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Thump

The Black Madonna: „Clubs sind gefährlich für Frauen"

Die Produzentin und DJ-Koryphäe hat mit uns über ihre Rolle als selbstbestimmte Frau in der Clubkultur gesprochen.
9.9.15

The Black Madonna (Marea Stamper) ist eine der aufregendsten Produzentinnen und DJs. Besuch einen ihrer Auftritte und du kannst dich auf ein Set gefasst machen, in dem so ziemlich alles von New Wave über Acid und Techno bis hin zu Filter House nahtlos ineinander übergeht.

Stamper ist aber nicht nur für ihre Fähigkeiten hinter den Plattentellern bekannt. Anfang des Jahres veröffentlichte sie über DJBrodcast eine Art Manifest, in dem sie mehr Inklusion von Frauen in der Welt elektronischer Tanzmusik einforderte. Anfang September verfasste sie zudem für das Mixmag eine Liste mit 20 Frauen, die innerhalb der letzten drei Jahrzehnte die Clubmusik und Clubkultur nachhaltig beeinflusst haben. Bei Black Madonna geht also um viel mehr als nur um DJing—sie hat einiges zu sagen. Unsere niederländischen Kollegen haben sie deshalb angerufen, um mit ihr über ihre musikalischen und politischen Einflüsse zu sprechen.

Noisey: Du bist für deinen genreübergreifenden DJ-Stil bekannt. Ist das eine typisch amerikanische Herangehensweise?
The Black Madonna: Auf jeden Fall. Zwischen hart und soft, Disco und Techno, Acid und souliger Musik zu wechseln ist recht typisch für das, was 1995 im amerikanischen mittleren Westen so gemacht wurde. Ich schätze, ich mache ein bisschen mehr gegensätzliches Zeug als andere amerikanische DJs, weil eine Menge Leute in den USA momentan von europäischen DJs beeinflusst sind. Ich bin damit aufgewachsen, Menschen wie Paul Johnson oder Derrick Carter zu bewundern, die immer schon mit den Genres gespielt haben. House, Disco und Techno—alles kam zusammen. Und das ist auch heute noch mein Ziel.

Wie ist die Szene in Chicago momentan?
Chicago ist wie ein eingeschworener Stamm. Es gibt dort noch das Erbe der House-Kultur und Menschen, die seit dreißig Jahren oder länger Musik machen—eine wirklich enge Gemeinschaft. Das ist toll. Dann gibt es eine Gruppe Menschen—dazu gehöre auch ich—die mehr aus einer House-meets-Punk Ecke kommen. Und dann gibt es da noch eine weitere Gruppe junger Menschen, vor allem aus hispanischen Stadtteilen wie Pilsen, die kleine Underground-Partys veranstalten, auf denen du so ziemlich alles von Techno bis Noise oder Ballroom hören kannst. Und dein paar von den Jungs sind so jung, dass sie noch nicht mal Alkohol trinken dürfen. Das, was in Chicago passiert, ist ziemlich einzigartig. Es ist alles noch superfresh und raw und ich frage mich ständig, wohin sich das noch alles entwickelt. Ich halte die Augen offen und versuche zu verstehen, was um mich herum passiert.

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Du bist bekannt dafür, dich offen für Feminismus einzusetzen und scheust auch nie davor zurück, Probleme anzusprechen, mit denen sich Frauen in der Welt der Tanzmusik konfrontiert sehen. Warum?
Die Menschen, die an Gleichheit glauben, werden manchmal nicht Feministen genannt, sondern sich stattdessen als Humanisten bezeichnen. Ja, Feminismus kann ein Aspekt des Humanismus sein, aber es ist wichtig, sich auf die Probleme zu konzentrieren, mit denen Frauen sich rumschlagen müssen—auch in der Clubkultur—und die verschiedenen Arten anzuerkennen, mit denen sich Frauen in dieser Umwelt auseinandersetzen. Es gibt bestimmte Dinge, mit denen sich Transfrauen auseinandersetzen müssen. Es gibt bestimmte Dinge, mit denen sich schwarze Frauen auseinandersetzen müssen. Es gibt bestimmte Dinge, mit denen sich arme Frauen und behinderte Frauen auseinandersetzen müssen. Wir alle haben es mit Einkommensungleichheit und einem gefährlichen Arbeitsumfeld zu tun. Wie müssen uns diese Dinge anschauen und ihre Erfahrungen direkt anhören. Wenn wir sie ignorieren und sagen: „Oh, wir sollen alle einfach gleich und alle glücklich sein", dann kann keins dieser Probleme gelöst werden. Menschen lieben es, die Illusion aufrecht zu halten, dass Clubs sichere Orte sind, in denen alle frei und gleich sind. Das ist eine wirklich verführerische Illusion, auf die wir immer und immer wieder in der Dance-Musik zurückgreifen. Am Ende ist eine Illusion aber nun einmal, was sie eben ist.

Clubs sind gefährliche Orte für Frauen. Die Anzahl von sexuellen Übergriffen in einem Party oder Barkontext, bei denen Substanzen und mit ihm Spiel waren, ist ziemlich erschreckend. Und lasst uns nicht vergessen, inwiefern solche Probleme vor allem Transfrauen an öffentlichen Orten betreffen. Lasst uns nicht vergessen, wie diese Probleme Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen in Clubs betreffen. Wir könnten ewig weiter machen. Das sind alles Aspekte der Clubkultur. Die Frage, ob Feminismus in der Dance-Musik oder irgendwo anders überhaupt gebraucht wird, ergibt überhaupt keinen Sinn. Wir sind weit darüber hinaus, also müssen wir einfach darüber sprechen.

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In deinem Manifest stellst du klar, dass du mit den Dingen, wie sie sind, überhaupt nicht zufrieden bist, aber dein Motto lautet „We still believe." Hoffst du nicht auf Veränderungen?
Natürlich hoffe ich auf Veränderungen. Auf jeden Fall. Als ich als Musikproduzentin anfing, kannte ich kaum Kolleginnen. Es hat schon einige große Verbesserungen gegeben, aber eben in einigen Bereichen mehr als in anderen. Ich bin mir bewusst, dass ich eine weiße Frau bin und damit bestimmte Privilegien habe. Es ist also wichtig, dass ich, auch wenn ich die guten Dinge genieße, die mir vielleicht passieren, mich nicht mit einer Flasche Champagner in einem schicken Hotel weghaue und vergesse, dass alle anderen in der Szene noch kämpfen müssen. In gewisser Weise sage ich „We still believe, but we're not giving up." Ich will, dass die Community besser für alle wird.

„Man wird nicht als Frau geboren, sondern wird es", lautet eins der wichtigsten feministischen Zitate überhaupt. Glaubst du, dass Simone de Beauvoir damit recht hat?
Ich persönlich habe mich immer ziemlich ambivalent bezüglich meines eigenen Geschlechts als Konzept gefühlt. Ich fühle mich in meinem Körper wohl, aber ich bin mir der tiefen Gegensätze bewusst, was meine Geschlechtsidentität angeht. Ich bin mit einem Mann verheiratet, genieße die ganzen Privilegien eines heterosexuellen Lebens und sehe auch von außen aus, wie sich die meisten Menschen eine Frau vorstellen, aber in mir drin identifiziere ich mich sehr stark mit Virginia Woolfs Konzept des „androgynen Geistes." In mir selbst fühle ich mich nicht besonders männlich oder weiblich. Als ich jünger war, hat mich diese Ambivalenz gegenüber meinem Geschlecht sehr verwirrt und ich fühlte mich sehr isoliert. Ich fragte mich, was das alles bedeutet und wie das meine Beziehungen beeinflussen würden. Zum Glück bin ich heute nicht mehr verwirrt. Ich weiß, wer ich bin.

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Hättest du jemals gedacht, dass du in einem Gebiet so erfolgreich werden würdest, das derartig von Männern dominiert wird?
Vor 15 Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich jemals Geld als DJ verdienen würde. Ich habe mich immer anders als die anderen gefühlt. Ich hatte Ideen, die mir wichtig waren, aber fühlte mich in meinem Bekanntenkreis immer ein bisschen isoliert und fremd, selbst in Chicago. In der Smart Bar habe ich eine Art Familie gefunden—eine Verbindung. Wir stehen alle ein bisschen abseits.

Du spielst oft in Europa und hast deswegen auch in der Smart Bar eine neue Rolle übernommen, oder?
Ja. Ich kann aber nicht sagen, warum ich plötzlich so oft in Europa spiele. Vielleicht mögen die mich in Europa, weil ich etwas außerhalb der Norm bin? Wie auch immer, ich kann nicht mehr täglich in der Smart Bar sein, also habe ich eine weiterreichende Beraterinnenrolle bekommen. Die war unbedingt nötig. Ich hatte sogar Gesundheitsprobleme, weil ich ständig mit Jetlag in im Büro saß! Ich konzentriere mich jetzt auf größere Shows, das Resident-Programm, das Label und die Ausweitung der Marke auch außerhalb des Clubs, wie Festivals. Das passt besser.

Wie fühlst du dich damit, so bekannt zu sein, wie du das gerade bist?
Es ist schon etwas komisch, darüber zu reden, wenn ich ehrlich bin. Es ist unglaublich surreal. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich vor zwei Jahren versucht hatte, mich mit bestimmten Leuten in Clubs zu unterhalten und total abgewiesen wurde. Ich war einfach überhaupt nicht im inneren Kreis. Es ist schon eine ziemlich verwirrende Veränderung, in so kurzer Zeit von privat auf öffentlich zu wechseln. Vor Kurzem habe ich ein Set bei einem Festival gespielt und als ich danach mit meinem Agenten über das Gelände gelaufen bin, hat eine größere Menschengruppe spontan geklatscht, als wir vorbeikamen. Das war eine sehr, sehr komische Erfahrung. Ich habe mich umgedreht, ob da jemand anderes steht, dem sie applaudieren. Dieser ganze soziale Aspekt ist etwas, an den ich mich erst noch gewöhnen muss.

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Könntest du dir vorstellen, komplett nach Europa zu ziehen, wenn du noch öfter dort gebucht wirst?
Ich habe Haus und Familie in Chicago, aber meine Schwiegermutter plant, ein Ferienhaus in Berlin, Amsterdam oder irgendwo in Kroatien zu kaufen, was mir auch ganz gut tun könnte, wenn ich dort arbeite. Es ist schon schade, dass ich momentan so wenig Zeit habe, in der Smart Bar zu sein. Als ich dem Besitzer sagen musste, dass ich eine Pause brauche, war das eine der schwierigsten Sachen in meinem Leben. Er war aber toll. Ich hoffe, dass ich eine gute Botschafterin für den Club bin. Alles, was ich tue, ist ein Produkt meiner Umgebung und ohne diesen Club und die kreative Freiheit, die er mir und unzähligen anderen Künstlern gegeben hat, hätte ich mich nie zu der Person entwickelt, die ich jetzt bin.

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Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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