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Laibach denken gern unsozial

Laibach geben normalerweise nur schriftliche Interviews. Trifft man sie direkt, geben sie sich äußerst wortkarg.

von Rod Glacial
13 August 2012, 12:00pm

„Laibach geben nur schriftliche Interviews“, war die Antwort des Managers, als ich angefragt hatte, ob ich die Band nach ihrer einzigen Frankreich-Show letzten April im The Machine in Paris treffen kann. Die slowenische Band gibt sich nach wie vor ziemlich privat. Vielleicht ist genau das das Geheimnis ihrer Beständigkeit. Sie sind andauernd auf Tour und trotzdem immer noch bei MUTE Records unter Vertrag. Symbolismus und brauner Humor waren immer schon das Steckenpferd der Band. Goran Gajic (Victory Under the Sun, 1988) hat in einer berüchtigten und maßgeblichen Dokumentation analysiert, wie eine Band, die aus einer sowjetischer Diktatur stammt, die westliche Kultur mit totalitären Taktiken und hegemonialer Politik als ihre größte Kunst durchwandern konnte. Nach der anfänglichen Härte und der Kälte, mit der sie auf der Klaviatur der Kontroverse spielen und der Einführung ihrer provokativen zweite Stufe, hat die Band auch nach ihrem rasanten Aufstieg ihren ikonoklastischen Status beibehalten. So auch auf der Show in Paris. Die Band, die immer martialisch auftritt, die Popkultur-Klassiker militarisiert (Gainsbourg, Dylan) oder die Marseillaise romantisiert, spielte mit ihrem Publikum genauso sehr wie sie mit mir spielten, als sie die folgenden Fragen beantworteten. LAIBACH ist eben noch immer eine Mission, die viel Aufmerksamkeit beansprucht.

Noisey: Wer sind im Moment die Mitglieder von Laibach?
Laibach: Eber, Saliger, Dachauer and Keller.

Lebt ihr immer noch in Slowenien? Und warum?
Natürlich. In dem Land gibt’s die besten Plätze (um Ferien zu machen).

Wie kam es dazu, dass ihr den Soundtrack für Iron Sky aufgenommen habt? Habt ihr dem Projekt von Timo Vuorensola sofort vertraut? Ich weiß, dass sein Film im Internet finanziert wurde.
Die Entscheidung ist echt leicht gefallen, nachdem wir ein paar erste Aufnahmen des Films gesehen haben. Und ja, wir haben dem Projekt von Timo Vuorensola sofort vertraut. Iron Sky ist revolutionär.

Eigentlich ist Laibach auch nicht so weit von einer „düsteren Science-Fiction-Komödie mit schwarzem Humor“ entfernt, oder?
Von einer „düsteren Science-Fiction-Komödie mit schwarzem Humor“ sind wir ebenso weit entfernt wie von einer „klassischen wagnerischen Gesamtkunst-Oper“.

Für manche Leute wird es wohl ein Schock sein, eure Musik in einem Film zu hören. Denkt ihr, der Film wird dauerhaft erfolgreich? Es ist irgendwie komisch zu sehen, dass der Film in Finnland von Walt Disney vertrieben wird.
Warum ist das komisch? Das ist ein erzieherischer Film, der für Kinder gemacht wurde. Eigentlich sollte Disney diesen Film überall auf der Welt vertreiben.

Was würdet ihr tun, wenn die Nazis tatsächlich zurückkommen?
Wir würden das tun, was wir sowieso schon tun. Schließlich sind die Nazis schon längst hier.

Als ich vor zwei Jahren eine Show von Front 242 gesehen habe, war ich echt enttäuscht und dachte mir, dass Industrial Bands aus den 80er Jahren nicht mehr live auftreten sollten. Was erzählt ihr eurem jungen Publikum, damit sie euch live sehen wollen?
Wir würden ihnen sagen, dass Laibach heute keine Industrial Band aus der 80ern mehr ist.

Was gehört alles zur „We come in peace“ Tour dazu?
Es gehört ganz viel „in Frieden kommen“ dazu. Und auch ein wenig guter Krieg.

Gibt es noch ein paar Orte auf der Welt, an denen eure Band verboten ist, siehe Death In June?
Wir sind auf der Welt in so einigen Gehirnen verboten.

Findet ihr immer noch, dass Politik die ultimative Kunstform ist?
Wir finden, dass Politik die ultimative Kunstform des Unmöglichen ist.

Ist Laibach immer noch eine Mission, die nach Fanatismus verlangt?
Natürlich. Wir würden gar nicht mit ihnen umgehen können, wäre da nicht ein gewisser Fanatismus.

Könnt ihr mir ein bisschen von NSK erzählen? Existiert das Kollektiv noch? Was ist der Zweck der Gruppe?
NSK als die Organisation für „Neue Slowenische Kunst“ existiert schon seit 1992 nicht mehr. Sie wurde durch den NSK-Staat ersetzt und über den kannst du alles im World Wide Web nachlesen.

Kennt ihr die elektronische Band Dopplereffekt aus Detroit? Ihr Album heißt so wie euer letzter Rückblick „Gesamtkunstwerk“. Was ist ein Gesamtkunstwerk für euch?
Ein Gesamtkunstwerk ist genau das, was es sagt: einheitlich, verknüpft und die totale Kunst des Möglichen.

Ich hab den Q&A-Bereich eures Orakels auf der Homepage gelesen. Denkt ihr, Ironie und Provokation sind in unserer Ära noch immer subversiv? Und bedeutet Subversion eigentlich überhaupt noch etwas?
Nicht alles, was ironisch und provokativ ist, ist auch subversiv. Aber die Ironie und Provokation, die subversiv ist, bedeutet immer noch etwas, sonst wäre sie ja nicht subversiv. Eine Bedeutung ist nur subversiv, wenn sie provokativ ist.

Was denkt ihr über Musik und Kunst heutzutage? Es scheint als würde da Stärke fehlen…
Stärke an sich ist nicht der ultimative Charakterzug für wirksame Kunst. Es ist Subversion. Aber Subversion bedeutet nicht unbedingt Aggressivität. Es kann sich auch in einer ganz ruhigen Überschreitung äußern.

Und zum Schluss, warum macht ihr nur schriftliche Interviews?
Wir denken lieber als zu reden. Und wir verbalisieren lieber als zu sozialisieren.

Die NSK plant übrigens im kommenden Jahr eine Biennale. Mehr darüber hier.