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Thump

Diese David-Bowie ReIssue steht stellvertretend für alles Schlechte am Record Store Day

Die großen Firmen hatten—der systemischen Logik des Kapitalismus folgend—ein großes Profit-Potenzial ausgemacht.
9.3.16

Foto: recordstoreday.com

Man muss es leider so deutlich sagen, aber die unerfreulichste Veröffentlichung zum diesjährigen Record Store Day kommt vom über alles erhabenen, leider kürzlich verstorbenen David Bowie. Unter den zahlreichen Bowie-Re-Issues, die am 16. April als Picture Discs erscheinen, findet sich auch sein Albumklassiker The Man Who Sold The World. Und dieser erscheint nicht in der schönen, britischen Version mit dem jungen David im Satinmännerkleid, sondern in der alten deutschen Version von 1970, die man nun auf das Vinyl gedruckt hat: Bowie mit langem Jahr als Kopf eines Greifs, welcher eigentlich einer kosmischen Hand ist, die die Erde wegschnippst. Ja, genau. Und das komplett in Rot. Welche Hippie-Drogen haben Sie da geritten?

Aber nicht nur der Look ist das Problem. Es ist das Konzept Re-Issue-zum-Record-Store-Day an sich. Zuletzt gab es viel zu lesen über den Vinyl-Boom in den letzten Monaten. Bei Aldi in Großbritannien konnte man an einem exklusiven Tag Platten von den Beatles, den Rolling Stones, Elton John und Katy Perry(!) samt Plattenspieler mit USB-Anschluss kaufen. In Deutschland ist man zwar noch nicht nachgezogen, aber auch ohne Plattenregal im Discounter sind hier die Verkaufszahlen von Vinyl gestiegen. 32,2% Zuwachs vermeldete der Bundesverband der Musikindustrie für 2015. Das macht unterm Strich 3,2% Vinylanteil vom immerhin 1,55 Mrd. € dicken Kuchen, der mit Musikverkauf umgesetzt wurde.

Der Record Store Day hat sicherlich zu den steigenden Absatzzahlen beigetragen. Ursprünglich war er als eine Rettungsaktion für Vinyl gedacht: An jedem dritten Samstag im April wird deshalb seit 2007 die Kultur der unabhängigen Plattenläden gefeiert. Vinyl-Nerds, Indie-Labels und Musiker zelebrieren diesen Tag mit häufig extra dafür gepressten Sondereditionen. Und hier fängt—nicht erst seit 2016—die Tragödie an. „Der Record Store Day ist das Beste, was den unabhängigen Plattenläden passieren konnte.“ Diese Worte wird manche Ladenbesitzerin vielleicht sogar unterschreiben, sie stammen jedoch vom Marc Fayd'Herbe, Music Sales Manager beim Major-Label Universal. Gesagt hatte Fayd'Herbe das im letzten Jahr. Da waren Universal, Warner und Sony schon auf den Zug des Vinyl-Comebacks aufgesprungen, was zu Rekord-Umsätzen 2014 und 2015 führte.

Die großen Firmen hatten—der systemischen Logik des Kapitalismus folgend—ein großes Profit-Potenzial ausgemacht. Die Presswerke bekamen immer mehr Aufträge, so dass sich die Wartezeiten vor allem für die kleinen Labels verlängerten, weil die Re-Issues der Großen, die zudem in höheren Auflagen gepresst wurden, den Vorrang erhielten. OYE Records, einer der bekanntesten deutschen und unabhängigen Plattenläden und zugleich Vertrieb für Labels wie Money Sex Records, macht unter anderem deshalb auch ab diesem Jahr nicht mehr beim Record Store Day mit.

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Solange die Re-Issues jedoch ihre Käufer finden, wird es kein Mittel gegen den gegenwärtigen Pressstau und seine Folgen geben. Dabei sind die neu aufgelegten Platten von Bowie sind übrigens nicht die einzigen skurril anmutenden ihrer Art. Es gab bereits eine Deluxe Edition von J Dillas „Fuck The Police", bei der die Platte aussieht wie eine Polizei-Marke. Oder eine 7-Inch von Black Star (Mos Def & Talib Kweli) zum Record Store Day, die wie ein Stern aussieht. Oder einen „Record Store Day 2016 Exclusive Disney Turntable.“

Dieser Artikel ist zuerst auf THUMP erschienen.

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