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Was es heißt, als psychisch Kranker in einer Band zu spielen

„Warum gibt es keine Lieder über das spannende Erlebnis, alle Termine abzusagen, um sich in voller Montur für sechs Stunden in den sicheren Hort seiner Dusche zurückzuziehen?"
18 Februar 2015, 8:30am

Foto von Tom Connolly

Hallo, ich heiße Andy. Die letzten zehn Jahre habe ich unter dem Namen Caïna Musik gemacht. Ich bin manisch-depressiv, habe diverse Angststörungen und eine Autismus-Spektrum-Störung.

Seit etwa 20 Jahren höre ich Metal—das sind mehr als zwei Drittel meines Lebens. Meine psychischen Krankheiten habe ich ungefähr genau so lange. Entweder lag es an diesen oder daran, dass ich ein Arschlochkind war, jedenfalls hatte ich es nie leicht, Freunde zu finden, und so suchte ich meine Zuflucht in Heavy Metal Tapes und dem aufmerksamen Studieren von Lyric-Booklets. Metal beflügelte meine jugendliche Fantasie und die Stars der Szene wurden zu meinen Vorbildern. Es waren vor allem die Stärke, die Macht und die Kompromisslosigkeit, die mich ansprachen. Je älter ich wurde, desto mehr begannen allerdings die Zweifel an mir zu nagen. Klar, es gab unzählige Songs darüber, in einem Irrenhaus eingesperrt zu sein, und theatralisch ausgeschmückte Tragödien gehörten ebenfalls ins Repertoire, aber nichts davon reflektierte meine persönlichen Erfahrungen in irgendeiner Weise. Was, wenn ich mit meiner Liebe zu dieser kraftvollen, dynamischen Musik komplett daneben gegriffen hatte? Ich war doch nur ein unreifer, ängstlicher, kleiner Nerd. Was, wenn das alles einfach nicht für mich gedacht war? Diese Zweifel sollten auch nie wirklich verschwinden. Als ich 2002 zum ersten Mal Black Metal für mich entdeckte, tat sich mir eine ganz neue Welt auf. Hier gab es sogar ein ganzes Sub-Sub-Genre, das nur Depressionen gewidmet war! Und nein, es war nicht so, als hätte mich das sofort angesprochen. Wo waren die Songs darüber, wie man es zwei Tage lang nicht aus dem Bett schafft und nichts anderes macht, als Bauchnabelflusen zwischen den Fingern zu rollen? Warum gibt es keine Lieder über das spannende Erlebnis, alle Termine abzusagen, um sich in voller Montur für sechs Stunden in den sicheren Hort seiner Dusche zurückzuziehen?

Das ist natürlich so, weil das furchtbare Ideen sind und diese Songs einfach unhörbar wären. Irgendwie schaffte ich es dann doch, diese turbulente Phase in meinem Leben zu überstehen und ein eigenes Metalprojekt auf die Beine zu stellen. Ich musste in letzter Zeit viel Kritik dafür einstecken, weil ich es als Black Metal Musiker gewagt hatte, auch als reale Person aufzutreten. Dieser Artikel könnte also etwas unaufrichtig rüberkommen. Warum schreibe ich ihn dann überhaupt? Nächstes Jahr werde ich 30. Im Spiegel, hinter den vielen Sorgenfalten und den Narben langvergangener Rangeleien kann ich immer noch mein Teenager-Ich sehen und ich habe das Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein.

Ich will mir hier überhaupt nicht anmaßen, für alle Menschen zu sprechen, die ähnliche Probleme haben. Das, was folgt, sind nur meine persönlichen Erfahrungen. Für die künftigen Generationen verhaltensgestörter, einsamer Metal Kids: So ist es, als Verrückter in einer Band zu spielen.

1. Du willst nichts tun

Ein nicht unerheblicher Teil einer erfolgreichen Karriere besteht darin, Sachen zu tun, wenn du Sachen tun musst. Einer der Hauptaspekte einer depressiven Episode besteht darin, keine Sachen tun zu können, wenn du Sachen tun musst. Ich bin da hoffentlich nicht zu pingelig, aber für mich scheint hier ein Interessenskonflikt vorzuliegen. Du denkst dir jetzt vielleicht, dass das doch spitzenmäßiges Material für hoffnungslose Metalsongs ergibt, wenn man sich mal wieder fühlt, als würden um einen herum alle Farben verblassen und sich die ganze Welt in einen einzigen grauen Nebel verwandeln. Das Dasein als Metalhead bewahrt einen allerdings nicht vor diesem Gefühl der totalen Entropie, das auch Teil davon ist. Man schafft es noch nicht mal, eine Zahnbürste in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sich seine Gitarre zu schnappen und dann damit ein paar abgefahrene Riffs zu zaubern—oder E-Mails zu beantworten bzw. sich an Gigs zu erinnern, die man in einem idiotischen Anflug von Optimismus zugesagt hatte. Wo wir gerade schon dabei sind:

2. Du willst alles tun

Auch wenn sich der Fachterminus „bipolare Störung“ mittlerweile durchgesetzt hat, bevorzuge ich immer noch die Bezeichnung „manisch-depressiv“. Wenn sich nämlich der Nebel einer depressiven Episode lichtet, tritt manchmal an ihre Stelle eine Episode euphorischer Dringlichkeit und Lebendigkeit. Du brauchst dann unbedingt eine Beschäftigung, ganz egal was. Ein Auftritt in Portugal nächsten Montag? Super! Ein Auftritt in London nächsten Montag? Noch besser! Nächsten Montag ins Studio? ... Du weißt schon, worauf ich hinaus will. Am Ende organisiert man sich dann so viele Termine, dass sie zu Dominosteinen mutieren. Die Frage lautet dann nicht ob, sondern wann alles in sich zusammenbricht—und das oft mit katastrophalen Folgen. Und dann geht das Spiel natürlich wieder von vorne los.

3. „Kannst du überhaupt Satanist sein, wenn du einen Therapeuten brauchst?“

Diese Frage stammt aus einem alten Interview, das ich mal einem Fanzine gegeben habe. Auch wenn mir manchmal vorgeworfen wird, diese missachtet oder für meine eigene Zwecke angepasst zu haben, habe ich einen ungeheuren Respekt vor den traditionellen Metal-Tropen und der ganzen Szenekultur. Leider können diese aber auch für Menschen wie mich eine ungeheure Herausforderung darstellen. Metal ist gleichbedeutend mit Macht, Würde und extremen Verhaltensweisen—Kompromisslosigkeit auf allen Ebenen. Wenn ein Mensch psychisch krank ist, dann wird ihm meistens auch seine Würde und seine Macht genommen—von seinem eigenen Gehirn, seinem eigenen Körper. Als ich als Teenager anfing, mir darüber Gedanken zu machen, kam in mir direkt dieses Schamgefühl auf. Kann man wirklich einer solch intensiven, extremen und individualistischen Gruppe zugehörig sein, wenn man derartig auf andere Menschen angewiesen bis—wenn du einem Arzt erzählen musst, wie viel du schläfst, wie oft du masturbierst und wie viele Mal du diese Woche schon daran gedacht hast, dich zu erhängen? Dann merkte ich aber: Was zur Hölle soll so nobel daran sein, auf niemanden angewiesen zu sein? Vielleicht können dir andere Menschen auch dabei behilflich sein, deine Macht und deine Würde wieder zu erlangen. Die meisten Metal Bands sind ... sind Bands. Jeder braucht jemanden—zumindest manchmal—und vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm.

4. Du fragst dich ständig, warum du einen Job machst, der dir solche Angst einflößt?

Im Februar 2013 erlitt ich einen schweren Nervenzusammenbruch und in vielerlei Hinsicht bin ich immer noch dabei, mich davon zu erholen. Es hat wirklich eine ganze Weil gedauert, aber die Art und Weise in der ich mich entschied, darüber hinwegzukommen, bestand darin, mich ständig unangenehmen Situationen auszusetzen. Ich lud andere Menschen ein, mit mir Musik in meiner Band zu machen, die bis dahin fast neun Jahre lang mein Soloprojekt gewesen war. Ich fing an, zum ersten Mal seit 2009 wieder Shows zu spielen—im ganzen Land und manchmal auch komplett alleine. Für den Kontext: Ich hatte zuvor Herausforderungen, Konflikte und Kontakt zu anderen Menschen gemieden. Das ging soweit, dass ich mich irgendwann selber über mehrere Wochen ohne Telefon und mit ein wenig Essen im Haus einschloss—in manchen Perioden führte ich quasi ein Leben als Eremit. Ich merkte aber, dass das Ausreizen meiner persönlichen Grenzen—also dem, womit ich mich wohl fühlte—für die Besserung meines Geisteszustandes förderlich war. Ich mache Dinge, die mir Angst einjagen, weil es manchmal einfach gesund sein kann, Angst zu haben. Wenn du dich nicht fürchtest, heißt das, dass sich bei dir auch nichts ändert. Und wenn du dich wirklich absolut am Boden fühlst, dann ist es schlimmer, nichts zu spüren, als dieses Gefühl, dass einem die Eingeweide zu einer heißen Masse zusammenschmelzen, wenn einem auf der Bühne eine Saite reißt.

5. Wann ist ein Metalkumpel kein Metalkumpel mehr?

Ich bin vor nicht allzu langer Zeit von einigen Menschen der Metalszene unter Beschuss gekommen, als ich in einem Interview über meine Band meine linke und tolerante Weltsicht zum Ausdruck brachte. Meine Autismus-Störung macht mich generell anfälliger dafür, andere Menschen falsch zu verstehen oder falsch zu interpretieren. In meinen Alltagshandlungen bin ich dementsprechend entweder super naiv oder super paranoid. Aggressionen und Negativität treffen mich besonders hart, weil ich es extrem schwer finde, vorauszusehen wie Menschen reagieren—dementsprechend ist es unmöglich, darauf vorbereitet zu sein. Ich musste mir eingestehen, dass einige meiner weltanschaulichen Vorstellungen sich im Konflikt mit einem Großteil der Metalszene befinden. Andererseits, was ist bitte daran Metal, mit allen immer einer Meinung zu sein? Und wo bleibt der ganze Spaß?

Konflikte gehören zum Leben und zum Metal dazu (nicht nur, weil es eins seiner Hauptthemen ist) und wir alle, also natürlich auch ich, müssen damit klarkommen. Wir werden uns niemals alle verstehen, weil viele von uns einfach unausstehliche Misanthropen sind, die laute Musik menschlicher Interaktion vorziehen.

Ich persönlich finde das super! Aber ich bin ja auch verrückt.

Caïna haben eine Bandcamp-Seite. Am 20. Januar haben sie via Church of Fuck, Skin & Bones Records und Broken Limps Recordings ihr neues Album ‚Setters of Unseen Snares’ veröffentlicht.

Andy ist zwischendurch auch mal bei Twitter—@cainalikehyena

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