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Die besten Dinge, die mir auf Festivals passiert sind

Seit ich 14 bin, fahre ich auf Festivals. 2007 war ich das erste Mal auf dem Frequency in Salzburg, wobei ich sagen muss, dass ich damals, gutgläubig wie ich war, wirklich nur wegen der Bands hingefahren bin.
5.5.15

Foto: Verena Bogner

Seit ich 14 bin, fahre ich auf Festivals. 2007 war ich das erste Mal auf dem Frequency in Salzburg, wobei ich sagen muss, dass ich damals, gutgläubig wie ich war, wirklich nur wegen der Bands hingefahren bin. Ich war dieses Mädchen, das den ganzen Nachmittag im vorderen Wavebreaker steht und zehn Stunden auf den Headliner wartet.

Das hat sich aber ganz schnell geändert, als ich ein Jahr später gelernt habe, dass es auf Festivals nicht vorrangig um die Bands geht, sondern um warmes Bier, Cola-Rot aus Kanistern und das tagelang andauernde, wunderbare Gefühl, sich um nichts in der Welt scheren zu müssen. Und weil auf Festivals grundsätzlich nicht nur auf den Klos, sondern auch auf dem Campingplatz und dem Gelände Anarchie herrscht, passieren einem dort Dinge, die so bizarr und zugleich wunderschön sind, dass man sie sich in ihrer Grausam- und Grausigkeit nicht einmal annähernd vorstellen kann.

Als ich einen Tag mit russischen Dealern verbracht habe

Foto: Julian Haas

Ich habe einmal den Fehler begangen, mit nur einem einzigen Freund auf ein Elektro-Festival nach St.Pölten zu fahren und mich einfach darauf zu verlassen, dass wir uns schon nicht verlieren würden. Sogar am letzten Festivaltag, als mein Kumpel „He, ich komm gleich wieder, ich besuch schnell wen am Campingplatz“ geschrien hat, war ich noch guter Dinge. Die Stunden vergingen und als noch immer keine Spur von P. war (er war übrigens barfuß, nur in Badehose, ohne Geld und Handy unterwegs, also musste er doch bald wieder kommen, oder?), habe ich mich zu unseren Caravan-Nachbarn gesellt, vor denen ich eigentlich das ganze Festival lang schon ziemlichen Schiss hatte, weil sie offensichtlich ziemlich auftrainierte Russen waren, die eine massive Menge an Drogen dabei hatten und in der Nacht zuvor von einer Razzia überrascht wurden.

Nichtsdestotrotz verbrachte ich den ganzen Tag und die folgende Nacht mit diesen Typen, die mir russischen Vodka, der wie Desinfektionsmittel schmeckte, Ofenkartoffeln mit Knabbernossi und leider viel zu oft eine Bong angeboten haben. Ich habe mich gefühlt, wie Salma Hayek in Savages—zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als ich Vodka durch die Nase gekotzt habe. Und als sich Stanislav, der an diesem Tag mein bester Freund war, zu mir gedreht hat und gesagt hat „Kennst du das Haus der Meeres in Wien? Da hab ich mal einen Affen gestohlen, der hat dann ein paar Wochen bei mir gewohnt.“, wusste ich, dass es eigentlich nicht mehr besser werden konnte. Als mein Freund dann um 8 Uhr morgens mit aufgeschürften Beinen und viel zu großen Pupillen wieder Nachhause (also in den Kofferraum seines Autos) gekommen ist, war dann auch seine Welt wieder in Ordnung.

Als sich alle meine Nachbarn gegenseitig vors Zelt geschissen haben

Foto: Julian Haas

In meinen ersten Festival-Jahren war ich immer mit der selben Gruppe Menschen aus meiner Heimatstadt unterwegs, die sich auf Festivals immer benommen haben wie Neandertaler. Mindestens einmal am Tag hat einer von ihnen gleichzeitig gepisst und gekotzt und nach drei Tagen ohne Schuhe sahen ihre Füße aus, wie der abgefrorene Fuß von Adam Sandler in Mr. Deeds.

Jedenfalls ist irgendwann der Krieg ausgebrochen, vor dem ich noch heute auf jedem Festival Angst habe, wenn ich meine Zelttür öffne. Die Burschen aus unserer Gruppe dachten nämlich, es sei lustig, wenn sie sich immer dann, wenn der andere schläft oder gerade nicht am Zeltplatz ist, gegenseitig direkt vor den Zelteingang kacken und uns dadurch allen das Leben schwer machen. Ich habe auf Festivals natürlich schon mehr fremde Scheiße gesehen, als mir lieb ist, und ja, auch mir hat schon einmal jemand hinter mein Zelt gekackt—wobei ich erst kurz dachte, jemand hätte dort einfach nur Dosengulasch-Reste ausgeleert. Aber jemandem auf einem Festival—einer Zeit, in der alles ohnehin schon viel zu ekelhaft ist—vors Zelt zu scheißen, ist wohl das Unmenschlichste, das ich jemals erlebt habe. Ich kann nur froh sein, dass wir Mädchen damals von solchen Gräueltaten verschont geblieben sind, weil die Jungs zu beschäftigt damit waren, sich selbst zu feiern, wenn sie ihren Gegner mit einem größeren Haufen übertroffen haben.

Als mein Freund wegen nichts von der Kripo gefilzt wurde

Foto: Julian Haas

Kennt ihr diese asozialen Menschen, die dann, wenn alle Festivalbesucher nach dem letzten Konzert zurück zu ihren Zeltern pilgern, geschüttelte Bierdosen mit voller Wucht auf den Weg direkt neben sie pfeffern, und die Dosen so zum Platzen und die Menschen zum Durchdrehen zu bringen? Diese asozialen Menschen waren das eine oder andere Mal vielleicht wir. Es tut mir leid, Welt.

Ja, wir waren damals vielleicht asozial, aber als mein Freund, der gerade die letzte Bier-Fontäne gestartet hatte, plötzlich von einem Mann von seinem Campingsessel gerissen wurde, bekam ich es wirklich ein bisschen mit der Angst zu tun. Als wir wissen wollten, was überhaupt los war, hat uns der Mann mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht geleuchtet und uns seinen Dienstausweis an die Nase gedrückt und wie im Film „MITKOMMEN, KRIPO!“ geschrien. Mein Freund kam freiwillig und besoffen mit, um sich von dem Cop durchsuchen zu lassen und anschließend mit einer Verwarnung davonzukommen. Der Cop hat meinem Freund nur nachgeschrien: „Sei froh, dass wir deine Eltern nicht verständigen.“ Eine halbe Minute später ist die nächste Dose geflogen. Schande über uns. Aber seid uns nicht böse, seitdem haben wir nie mehr jemanden mit Dosen beschossen.

Als ich das erste und letzte Mal in meinem Leben einen Trichter gesoffen habe

Foto: Isabella Khom

Obwohl ich wusste, dass mich danach etwas Schlimmes erwarten würde, habe ich mich einmal auf einem Festival überreden lassen, Bier durch den Trichter zu saufen. Ich hatte ziemlich Schiss davor, denn immerhin war es erst Vormittag und ich hatte nichts gegessen als zerknitterte Milchbrötchen mit ein wenig flüssigem Nutella und ein paar Säckchen Ahoi Brause (die ehrlich gesagt mit Vodka versetzt war).

Also habe ich angesetzt und ein Bier in gefühlt einem Zug getrunken—an viel mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass ich Stunden später in einem bestimmt 50 Grad heißen Zelt aufgewacht bin, über und über mit Edding-Penissen bemalt war und mit einem strafenden Blick von meinem besten Freund begrüßt wurde, der meine Kotze aus diesem Zelt, das definitiv nicht meines war, wischen durfte. Wenn mich dieser Vormittag eines gelehrt hat, dann, dass nie jemand, der schnell besoffen ist und/oder einen leeren Magen hat, sich von Menschen, die es lustig finden, sich gegenseitig vors Zelt zu scheißen (siehe oben), überreden zu lassen, Bier durch einen Schlauch aus dem Baumarkt zu saufen. Und dass man ohnehin niemals an einem Vormittag Vodka und Bier mischen sollte, wenn man von einem Festival auch nur annähernd etwas mitbekommen möchte und nicht als einer dieser stillen und komatösen Helden des Campingplatzes enden möchte.

Als auf einem Festival so viele schöne Dinge auf einmal passiert sind, dass ich es gar nicht glauben konnte

Foto: Isabella Khom

Dieses eine Jahr werde ich nie vergessen. In diesem Jahr sind innerhalb von drei Tagen auf einem Festival so viele lustige Dinge passiert, dass ich noch heute in traurigen Momenten davon zehre. Alles begann in einem Sesselkreis aus halb kaputten Campingsesseln. Im friedlichen Beisammensein hat sich unsere gesamte Gruppe über den Nachmittag hinweg so konsequent vernichtet, dass einem wirklich legendären Abend nichts mehr im Weg stand. Und wenn ich „legendär“ sage, meine ich nicht das Wort, das Barney Stinson so inflationär für seine Eroberungen gebraucht, sondern das Wort, das einen Tag beschreibt, von dem ich meinen Enkeln erzählen werde, wenn sie mich fragen, was der schönste Tag meiner Teenie-Jahre war.

An diesem Tag haben wir alles in Brand gesteckt, was wir finden konnten. Für dieses Freudenfeuer wären wir fast vom Campingplatz geschmissen worden, weil wir einen mehrstöckigen Turm aus Campingsesseln in Brand stecken wollten. An diesem Tag bin ich vor der Bühne eingeschlafen, während die erste Nachmittags-Band gespielt hat, weil ich schon vier Liter Spritzer getrunken hatte. An diesem Tag musste ich einen Freund vor einer wildgewordenen Meute retten, weil er völlig besoffen in eine Menschentraube pissen wollte. An diesem Tag wurde mir von einem Mädchen ins Gesicht gespuckt, nachdem ich sie gefragt habe, was sie an unserer Bierpalette zu suchen hat, woraufhin sie von meinen Freunden verjagt wurde, während ich friedlich in meinem Sessel sitzen geblieben bin. Ihr seht, das war ein wirklich schöner Tag. Aber nicht nur der Alkohol und eine exorbitante Menge an Motivation haben diesen Tag so schön gemacht—ohne die richtigen Freunde wäre jedes Festival nur halb so lustig. Und diese Menschen erkennt ihr daran, dass sie euch niemals vors Zelt kacken würden.

Verena ist auch auf Twitter: @verenabgnr

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