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Ein Gefängnis-Interview mit Tiny Doo, dem Rapper, dem für sein Album lebenslänglich droht

Aufgrund eines kalifornischen Gesetzesparagraphen kann man sogar dafür im Gefängnis landen, wenn man nur über kriminelle Aktivitäten rappt. Dieser Paragraph wurde Tiny Doo zum Verhängnis.
2.12.14

Rapper Tiny Doo—bürgerlich Brandon Duncan—und seine Verlobte, Myra Arauz.

Die George F. Bailey Haftanstalt liegt am Ende einer langen, gewundenen Straße, mitten im wüstenähnlichen Hinterland von San Diego County. Der Parkplatz der Anlage ist abgesehen von einer Handvoll Autos ziemlich leer. In der Wartehalle läuft ein Footballspiel auf zwei Bildschirmen gleichzeitig, während im Hintergrund Beamte hinter kugelsicheren Glasscheiben zu hören sind, die durch Mikrofone krächzen, Personalausweise kontrollieren, und Besucher nach Besucher abfertigen.

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Myra Arauz trägt große Ohrringe und einen Puma Sweater, sitzt dort in der Halle und wartet darauf, ihren Verlobten, Brandon Duncan, zu besuchen. Duncan, besser bekannt als Tiny Doo, ist ein Rapper aus San Diego und sitzt nun sein fünf Monaten hinter Gittern. Theoretisch könnte er das Gefängnis verlassen, aber das würde ihn 500.000 US-Dollar Kaution kosten—eine Summe, die er sich unmöglich leisten kann. Deshalb fährt seine Verlobte zwei Mal in der Woche die halbe Stunde hier raus in die Haftanstalt, um ihn zu besuchen.

„Wir sind seit über fünf Jahren zusammen“, erzählt mir Arauz. „Er ist ein Familienmann. Ein großartiger, lustiger Kerl und ein sehr talentierter Musiker. Er ist ein Künstler. Und ein großartiger Freund. Ich habe eigentlich nichts an ihm auszusetzen—er war immer für mich und meinen Sohn da. Ich habe einen elfjährigen Sohn aus einer vorigen Beziehung, aber er hat sich um ihn gesorgt, seit er sechs Jahre alt war, und mein Sohn liebt in. Und natürlich hat er noch sieben eigene Kinder.“

„Und ein weiteres ist auf dem Weg“, fügt sie hinzu und deutet auf ihren Bauch

Im Juni stürmte die Polizei die Wohnung von Arauz und Duncan mit gehobenen Waffen, legte beiden Handschellen an, und zerpflückte die Wohnung auf der Suche nach möglichen illegalen Schusswaffen. Obwohl sie nichts fanden, nahmen die Polizisten Duncan mit. Nun steht er zusammen mit 14 anderen Personen unter Anklage—er soll Teil einer kriminellen Verschwörung sein, verübt von der berüchtigten Lincoln Park Bloods Gang aus San Diego.

Das Hauptbeweismittel für seine Schuld? Ein Rap Mixtape namens No Safety, auf dessen Cover ein geladener Revolver zu sehen ist.

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Duncans Fall machte überregionale Schlagzeilen. Während der eigentliche Fall sich um eine Reihe an Schießereien dreht, die sich 2013 und Anfang 2014 in San Diego abspielten, haben die Ankläger keine Beweise geliefert, die Duncan irgendwie mit diesen Schießereien in Verbindung bringen. Stattdessen berufen sie sich auf ein kalifornisches Gesetz, das besagt, das jeder, der sich aktiv bei einer kriminellen Gang beteiligt und „die kriminellen Aktivitäten von Mitgliedern dieser Gang willentlich fördert, unterstützt oder von ihnen profitiert“, sich selbst schuldig und zum Teil dieser kriminellen Verschwörung macht. Duncan droht eine Haftstrafe von 25 Jahren bis lebenslänglich.

Brian Watkins, Duncans Rechtsanwalt, nennt diesen Fall verfassungswidrig und eine Verschwendung von Steuergeldern (ein Sprecher der Staatsanwaltschaft San Diego wollte sich nicht zu dem Fall äußern, da die Ermittlungen noch andauern.) Andere Rechtsexperten sind ebenfalls skeptisch. Susan Phillips, eine Autorin, die sich mit hauptsächlich mit Gangs und dem US-Justizsystem beschäftigt, sagt, dass Verschwörungsparagraphen, wie jener mit dem Duncan belangt wird, regelmäßig dazu genutzt werden, Personen zu kriminalisieren, deren Verbindungen zu eigentlichen Verbrechen im allerbesten Fall dürftig sind.

„Tatsächlich könnte man mit solchen Gesetzen so ziemlich jeden von uns mit irgendeinem Verbrechen in Verbindung bringen“, meint sie. „Das ist das wirklich gefährliche an ihnen. Bei Verschwörungsvorwürfen muss nicht klar sein, wer sonst noch in das vermeintliche Verbrechen involviert ist. Es muss nicht klar sein, welches Ausmaß die Verbrechen haben. Das Ausmaß der Verschwörung, von der du angeblich Teil bist, muss eigentlich überhaupt nicht bekannt sein.“

Duncan, 32 Jahre alt, war einst ein musikalischer Aufsteiger, und machte sich einen Namen in der HipHop-Szene rund um San Diego. Mit seiner stämmigen Erscheinung und seiner rauen Stimme feierte er ab den späten 00er Jahren einige Erfolge. Seine Texte spiegeln das harte Straßenleben in den östlichen Nachbarschaften von San Diegos wider—es besteht kein Zweifel daran, dass die Inhalte seiner Songs Elemente aus dem echten Leben beinhalten. Er wuchs in Lincoln Park auf, einer besonders kriminellen Gegend, in der finanzielle Probleme an der Tagesordnung stehen und laut Watsin wurde Duncan 1997 als Teenager von der Polizei als Mitglied der Lincoln Park Bloods dokumentiert. Gangsta Rap war damals eine ziemlich große Sache in San Diego, und in einem Interview mit der Rap-Website Siccness.net, das Anfang dieses Jahres entstand, spricht Duncan darüber, wie er mit MCs von gegnerischen Gangs rivalisierte.

„Die machten einen Song, und wir machten im Gegenzug einen Song“, erzählt er in dem Interview. „Aus einem Song wurden zwei Songs, und aus zwei Songs wurden 10 Songs. So kam der Scheiß zustande.“

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2008 wurde er zusammen mit zwei Lincoln Park Gangmitgliedern wegen Vorwürfen der Zuhälterei verhaftet. Er wurde von Ermittlern mit einer Wanze dabei abgehört, wie er den beiden Tipps gab, wie man eine Frau für einen Escort-Service anwirbt, und wie er ihnen eine auf den Straßen bekannte Dame für Prostitution empfahl. Zu der Zeit lebte er aber in Arizona, und laut den gerichtlichen Aufzeichnungen wurde die Vorwürfe fallen gelassen, weil die Vorwürfe außerhalb der kalifornischen Rechtszuständigkeit lagen.

Leute aus Duncans nahem Umfeld sagen, dass er das Gangleben mittlerweile hinter sich gelassen hat. Nachdem er nach San Diego zurückkehrte, lernte er Arauz kennen. Laut ihr zogen sie sich in ein geordnetes Leben zurück, und zogen in eine Wohnung, die mehrere Meilen abseits der Lincoln Parker Gang-Querelen lag. In den Monaten vor der Verhaftung arbeitete sie in eine Bar, während er im Baugewerbe arbeitete. Ihre Wochenenden verbachten sie damit, mit den Kindern Football zu spielen, und an den Abenden schauten sie sich Marvel Filme auf Netflix an.

„Er lebt kein Gangleben oder irgendetwas in die Richtung. Er ist ein heimeliger Kerl,“ sagt sie. „Ich habe die letzten fünf Jahre mir ihm verbracht, ich habe ihn nie zusammen mit irgendeinen von diesen Typen gesehen.“

Gang-Expertin Phillips sagt, die Gültigkeit von Verschwörungsvorwürfen hängt vor einem Bundesgericht davon ab, ob die Ankläger beweisen können, dass der Angeklagte eine Vereinbarung mit seinen Mitangeklagten eingegangen ist. Das im Jahr 2000 verabschiedete kalifornische Bundesstaatsgesetz, unter dem Duncan angeklagt ist, funktioniert aber anders. In diesem Fall geht es darum, ob er ein tatsächliches Mitglied der Lincoln park Bloods ist, und ob er, indem er sein Album veröffentlicht hat, auf irgendeine Art und Weise von den Schießereien profitiert hat, die zu dem Fall geführt haben.

Wie Noisey bereits berichtete, wurden Rap-Texte in den letzten Jahren schon des Öfteren als rechtliches Beweismaterial verwendet. Vor Gericht zeigte Staatsanwalt Anthony Campagna auf die Waffe, die auf dem Cover von No Safety zu sehen ist. „Wir sprechen hier nicht von einem Album auf dem Lovesongs oder so etwas zu hören sind“, wird er von der L.A. Times zitiert. Das Album beinhaltet ziemlich direkte Raps übers Drogendealen und Geld anhäufen. Die Schießereien werden aber zu keinem Zeitpunkt thematisiert, und Geld hat Tiny Doo mit diesem Mixtape vermutlich so gut wie keines verdient. Er hat es zusammen mit seinem Freund Jackie Dee veröffentlicht, der wenige CDs vertrieb, die neben einem gratis Soundcloud-Stream produziert wurden.

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„Wir haben 100 CDs gemacht“, sagt Dee. „Er gab mir 20 und behielt den Rest. Weißt du, für wie viel Geld er sie verkauft hat? Für keines. Er hat seine alle hergeschenkt.“ Auf Soundcloud hat der meistgestreamte Song des Albums 11,311 Plays.

Laut Watkins, Duncans Anwalt, gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass auch nur eine der Personen, die in die Schießereien verwickelt waren, sich das Mixtape jemals angehört hat. Manche Beobachter machen sich nun Sorgen, dass die Polizei auch andere Rapper in der relativ kleinen HipHop-Szene von San Diego wegen ihrer Texte ins Visier nimmt.

„Was ist aus der Redefreiheit geworden?“ sagt Cesar Tellez, ein Künstler aus San Diego, der unter dem Namen Crhymes auftritt. „Das ist nur eine neue Form, ein neuer Weg für die Polizei, um sich uns zu schnappen.“

Als Beschäftigung im Gefängnis habe er begonnen, täglich in der Bibel zu lesen und das Essen in die Gefängniszellen zu bringen. Aber er vermisse seine Familie. Seine Großmutter ist während seiner Haftzeit verstorben, und nun mache er sich sorgen, dass er die Geburt seines Sohnes, Messiah Lee Duncan, verpassen könnte—der Termin ist im Februar.

„Ich will nach Hause“, sagt Duncan.

Nach dem Interview gehe ich den langen Gang zurück, durchquere den Wartesaal und marschiere hinaus auf den Parkplatz. Zwei Sheriff Deputies stehen draußen und halten Wache. Im Auto neben meinem benutzt eine Frau ihren Rückspiegel, um sich für einen Besuch hübsch zu machen. Im Radio meines Autos höre ich die Reaktionen der Menschen in Ferguson Missouri, nachdem die Jury entschieden hat, dass Officer Darren Wilson für die tödlichen Schüsse auf Michael Brown, einen unbewaffneten Teenager, nicht vor Gericht muss.

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Vielleicht kann es, wenn man es oft genug macht, Routine werden, diese lange, gewundene Straße entlangzufahren. Aber nach fünf Monaten, in denen Arauz ihren Verlobten im Gefängnis besucht, findet sie die Situation nur absurd.

„Ich frage einfach, warum es ausgerechnet ihn erwischt hat. Jedes Mal wenn etwas in L.A. passiert, eine Schießerei oder ähnliches, wollen sie dann jeden einzelnen Rapper da draußen verhaften?“

„Ich fühle mich einfach verloren,“ fügt sie hinzu. „Dieser Fall ist Bullshit.“

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