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Was ich durch O.C., California über Musik gelernt habe

Ohne die O.C.-Indie-Musikerziehung wäre unsere Autorin heute vielleicht Fan von Nickelback.
8.9.14
Screenshots via YouTube

Was wir durch die Simpsons über Musik gelernt haben, wisst ihr ja bereits. Der erste Teil des sechsteiligen O.C.-Soundtracks war neben dem Soundtrack zu Romeo und Julia, den ich damals schon längst von meiner Mutter gestohlen hatte, mein erster eigener Soundtrack. Ich habe ihn auf und ab gehört, weil O.C. für mich damals so etwas wie meine Musik-Bibel war und er für mich so etwas wie der Musterhaus-Mix war, den Marissa Ryan zu Beginn ihrer Romanze geschenkt hat. Egal, welche Band auch nur in einem Gespräch zwischen Seth und Ryan erwähnt wurde, ich habe mir sofort ihre gesamte Diskografie angehört und sie meistens für gut befunden.

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Obwohl O.C., Califonia nun schon gefühlte hundert Jahre her ist, ist es für mich immer noch die Serie, die meinen Musikgeschmack bis heute am meisten beeinflusst hat und mich auch die ein oder andere Sache über Indie, ein bisschen Punk und gute Serien- und Filmsoundtracks gelehrt hat. In den meisten Serien und Filmen hängen Handlung und Soundtrack nur mäßig zusammen – nicht aber in O.C. Ohne die O.C.-Indie-Musikerziehung wäre ich heute vielleicht Fan von Nickelback.

Ein guter Titelsong ist die halbe Miete

O.C. hat mit Phantom Planets "California" den mit Abstand besten Titelsong aller Zeiten – der engelsgleiche Song aus Dawson's Creek ist nichts dagegen. Jedes Mal, wenn ich die Serie schaue – und das mache ich immer, wenn ich verkatert bin – also sehr oft – muss ich bei jeder Episode wieder aufs Neue das unsichtbare Klavier spielen und "California Here We Come" mitschreien, als gäbe es kein Morgen, weil ich schon längst im Jeep meiner Eltern die Küste entlang fahre. Wenn ich irgendwo auch nur die ersten Anschläge des Songs höre, denke ich nicht nur an die Serie an sich, daran wie verliebt ich in Seth Cohen war oder wie heiß ich den Surf-Nazi Volchok finde, sondern in mir breitet sich eine nostalgische Wärme aus, die mich an die O.C.-Marathons, die ich in der Unterstufe mit meinen Freundinnen gemacht habe und all die anderen schönen Momente, die ich mit OC verbinde, denken lässt.

Nerds haben den besseren Musikgeschmack

In O.C. kann niemand bis auf Seth einen passablen Musikgeschmack vorweisen. Ryan spricht permanent von Journey, Marissa tut manchmal so, als würde sie Punk hören und Summer interessiert sich ohnehin nur für ihre Lieblingsserie The Valley und ihre Bräune. Lediglich Seth trumpft immer wieder mit seiner Liebe zur guten Indie-Musik auf. Sein Zimmer ist tapeziert mit Ramones-Postern, er spricht von Death Cab for Cutie, als wäre ihm die Band neben seinem Spielzeugpferd Captain Oats das heiligste Gut auf der Welt und hegt auch noch eine Liebe für die Misfits und die Sex Pistols, was mich auch dazu gebracht hat, mein mickriges Taschengeld in uralte CDs und Misfits-Shirts zu investieren. Niemand von den reichen Newpsies weiß, was Musik überhaupt ist. Hier denkt jeder nur über Wasserball, die nächste Cardio Barre-Stunde und die aktuelle Affäre nach – bis auf Seth, der in den ersten Staffeln von allen als Loser abgetan wird.

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Live-Auftritte sind das Beste der Welt

Mit der zweiten Staffel war auch der Bait Shop geboren. Hier arbeitete nicht nur Olivia Wilde als sexy Punkrock-Lesbe Alex mit lila Haarsträhne, sondern mit dem Club begann auch die Zeit, in der in O.C. mehr oder weniger regelmäßig Bands auftraten. The Subways gaben ihr legendäres "Rock 'n' Roll Queen" zum Besten, die Killers natürlich ihren Klassiker "Mr Brightside", bei dem ich heute noch durchdrehe, wenn er auf einer Party gespielt wird und die O.C.-Lieblingsband Rooney lieferten den Anlass dazu, dass die Cohens darüber diskutierten, ob man mit 16 zu jung für ein Konzert ist, als sie im Bait Shop aufspielten. Als ich die Killers zum ersten Mal sah, habe ich mich gefühlt wie Seth, dessen unbändige Liebe zur Musik eine neue Dimension annimmt und meine Erwartungen waren so hoch, dass ich gefürchtet habe, sie könnten niemals auch nur in Ansätzen erfüllt werden. Dabei hat mich O.C. nur darauf vorbereitet, wie geil Konzerte wirklich sind. Ohne diese seelische Einstimmung wäre ich wahrscheinlich vor Überwältigung in Ohnmacht gefallen, als ich die "Mr. Brightside" zum ersten Mal live gehört habe.

Ohne den richtigen Song sind traurige Momente nur noch halb so traurig

Der Musikbeauftragte aus O.C. hat ohnehin schon das beste Gespür ganz Hollywoods für gute Filmmusik. Aber erst bei den richtig traurigen Momenten blüht der Soundtrack-Abgeordnete so richtig auf und bringt die Tränen zum Fließen und die Herzen zum Brechen. Das Finale der ersten Staffel ist in Wahrheit gar nicht so richtig traurig. Kommt aber Jeff Buckleys "Halleujah" dazu, das bei Marissas Sterbeszene in einer abgewandelten Form zu hören ist, fließen die Tränen in Strömen. Seth segelt hier in der Abschlussszene der Folge nicht über das Meer davon, sondern die Unmengen an Tränen, die aus meinen Augen schießen. Als Skater Johnny Harper in der dritten Staffel total dicht von einer Klippe stürzt, weil Marissa ihn nicht liebt, war mir das scheißegal, weil ich ihn sowieso nicht mochte. Sein Begräbnis am Strand ist aber mit "For The Widows In Paradise" von Sufjan Stevens unterlegt und schon fließen wieder die Tränen. Einer der finstersten Momente in O.C. ist die erste Folge der vierten Staffel, in der sich Ryan zu Placebos "Running Up That Hill" bei Cagefights halbtot schlagen lässt, um über Marissas Tod hinweg zu kommen. Seit O.C. weiß ich, dass man sich erst zum passenden Song seinem Leid so richtig hingeben kann.

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