Blutige Nasen und K.O.-Schläge—Deutscher Beatdown gedeiht im Hinterland

Wir waren bei einem Beatdown-Fest in Sachsen-Anhalt, um uns mit Reduction über die extrem harte Seite des Hardcore zu unterhalten.

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17 Mai 2016, 9:27am

Head-Foto vom Autor

Es ist Samstag und ich sitze auf der Rückbank eines Ford Fiestas, während laut Sidos „Ausm Weg" durchs Auto dröhnt. Der alten Zeiten wegen hat es der 21-jährige Fahrer reingemacht. Bei Mitfahrgelegenheiten kannst du dir die Musik eben nicht aussuchen. Vorher sind schwere Beatdown-Riffs durch die Boxen gescheppert, so zur Vorbereitung auf den Tag. Denn heute geht es von Berlin aus irgendwo ins Hinterland bei Magdeburg, Sachsen-Anhalt, zum vorläufigen Beatdown-Showcase des Jahres: dem OLOC-Fest in Lutherstadt Eisleben.

Beatdown ist die extreme Spielart des Hardcore: Abgedämpfte Gitarren stampfen über groovende Drums, dazu gepresstes Geschrei über Zusammenhalt, die scheiß Gesellschaft und unterdrückende Arschlöcher. Es ist die pure Auf-die-Fresse-Musik—im Grunde wird da ein Breakdown an den nächsten gereiht, um im Moshpit als gelernter Bruce-Lee-Nachahmer komplett auszurasten. Aber Beatdown ist auch dafür verrufen, auf politische Korrektheit zu scheißen und gewaltgeil, frauenfeindlich und homophob zu sein. Und genau deswegen ist dieses Subgenre von der restlichen Szene oft mit hochgezogener Augenbraue als „Bauern-Hardcore" verpönt.

Heute treffe ich hinter der Bühne auf Samis. Er ist der Sänger der Beatdown-Band Reduction und beantwortet meine Frage, wie denn die Beatdown-Szene 2016 so sei, unmissverständlich direkt: „Das ist der größte Scheiß, den ich je gesehen habe. Bands machen nur noch dreckige Scheißmusik, die so billig ist wie ein paar Schuhe bei Primark." Das läge daran, dass neue Bands nur versuchen, bereits Bestehendes zu kopieren, ohne eigene Ideen einfließen zu lassen. Zwar gäbe sich die Szene gewalttätiger und extremer, wirklich hart seien sie dann aber doch nicht. „Das ist einfach nicht real, so wie wir", resümiert er und lacht.

Reduction kommen aus Bochum, tiefster Ruhrpott. Dort, wo die Szene den Ruf hat, die härteste Deutschlands zu sein, was Breakdowns und den Pit angeht, so Samis: „Der Ruhrpott war schon immer der Teil Deutschlands mit der größten Schnauze, dem härtesten Working-Class-Lifestyle und der größten Bevölkerungsdichte. Genau das spiegelt sich auch in der Musik und den Konzerten im Pott wieder." Er selbst ist seit 2000 in der Szene unterwegs, boxte sich wortwörtlich in der Hierarchie hoch und gründete mit Freunden 2005/06 Reduction. Mittlerweile würde aber der Nachwuchs fehlen, da es auf den Konzerten zu extrem wurde und viele deshalb zu sehr Angst hätten, hinzugehen.

Im Ford Fiesta erzählt mir der Fahrer, dass er in einem Elektrogeschäft arbeitet und gestern Jemandem einen 15.000€-Fernseher verkauft hat. Der Kunde würde den Unterschied zu einem billigeren Modell doch niemals sehen. Er selbst habe nur ein 400€-Gerät und kotze jedes mal ab, wenn er darauf Fußball gucken müsse. Auf Beatdown-Shows fährt er erst seit Kurzem. Nicht nach Berlin, sondern in die kleineren Städte, eben dahin, wo noch die harten Bands gebucht werden. Dort sei des Publikum aktiver drauf, da wisse man noch, wie man richtig abgehen kann. Deswegen hat er auch große Hoffnungen für den heutigen Tag.

Zwar war der Ruhrpott die Brutstätte von Beatdown, doch gerade in Ostdeutschland ist die Szene zurzeit viel aktiver. One Life One Crew sei dank. Das in Eisleben beheimatete Unternehmen hat sich extremem Hardcore in Sachen Labelarbeit und Merchandising verschrieben und einen gewissen Ruf in der deutschen Hardcore-Szene „erarbeitet". Bands mit illustren Namen wie Cunthunt777 oder In Blood We Trust, prollige Sprüche und knapp bekleidete Frauen auf Shirts kommen in der linksalternativen Szene eben nicht so an. Es kam sogar schon auf einer Hardcore-Show in Sachsen zu einem Verbot von OLOC-Merch.

Wer heute aber die Fahrt zum Label-Fest auf sich nimmt, wird mit den Vorzeigebands der europäischen Szene belohnt: Whatever It Takes, Nasty, Words Of Concrete, Wolfpack, Blood For Betrayal und eben Reduction. Die geballte Ladung Beatdown also. Und die Leute kommen: Der Ford fährt kurz nach 16 Uhr auf einen großen Parkplatz, der gefüllt ist mit Menschen in großflächig bedruckten Hoodies, Mesh-Shorts, Jogginghosen und Snapbacks. Viele Männer, klirrende Bierflaschen, glückliche Gesichter und gegröltes Wiedertreffen alter Bekanntschaften.


Foto: Moritz Götz

Erster Halt nach dem Einlass: Essensraum, vegane Hot Dogs, Stühle und Tische wie im Landheim. Laut wummern die Songs der ersten Band in den Raum. Neben mir ein ca. 20-Jähriger, der schmerzerfüllt an die Decke starrt, seinen linken Arm hält und immer wieder verzweifelt stöhnt. Plötzlicher Aufruhr, vier Leute tragen einen Bewusstlosen rein. Da wacht der schon wieder auf, fragt verwirrt, was passiert ist und will gleich wieder reingehen, weiter moshen. Erleichtertes Gelächter. Nur der Typ neben mir stöhnt weiter. Ich frage, was los ist: „Arm ausgekugelt." Und das gleich beim ersten Song des Tages. Dabei habe er sich doch vorgenommen, das diesmal nichts passiert. Wenig später kommen Sanitäter und nehmen ihn mit ins Krankenhaus. So läuft das hier also.

Der Konzertraum ist eigentlich ein weitläufiger Tanzsaal. In schätzungsweise zehn Meter Deckenhöhe hängt ein Kronleuchter, der einen krassen Kontrast zu den Karate-Kicks-ausführenden Moshern im Pit bildet. Während sich bei einer normalen Hardcore-Show der Moshpit meist auf den kleinen Raum vor der Bühne beschränkt, nimmt er hier fast die gesamte Breite des Saals ein. Genügend Platz, keine Körpertreffer abzukriegen, möchte man meinen. Aber selbst um auf Toilette zu gehen, muss man kurz Teil des dünnen Publikumskreises werden, in den immer wieder Tänzer Bein voraus mit Schwung reinbrettern. Keine Auszeit, mitmachen oder kassieren. So wie der Typ auf der Herrentoilette, der über dem Waschbecken hängt und sich das Blut aus seinem Gesicht wischt.

Obwohl Reduction schon so lange dabei ist, blieben sie trotzdem immer Untergrund. Das hat seine Gründe: „Wir sind Typen mit teilweise extremen Backgrounds und wollen mit unserer Musik auf Themen hinweisen, die in der Gesellschaft falsch laufen." Extrem daher auch die Lyrics, die sich den homophoben und sexistischen „Traditionen" des HipHop annehmen und betont asozial daherkommen. Samis versichert, dass er, dessen Onkel schwul sei, weder was gegen Homosexuelle hätte, noch Frauen beleidigen will. Er habe seinen Sprachgebrauch nunmal seiner Umwelt angepasst und das sei eben nicht der Unicampus oder eine „Müslikommune", sondern Bochum Hamme.

Provokation ist sein bewährtes Stilmittel. Ob das Feedback darauf nun positiv oder negativ ist: egal. Negative Werbung bekommen sie durch ihren Song „Welcome to Germany" seit zehn Jahren zur Genüge. Patriotismus stößt nunmal selbst in der breiten alternativen Szene auf harte Kritik und so wurde die Band beispielsweise von heise.de in die nationalistische Ecke gestellt. Reduction und rechts? Findet Samis absolut nicht witzig. Er sei schließlich deutsch-serbischer Roma, dessen muslimischer Vater damals ein Land verlassen hatte, in dem Roma ausgegrenzt und in menschenunwürdigen Verhältnissen leben mussten und müssen. Hier in Deutschland gäbe es nunmal das Sozialsystem, Schulbildung und eine Wohnung mit Heizung und Bad. „Für diese Möglichkeit sind wir Deutschland dankbar, lieben dieses Land und wünschen diese Lebensbedingungen jedem einzelnen Flüchtling."

Als er gut eine Stunde später auf der Bühne steht, spielen Reduction auch den umstrittenen Song. Begeisterter Applaus, viel Action im Pit und direkt vor der Bühne, wo viele den Text mitbrüllen. Schon ein befremdlicher Moment, hier in Sachsen-Anhalt, wo einen Tag später die rechtspopulistische AfD 24 % bei den Landtagswahlen holen wird. Die Wahlen sind auch beim Auftritt von Reduction ein Thema, als Samis eine klare Ansage macht. Jeder, der morgen ein Kreuz bei der AfD oder NPD machen wolle, solle sich sofort verpissen. Lauter Applaus.

Reduction sind immer drauf bedacht, dass auf ihren Konzerten niemand mit rechtem Gedankengut rumrennt. Verdächtige Shirts mit Runen googeln sie—wenn sich der Verdacht bestätigt, werden sie handgreiflich: „Ich bin weniger der Typ, der stundenlang über Politik diskutiert, weswegen mein politischer Aktionismus eher auf körperliche Auseinandersetzungen reduziert ist. Bei mir kracht es halt schnell, wenn ich einen Nazi auf unseren Konzerten oder sonstwo vorfinde. Diskutieren sollen andere."

So gesehen ist die Band couragierter und reflektierter als viele andere Hardcore-Bands, gehen aber in Sachen Meinungsfreiheit einen wesentlich provokanteren Weg und landen dann doch wieder auf der roten Liste vieler Veranstalter von Hardcore-Konzerten. Da sie damit nicht die Einzigen sind, sind reine Beatdown-Shows wie heute selten. Daher bleibt die Szene klein—und extrem.

Es ist kurz nach Mitternacht, als wir wieder im Ford Fiesta sitzen. Wir haben heute zehn verschiedene Bands gesehen, alle stampften sie durch ihr Set, feuerten die Männer und Frauen im Pit an. Jetzt reicht es aber. Genug der entladenen Aggression. Es ist Sonntagnacht und ich hänge auf der Rückbank eines Ford Fiestas, während laut Dubstep durchs Auto dröhnt.


Julius ist auch bei Twitter: @BackToSchoolius

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