiert sich durch dieselben Oberflächlichkeiten—Kleidung, Musik, Locations—wie jede andere Szene auch, jedoch in anderer Ausprägung. Die Kleidung ist schwarz, im Gegensatz zu den Metallern wird jedoch versucht irgendwie modisch zu sein. Aufgeteilt wird in Zukunft oder Vergangenheit—entweder viktorianisch anmutende Kleider und Roben mit viel Silberschmuck oder Latex mit futuristischen Accessoires. Manchmal auch Dreads. Die Musik ist dunkel und teilt sich in derpessiv und agressiv. Depeche Mode oder Centhron, The Cure, Him, Joy Division. Auch die Grufitszene ist keine Insel und hat oft Schnittpunkte mit anderen Szenen.

Das Ende der Gruftigkeit ist dasselbe, wie mit allem im Leben—nach der Schule verliert man sich endgültig aus den Augen oder der schwarze Aspirant wächst aus der Szene heraus und wird auch zum Langweiler mit Job und Auto wie jeder andere. Wir haben uns gefragt, was eigentlich aus diesen Gruftis wurde und haben welche gefunden, die immer noch schwarz Tragen. Das mit der Szenenzugehörigkeit ist jedoch etwas schwieriger. Lebenslange Gruftis fühlen sich der Szene weniger zugehörig, sind aber immer noch professionelle Nonkonformisten und sind vom reinen Konsum der Kultur zur Kreation fortgeschritten.

Das Video spielt auf das oben genannte Klischee des Gruftis an, welches sich immer noch hartnäckig hält, obwohl es meistens nicht besonders viel mit der Realität zu tun hat. Wir haben drei Gruftis, die immer noch irgendwie Gruftis sind, und einen Ex-Grufti dazu befragt, wie sie eigentlich zu Gruftis wurden, wie sie ihre Gruftigkeit mit ihrem Leben vereinen und was sie heute, Jahre nach der üblichen Szenenzugehörigkeits-Episode des Lebens, eigentlich machen.

Reinhard

Ich kam mit 16 in die Goth-Szene—damals hat es in Dornbirn noch die sogenannten NOW-Partys (New Old Way) gegeben. Der Schwerpunkt damals war mehr auf Deathrock und Batcave, also schon eher die „ernste“ Grufti-Schiene. Als dann der große Emo-Nachwuchs-Influx kam—man muss bedenken, dass Vorarlberg ein sehr kleines Land ist—und die Cyber-Techno-Gruftis auch noch kamen, konnte ich mich mit der Szene nicht mehr identifizieren. Die Partys verkamen primär zur absoluten Modeschau und die Leute definierten sich durch genau dasselbe, von dem sie meinten sich abzuheben: durch langweilige Äußerlichkeiten. Der Elitismus und der Ausschlussgedanke waren mir absolut fremd, das war auch einer der Hauptgründe warum ich mich immer weniger und weniger mit der Szene identifizieren konnte. Heute gehe ich noch auf Partys der schwarzen Szene, jedoch zähle ich mich selbst nicht mehr als ihr zugehörig.

Goth zu sein, war eigentlich kein Ausdruck meiner Rebellion sondern es entspricht einfach meinem meigenen Ästhetikempfinden. Ich wollte so aussehen. Dass es dahinter eine ganze Szene gab, war eher Zufall denn Grund für mich diesen Style zu tragen. Seine eigene Ästhetik durchzuziehen ist auch nicht so einfach wie man es gerne vermutet. Ich identifiziere mich als Genderfluid, soll heißen, manchmal bin ich auch weiblich, jedoch stößt man nicht nur in der normalen Gesellschaft (wie man es erwarten würde,) sondern auch in in der Goth-„Kultur“ damit auf extreme Ablehnung. Obwohl Androgynität oder auch manchmal vulgo „Tuntigkeit“ ein fester Bestandteil der Goth-Ästhetik sind, gibt es trotzdem dasselbe Unverständnis gegenüber Gender-Issues und anderen wirklichen Problemen, die über den Kleiderschrankhorizont hinausgehen. Die Goth-Szene versucht sich immer offen und akzeptierend zu geben, ist aber dieselbe elitistische Modeschau wie der „Cool Kids Club“ geworden. Die Goth-Szene ist durch ihre absurde Selbstprofilierung einfach größtenteils lächerlich. Mit jedem Popularitätsschub wurden die Oberflächlichkeiten wichtiger und die Substanz weniger. Den Style mag ich immer noch, den Rest weniger. Jetzt bin ich bin professioneller Musiker und Chaoskunstwerk.

Christoph Hildmann

Ich weiß gar nicht, wo meine Grufti-Karriere angefangen hat. Mit vier hatte ich schon Vampirbilderbücher und ähnliches, mit sechs war ich ein riesen Fan des Musicals Phantom der Oper, zum zehnten Geburtstag hat mir meine Schwester eine Rammstein CD geschenkt und mit zwölf habe ich in meinem damaligen Lieblingsfilm Begierde zum ersten mal einen Bauhaus-Song gehört. Ich war wohl schon als Grufti geboren.

Im Gegensatz zu früher haben sich hauptsächlich die Frisuren verändert. Es gibt etwas mehr Elitismus in der Szene und der DIY-Gedanke ist auch bis zu uns gekommen. Viel neue Musik gibt es auch, wie Minimal Wave, No Wave, Synth Punk, Synth Wave oder was den Leuten sonst noch für lustige Begriffe einfallen. Was mache ich jetzt? Ich mache Design und Merchandise unter dem Titel Legion Stuff.

Jodi White

Schon als kleiner Junge, liebte ich es, mich zu verkleiden. An manchen Tagen war ich eine Prinzessin, an anderen ein Massenmörder. Ich spielte mit Polly-Pocket und verstand nicht, wieso meine Kumpels keine Pyjama-Partys mit mir feiern wollten. Auch nicht schlimm. Kaum zu glauben, dass der Wahnsinn mit so etwas banalem wie kommerziell geprägtem Schock-Rock und der Lust zur eigenen Abgrenzung von jeglicher Norm, seinen Anfang nahm.

Im Alter von neun Jahren konnte ich meine erste Manson-Platte mein Eigen nennen. Das war der endgültige Startschuss und der Beginn meiner Laufbahn als freiwilliger Nonkonformist, welcher es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hatte, alles und jeden in Frage zu stellen und alleine nur aus Prinzip erstmal gegen alles zu rebellieren.

Aber der Mensch ist kein Einzelgänger. So suchte ich also nach einer Gemeinschaft, mit der ich mich identifizieren konnte. Eine Gemeinschaft, die meine damaligen Wertvorstellungen nach einem ausgeprägterem Toleranzverhalten in unserer Gesellschaft vertreten sollte. Ich fand die schwarze Szene und durfte mich somit vom „Poser“ zum „Ober-Grufti-Mufti“ hocharbeiten.

In der schwarzen Szene wird jeder akzeptiert wie er ist. Außer er hört HipHop, das geht natürlich nicht. Techno ist auch verboten, außer er kommt aus der Szene. Das nennt man dann Aggrotech. Der Unterschied ist, dass der DJ weißes MakeUp und Kajal trägt. Einer Religion darf man auch nicht angehören. Die Primärfarbe seiner Kleidung muss natürlich Schwarz sein, eine Sekundärfarbe ist erlaubt, darf aber nicht zu stark ausgeprägt sein. Das wäre dann „untrue“. Wenn man cool sein will, findet man alles, was neu ist, scheiße—gute Musik gab es nur in den 80ern.

Es ist mir im Grunde peinlich, dass es so lange gedauert hat bis ich gemerkt habe, dass es sich bei der angeblich tolerantesten Szene nur um eine Bande von Heuchlern handelt. Ganz abgesehen davon, dass man sich für einen Großteil von ihnen einfach nur fremdschämen muss—weil sie nichts weiter als Mitläufer sind. Eben nur in einer Form, welche mehr Freiheiten zulässt, als es in anderen Subkulturen der Fall ist.

Im Laufe der Zeit habe ich erkannt, dass Toleranz und Akzeptanz, sowie Gruppenverhalten das Individuum zerstören. Ich habe erkannt, dass ich es im Grunde genieße, Menschen mit meinem Auftreten, meiner Musik und meiner Vorliebe für skurril makabere Kunst zu schockieren und zu provozieren. Es ist schön, nicht verstanden zu werden. Es macht einen besonders—egal, ob Außenstehende dies als positiv oder negativ betrachten. Zudem ist es ein tolles Gefühl zu wissen, dass man die Freiheit besitzt, alle möglichen Menschen zu hassen. Ich kann es, weil ich nicht mehr erwarte, dass man mich mit offenen Armen empfängt.

Heute studiere ich Sozialpädagogik und freue mich auf ein ruhiges Familienleben mit Frau und Kind. Nebenbei leite ich No Fun Records, ein Musiklabel für experimentelle Musik der Hauptbereiche Industrial, Noise und Black-Metal. Darunter auch mein Musikprojekt Grosse Freiheit 39, welches ich als Ausgleich nutze. Als Ventil sozusagen, für alles Schlechte und Negative in mir.

Tino

Eigentlich war ich zuerst ein Emo, wie wohl jeder Mitte der 00er Jahre. Der Burggarten war damals der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Szene. Das Ganze war mir jedoch sehr schnell einfach nicht mehr hart genug, weder von der Musik noch vom Auftreten her und ich habe dann das Nexus und Industrial für mich entdeckt. Ich hatte sogar eine dieser Silberkrallen.

In die Szene konnte ich ich jedoch nicht wirklich integrieren, da niemand einen 13-jährigen Goth für voll genommen hat, in der ach so toleranten Szene war sogar das Alter extrem wichtig. Die ganze Sache hat mich so sehr frustriert, dass ich als Rebellion auf die Rebellion dann Black-Metal für mich entdeckte. Der „Abstieg“ erfolgte eigentlich fließend. Anziehen konnte man eh fast das gleiche und mein Misanthropie-Level entsprach auch schon dem, was man in der Black-Metal-Szene erwartete.

Meine neuen Black-Metal-Freunde wurden jedoch sehr schnell immer extremer—sowohl in ihren politischen Ansichten als auch in der Erwartungshaltung, welche Musik man jetzt hören musste, um cool zu sein. Diese war nämlich einfach schlecht. Nachdem ich mir bei einem Konzert eine Demo-Kassette einer „coolen“ Band gekauft habe, die 28 Minuten weißes Rauschen mit einem manchmal hörbaren Schlagzeug war, realisierte ich, wie lächerlich das alles eigentlich war. Weder die Musik noch die Ästhetik bot mir eine ernstzunehmende Substanz und auch offene und konträre Szenen definieren sich durch den selben Konformismus, wie die von ihnen verhassten Szenen.

Heute ziehe ich mich an wie ich will und höre was ich will und lebe in meiner kleinen Blase an Coolness. Ich bin Sänger bei The Crispies, habe immer noch eine fragwürdige Frisur und verkaufe Menschen Schuhe. Ich bin eindeutig kein Grufti mehr.

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