FYI.

This story is over 5 years old.

Features

Warum niemand Mitleid mit Aaron Carter haben sollte

Aaron Carter ist ein erfolgloser Kinderstar, der gestern ein Konzert vor 50 Leuten in Berlin gespielt hat. Trotzdem sollte niemand Mitleid haben.
23.1.15

Kinderstars werden mit den unmöglichsten Voraussetzungen in das Erwachsenenleben entlassen. Sie können einem Leid tun. Außer Justin Timberlake gibt es kaum Beispiele von Stars, die in ihrer frühen Kindheit in die Öffentlichkeit geworfen wurden und heute noch ansehnlichen Erfolg haben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Reaktionen auf eine Aaron Carter-Konzert-Tournee fast einstimmig lauteten „Den gibt es noch?“, „Der lebt noch?“ und „Wie alt ist er denn jetzt?“.

Anzeige

Ja, Aaron Carter lebt noch, er macht noch Musik und er ist inzwischen 27 Jahre alt. Als der kleine Bruder von Nick Carter, der mit den Backstreet Boys die erfolgreichsten Boyband seiner Zeit bildete, wurde er mit Songs wie „Crazy Little Party Girl“ oder „I Want Candy“ und einer vorbildlichen Topffrisur weltbekannt und stand schon mit neun jungen Jahren auf der Bühne. Sein erster Auftritt war 1997 vor 50.000 Menschen als Support für seinen Bruder—in Berlin. Am Mittwoch kam er zurück nach Berlin, diesmal um vor 50 Leuten zu spielen.

Von dem Erfolg von früher war bis auf eine Handvoll Hardcorefans, die sich für 55 Euro ein VIP-Ticket kauften, um einen Blick in den Backstage werfen und für ein Foto mit Aaron posieren zu können, nur noch wenig übrig—von dem kleinen, süßen Jungen von früher dafür umso mehr. Wir treffen ihn vor der Show für ein Interview: Aaron ist ein sympathischer junger Mann, offensichtlich gezeichnet von den vielen Erlebnissen, die ein Kinderstar so miterleben muss. Ob es daran liegt, dass früher ein Poster von ihm in orangener Latzhose in meinem Zimmer hing, ob an seiner aufgeschlossenen, freundlichen Art, mit der er uns den ganzen Abend begegnete, oder daran, dass ich irgendwie Mitleid mit ihm habe, weiß ich nicht, aber ich möchte jetzt auf keinen Fall etwas Schlechtes über Aaron Carter schreiben und hoffe deswegen, er wird diesen Artikel niemals lesen.

Denn um ehrlich zu sein, waren die meisten der Gäste zu dem Konzert gekommen, um sich über ihn lustig zu machen. Aaron wirbelte über die Bühne wie ein echter 90s-Popstar und tanzte lasziv mit seiner Tänzerin, die gleichzeitig seine Freundin ist, wie wir zuvor im Backstage erfahren bzw. sehen durften. Ständig hielt er das Mikrofon in Richtung Publikum, um die Leute aufzufordern mitzusingen, aber weder bei den beiden alten Songs, die er spielte, noch bei den neuen Songs, die offensichtlich keiner kannte, sangen mehr als drei Leute mit. Aaron hat seit 13 Jahren kein Album mehr veröffentlicht, und das obwohl er konstant Musik produziert, wie er betont. „Es war nie der richtige Zeitpunkt“, erklärt er. „Ich würde lieber warten und gar keine Musik veröffentlichen, als schlechte Musik zu veröffentlichen.“

Aaron ist sicher, dass dieser Zeitpunkt bald kommen wird und er auf dem richtigen Weg ist. „Ich freue mich darauf, einen Teil von mir zu zeigen, den nicht viele Leute kennen.“ Er erzählt uns stolz, dass er selbst Beats bauen kann, die ziemlich gut seien… seiner Meinung nach. Sofort fügt er unsicher hinzu, dass das aber auch andere Leute sagen. Generell scheint ihm die Meinung der Leute unglaublich wichtig zu sein, sogar die von uns. So sehr, dass er uns bei der Show später direkt ins Visier nimmt und uns von der Bühne aus auffordert mitzumachen. Als ich daraufhin etwas verwirrt mitwippe, blickt er enttäuscht und fordert uns auf „C’mon, you know the words“. Vollkommen überrumpelt und ergriffen forme ich mit meinem Mund die Worte „I WANT CANDY“ und zaubere direkt ein Grinsen in sein Gesicht. Man kann sich diesem Hundeblick einfach nicht widersetzen und obwohl ich mich von diesem Moment etwas genötigt fühle, stimmt es mich sehr glücklich, ihn plötzlich so fröhlich zu sehen.

„Das Problem mit Kinderstars ist, dass sie sich zu sehr auf die Meinung anderer Leute fokussieren, weil sie nicht wirklich wissen, wie sie sich mit sich selbst identifizieren sollen. Wenn sie aufwachsen, machen andere Leute alles für sie, treffen alle Entscheidungen für sie“, erklärt uns Aaron. Auch er wurde einfach so in die Musik geboren, sie war wie eine zweite Sprache für ihn. Woher soll er auch wissen, was er sonst hätte werden wollen? Die Frage hat sich gar nicht erst gestellt, meint er. Zwar versucht er sich seit Jahren selbst zu finden, aber vermutlich würde er nicht einmal wissen, wenn er schwul wäre, da ihm schon als 9-jähriger Junge eingeredet wurde, er hätte Liebeskummer wegen eines Mädchens und müsste darüber singen.

Anzeige

Das wird auch deutlich, als er sagt, es wäre ihm peinlich, wenn er mit der Musik aufhören würde: „Es fühlt sich fast wie eine Pflicht an, die mir von oben von einem König, einer Königin oder einem Prinzen übergeben wurde, als hätte ich keine andere Wahl. Ich muss das tun.“ Und Aaron tut es alles sehr pflichtbewusst. Er zieht seine Show durch, auch wenn nur wenige Leute zu seinen Konzerten kommen und die meisten von ihnen sich nur dafür interessieren, was eigentlich aus dem Kinderstar geworden ist. Es hat etwas Makaberes und Trauriges, dass alle Leute—auch wir—so neugierig sind und ihn analysieren wollen. Bei Zeiten fühlt es sich so unangenehm an, als ob ein ganzer Ubahn-Wagon einen Motz-Verkäufer auslacht, weil er obdachlos ist.

Obwohl der Abend auch schön ist, Nostalgie durch den Raum fließt und Aaron und die Anwesenden sichtlich Spaß haben, überwiegt dieses beklemmende Gefühl in erster Linie, weil es offensichtlich ist, dass Aaron kein Arschloch ist und nicht die Schuld an irgendetwas trägt, im Gegenteil. Er wurde mit neun Jahren von seinen Eltern in das Musikbusiness geworfen, ihm wurde seine Kindheit geraubt und in die Streitereien seiner Eltern um sein Vermögen reingezogen. Seine Schwester starb vor ein paar Jahren an einer Überdosis, seine Mutter veröffentlichte ein Buch über ihn und in der Realityshow „House of Carters“, die 2006 im amerikanischen Fernsehen lief, wird einem der Wahnsinn dieser Famile noch mehr vor Augen geführt. In einer Szene erinnert sein Vater Aaron daran, dass er eine „cash cow“ sein muss, das war früher schließlich sein Spitzname. Spätestens jetzt wird wahrscheinlich selbst der letzte emotionslose Mensch Mitleid verspüren.

Anzeige

Dabei sollte keiner Mitleid mit ihm haben, schließlich gibt es nur wenig, was so herablassend ist wie Mitleid. Sein Leben als ehemaliger Kinderstar wird wahrscheinlich durch jede einzelne Person noch schlimmer, die ihn mitleidig anguckt und deswegen nett zu ihm ist. Aber Aaron Carter hat das nicht verdient, kein unschuldiger Kinderstar sollte das das verdient haben. „Egal wie schwer es wird, ich muss weitermachen“, sagt er zum Schluss.

Es ist wenig verwunderlich, dass Aaron auf eigenen Beinen stehen möchte und sich künstlerisch endlich verwirklichen will, wie auch immer das aussehen soll. Wahrscheinlich wird er niemals das Musikbusiness verlassen, wahrscheinlich wird er auch niemals aus seinem 90er-Boyband-Muster ausbrechen können und mit Sicherheit wird er niemals seinen Kinderstar-Image los. Es steckt viel zu sehr in ihm drin. Aber dennoch besteht in all dieser von außen scheinenden Misere die Möglichkeit, dass er in seinem Leben den richtigen Platz gefunden und mit seiner Rolle Frieden geschlossen hat. „Nicht viele Leute können mein Leben überhaupt nachempfinden.“ Wir können all das nicht wissen, alleine deswegen sollten wir kein Mitleid haben.

Das Interview könnt ihr nächste Woche in voller Länge auf Noisey lesen.

Viola ist ein #Aaronator (so nennen sich Fans) und auf Twitter—@ville_vallo

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.