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Koks und Synthies in der Limousine—Die beste Platte der Welt kommt heute von Albert Parisien

Exklusiv: Checkt jetzt „Highway Chronicles“, die neue EP und unser Interview mit Albert Parisien. Wenn ihr es nicht tut, wird Musik morgen tot sein.
2.6.16

Seit es HipHop gibt, verzehrt das Genre bestehende Musik, zwirbelt sie zusammen und spuckt ein Referenzen-Potpourri wieder aus. Das Ergebnis wird oft mehr beachtet als die Inspiration gebenden Musiker selbst. Jazz, Funk, Soul sind die Klassiker. Doch wo zum Teufel bleiben eigentlich die 80er-Einflüsse? Wo bleiben die ernst gemeinten kitschdurchfluteten Tanzaufforderungen mit Regenbogenrefrains im Rap? (Und die Rede ist nicht von so was wie MC Fitti) Ganz klar: sie bündeln sich in der Musik vom Bremer Rapper Albert Parisien, der gerade in Prag residiert. Seine neue EP Highway Chronicles ist das Unikat, das die ohnehin schon vielfältige Rapwelt noch gebraucht hat. Es ist die knallbunte Fahrt mit der überdimensionierten US-Karosse am Strand von Miami entlang, bis in die Clubs, in denen leicht bekleidete Männer und Frauen mit Rollschuhen herumsausen. Damit Parisien den speziellsten Rap-Entwurf im ohnehin schon futuristischen Musikjahr 2016 definiert.

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Albert singt und rappt mit permanentem Vocoder- und Autotune-Einsatz über die 80s-House-Abfahrten von Past und AsadJohn (kennt man von Haiyti) und klingt dabei mehr nach Daft Punk als nach Rap-Urvätern. Er propagiert die Verschmelzung von Mensch und Maschine, wie es einst Kraftwerk taten, steht auf Pop-Art-Ästhetik und erzählt Musik gewordene Kurzgeschichten über Lean-Pusher und Freiheitssuchende. Die EP „Highway Cronicals“, die es hier in der exklusiven Noisey-Premiere zu hören gibt, skizziert eben jene Freiheit auf den nie enden wollenden Highways. Floskeln gibt es da nicht, dafür selbst auferlegte Faustregeln als Überlebenstipps. Merke: Airmaxx sind Müll, und wenn die Freiheit nicht erlangt wird, dann hilft nur das Blei, sprich: Gib dir die Kugel.

Doch woher kommt diese autarke Entwicklung abseits jeglicher Hypes, obwohl Alberts erste Rap-Schritte vor knapp acht Jahren doch als pubertärer Dipset-Verschnitt begannen und er später das Crack mit der USA-affinen Cosmo Gang kochte? Und warum ist das Leben durchgespielt, wenn man 140,000 Euro erwirtschaftet hat. Wir haben nachgefragt. Denn ready ist Albert immer.

Noisey: Was heißt das denn nun genau: „immer ready“ sein?
Albert Parisien: Immer ready zu sein heißt, gleich loszulegen, wenn der Call reinkommt, oder Besuch vor der Tür steht. Es beschreibt eine Art Fernweh und das permanente Bedürfnis nach Ereignissen. Es heißt auf der EP auch: „Ich bin ready für whatever.“—Gucken, was passiert. Das kann alles und nichts sein.

Deine Musik kuppelt ja typische Pop-Motive wie die Sehnsucht nach dem Weltall mit dem Hedonismus und der Ego-Schiene des aktuellen Rap. Bewusst?
Teilweise. Ich bin zum Beispiel null materialistisch. In meiner Musik geht es weder darum Geld auszugeben, noch darum, welches zu verdienen. Aber die Weltraumthematik ist tatsächlich sehr präsent. Das ist eine der drei essenziellen Thematiken von Italo Disco: Roboter, Liebe und Weltall, die auch in meiner Musik stattfinden. Das Roboterhafte durch die Synthese von Mensch und Maschine: Ich, Autotune, Beat. Das Verlassen der Erde wird dann in den Texten zelebriert. Natürlich beziehen sich meine Tracks auch darauf, dass ich der Beste bin, aber nicht im Rappen an sich. Ich bin eher die beste Variante, wenn du eine gute Zeit verbringen willst. Das Ego-Ding funktioniert als Einladung.

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Machst du überhaupt noch Rap-Musik?
BPM-technisch ist meine Musik Rap-untypisch und eher in Pop oder Disco zu verorten. Aber auf einigen Tracks wird schon gerappt: Der Anteil ist nicht unerheblich, auch wenn zwischenzeitlich in Gesang geswitcht wird. Ohnehin bin ich primär rapsozialisiert.

Hauptsächlich zitierst du aber Sound aus den 80ern. Woher kommt das?
Wir hatten in Bremen eine Partyreihe auf der viel Italo Disco und Space House gespielt wurde. Dort immer versucht Tracks zu shazamen und dann immer tiefer gegraben. Was ich komisch fand, war, dass sowohl Rap als auch Italo Disco Ende der 70er und Anfang der 80er entstanden sind, sich aber nie berührt haben. Meine Musik ist eine verspätete Fusion. Ich liebe sowohl Rap als auch Disco, House und Pop. Kavinski hat ja das Genre Outrun definiert. Es greift die Ästhetik der 80er auf, aber klingt treibender, weil die Musik als Soundtrack für Filme mit Autoverfolgung gedacht ist. Auf seinem Album hatte Havoc von Mobb Deep einen Part. Das fand ich interessant, aber nicht so gut umgesetzt. Ich dachte mir: Das geht besser und catchiger und das war der Antrieb.

Du bist auch Teil der Cosmo-Gang, hast mit ihnen letztes Jahr sogar beim Splash!-Festival gespielt. Passt deine Musik überhaupt in diesen Kontext?
Unser Sound ist erst nach und nach ins Divergieren geraten. Zuerst hat sich alles um dieses Stoner-Ding konzentriert. Da waren wir uns inhaltlich schon ähnlich. Das sind alles sehr coole Jungs, die für sich stehen. So eine große Qualitätsdichte wie bei der Cosmo Gang habe ich bei keiner anderen Crew erlebt. Auf dem Splash! haben meine Tracks aber überhaupt nicht funktioniert. Meine Musik ist nichts, was man auf der Bühne schreit. Man setzt sie mit einer Lichtshow und einer schönen Kulisse im Dunklen um. Aber Raphörer, die open minded sind, kann man damit schon abholen. Ich bin zwar dabei das Rap-Game zu verlassen, aber befinde mich doch mit den Zehenspitzen in ihm.

Die Weed-Thematik scheint aber keine große Rolle mehr zu spielen.
Im Real Life ist das kürzergetreten. Es ist einfach langweilig und lästig, wenn man Sachen nachgehen will, die davon behindert werden. Grundsätzlich gab es in meiner Musik eine grüne Phase auf „Coolness“ und eine lila Phase auf „Future Lean“. „Highway Cronicels“ ist jetzt vom Sound und vom Feeling her eine weiße Phase.

Woher kommt denn deine jetzige Distanz zu Deutschrap? Ist das kein Umfeld, in dem man gerne abhängt?
Ich glaube, sobald Rapper etwas erreicht haben, wächst ihr ohnehin schon großes Ego noch weiter. Dann entwickeln sie so ein Alpha-Tier-Gehabe und fahren die Ellbogen aus. Mit solchen Leuten hänge ich ungern rum. Ich würde tatsächlich auch sagen, dass ich nicht so gerne jeden Tag mit Albert Parisien rumhänge. Ich persönlich würde es ruhiger angehen.

Ist das Ziel Albert Parisiern als komplett autarke Kunstperson zu entkoppeln?
Dafür bin ich zu vernarrt in das Authentische. Es soll eher eine Überzeichnung von mir selbst sein. Bestimmte Aspekte kommen in der Musik ja gar nicht vor. Ich interessiere mich zum Beispiel sehr für Politik, Kultur und Zeitgeschehen, speise das aber gar nicht in die Musik ein. Ich nutze das, was auch in mir als Hörer ein gutes Gefühl auslösen würde. Künstlerperson und das reale Ich müssen korrespondieren, sonst könnte ich nicht in den Spiegel gucken.

Deine wahre Stimme hört man in der Musik aber nie. Durch Vocoder und Autotune haftet ihr immer etwas robohaftes an.
Wenn man die Möglichkeit hat, mit Effekten mehr aus der Stimme herauszuholen, um einen futuristischeren Sound zu erzeugen, macht das Sinn. Das passt auch zu den synthetischen, fast plastikartigen Beats und ist außerdem eine Trennung von mir als Mensch und der Kunstfigur Albert. Ich bin ein großer Fan davon, wenn Mensch und Machine etwas neues kreieren. Auf der anderen Seite gibt es ja auch den Approach von Kollagen und Co. mit ihren schnellen Stakkato-Flows, die auch roboterartig klingen. Das finde ich aber komisch. Warum sollte man sich mit Robotern messen, die einem in solchen Sachen ohnehin voraus sind, wenn man mit Maschinen auch zusammenarbeiten kann, um das Beste aus beiden Welten zu fusionieren.

Phrasen gibt’s bei dir keine, außer deine eigens kreierten Catch-Phrases. Warum ist denn eigentlich „alles gelaufen“ mit 140.000 (Euro)?
Ich hasse Floskeln und entgehe ihnen durch das Code-Switching zwischen Deutsch und Englisch. Die Kunst für sich soll auf einem abstrakten Level bleiben. Ich spreche zum Beispiel nie von Marken, damit es eine möglichst große Identifikationsfläche gibt. Aber ich mag das Selbstreferenzielle, deswegen kehren bestimmte Motive immer wieder. Ein Freund hat errechnet, dass man 140 000 Euro generieren müsste, um sein Leben lang high zu sein. Die strebe ich an, in welcher Form auch immer.

Highway Chronicles von Albert Parisien gibt es ab sofort bei iTunes, Spotify und Apple Music.