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Ein Plädoyer für musikalische Guilty Pleasures

Wir lieben auch Scheiß-Musik und plädieren für mehr öffentliche Liebesbekenntnisse.

von Nicole Schöndorfer
31 März 2015, 1:36pm

Connor Oberst von Butch Walker

Unsere Redaktion ist vor kurzem umgezogen. So ein Umzug ist ja bekanntlich die perfekte Gelegenheit dafür, Dinge, die man nicht mehr mag oder braucht, zu entsorgen. Ein bisschen aufzuräumen. Unser Chefredakteur hat zum Beispiel ein paar alte Promo-CDs weggeschmissen. Darunter befand sich auch eine Kopie von Conor Obersts aktuellem Album „Upside Down Mountain“. Er zischte „Ich hasse Conor Oberst“ und ließ es unbeeindruckt in den Müll fallen. Hätte ich das Album letztes Jahr nicht selbst im Rahmen eines Interviews mit Oberst schon digital bekommen, wäre ich wahrscheinlich nachgesprungen. So war ich nur ein bisschen beleidigt und habe gejammert wie unsere Bürohündin Lila, wenn ihre Mama den Raum verlässt. Aber warum? Ist Conor Oberst etwa zu einem dieser peinlichen musikalischen guilty pleasures geworden, für die man sich vor seinen coolen Freunden und Kollegen rechtfertigen muss? Es schien plötzlich so. Aber warum sollten wir uns für unsere (ehemaligen) Lieblingskünstler schämen? Das ist doch bescheuert.

Conor Oberst war als Bright Eyes der wohl wichtigste Mensch in meinem jungen Teenie-Dasein. Zwischen 14 und 17 war er der, dem ich am ehesten zuhörte und der, der mich am ehesten verstehen konnte. Seine Lyrics waren eine Offenbarung für mich. Ich war eigentlich kein besonders trauriger Teenager, aber seltsamerweise sprachen Obersts Emo-Texte zu mir wie keine anderen. Während andere Künstler in meinem last.fm-Profil 45 Plays hatten, hatte Bright Eyes schließlich um die 5.000.

Nun ist es heute ja so, dass ich die Musik von Conor Oberst und Bright Eyes nicht mehr höre.Ich könnte nicht einmal rational beurteilen, ob ich sie überhaupt noch richtig gut finde. Es ist eine rein emotionale Beziehung, die ich mit Obersts zitternder Stimme und seinen zerbrechlichen Lyrics pflege. Das letzte Konzert ist auch schon drei Jahre her. Aber auch das war wieder zauberschön. Es war ein Arena-Open-Air und es hat geregnet. Ich war plötzlich wieder jung, äh, jünger halt.

Urban Dictionary sagt, ein guilty pleasure ist etwas das man nicht mögen sollte, aber es trotzdem tut und es „describe[s] a certain substance or activity a person enjoys, and often practises, while said person morally believed or is informed that the substance or activity is abnormal, improper or incorrect.“ Wenn man musikalische guilty pleasures googelt, erscheinen zum Beispiel Journey, die Spice Girls, Vanessa Carlton, Britney Spears und Incubus. Und Taylor Swift. Mal abgesehen davon, dass Taylor Swift sowieso der beste Mensch auf der Welt ist, kann man guilty pleasure-Songs wohl als solche verstehen, die eigentlich als seichter, aber erfolgreicher Mainstream-Pop gelten und nicht besonders kompliziert sind, was etwa Lyrics, Instrumente und Produktion betrifft. Solche, die die selbsternannten Musiknerds und die gesamte Indie-Meute erschaudern lassen. Zumindestdann, wenn ihnen niemand zusieht.

Aber warum überhaupt? Warum darf man nicht auch einmal „schlechte“ Musik gut finden,ohne eingeschlafenen oder angewiderten Gesichtern zu begegnen? Ohne dazusagen zu müssen, dass man das eigentlich bloß ironisch meint oder sie eh nur hört, wenn man betrunken ist oder Liebeskummer hat? Und warum werden einst so gefeierte Künstler wie Conor Oberst plötzlich uncool? Und wann passiert dieser Umschwung überhaupt? Wenn jetzt eines dieser depperten Indie-Kids daherkommt und sagt „weil sie früher besser waren“ oder „sie mir mittlerweile zu Mainstream sind“, dann gibt es Heckmeck. Hört doch bitte endlich auf, solche widerlichen Snobs zu sein.

Ich meine damit übrigens nicht mehr unseren Chefredakteur. Denn auch er hat seine sogenannten musikalischen guilty pleasures und liebt sie. Er hasst einfach jegliche Art von Folk-Musik und das ist vollkommen in Ordnung. Ich hasse zum Beispiel Ska. Und sogar Wanda. Und auch das ist vollkommen in Ordnung. Ich meine es anders.

Warum mögt ihr eure ehemaligen Lieblingsbands nicht mehr, nur weil sie es nach Jahren harter Arbeit endlich in die Mainstream-Charts schaffen oder tatsächlich in die Ö3- und Kronehit-Rotation aufgenommen werden? Werdet erwachsen, echt. Wenn ihr wollt, dass eure liebsten Künstler so super indie und underground bleiben und ihr Leben lang nur in kleinen Clubs vor euch und euren 20 coolen Freunden spielen, dann seid ihr keine Fans, sondern sehr böse und vor allem sehr selbstreflektierte Menschen. Muse machen jetzt Stadion-Pop und verkaufen diese damit auch weltweit aus? Yeah! Der große Karl Lagerfeld ist seit dem letzten Album Fan von Metronomy? Geil! Freut euch doch einfach mit. Und steht auch einmal dazu, den neuen, poppigeren und besser produzierten Sound gut zu finden. We don’t judge.

Und was ist das überhaupt für ein seltsamer Trend, ältere Songs, die man einst von ganzem Herzen gehasst hat, wie etwa sämtliche Eurodance-Burner der 90er-Jahre, plötzlich wieder cool zu finden? „Ironisch“ natürlich, jaja. Ich nehme mich selbst während meines kleinen Rants hier übrigens nicht aus. Ich war auch einmal so ein versnobtes Indie-Girl. Aber ich bin es eben nicht mehr. Mein musikalisches Selbstbewusstsein reicht mittlerweile so weit, dass ich das, was ihr, wenn überhaupt, als guilty pleasures bezeichnet, ernsthaft lieben kann. Es ist nämlich tatsächlich möglich, Run The Jewels und Taylor Swift gleichzeitig gut zu finden und Ariana Grande genauso zu feiern wie Dorian Concept. Dass die Spice Girls ebenso ihre Berechtigung im Pop-Olymp haben wie die ach so unantastbare Björk, muss ich hoffentlich auch nicht mehr erklären. Zumindest will ich es nicht mehr erklären müssen.

Was ich eigentlich sagen will: Guilty pleasures sind ungesund, weil wir mit dieser Bezeichnung wieder einmal verschleiern wollen, wer wir wirklich sind und was wir wirklich mögen. Das lässt sich auf alle Lebensbereiche ausdehnen, unter anderem auch auf unsere Lieblingsmusik. Zu Dingen zu stehen, ist immer cool. Also, zieht euch doch den Stock aus dem Arsch und dreht zur Abwechslung einmal ganz laut Haddaways „What Is Love“ auf.

Nicole twittert wahrscheinlich über Musik, die ihr hasst. Folgt ihr hier: nicole_schoen.

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