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Deutschsprachige Indiebands sind sexy wie nie

Wer behauptet hier, dass deutschsprachige Bands nicht sexy sind? Bilderbuch haben den Sex erfunden, seid ihr blind?

von Viola Funk
28 Januar 2014, 4:30pm

Erst gestern erschien ein Artikel bei Musikexpress.de über die Unsexyness deutschsprachiger Indiebands. Bands wie Ja, Panik und Bilderbuch wären demnach den internationalen Kollegen in einigen Punkten weit hinterher, nicht musikalisch, aber eben in Sachen Sexappeal und Coolness. Inzwischen wurde der Artikel gelöscht, wir möchten nicht mutmaßen, warum, oder euch mit dem nötigen Link versorgen, um den Text im Cache doch noch zu lesen—ihr wisst ja, wie Google funktioniert—, wir möchten nur auch mal was dazu sagen.

Seid ihr blind?

Wenn Bilderbuch nicht sexy sind, sind Hundebabys nicht süß. So etwas zu behaupten, ist in etwa so, wie beim ersten Date zu sagen, dass dir mal ein Kaktus weggestorben ist. Diese österreichischen Indietypen hätten das Wort sexy erfunden, wenn es das nicht schon gegeben hätte. Ihre Sexyness fängt bei ihren Texten an, geht weiter bei den Blicke, der Stimme, der Intonation und allen Lauten, die sie so von sich geben—sogar der Autotune ist sexy—und hört bei ihren Videos auf. Im oben erwähnten Artikel heißt es dagegen:

„Die Band Bilderbuch, ebenfalls österreichischer Indie-Hotshit zur Zeit, versucht sich mit Lamborghinis in ihrem Video „Maschin“ und scheitert ebenfalls. Wo Ja, Panik versuchen mit absichtlich unschöner Ästhetik zu punkten, scheitern Bilderbuch an vollkommen überzogenen Bildern mit Prollgehabe.“

Hier kommen wir wohl zu dem alles entscheidenden Missverständnis—zur Definition von sexy. Wir sind schließlich nicht mehr in den 90ern, viel nackte Haut, verruchte Schwarz-Weiß-Optik oder ein nackter Enrique Iglesias, der oberkörperfrei im Regen singt, das ist nicht mehr sexy. Sexy ist Humor, Selbstironie, Authentizität, feine Seide und geile gelbe Karren. Kurzum: Bilderbuch. Was sich dagegen seit den 90ern und seit der Geburt von Musik nicht verändert hat, ist, dass gute Musik sexy ist und auch wenn das nicht jede deutschsprachige Indieband vorweisen kann, Bilderbuch—und auch Ja, Panik—machen hervorragende Musik.

Ihr fordert Coolness, die nicht ins Lächerliche gezogen wird. Dabei ist Coolness schon so uncool, dass sie nur noch ins Lächerliche gezogen werden kann. Die Frage, was passieren muss, damit deutschsprachige Indiemusik sexy wird, beantwortet mein Google Cache mit zwei Vorschlägen: Skandale und Werbeverträge in der Fashionindustrie. Es kann schon sein, dass die Calvin Klein-Werbungen mal cool waren, aber erstens steht das Wort „Indie“ schon in einem direkten Widerspruch zu Werbeverträgen, zweitens sind Skandale spätestens seit Pete Doherty nicht mehr sexy und drittens sind wir immer noch nicht mit einer Zeitmaschine zurück in die 90er gereist.

Musiker sind hier, um Musik zu machen, und um sexy und cool zu sein, sie müssen und sollten keine Werbe-Kooperationen, skandalöse Privatleben oder ein absurd gutes Aussehen benötigen, sondern einfach nur ihre Musik machen und zwar nach den Maßstäben, die sie sich selbst ausgesucht haben. Deutschsprachige Indiebands haben endlich verstanden, dass sie kein Raster erfüllen müssen und den Rahmen sprengen können, wie sie wollen—aber nur wenn sie wollen. Ob mit Humor oder ohne, gute Bands brauchen kein aufgezwungenes abgefucktes Image oder ein übertriebenen Hang, sich selbst zu ernst zu nehmen. Denn dann nimmt sie keiner mehr Ernst.

Ich jedenfalls würde mit Bilderbuch sofort ein Croissant mit Marmelade essen, und sagen: Mhm, naja, aha. Das ist sexy, liebe Menschheit.

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