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Rechtsradikale versuchen Deutschrap für sich zu vereinnahmen

Wir haben uns die Künstler der braunen HipHop-Szene angeschaut, damit ihr's nicht tun müsst.

von Theobald Wrobel
03 November 2015, 11:32am

Es war natürlich nur eine Frage der Zeit. Oder anders ausgedrückt: Irgendwo weit hinten im deutschen Hinterland brodelt sie schon eine ganze Weile: die rostbraune Rechts-Rap-Suppe. Schon vor Jahren ahnte man: Ja, auch Nazis gefällt heute Rapmusik. Das Adolf und die NSDAP das damals „Negermusik“ geschimpft hätten? Wollen die Nationalsozialisten von heute selbstverständlich nicht wissen.

Schon vor einer guten Dekade erzählte man zum Beispiel über Bushido, dass zu dessen Konzerten in Ostdeutschland ab und zu auch Nazis kämen, die auch überraschend textsicher seien. Ganz gleich, wie man zu der Musik Bushidos stehen mag: das ist absurd. Andererseits kann der rechte Rand ja auch was mit einem wie Akif Pririncci anfangen—so als Bestätigung der eigenen Haltung. Bei Bushido dürfte die schonungslose Schilderung der Berliner Straßenrealität einen ähnlichen Reflex bedient haben: „Guck, der rappt darüber, wie scheiße dieses ganze Multikulti ist!“ Auch diese Argumentation bleibt schwach, aber effektiv.
Nachdem Aggro Berlin dann noch durch ihre Deutschland-tümeligen Werbekampagne für „Neue Deutsche Welle“ mit einer schwarz-rot-goldenen visuellen Identität und dem dazugehörigen Denkmuster spielte, war dann eine Lanze gebrochen. Auch wenn Aggro und Fler dies natürlich nicht im Sinn hatten: Da man im Deutschrap nun aggressiv „Deutsch“ sein durfte, war der Weg nicht mehr allzu weit zu Rappern, die tatsächlich und offen ultrarechtes Gedankengut transportieren. Eigentlich ist es schon fast ein Wunder, dass wir diese rechtsradikalen Tendenzen erst jetzt so recht wahrnehmen, vielleicht sogar eine Schande, schließlich wurde schon 2010 rechtsradkikaler HipHop veröffentlicht. Wo haben wir in den vergangenen Jahren hingeschaut? Jedenfalls nicht in die Peripherie der Rap-Szene, in der in dieser Zeit Rap mit rechten Inhalten ein Ding wurde.

Wir haben diese Entwicklungen lange ignoriert, offenbar zu lange. Kenne deinen Feind, heißt es. Deshalb muss es sein: Wir schauen uns an, was passiert, wenn man die HipHop-Kultur seines ursprünglichen Werte-Kanons beraubt und für seine gänzlich widersprüchlichen Ideologien zu missbrauchen.

MaKss Damage

MaKss Damage hat bereits vergleichsweise große Bekanntheit erreicht. Unter anderem berichtete die taz darüber, wie dieser vom Stalinisten zum Rechtsradikalen wurde. Auf Facebook vergleicht er afrikanische Flüchtlinge mit den Zombies aus „The Walking Dead“ und postet Anti-Merkel-Memes. Seinen Rassismus und seine Teilhabe an der gewaltbereiten rechten Szene versucht er nicht mal zu verstecken, während er über billige Synthesizer-Beats nach dem Takt sucht.

n'Socialist Soundsystem

Kurz: NSS. Auch diese Düsseldorfer haben es derweil in die Medien geschafft. Genau wie MaKss Damage bezieht sich diese Gruppierung in ihrer Musik offensiv auf „Die Neue Deutsche Welle“. Die positive Nachricht für Fler: Keiner von ihnen nennt ihn ein Vorbild, viel mehr beanspruchen auch NSS für sich, die „echte“ Deutsche Welle zu verkörpern.

Bock

Der Rapper Bock hat bereits gemeinsam mit MaKss Damage musiziert und sich so unter anderem eine Anklage wegen Volksverhetzung eingehandelt. Auf dem Cover seines Albums Dem Deutschen Volke präsentiert er ein an den Reichsadler angelehntes Logo. Das dazugehörige Intro demonstriert, dass die Musik der Aggro Berliner ihn tatsächlich beeinflusst haben dürfte. Der Beat ist düster und böse wie die Instrumentale auf dem ersten CCN, mit seinen rechtsradikalen Straftaten gibt er stolz an und auch seine relativ simple Reimtechnik erinnert an den frühen Berliner Battle- und Straßenrap. Noch ein Beweis fällig? „Ich schreibe weiter meine Texte und die Jeans steckt in den Socken.“ Das könnte Bushido so auch auf seinem Debüt gerappt haben.

Dee EX

Die gruselig völkische Dee Ex kommt aus Berlin und hat folgerichtig das Holocaust-Mahnmal dafür missbraucht, als Kulisse für ihr Video herzuhalten. Immerhin, so muss man leider sagen, plädiert sie nicht für Gewalt als erste und bestes Mittel, um ihre politischen Ansichten durchzusetzen. Dee Ex versucht es „friedlich“, wirft aber trotzdem mit Verschwörungstheoretiker-Formulierungen um sich. Das Gefährliche an ihr: Sie schafft es, trotz der schlechten Qualität ihrer Aufnahmen, ihre faschistischen Botschaften so romantisiert zu verpacken, dass sie schlagerhaft verniedlicht werden. Tatsächlich hat „Skandal 2.0“ auch bereits beinahe 80.000 Klicks auf Youtube und im Song „Antideutsch“ (natürlich ein Schmählied) trägt sie gar ein Dirndl.

SZU (Sprachgesang zum Untergang)

SZU sind sozusagen Genre-Vorreiter. Ihr erstes Album „Eternal Bleeding“ erschien bereits 2010. Auch die Thüringer orientieren sich ästhetisch offenbar klar an dem Sound des Berliner Untergrunds. Auf „Krieg auf der Welt“ präsentierten sich SZU noch unter dem wohligen Deckmantel der Kritik an Krieg und Kapital. Überhaupt gehen sie subtiler, beziehungsweise perfider vor, als viele ihrer Genre-Genossen. Hört man die richtigen (beziehungsweise falschen) Songs der Band, könnte man den Eindruck bekommen, man habe hier stabile Antikapitalisten vor der Nase. Erst in Songs wie „Nationaler Sozialismus Jetzt“ offenbaren SZU ihre wahre Intention.