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New music

Plattentest im Plattenbau—Mit Mynths 'Polar Nights'-EP in Alterlaa

Wir sind zum Schauplatz des Videos zu „Nightlight“ gefahren und haben dort in ihre erste EP reingehört.
12.2.15

Ihr wisst es bestimmt schon: Mynth, das sind die Zwillinge Mario und Giovanna. Und nein, auch wenn ihre Namen kurz in die Irre führen, sie machen keine Italo Disco. Viel mehr machen sie elektronische Musik, die man sich auch wirklich anhören kann und möchte. Ihre EP Polar Nights schreit nach Norden—genauer nach Norwegen. Dort ist ihr erster Release entstanden und wusste damals noch nicht, dass ihm in der Zukunft so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Wir wiederum haben nicht gewusst, dass wir wegen ihrem Video zu „Nightlight“ nach Alterlaa fahren werden. Doch wo lässt es sich besser in ihre Musik reinhören, als an dem Ort, an dem ihr erstes Video gedreht wurde? Eben. Deshalb sind wir in ihrem Musikvideo und zu ihren Songs in der Betonsiedlung spazieren gegangen. Daraus wurde ein mobiles Review.

Wir verstehen übrigens, warum sie in Alterlaa gedreht haben: Die Wohnsiedlung ist wie ein eigener Charakter, was es unglaublich einfach und verständlich macht, hier ein Musikvideo zu drehen. Die Kulisse ist zwar bekannt und man sieht sie immer wieder. Man fährt daran vorbei, kennt sie aus Filmen und von den Instagram-Menschen, die genug Zeit haben um für ihren Social Network Fame an coole Orte zu fahren. Allerdings kommt man als Wiener, der am anderen Ende der Stadt wohnt, nicht unbedingt auf die Idee sich in die Parallelwelt Betongarten Eden zu schleppen. Und mit der U6 dorthin zu fahren ist, wie sich dorthin zu schleppen. Nach einer halben Stunde in einer Bahn voller Kindergartenkinder, Vormittags-Spiegeltrinker, Stationen deren Namen man noch nie gehört hat (Tscherttegasse, who are you?) und schlechtem Geschmack ist man sehr glücklich, wieder in den Winter zu steigen.

Erster Song: „Friends“

Hier verliebt sich unsere Autorin gerade. Siehe Text.

Ich ärgere mich über die Kamera, die mir ständig eine Fehlermeldung anzeigt. Die ersten zehn Minuten stehe ich vor der U-Bahnstation Alterlaa und versuche, das verdammte Scheißding, dass ich am liebsten auf den Boden geschmissen hätte, zum Laufen zu kriegen. In dieser Situation sind Mynth meine einzigen Friends und Giovanna schafft es, mich mit ihrer modernen, ruhigen Hauchstimme wieder auf Normaltemperatur zu bringen. Die Kamera funktioniert noch immer nicht so wie ich will, deshalb trickse ich sie aus und gehe mit Mynth auf die Betonmassen zu. Ich glaube ja, dass man sich schneller und irrationaler verliebt wenn Musik läuft. Ich habe mich in diese kolossalen Gebäude verliebt. Dank Mynth zur Objektophilie. Alter.

Zweiter Song: „I´m Good“

Das Lied ist ein Lullaby für Erwachsene, deshalb haben wir uns den Moment mit ein bisschen Konfetti gepimpt. Ich mag Gute Nacht-Lieder für Erwachsene aber. „I´m Good“ ist unaufdringlich, aber nicht austauschbar und Giovannas Stimme wird immer vertrauter. Bald werden wir Freunde sein, liebe Stimme. Um das Lied muss man sich also keine Sorgen machen—um die Menschen, die hier teilweise rumlaufen, allerdings schon. Viel Kunstfell auf Leopardenmuster, Blicke aus dem Wachkoma und man sieht, dass sie die Siedlung nicht sehr oft verlassen. Ich will auch dort wohnen, mir das gleiche Gewand wie alle anderen im Einkaufszentrum Alterlaa kaufen, am dortigen Tennisplatz Bälle ins Netz schießen, im Dachpool baden und bei Zugerasten aus der City Besorgnis erregen. Während ich mir das ausmale, klingt „I´m Good“ immer mehr nach nahenden Ende und irgendwo im Echo der letzten Sekunden merke ich, dass es hier arschkalt ist.

Dritter Song: „Nightlight“

„Nightlight“, der Grund warum ich hier bin und die einzige Nummer der EP, bei der ich schon weiß was passiert. Seitdem ich hier bin suche ich eigentlich die Kirche, die am Anfang des Videos zu sehen ist. Stattdessen finde ich erstmal verlassene Fahrradschlösser, einsame Schirme und bin langsam so kalt wie der Beton. Die erste Single des Duos höre ich mir vier Mal hintereinander an, weil sie mir zu kurzlebig ist—3:17 Minuten sind sehr schnell vorbei wenn ein Song gut ist. Außerdem muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zum Idioten mache und anfange mitzusingen und über den Schnee zu tanzen. Sollte ich jemals zum Joggen anfangen wird das mein Lied.

Auch hier wird in die Ecke gepisst

Alterlaa wird immer mehr zu einem Wintervergnügungspark und trotz Kälte könnte ich hier stundenlang rumsteigen und Alice im Wunderland und Soziologe spielen. Die Kirche habe ich übrigens gefunden—wie ihr vielleicht schon kombiniert habt.

If you´re happy and you know it embrace a lamp.

Vierter Song: „Poison“

Der Alterlaaer Raucherspielplatz

Die längste Nummer auf Polar Nights. Ich hole mir einen Espresso to go und der Dampf der in die Winterluft steigt bewegt sich analog zum Song. Kurz finde ich das so romantisch, dass mir von meiner Kitschigkeit gleichzeitig ein bisschen übel wird. Ich nehme mal an, dass das aber weniger an mir, als an „Poison“ liegt. Leider muss ich zwischendrin auch an das gleichnamige Parfum von Dior denken—ich hasse diesen Duft, den Flacon und Menschen die es tragen.

Kaufpark Alterlaa

Langsam wird es Zeit sich aus Kalterlaa zu schleichen. Fazit: Im Sommer will hier mal ein Beton-Picknick machen und ich kann mir vorstellen, dass ich dann trotz Hitze an Polar Nights denken werde. Außerdem, verdammt, man sollte öfters raus aus seiner Comfort Zone. Sich immer in den gleichen Bezirken herumzutreiben wird zwar auch nicht langweilig, aber die Stadt hat auch abseits der üblichen Verdächtigen scheiß viel Sehenswertes. Wie auch immer, für ein Erstlingswerk ist den Beiden die EP wirklich gelungen und ich hoffe, dass mich ihr nächstes Video an einen anderen Ort bringt, an dem ich noch nie war. Mynth, ihr seid meine persönliche Abenteuer-Band. Passt zwar nicht zu eurem Sound, aber Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

Mynths EP Polar Nights kann man hier kaufen und streamen. Am Samstag spielt das Duo live bei der Seayou-Records-Labelnight im Wiener Fluc.

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