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Interviews

„Ich wurde zweieinhalb Minuten lang zusammengeschlagen“—Domenic Palermo von Nothing im Interview

Domenic Palermo von Nothing über gebrochene Schädel, Schmerzmittel und sein Verhältnis zu Martin Shkreli.

von Vincent Grundke
10 Juni 2016, 2:12pm

Blut, Kotze und ein gebrochener Schädel: Domenic "Nicky" Palermos Zeit im Studio war nicht ohne. Unter dröhnendem Schwindelgefühl hat der Nothing-Sänger das neue Album seiner Shoegaze-Mannschaft eingesungen—wenn er nicht gerade auf Klo seinen Rachen ausräumte. Und trotz Übelkeit klingt er da so lieblich zart und entspannt zwischen breit hämmernden Gitarren-Fronten, die irgendwo zwischen Post Rock und Metal stehen. Ob er das wirklich bis zum Schluss gebacken kriegen würde, stand im Studio noch in den Sternen. Als ihr zweites Werk "Tired Of Tomorrow" dann wider Erwarten doch fertig war, kam die nächste Backpfeife: Ihr Label Collect Records war nicht mehr tragbar für die Band.

Thursday-Sänger Geoff Rickly hat Collect gegründet. Ein paar Jährchen später freundete er sich mit Martin Shkreli an, der sich laut seinen Tweets nicht nur als großer Pop Punk- und Post Hardcore-Fan von Bands wie La Dispute herausstellte, sondern auch ein großer Thursday-Verehrer zu sein scheint. Martin schrieb Rickly direkt über Twitter an, wollte seine Gitarre kaufen. Kurzerhand wurde er zum stillen Teilhaber des Labels. Laut Rickly hat er aber kaum Eingriffsmöglichkeiten gehabt, Rickly sogar noch unterstützt darin, Künstlern mehr Kontrolle zu verleihen. Monate später der Skandal: Martin Shkreli hat mit seiner Firma Turing Pharmaceuticals die Rechte am Infektions hemmenden Medikament Daraprim ergattert—wichtige Medizin für Immungeschwächte, besonders HIV-Patienten. Von einer Nacht auf die andere hat er den Preis pro Pille von 13.50 auf 750 US-Dollar erhöht; in einem Land, wo sich nicht jeder eine Krankenversicherung leisten kann. Nothings Palermo deckte die Verbindung Shkreli und Collect Records auf, Rickly stand unter medialem Beschuss. Was nicht heißen soll, dass jetzt böses Blut zwischen den Beiden herrscht. Aber Nothing sind raus aus Collect Records und die haben sich wiederum von Shkreli distanziert und die Zusammenarbeit beendet.

Allerlei Mindfucks, mit denen man erstmal umgehen muss. Inmitten der Berglandschaften von Woodbury, Pennsylvania, erwischen wir Nicky genau in seiner Auszeit von all dem Trubel. Am Seitenstreifen hält er sein Auto und redet über Schwindelgefühle, Shkreli und Shoegaze in ohrenbetäubender Lautstärke und Fuck-off-Attitüde.

Noisey: Mit Nothing bist du weltweit tourender Musiker geworden. Wie kommst du damit klar?
Domenic Palermo:
Wir sind so viel getourt, dass es zum Kopfschmerz wurde. Am Anfang ist es echt nervig, aber dann nimmt man Fahrt auf und es wird zum Normalzustand. Ich bereite mich gerade darauf vor, den nächsten Zyklus zu beginnen. Millionen Shows, nie zu Hause sein, das stinkt.

Musstet ihr eure Vollzeitjobs kündigen?
Ja, wir haben das vor anderthalb Jahren gemacht. Es ist also wirklich dringlich, dass wir so viele Shows wie möglich spielen.

Du betonst oft, was für ein schlimmes Kind du warst. Was hat sich verändert durch Nothing?
Ich will nicht sagen, dass wir reifer sind. Wir haben aber gelernt, alles viel besser anzugehen. Es ist normaler, auf der Straße zu sein. Touren ist nicht nur Party, wir versuchen, nicht total abzufucken. Aber nach der letzten Tour landete ich im Krankenhaus.

Was meinst du damit?
Ich wurde überfallen und von fünf Typen zusammengeschlagen. Mir wurde mein Schädel und ein Augenhöhlenknochen gebrochen, ein paar Rippen am Rücken. Mit 19 Klammern wurde mein Kopf genäht. Dann lag ich fünf Tage lang im Krankenhaus. Das ist mitten auf Tour mit Merchandise und Cloakroom passiert.

Ich habe gelesen, du hattest eine Prügelei wegen deinem Smartphone. Du wolltest es ihnen nicht geben?
So ziemlich, ja. Ich habe versucht, sie zu verprügeln. Ich wurde dann zweieinhalb Minuten lang zusammengeschlagen, das war echt schlimm. Mein Smartphone haben sie aber nicht gekriegt.

Wie hast du dich im Krankenhaus gefühlt, was hast du gemacht?
Der Rest der Band ist nach Hause gefahren, ich musste aber in Oakland bleiben, konnte nicht fliegen. Mein Gehirn war so angeschwollen, der Kabinendruck hätte viel Schmerz bedeutet. Bevor wir auf Tour gingen, hatten wir aber die Demos für's zweite Album aufgenommen. Ich habe sie immer wieder gehört. Dann fuhr ich von Oakland nach Big Sur in Kalifornien, habe mir ein Hotelzimmer gebucht, hatte haufenweise Schmerzmittel mit und Wein. Da habe ich einfach rumgesessen, mich zugedröhnt und versucht, mit meinen Gedanken klarzukommen. Nach kurzer Zeit habe ich angefangen, die Songs zu überarbeiten.

Warst du nicht in einem unterirdischen Zustand, geistig gesehen?
Es war ja nicht nur das. Zu dem Zeitpunkt passierte viel. Alles kam zu einem großen Crash zusammen, wir mussten nach zwei Jahren Touren in dieser wechselhaften Wirklichkeit alle reflektieren. Nichts war wirklich, nichts fühlte sich real an, wir haben uns nicht um Tage oder Orte gekümmert. Es gab nun keine Ausflucht mehr, jeder musste sich hinsetzen und sehen, wo er steht.

Hast du dich genau da nicht einsam gefühlt?
Ja. Aber das war angemessen. Ich hatte Zeit zu reflektieren, meinen Scheiß auf die Reihe zu kriegen, bevor ich einen Zusammenbruch erlitten hätte. Eine Woche später sollten wir einen Monat lang ins Studio gehen, ich ging also fast direkt vom Krankenhaus ins Studio. Nicht gerade positiv, aber im optimistischen Sinne habe ich versucht, die Flamme brennen zu lassen.

Ist Tired Of Tomorrow eine optimistische Platte?
Oh nein, nein, überhaupt nicht. Wenn ich optimistisch sage, meine ich damit, mich davon abzuhalten, das Studio zu verlassen und nie wieder Musik zu spielen. Ich hatte die Schnauze voll und dann ist das in Oakland passiert, was nur die Spitze des Eisbergs war. Wir hatten Label-Probleme, bevor wir wieder bei Relapse Records unterkamen. Und dann ist mein Vater gestorben. Ich musste also ein wenig optimistisch bleiben, um das Album fertig zu bekommen.

Im Studio müsstest du ja dann noch erhebliche Schmerzen gehabt haben?
Es war hart. Am Anfang wachte ich mehrmals die Nacht auf und musste Schwindelanfälle durchleiden vom Schädel-Hirn-Trauma. Das habe ich noch nie erlebt, es war wirklich hässlich. Es fühlt sich an, als würde jemand dein Gehirn rückwärts herumwirbeln, wie bei einer Achterbahn. Keine Tiefenwahrnehmung, Übelkeit. Ich nahm den Gesang auf und musste ständig zur Toilette rennen und mich übergeben. Viel Schmerz natürlich, Schwindel und dann Angstzustände und Paranoia. Ich versuchte, mich von den Schmerzmitteln zu lösen, weil ich drei Wochen auf denen drauf war. Ich wollte sie nicht mehr täglich essen.

Haben die Schmerzmittel geholfen?
Das Lustige an Schmerzmitteln ist: Wenn du sie lange genug nimmst, erfindest du Ausreden, warum du sie nehmen müsstest, sie brauchst.

Du hast Label-Probleme erwähnt, weil ihr herausgefunden habt, wer euer altes Label Collect Records finanziert: Pharma-CEO Martin Shkreli, der den Preis von Daraprim drastisch erhöht hat. Wie hast du davon Wind bekommen?
Ein wenig Recherche online. Ich war der erste, der mit den News ans Tageslicht kam. Es dauert nur einen Tag, bis sie sich landesweit verbreitet hatte. Auch wenn ich der letzte Mensch bin, der über jemand anderen urteilen dürfte: Ich habe symbolisch und wortwörtlich Blut in dieses Album gespuckt. Ich wollte nicht, dass etwas, was ich so wertschätze, von so jemandem verunreinigt wird. Dem Label habe ich also gesagt, ich würde die Platte nicht rausbringen.

War Collect Records dann verärgert?
Ein wenig. Sie haben es aber respektiert, weil sie wussten, dass es falsch war. Es gibt einen Punkt, wo man Grenzen ziehen muss. Ich will nichts von dem gefährden, was ich tue, indem jemand so armselig besessen von Geld ist, dass er massenweise Menschen leiden lässt. Ich will mit so etwas nicht in Verbindung stehen.

Konntest du mit Shkreli reden oder ihn irgendwie kontaktieren?
Nein, ich habe nie mit ihm gesprochen bis er anfing über uns Scheiße auf Twitter zu verbreiten. Er hat interessante Sachen gesagt, Grenzen ausgetestet. Er hat sich über Shoegaze-Bands lustig gemacht, als ob wir eine wären. "Ihr könnt in Wirklichkeit nicht mal singen" oder so was Dummes. Er spielte eine Weile die Karte aus, dass er uns aushelfen würde mit seinem Geld. So Pussy-Dinge. Ich habe ihm gesagt, ich rede nicht mit ihm über Twitter. Wenn er mir was zu sagen hat: Ich lebe in New York City, wir können uns jederzeit treffen und im echten Leben darüber reden. Er schrieb dann: "Oh, ich habe Angst" oder so. Aber im Prinzip will ich mich eh nicht mit diesem Typen auseinandersetzen, will nie wieder über ihn nachdenken. Hoffentlich nähert er sich mir nicht, ich würde ihm den Hals umdrehen haha.

Wie kamt ihr denn dann aus eurem Collect Records-Vertrag raus?
Es half, die Sache öffentlich zu machen. Einen Tag nachdem wir uns von ihnen trennten, ging die News ja landesweit um. [Geoff Ricklys] Welt wurde weit größer als das kleine Collect Records. Als seine Vordertür also unter Feuerbeschuss stand, konnten wir unbemerkt durch die Hintertür schlüpfen.

Nach all den Horrorstorys wäre es echt zu offensichtlich zu denken, der Titel Tired Of Tomorrow wäre aus den Umständen heraus geboren. Den Titel gab es schon lange bevor all das passierte. Aber es gibt genug Dinge, müde zu sein; etwas, das unvermeidlich und endlos geschieht. Im Leben ist alles für jeden ein Kampf. Ich arrangiere mich damit, was nicht heißt, dass ich nicht lethargisch wäre.

Du wirkst wie jemand, der ständig seine Perspektiven überdenkt.
Mein Denkmuster verändert sich kaum. Die Dinge, die mich nachts wachhalten, werden mich auch weiterhin wachhalten - die absolute Absurdität und der chaotische Pfad, auf dem wir im Leben wandeln. Lange habe ich das mit meinen Fäusten bekämpft. Umso älter ich aber werde, desto mehr fühle ich mich besiegt von allem. Ich bin ok, aber ich gehe jetzt, wo ich älter bin, mit den Dingen anders um.

Im guten oder schlechten Sinne?
Es gibt keinen guten Weg, nur bessere. Ich bin immer einen Schritt entfernt von der ungesunden Art, mit Dingen umzugehen. Das war schon mein ganzes Leben so.

Und du steckst mitten im Hype, den Shoegaze-Bands gerade erfahren. Wie ist es, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen?
Das ist schön, wir machen das ja schon lange und es entwickelt sich die ganze Zeit. Schön, wenn Leute Musik und Bands respektieren. Und davon leben zu können, da gibt es nicht viele, die das können. Es gab Zeiten, da haben wir alle Bedenken über Bord geschmissen; in manchen Monaten haben wir Geld von einer Person geliehen, um eine andere zu bezahlen.

Du hattest schon so viele Bands. Kannst du dir das mit Nothing noch ein paar Jahre vorstellen?
Das Projekt nimmt mir die Schwere von meinem Herzen. Es liegt mir also fern, mich mit all den anderen Dingen zu beschäftigen. So klischeehaft und dramatisch das auch klingen mag, das ist die absolute Wahrheit. Nothing ist meine Art, die Dinge um mich herum zu meistern.

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