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Antisemitismus im Metal ist verdammt langweilig

Man sollte eher wütend auf Leute wie Varg Vikernes oder Phil Anselmo sein, weil sie ein lebhaftes und wichtiges Musikgenre weiter stagnieren lassen.

von Andrew Paul
24 Februar 2016, 11:00am

Als praktizierender Jude und Metal-Fan fand ich die aktuellen Ausfälle auf der Bühne von Phil Anselmo (Pantera, Down, Superjoint Ritual) sowohl beleidigend als auch enttäuschend—wenn auch nicht aus den Gründen, die du erwartest. Nicht, weil ein Hitlergruß mit dem Spruch „White Power!“ so hasserfüllt, beunruhigend und potentiell gefährlich ist, wie er es schon immer war, sondern weil es heutzutage—für einen Juden wie mich zumindest—einfach verdammt langweilig ist.

All das habe ich schon vorher gehört und gesehen, also gibt es keinen Grund, näher auf Anselmos letzte Arschlochaktion einzugehen. Alles, was gesagt werden musste, wurde gesagt. Er ist natürlich nicht der Einzige, der bei solchen Ausbrüchen erwischt wurde, aber der Grad der Entschuldigung variierte bei anderen Metal-Persönlichkeiten in Bezug auf Ehrlichkeit, Effektivität und Vorkommnis. Nimm Herrn Varg Vikernes: Ich sehe oft Burzums verschmitztes Grinsen auf Fotos und es ist so ansteckend, dass ich manchmal vergesse, dass er seinen Glauben, alle Juden (inklusive mir) gehören ausgelöscht, wahrscheinlich nie aufgeben wird. Bei Interviews hat er dieses wehmütige Funkeln in seinen Augen, wenn es sich an die Hochphase des norwegischen Black Metals erinnert, als würde er sich an einen spielentscheidenden Touchdown beim Highschool-Football erinnern. Es ist einfach so sympathisch, bis er irgendwann auf den Punkt kommt: „Unsere echten Feinde sind die Juden! Vergesst das nicht!“, schrieb Varg 2012 in einem Blog-Post.

Es versteht sich von selbst, dass die Heavy-Metal-Gemeinschaft noch nie die einladendste war (einige Unterarten weniger als andere), aber das ist nicht das, was wirklich ärgerlich ist. Metal selbst mangelt es oft an einem gewissen Grad an Feinsinnigkeit und Takt, aber wie bei jeder guten Kunst sind die besten Beispiele voller Kreativität und menschlicher Emotion. Diese besondere Form der Hassrede ist zu ermüdend und ausgenudelt, um noch anstößig zu sein und die Verwendung ist solch ein alter Hut. Das ist in sich selbst etwas, das mich beleidigt—die einfache Tatsache, dass träge Fanatiker wie Anselmo und Vikernes den letzten verbleibenden Schockeffekt der Swastika und des Hitlergrußes ausgereizt haben. Auf einem Konzert „White Power“ zu rufen oder ein weiterer ausschweifender Post auf deiner Webseite über die Bedrohung einer jüdischen Weltherrschaft sind so unoriginell wie heute nur möglich.

Ich habe diese antisemitischen Untertöne seit meinen ersten Erfahrungen mit den äußeren Peripherien des Genres mitbekommen. Christlicher Straight-Edge-Metalcore war das Beste, was Mississippi Mitte der Nullerjahre zu bieten hatte, so merkwürdig „brutal“ wie es war—und ich habe es verabscheut. Das ganze Kirchengelaber war so vorhersehbar, mit denselben disharmonischen musikalischen Crescendos, denselben Predigten, demselben vagen, unterschwelligen Unbehagen gegenüber Juden. All meine Freunde von der Highschool sind zu diesen Shows und nach den Schabbat-Gottesdiensten bin ich oft mitgegangen. Ich stand dann in der Ecke, sah dabei zu, wie sie sich vor der Bühne einer Mehrzweckhalle übereinander schmissen und versuchten, so nah wie möglich an ein Mikrofon zu krabbeln, das ihnen vom Sänger entgegengestreckt wurde, damit sie bei ihren liebsten Angst-Hymnen mitschreien können. „This is my battle, this is my war“, ist eine Zeile, die ich noch immer im Kopf habe.

Der Dritte-Reich-Vibe wurde bei diesen Events nur noch stärker, wenn die Songs den unverzichtbaren Breakdown erreichten. Dann verteilten sich alle im Pit, um im Rhythmus der Double-Bass ihren 2-Step aufzuführen. Einmal fiel irgendein Sänger auf seine Knie, um einen schwer verständlichen Monolog über das Gepolter zu legen. „Während dieses Teils betet er jedes Mal“, erzählte mir ein Freund, indem er mir die Erklärung ins Ohr schrie.

Zwischen den kakophonischen Ausbrüchen erklärten die Bands, dass sie „das ohne Jesus nicht geschafft hätten“ und dass ihre verzerrte Dissonanz in seinem Namen stattfände. Dann erwähnten sie fast immer, dass sie nach der Show noch dableiben würden, falls jemand „sich einfach unterhalten“ wolle. Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt und bin nicht mehr hingegangen, nachdem herumerzählt wurde, dass ein „Unbekehrter“ unter ihnen wäre. Es war fast wie in einem Haifischbecken. Ich konnte beinahe ein Jahrzehnt lang keinen Metal mehr ertragen und habe die Musik komplett ignoriert.

Wenn man bedenkt, wie viele der Texte dieses Genres sich Ausgrenzung, Wut und Unterdrückung widmen, ist es für mich überraschend, dass sich nicht mehr Juden und Minderheiten von Metal angezogen fühlen. Als der alltägliche Antisemitismus mir zusetzte, habe ich mich aggressiver Musik zugewandt, um damit fertig zu werden. Ich musste herausfinden, dass einige der talentiertesten Figuren der Szene sich denselben Klängen zugewandt hatten, um mit mir fertig zu werden.

Als ich endlich dem Bible Belt entflohen war, habe ich mich der blasphemischsten, brutalsten Musik zugewandt, die ich finden konnte, vielleicht um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Schnell musste ich feststellen, dass auch hier Formen des Antisemitismus existierten. Die Fanatiker gehören in der Community immer noch zu der Minderheit und man könnte argumentieren, dass in jeder musikalischen Spielart intolerante Individuen zu finden sind, aber es gibt etwas an der aggressiven Natur von Metal, das intoleranten Zorn mehr zu fördern scheint als andere.

Da sich Heavy Metal einem größeren Publikum öffnet—seht es ein, Puristen, denn es passiert, ob ihr es wollt oder nicht—müssen sexuelle, geschlechtliche und ethnische Minderheiten herausfinden, wie sie sich an eine Umgebung anpassen, die uns gegenüber zumindest argwöhnisch und schlimmstenfalls offen feindselig ist. Die Vargs und Anselmos werden in absehbarer Zukunft noch da sein, aber ich denke nicht, dass es wichtig ist, wütend auf sie zu werden, wann immer sie sich für Reinheit aussprechen. Es ist langweilig und vorhersehbar. Wenn überhaupt ist es wichtig, wütend auf sie zu sein, weil sie ein lebhaftes und wichtiges Musikgenre weiter stagnieren lassen.

Wenn man unser gemeinsames Leben voller Missbrauch und Kampf bedenkt, dann kann ich kaum glauben, dass Juden und andere Minderheiten mit der Brutalität nicht klar kommen, egal was Varg, Anselmo und Konsorten als Beweis für das Gegenteil liefern. Wenn sie weiter vor dem Hintergrund von Blastbeats Hass verbreiten wollen, sollen sie ruhig weitermachen. Freie Meinungsäußerung ist freie Meinungsäußerung.

Aber lasst uns zumindest kreativ damit umgehen. Die giftig Intoleranten können gerne ihren Unmut äußern, aber je mehr diverse Stimmen mit dem Genre experimentieren, desto irrelevanter und realitätsfremder macht es sie. Mr. Anselmo grunzte einmal prominent: „You can’t be something you’re not / Be yourself, by yourself / Stay away from me.” Ich denke, er war sich nicht bewusst, wie sehr ihn seine eigenen Zeilen letztendlich verfolgen würden.

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