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Wie ich versucht habe, Ty Dolla $ign zu einem Fan österreichischer Musik zu machen

Unser Autor hat einen ziemlich besoffenen Ty Dolla $ign die Musik von Crack Ignaz, Yung Hurn, ROBB und T-Ser bewerten lassen.
19.4.16

Es gibt Situationen im Leben, in denen man sich nicht nicht sicher ist, ob sie das Beste sind, was einem je passiert ist, oder doch eher ein kompletter Albtraum. Als ich einmal gefragt wurde, ob ich Lust hätte, Ty Dolla $ign im Rahmen seines damals ausverkauften Wien-Konzerte in der Grellen Forelle zu interviewen, ist es mir genau so gegangen. Auf der einen Seite bin ich der vielleicht hoffnungsloseste Ty Dolla $ign-Fan, der in diesem Land herumläuft. Nicht, weil Ty in 95 Prozent seiner Songs zelebriert, dass er der größte Player auf Gottes Erden ist, sondern weil er in meinen Augen einer der unterbewertetsten Musiker unserer Zeit ist. Die meisten Leute kennen ihn für seine seichtesten Radio-Songs, aber tatsächlich spielt der Mann mehr Instrumente, als die meisten seiner Kritiker aufzählen können. Seine Stimme klingt, als wären seine Lungen Schornsteine, aber er trifft trotzdem jede Note. Er ist ein unglaublicher guter Producer. Und wie soll man einen Typen, der eine Mischung aus Gangsta Rap und 70er Jahre-Soul macht, aber dabei meistens aussieht, als wäre er einem Hardcore Punk-Musikvideo entsprungen, bitte schlecht finden?

Gleichzeitig weiß ich aber auch, wie desillusionierend und deprimierend Interviews mit amerikanischen Rapstars sein können, wenn sie besoffen sind oder einfach keine Lust haben – selbst mit so sympathischen Typen wie Danny Brown. Und das Letzte, was ich wollte, war mir das Bild von dem Typen zu versauen, von dem ich seit Monaten bei jeder Gelegenheit behaupte, dass er der coolste Mensch der Welt ist. Deswegen habe ich beschlossen, Ty erst gar nicht mit seinem tausendsten Interview über sein neues Album zu langweilen, sondern ihm stattdessen neue Musik zu zeigen – denn daran ist er seiner eigenen Aussage nach immer interessiert. Und damit es auch mit Sicherheit Musik ist, die er nicht kennt, dachte ich mir, ich zeige ihm ausschließlich Musiker aus Österreich.

Nachdem Ty am Nachmittag vor dem Konzert aber gar nicht erst in der Forelle auftauchte und provisorisch einfach mal auf alle Interview-Termine geschissen hat, hatte ich die ganze Sache während der Show am Sonntagabend ohnehin schon abgeschrieben. Stattdessen bin ich in der bis zum letzen Platz gefüllten Forelle rumgesprungen wie ein 15-Jähriger, und bin dabei bei "Blase" in den vielleicht fatalsten Moshpit geraten, den ich je auf einem HipHop-Konzert erlebt habe. Direkt nach der Show bekam ich dann aber doch einen Anruf, dass Ty bereit wäre, ein schnelles Interview zu machen. Alle anderen Journalisten hatten bereits die Nerven weggeschmissen, also blieb eigentlich nur noch ich übrig.

Ich betrete also Backstage-Bereich, wo mich ein shirtloser Ty mit einer Bombay-Flasche in der Hand erwartet, und uns, während wir alles vorbereiten, mit einem lauten: "Alright, lets hurry the fuck up, I’m high as shit and I need to take a fucking shower" vorwarnt. Und glaubt mir, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob die halbleere Flasche in seiner Hand noch die war, die er während des Konzertes herumtrug, oder bereits eine neue. Jedenfalls ist es wirklich nicht so einfach sich zu konzentrieren, wenn Ty Dolla $ign vor dir sitzt und dich mit seinen stechend grünen Augen anschielt und ab und zu mal einen seltsamen Brunftschrei loslässt, während du probierst, deine scheiß USB-Boxen zum Laufen zu bringen.

Letztendlich war Ty trotz anfänglichem Desinteresse dann aber eh ziemlich nett. Fotos hat uns sein großer, dicker Security-Mensch zwar aus plausiblen Gründen untersagt (Ich schwöre bei Gott, ich bekomme eines Tages mein Selfie mit dir, Ty Dolla $ign). Die Idee, sich Musik aus diesem kleinen, ihm völlig fremden Land anzuhören, fand Ty dann aber erstaunlicherweise gar nicht all zu beschissen. Oder sagen wir so: Er hat sie sich zumindest wirklich angehört.

Noisey: Warst du schonmal in Wien oder in Österreich?
Ty Dolla $ign: Nein Mann, noch nie. Aber am Pluto, da war ich schonmal.

Aber weißt du irgendwas über Österreich? Kennst du irgendeinen Österreicher?
[Ty sagt kurz nichts, beginnt dann zu grinsen und hebt den Zeigefinger]: Arnold Schwarzenegger. Und Hitler. Ihr Typen habt eine ziemlich verrückte Vergangenheit. Hey, willst du einen Shot? [Er steckt mir seine Bombay-Flasche entgegen].

Sehr gern, danke. Ja, mit der verrückten Vergangenheit hast du auf jeden Fall Recht.
Ihr redet hier deutsch, richtig?

Stimmt, aber mit ziemlich starkem Dialekt. Es ist fast wie eine eigene Sprache.
Hey, wo hast du gelernt, so englisch zu sprechen?

Ähm, mein Vater ist aus Nigeria.
Ah, verstehe. Was redet man da, englisch und …?

Also mein Vater redet Englisch und Yoruba, aber die Sprache hab ich nie gelernt.
Wirklich? Warum nicht?

Keine Ahnung. Meine Eltern haben mit mir Englisch geredet, bis ich in den Kindergarten gekommen bin – dann hab ich begonnen, Deutsch zu reden. Und jetzt kann ich Deutsch besser als Englisch.
Wow. Scheiße, das ist verrückt.

Eigentlich bin ich hergekommen, um dir österreichische Musik zu zeigen. Hast du schon schonmal irgendwas Österreichisches gehört? Irgendeine Vorstellung, was da jetzt auf dich zukommt?
Nein Mann, ich kann’s mir nicht mal annähernd vorstellen. Aber zeig her.

Crack Ignaz – "Gödlife"

Ty Dolla $ign: Ist das deutsch, was da gerappt wird?

Ja, das ist österreichisches Deutsch.
Moment mal, bist das du, der da rappt?

Was? Nein. Das ist Crack Ignaz. Kling ich so wie er?
Ja verdammt! Seine Stimme klingt wirklich genau wie deine.

Also, was denkst du darüber?
Ich finde, es klingt eigentlich ziemlich cool.

Ist es irgendwie vergleichbar mit dem amerikanischer Sound?
Nein, zumindest von der Stimme her klingt es gar nicht so. Aber der Beat schon. Der Beat ist auf jeden Fall cool.

Der Beat ist auch von einem Österreicher, Lex Lugner.
Ach wirklich? Nice. Bei der Stimme bin ich mir noch nicht ganz sicher – ich müsste es mir wahrscheinlich einfach noch ein paar Mal anhören. Aber alles in allem würd ich sagen, dass es cool ist.

ROBB – "Salute"

Ich weiß, wie sehr du instrumentalen Sound magst, und ich hab mal gelesen, dass Hiatus Kayote deine Lieblingsband ist. Deswegen dache ich, Robb könnten dir eventuell gefallen.
Ty Dolla $ign: Ja, das mit Hiatus Kayote stimmt. Wie alt sind die Typen?

Ich glaube, die sind alle so Mitte zwanzig.
OK. Das klingt auf jeden Fall ziemlich jazzy. Ich weiß nicht, ob es mich wirklich an Hiatus Kayote erinnert, aber diesen Jazz-Einschlag haben sie auf jeden Fall.

T-Ser – "Hustle Hard"

Ty Dolla $ign:

Wow, wer hat den Beat gemacht?

Mono Massive, auch ein österreichischer Producer. Ich finde, es klingt ein bisschen wie eine österreichische Version von Joey Bada$$.
Haha! Ich mag den Track. Ganz ehrlich, das ist die Art von Musik, die ich am liebsten mag. Dilla ist mein Lieblings-Producer aller Zeiten, damit bin ich aufgewachsen – der Beat erinnert mich daran. Und die Cuts dazwischen klingen nach DJ Premier. Der Track ist wirklich cool, das gefällt mir bis jetzt auf jeden Fall am besten.

Yung Hurn & Jonny5 – "Grauer Rauch"

Ty Dolla $ign: Der Beat ist hart. Das ist richtiger Trap Shit.

Crap Shit?
Nein Mann, Trap Shit. Es erinnert mich sogar ein bisschen an die Musik, die ein Homie von mir macht, der hier mit auf Tour ist.

Der Typ hier, Yung Hurn, der hat hier momentan einen ziemlichen Hype bei uns.
[Tys weibliche Begleitung meldet sich zu Wort]: Der erinnert mich an dieses eine Kid, dessen Musikvideo wir gesehen haben – weißt du, wen ich meine? Den, mit dem schwarzen Du-Rag.
Ty: Nein, wen meinst du?

Meinst du Spooky Black?
Tys Begleitung: Ja! Genau den mein ich.

Stimmt schon, die könnte man auf jeden Fall halbwegs ins selbe Genre einordnen.
Ty: Find ich auch sehr gut. Also diesen Track und den davor, die hab ich bis jetzt am besten gefunden.

Also, was ist dein Fazit nach den vier Songs?
Ich sage, österreichische Musik ist cool, Mann. Ich glaube, irgendwann werdet ihr mit dem Zeug überall auf der Welt sein. Das Wichtige ist: Man darf nie damit aufhören. Irgendwann kann man der Beste in dem sein, was man macht, genau wie ich es bin. Let’s get it.

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