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Captain Ashi—Unterwegs im räudigen Band-Kosmos

Zwei Wochen Stromschlag—Das Captain Capa-Tourtagebuch

Hannes von Captain Capa berichtet über eine feuchtfröhliche Tour nebst Rohypnolvergiftung, Tinder und jeder Menge Schnaps.
23.6.15

Seit Oktober 2014 schreibe ich hier jetzt schon über die Höhen und Tiefen des Tourlebens, über den Glanz und den Glamour und den Schimmel und den Schmutz darunter. Über stinkendes Catering, ranzige Betten und schale Drinks. Über Tage auf der Autobahn und Nächte auf der Bühne. Es ist an der Zeit, das ganze Geschwafel wieder mal in die Tat umzusetzen und meine fragwürdigen Ratschläge auf Herz und Nieren zu prüfen. Nachdem sich mein geliebter Bandkollege Maik unter dem Stern der Familiengründung von unserer Hitschmiede Captain Capa verabschiedet hat, habe ich die Scherben säuberlich zusammengefegt und aus dem ehemaligen Duo ein Dreiergespann geklebt. Mit zwei neuen, wundervollen Bandmitgliedern, einer EP mit frischen Songs und der Ungewissheit des Quasi-Comebacks im Gepäck geht es jetzt, im Mai 2015, also endlich wieder auf Tour.

Foto: tonipropeller.de

Köln, Gebäude 9

Rauschhh. Krrrrrz. Frrrrrrr. Wenn ich eines in den fünf Monaten Tour-Abstinenz, die hinter mir liegen, nicht vermisst habe, dann ist es dieses schreckliche Geräusch. Aber Tontechniker Moritz schwört drauf: „Einrauschen muss sein.“ Deshalb steht jetzt ein einsames Mikrofon traurig in einem menschenleeren Club und schickt Störgeräusche durch die Anlage. Ich halte mir die Ohren zu und verkrieche mich in den Backstage, wo meine zwei neuen Bandkollegen Marco und Mario sitzen und auf ihren Handys rumdrücken. Während einer von ihnen checkt, wie es dem sechs Monate alten Nachwuchs zuhause geht, wischt der zweite ein Tinder-Profil nach dem anderen vom Bildschirm. „Äh, Hannes, ich bin nicht am tindern.“ „Doch, Mario. Oh doch. In meiner Fantasie hast du nur diese eine App auf dem Handy. Du gutaussehender, mysteriöser, junger Mann.“

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Zum ersten Mal nach dem Besetzungswechsel stehe ich endlich wieder zwischen Konzertplakaten, stapelweise Bierkästen und einem Schnittchenbuffet. Die Keyboardständer aufzustellen und MIDI-Controller zu verkabeln fühlte sich ein bisschen so an, als würde man ein über den Winter abgestelltes Skateboard abstauben oder zum ersten Mal nach einer langen Reise wieder seine eigenen vier Wände betreten.

Vor der Tür kann ich gerade noch verhindern, dass mein Vater aus dem Laden fliegt, weil er sich sein eigenes Bier in den Club schummeln will. Dabei begegnet uns ein Mädchen mit bunten Haaren, das regelmäßig auf unsere Shows kommt, seit sie 12 ist. Früher noch in Begleitung ihrer Mutter, taucht sie heute allein und sichtlich angetrunken auf. „Ashi, ich bin heute zum ersten Mal besoffen! Yeah!!“ So wird das nix mit dem „Pädagogisch wertvoll“-Stempel auf der nächsten Platte.

Die Show im Kölner Gebäude 9 ist der Warm-Up für den Rest der Tour, die Generalprobe für die neue Show, das neue Equipment und nicht zuletzt die neuen Boys, die Feuertaufe der „Captain Capa 2.0“. Beim Soundcheck erwischt mich die vielleicht erste Panikattacke in der Geschichte dieser Band. „Ich höre mich so schlecht durch die Boxen. Wie soll ich die neuen Songs singen, wenn ich mich so schlecht höre!? Und wie ging noch mal die scheiß zweite Strophe von „Vipera“? Immer diese scheiß zweite Strophe. Wieso ist hier auf einmal so wenig Platz? Wir können unmöglich als erstes eine neue Nummer spielen. Wir können unmöglich überhaupt spielen!!!“ Ich spüle die Bedenken mit einem Schluck Korn runter und beruhige mich schnell, als ich sehe, wie der mysteriöse Mario hinter seinem Synthie-Cockpit Knöpfchen dreht und Profi-Marco auf der Gitarre zupft.

In den ersten Reihen tummeln sich bekannte Gesichter. Gesichter, die seit Jahren immer wieder vor der Bühne auftauchen, Captain Capa T-Shirts tragen und die Texte teilweise besser können als ich. Geil, ich glaub, wir sind zuhause. Nur das mit der Lichtshow müssen wir noch üben. Als ich großspurig unsere neuen LED-Monster ankündige, „die euch jetzt mal richtig schön die Augen wegblitzen!“, passiert an der Licht-Front genau… gar nichts. Plugin tot, Stecker durchgebrannt, Kabel locker—was weiß ich. Die Bühne bleibt dunkel. Stört aber auch niemanden mehr, als wir zur Zugabe ein paar alte Hader abfeuern und die Bühne für Egotronic freiräumen. Der Abend endet besoffen in einem Hotelzimmer, das frei nach dem Thema „Bollywood“ gestaltet wurde. Wir schlafen also in einem rosafarbenen Shiva-Tempel und teilen uns das Bett mit Sharukh Khan.

Erfurt, Centrum Der wahre, echte Tourauftakt findet erst Wochen später in Erfurt statt. Wenn wir so etwas wie einen „harten Kern“ an Fans haben, dann sitzt er in Erfurt. Die Veranstalter sind Freunde, mit denen wir seit Ewigkeiten regelmäßig raue Mengen an Pfeffi killen, dementsprechend süffig wird es dann auch vor, während und nach dem Konzert. Auf der Aftershow macht jemand Spagat zu alten Bloc Party-Hitsingles, einer aus der Crew landet bei Fremden, im Backstage bricht ein Freund in Tränen aus. Alles wie immer, also! Die Droge des Abends: selbstgebrannter Marillenschnaps.

Berlin, Badehaus Szimpla

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In Berlin beginnt der Tag für uns mit einem Interview und einem Sprint durch Friedrichshain, weil wir Vollidioten bereits in Erfurt das erste Netzteil verloren haben. Ich renne also wie eine angestochene Wildsau ums Viertel und durchforste den größten Baumarkt der Welt. Während ich durch die Regale hetze, klingelt das Handy. Managing Menzl, unser Booker, ist am Apparat: „Hannes, denkst du dran, dass du in 30 Minuten pünktlich bei Radio Eins bist? Das ist ein wirklich GUTER Radiosender, also sei da bitte on point und benimm dich!“ Kacke, weitersprinten! Tatsächlich schaffen Label-Praktikantin A. und ich es aber auf die Sekunde genau zum Radiostudio. Dort schenkt man uns zur Begrüßung kaltes Bier und Kräuterschnaps ein, was nicht nur zu einer äußerst lustigen Livesendung, sondern später auch zu einem heiteren Soundcheck führt.

Das Konzert wird heute von zwei Kameras begleitet und das trifft sich gut—der vollgepackte Club hat nämlich Lust auf Ausrasten. Nachdem sich das hübsche Studentenpack in Erfurt auf den Donnerstag noch leicht zurückhaltend zeigte, sind auf den Berliner Freitag jetzt doch alle am durchdrehen. Nach dem Set überrascht mich jemand damit, dass er sich mein dahin gekritzeltes Autogramm vom letzten Mal auf den Arm tätowiert hat. Ich komme bis zum Sonnenaufgang nicht damit klar und muss es jedem erzählen. „Hey, der hat sich wirklich MEINE Untersch…“ „Ja, sagtest du schon. Crazy.“ Wir saufen uns durch ein paar Nachbarkneipen, hauen 50% der Gage auf den Kopf und verlieren im Armdrücken gegen eine starke BWL-Studentin. Das Event nimmt eine unschöne Wendung, als Praktikantin A. mit einer Rohypnolvergiftung von zwei Sanitätern weggeschleppt werden muss. Ätzende Kackscheiße!

Leipzig, Täubchenthal Als wir das letzte Mal im Täubchenthal spielten, endete die Nacht für uns in der Notaufnahme. Eine Konzertbesucherin ist auf der Aftershow betrunken von einer Brüstung gerutscht und vor unseren entsetzten Gesichtern zielgenau auf dem Mund aufgeschlagen. Dabei hat sie sich einen Schneidezahn durch die Unterlippe gejagt. Mir dreht sich heute noch der Magen um, wenn ich an das Bild denke. Ich weiß nicht mehr genau, welche Umstände dazu führten, dass ausgerechnet wir den Krankenwagen gespielt haben, aber gegen 05:15 saßen wir zwischen einer handvoll gebrochener Kreaturen im Krankenhaus und warteten darauf, dass die blutüberströmte Dame genäht wird.

Diesmal muss keiner ins Krankenhaus. Obwohl ich es mal verdient hätte. Erstens würde es mich nicht wundern, wenn Mario irgendwann durchdreht und mir für meine Tinder-Witze on Stage einen Synthie auf den Kopf schlägt, zweitens rastet bestimmt irgendwann mal ein Fan aus, weil ich immer noch punktgenau mindestens drei Textzeilen pro Set vergeige. Alter Showmastertrick beim Text vergessen: Am Mikrofonkabel wackeln, entsetzt zum Tontechniker schauen und dabei wild gestikulieren. Oder einen Stromschlag vortäuschen.

Foto: tonipropeller.de

Nach 13 Mexikanern pro Kopf zwischen den Barhocker-Hipstern torkeln wir irgendwann durchs kalte Leipzig zur Hoteladresse. Weil: „Lauf'n tut gut jetzt und Taxi kost' Geld!“ Seit Marco Pilzecker bei uns an der Gitarre steht, wird im Hause Captain Capa ein harter Sparkurs gefahren—was sich tatsächlich schon nach kurzer Zeit positiv auf die Bilanz auswirkt. Wenn das so weitergeht, werden wir auf dieser Tour doch noch reich.

Nach einer 70 minütigen Odyssee durch Plagwitz liegen wir bei Sonnenaufgang in unseren Betten. Wir schlafen in einer Blase aus Kopfschmerzen, Morgensonne und widerlichem Gestank—Mario hat mit seinen Sneakern nämlich 18 Kilo Hundescheiße mit ins Hotel getragen und als Duftkerze unter dem Bett versteckt. Feiner Zug!

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Hamburg, Molotow

Bevor im Hamburger Molotow die Türen aufgehen, treffen wir uns mit 40 Fans und Schaulustigen auf der Straße zum Vorglühen. Labelchef Lewe hat ein paar Kästen Bier vor den Club gestellt. Die Grenzen zwischen engen Freunden, flüchtigen Bekannten, alten Kumpels, Labelkollegen und zahlenden Konzertgängern verschwimmen nach wenigen Minuten.

Während die anderen beiden Jungs aufbauen und soundchecken, schenke ich Songwriter Bernd Begemann und Hamburger Videoclip-Urgestein Kay Otto kaltes Radler ein. Deren Filmpodcast höre ich jetzt seit vier Jahren immer wieder auf langen Autofahrten, ich bin also so etwas wie ein Fan. Ich lasse mir davon aber hochprofessionell nichts anmerken und werfe in meiner Rolle als Podcast-Gast immer mal wieder Lobhudelein über den neuen Mad Max ins Mikrofon. Ich verbringe sechs Minuten damit, zu überlegen, ob ich meinem Cousin ein Selfie mit Bernd schicken sollte, entscheide mich aber dagegen, da meine Annahme, er wäre großer Begemann-Fan, auf einer 15 Jahre alten Rand-Information basiert. Stattdessen schicke ich eine Gästeliste mit 62 Namen an die Veranstalterin und schäme mich ein bisschen für diese Zahl. „Die haben alle irgendwelche Gewinnspiele gewonnen, ich schwör'! Der Rest sind superenge Freunde! Und Kollegen! Und Tinder-Matches von Mario!“ „Äh, Hannes, ich benutze gar kein Tin…“ - „Ach, Mario. Du gutaussehender, mysteriöser, junger Mann.“

Wir spielen die längste Show der Tour, geben einhundert Zugaben und können uns gerade so auf den Beinen halten, als Audiolith-Boss Lewe versucht, uns ins Publikum zu schmeißen. Den Job übernehmen zum Glück andere für uns. In den ersten Reihen gibt es also endlich wieder blaue Flecke, Schürfwunden und ein paar Verrückte, die sich durch den Raum tragen lassen. Das Konzert im Molotow wird zum Vorzeigeabend dieser Tour und aller Touren überhaupt. Wir kritzeln am Merchandise-Stand Monster auf Poster und werden endlich T-Shirt-Millionäre. Hinter der Bühne wartet ein alter Bekannter: Ein komplett berauschter Flo sitzt dort und frisst uns die Chickenwings weg. Einmal im Jahr darf er als Spaßäffchen mit ins Capa-Tourmobil und uns ein paar Tage den Catering-Rider leersaufen. Dafür muss er zwischendurch nur ein bisschen für uns singen, Gedichte vortragen und hin und wieder nackt durchs Hotelzimmer laufen. Mit glasigen Augen sieht er mich begeistert an und stottert ein „W… Wa… War gut, was?“ hervor, bevor er aus dem Laden stürmt und auf die Reeperbahn kotzt. Das soll nicht sein letzter Coup für diese Nacht sein: Kurze darauf packt unser Labelchef das Spaßäffchen am Kragen und fragt, „ASHI, WER IS DER TYP? Der frisst euch den ganzen Backstage leer! Soll ich den hauen?“ - „Nein, Lewe! Lass mal, der darf das!“ - „Soll ich den knutschen!?“ - „Kannst du machen!“ Einen passionierten Zungenkuss und unzählige Tripsies (Sonderkreation aus dem Molotow, unbedingt bestellen!) später pennt Flo auf dem Dancefloor und wir unter einem Meer von Bandpostern ein.

Flensburg, Volksbad

Dass wir uns auf jeder Tour ganz besonders auf die eine Show im Volksbad freuen, hat mehrere Gründe. Einer davon ist das traditionelle Versacken in der Kneipe nebenan. Dass das Volksbad selbst, sein Personal, der Backstage, die Technik und das Catering generell zu den geilsten des Landes gehört, tut sein übriges. Der alljährliche Absturz nach der Show im Peppermint setzt dem Ganzen trotzdem immer wieder das Krönchen auf.

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Auch heute zeigt sich der Club am Hafen wieder von seiner besten Seite. Die Vorband ist cool, das Essen ist fantastisch und das Anti-Kater-Konterbier geht auch gut rein. Schön auch, dass das Konzert diesmal ohne Drama abläuft. Letztes Mal mussten wir die musikalische Darbietung unseres Hitkatalogs kurz unterbrechen, weil im Publikum ein Kleinkrieg entbrannte. Eine Gruppe rebellischer 15 jähriger Jungs pochte auf ihr Recht zum Pogo, eine größere Gruppe zerbrechlicher Schulmädchen pochte dagegen. Irgendwann flog ein Arm in die Luft, umwickelt mit alten Festivalbändchen und vom Stimmbruch gezeichnet schrie jemand: „Geht ihr erst mal auf sooo viele Konzerte!“ Kinder wurden geschubst, Kinder schubsten zurück. In der letzten Reihe standen die Eltern und beobachteten das bunte Treiben. Absurde Situation. Dafür, dass wir den Mini-Moshpit spontan auflösten, durften wir uns in den darauffolgenden Tagen eine ermüdende Diskussion in der Kommentarspalte bei Facebook ans Bein binden lassen. Seitdem reichen wir immer geladene Schusswaffen ins Publikum, falls es zu Konflikten kommt.

Nachdem wir die Bühne standesgemäß abgerissen haben, steht endlich der Höhepunkt der Reise auf dem Plan: Die Schnapskarte des Peppermints einmal von oben nach unten durchprobieren. Am Tresen will mich zwar ein sabbernder Glatzkopf im Borussia Dortmund-Trikot umbringen, ich kann mich jedoch geschickt hinter Volksbad-Chef Gerris Muskeln verstecken und bestelle einfach mal „Alles, was da auf der Tafel steht acht Mal!“ Die Schnapsköstlichkeiten heißen Nagellack, Froschkotze, P-Virus, Schlumpfpisse oder Betonmischer und sehen dementsprechend aus. Wir hauen uns mit der Vorband Matten Zwei einen skurrilen Ekel-Shot nach dem anderen rein, bis wir auf einem Berg von Gläsern sitzen und Regenbögen kotzen. Der Heimweg führt aus unerfindlichen Gründen direkt durch die benachbarte Assi-Disco, wo wir aus ebenso unerfindlichen Gründen nach vier Tanzstücken einen Teil der Party-Deko klauen und damit wieder aus dem Club stürmen. The perfect crime!

Prag, Kokpit Café

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Prag ist eine der schönsten Städte in Europa und überall, weshalb ich meine Band schon immer einmal dorthin entführen wollte. Wie fein, dass das endlich mal klappt. Fein auch, dass unsere Reise direkt mit einem Verbrechen beginnt. Bei der Autovermietung drückt man uns den Schlüssel in die Hand und ruft uns hinterher: „Nur nicht ins Ausland damit, wissen sie ja!“ Wir fühlen uns also zurecht wie echte Gangster, als wir den geliehenen Luxusschlitten über die Grenze schummeln, fahren dabei mit Blick auf die Bandkasse aber so zaghaft und vorsichtig, wie nie zuvor. Die Location entpuppt sich als ausgefegter Industriekeller nicht weit vom prunkvollen Prager Schloss entfernt. Wir verbringen den Tag allerdings nicht mit Sightseeing, sondern mit Soundchecken, Ein- und Ausladen und viel, viel Warten.

Der Tag wird zu einer einzigen Zeitreise. Plötzlich weiß ich wieder, wie es in den ersten zwei Jahren mit Captain Capa ständig lief: improvisierte Venues, kaputte Unisex-Toiletten, veganer Brotaufstrich, chaotischer Ablauf, Stagetime mitten in der Nacht und kein Schwein kennt auch nur einen deiner Songs. Als ich auf der Bühne stehe, fällt mir zum Glück aber auch wieder ein, warum genau das schon damals so viel Spaß gemacht hat. Das Gefühl, vor einer zusammengewürfelten Menge aus Rasta-Punks, Druffie-Ravern und Kunststudenten zu stehen, die noch nie was von deiner undefinierbaren Pop-Mutation gehört haben, ist nämlich kein schlechtes. Es ist aufregend, es ist irre. Man kann von der Bühne aus beobachten, wer den Raum kopfschüttelnd verlässt, wer begeistert seine Freunde auf den Dancefloor zieht und wer sich plötzlich überraschend mit Bier begießt und MEHR schreit. Das ist ein bisschen so, als würde man sein erstes Konzert überhaupt spielen und erinnert mich furchtbar an einige sonderbare Nächte in den Jahren 2009 und 2010. Geil, jetzt kling ich schon so alt wie ich nach diesem Gig aussehe!

Wir schaffen es in jener Nacht tatsächlich so nüchtern ins Bett, dass ich als erfahrener Prag-Tourie am nächsten Morgen das Fähnchen in die Hand nehme und die Firma auf einen Rundgang durch die Innenstadt führe. Wir fahren das volle Touristen-Programm, geben zu viel Geld für's Essen aus und schauen Mario beim Tindern auf der Karlsbrücke zu. „Hannes, jetzt reichts echt, ich hab überhaupt nicht getin…“ - „Schon gut, Mario, schon gut. Du darfst das, du mysteriöser, einsamer, schöner Mann.“ Der Tag fühlt sich wie Urlaub an und wir bekommen den Arsch in der prallen Sommersonne beinahe nicht mehr hoch. Wir müssen aber.

Annaberg-Buchholz, Alte Brauerei

Denn damit sich der Wochenendausflug lohnt und wir das Geld für den überteuerten Becherovka wieder reinspielen, wird auf dem Rückweg noch ein Stopp im sächsischen Niemandsland eingelegt. Ich kann und möchte zum Konzert im städtischen Jugendclub gar nicht viel sagen. Meine persönlichen Highlights sind andere: 1. Eine Hobby-Zeitschrift zum Thema LARP (ihr wisst schon, mit Gummischwertern im Wald und so) mit dem Titel „Liebe, Sex & LARP—Sex ins Fantasy-Rollenspiel geschickt einbinden.“ 2. Der junge Mann im Thor Steinar T-Shirt, der uns direkt am Bühnenrand abgreift, um uns von seinen Verschwörungstheorien zum Thema Deutschland GmbH zu erzählen. 3. Das 55 Jahre alte Pärchen, das sich auf dem Rückweg vom Klassentreffen auf unseren Hof verirrt und sich bereitwillig von uns abfüllen lässt. Aus dieser unerwarteten Zusammenkunft soll sich in den darauffolgenden Stunden noch ein amtliches Sit-In mit einer handvoll fremder Sachsen im Ferienlager-Style entwickeln, das uns die Nacht rettet und das Wochenende abrundet.

Die große Überraschung dieser kurzen Tour: die After Tour-Depression bleibt aus. Die „Death of a Hydra“-Shows haben sich angefühlt, wie eine wirre Mischung aus Neuanfang und Ehemaligentreffen. Wie Zeitmaschine, Best-Of-Tape und Gartenparty. Fortsetzung folgt auf einigen wenigen Festivals im Sommer. Das volle Programm gibt’s dann wieder im Herbst. Küsschen!

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