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Napster ist 15 Jahre alt geworden und niemand hat es gemerkt

Napster hat die Musikindustrie durchgewirbelt und wurde dafür von ihr bekämpft. Wir werfen einen Blick zurück ins Jahr 1999.

von Jonas Vogt
04 Juni 2014, 11:00am

Als ich mich gestern vor der Sonne in meiner Wohnung versteckte, bin ich zufällig auf einen Artikel auf der Homepage des WDR gestoßen. Offenbar ist Napster 15 Jahre alt geworden! Und das ist niemandem aufgefallen, nicht mal Napster selbst. Das ist relativ komisch. Haben die Leute schon vergessen, welche unglaubliche Bedeutung und kulturelle Kraft dieses kleine Tool damals hatte?

Ich rede jetzt natürlich nicht von dem Napster, das es heute noch gibt. Ich rede auch nicht von dem Napster, das es irgendwie tauchend durch die Nullerjahre geschafft hat. Ich rede vom Napster, das zwischen Sommer 1999 und Frühjahr 2001 eine gesamte Industrie erschütterte und einen Riesen-Anteil daran hatte, dass unsere Hörgewohnheiten nie mehr dieselben sein würden.

Schauen wir nochmal zurück ins Jahr 1999. Die Musikindustrie (gut, genau genommen die Majorlabels) hatte sich durch die 90er hindurch dumm und dämlich verdient und konnte es sich leisten, mit dem Füllhorn Geld in die Video-Produktion zu stecken: 8 der 10 teuersten Musikvideos aller Zeiten stammen aus den 90ern. 1998 hatte die globale Plattenindustrie über 38 Milliarden Dollar Umsatz mit dem Verkauf von Tonträgern gemacht, und das neue Jahrtausend stand verheißungsvoll vor der Tür.

Sean Parker. Foto: Andrew Mager / Flickr | CC By 2.0

Am 1. Juni 1999 stellten Shawn Fanning, sein Onkel John Fanning und Sean Parker (ja genau, der Typ, der später von Justin Timberlake gespielt werden sollte) ein revolutionäres Peer-To-Peer-Netzwerk ins Netz. Die jüngeren unter euch muss man vielleicht daran erinnern, dass die späten 90er eine Zeit waren, in der das Internet halb so präsent war wie heute. Datenverbindungen waren teuer, und man bekam leicht Ärger mit den Eltern. Man war ab und zu und zu online und chattete (haha!), schaute ansonsten aber VIVA2 oder ging sogar an die frische Luft.

Die Story von Napster ist bekannt, also nur als kurzer, polemischer Abriss: Die Userzahlen explodierten, alle feierten 2 Jahre eine Party, bis Plattenfirmen und Metallica der Firma gemeinsam die Gedärme herausklagten. Im Juli 2001 ging Napster, wie wir es damals kannten, vom Netz.

Was genau hat Napster jetzt getan, das so bedeutungsvoll war?

1. Es hat dazu beigetragen, die „Gratismentalität“ zu verbreiten.

Napster hat das Prinzip Peer-to-Peer bekannt gemacht. Es gab es plötzlich die Möglichkeit, ohne Umwege (in den 90ern gab es noch Leute, die für Geld CDs brannten!) und Kosten an einen umfangreichen Musik-Katalog zu kommen. Die Bereitschaft, Geld für reproduzierbare kulturelle Erzeugnisse auszugeben, ist in der Generation, die mit Napster und seinen Erben aufgewachsen ist, gering. Das kann man verfluchen oder als Robin-Hood-mäßigen Schlag gegen eine gierige Industrie sehen. Es ist aber auf jeden Fall etwas, mit dem man leben muss.

2. Es war ein Schlag gegen das Expertentum.

In Mark Greifs Standardwerk wird das Jahr 1999 als Beginn des Hipstertums ausgemacht: American Apparel ändert seine Werbe-CI, VICE zieht nach New York und Napster taucht auf der Bildfläche auf. Auf einmal braucht es nicht mehr den gut sortierten Plattenladen in Reichweite, um Musik mitzubekommen, die unterhalb der Radioschwelle passiert. Jeder konnte ein Experte sein.

3. Die Musikindustrie war danach nie wieder dieselbe.

Das Jahr 1999 war für den Umsatz mit Tonträgern der absolute Peak, danach ging es erstmal nur und schlagartig bergab. 2012 war das erste Jahr, in dem die Musikindustrie (bei den Verkäufen, wohlgemerkt, Live-Auftritte sind hier nicht eingerechnet) ein kleines Plus verbuchen konnte. Es gibt durchaus Fakten, die die „Filesharing hat die Musikindustrie kaputt gemacht“-Polemik ein bisschen stören. In diesem Artikel kann man die interessante Gegenthese genauer nachlesen, dass es eigentlich eher um eine Umwandlung eines Alben- in einen Singlemarkt geht. Und auch wenn man bei einzelnen Alben immer diskutiert, ob ihr Leak auf Napster nicht sogar erst zu ihrem Erfolg geführt hätte (Radioheads Kid A wird da immer genannt), wäre es naiv zu behaupten, dass der Einbruch nicht auch mit illegalen Downloads zu tun hätte.

Musik ist im Internet verfügbar. Da man daran nichts ändern kann, kann man genauso gut versuchen, es als Promo-Tool zu nutzen. Dieser Tatsache hat man sich knapp zehn Jahre später widerwillig gebeugt—selbst Lars Ulrich liebt jetzt Spotify. Napster war seiner Zeit weit voraus, hat Entwicklungen mehr kanalisiert, die wahrscheinlich ohnehin gekommen wären. Und es wurde stellvertretend für diese Entwicklungen bekämpft. Es lohnt sich durchaus, sich gelegentlich daran zu erinnern.

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