Thump

Der Einsatz von LSD in der Psychotherapie rückt näher

Die Forschung zur therapeutischen Wirkung von illegalen Substanzen hat in den letzen Jahren beeindruckende Ergebnisse hervorgebracht.
14.4.16

Links siehst du die Visualisierung des menschlichen Gehirns nach der Injektion eines Placebos, rechts nach der Einnahme von LSD. Foto: Carhart-Harris u.a.

Die Forschung zur therapeutischen Wirkung von illegalen Substanzen hat in den letzen Jahren beeindruckende Ergebnisse hervorgebracht. Ketamin und MDMA können demnach zur therapeutischen Behandlung eingesetzt werden, nicht nur bei psychischen Erkrankungen, sondern auch bei Krebs. Am vergangenen Montag präsentierte das Imperial College in London eine neue Studie zur Wirkung von LSD auf das menschliche Gehirn. Sie wurde zudem in dem Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Die Ergebnisse stellen bisherige Erkenntnisse in Frage und werden vielerorts als bahnbrechend bezeichnet. Sie könnten in Zukunft die therapeutische Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen erleichtern. Wir haben die Studie für euch zusammengefasst.

LSD-Wirkung erstmals visualisiert

Zur Untersuchung ihrer neuronalen Wirkung verabreichten die Forscher 20 körperlich und geistig gesunden Menschen, die bereits vorher Erfahrungen mit Drogen hatten, intravenös 75 Mikrogramm LSD. Forschungsleiter Robin Carhart-Harris zu Folge handelt es sich dabei um eine gemäßigte Dosis. Während des Trips wurden die Gehirnaktivitäten mittels der bildgebenden Verfahren fMRI und MEG gemessen, wodurch das erste Mal überhaupt die Wirkung des Halluzinogens visualisiert werden konnte. Außerdem stellte man dabei den Versuchsteilnehmern Fragen zu ihrem Wohlbefinden, wodurch die Forscher einen Zusammenhang zwischen den Antworten und der entsprechenden Gehirnaktivität herstellen konnten. Wie bei den meisten naturwissenschaftlichen Experimenten gab es einen Kontroll-Versuch, bei dem den Probanden an einem anderen Tag eine Kochsalzlösung verabreicht wurde. 15 Datensätze konnten zur Auswertung benutzt werden, fünf mussten aufgrund von Problemen bei der Messung ausgeschlossen werden.

Mehr und weniger Interaktion der Hirnareale während des Trips

Erstens konnte man aus den ausgewerteten Daten die Schlussfolgerung ziehen, dass Halluzinationen nicht nur, wie häufig angenommen, durch den visuellen Cortex ausgelöst werden. Vielmehr sind mehrere Bereiche des Gehirns dabei aktiv und kommunizieren miteinander, was sie sonst nicht tun. Die Probanden konnten sogar mit geschlossenen Augen halluzinieren. Dieser Befund deckt sich mit Untersuchungen zu Träumen von blinden Menschen.

Zweitens zeigte sich, dass es während des LSD-Trips eine verringerte Kommunikationen zwischen dem Parahippocampus, der als Teil des limbischen Systems im Gehirn wichtig für das Erkennen und Erinnern ist, und den Bereichen gibt, die für das Selbstbewusstsein zuständig sind. Die Versuchsteilnehmer beschrieben das Gefühl während dieser neuronalen Aktivität als Einssein beziehungsweise Einheit mit der Welt. Dieser Zustand ist in der Psychologie bekannt als „Ego Dissolution", als Verlust der Identität des Subjekts mit sich selbst. Kurz: als Ich-Auflösung.

David Nutt, einer der schärfsten Kritiker der restriktiven Drogen-Politik in Großbritannien und zugleich Professor für neurologische Psychopharmakologie am Imperial College London, war als Senior Researcher in die Studie involviert. Er bezeichnete die Ergebnisse bei ihrer Präsentation als bahnbrechend: „Diese Erkenntnisse sind für die Neurowissenschaft so bedeutsam wie die Entdeckung der Higgs-Boson in der Teilchen-Physik." Die Funktionsweise des menschlichen Bewusstseins könne nun besser verstanden werden. Amanda Feilding, die dem Entdecker von LSD, Albert Hofmann, einst das Versprechen gab, eines Tages die neurologische Wirkung der Substanz auf das menschliche Gehirn zu untersuchen, war ebenfalls führend an der Studie beteiligt. Für sie sind die Ergebnisse eine späte Anerkennung für den 1979 verstorbenen Hofmann: „Wäre da nicht das Tabu, das diesen Forschungsbereich brandmarkt, hätte er mit Sicherheit den Nobelpreis gewonnen."

Behandlung von Depressionen und Alkoholismus

Die Ergebnisse sind auch für die Psychotherapie von zentraler Bedeutung. LSD könnte bei der Behandlung von Depressionen und Alkoholismus eingesetzt werden, denn die Probanden gaben an, auch lange nach dem Trip ein gesteigertes Wohlbefinden gehabt zu haben. LSD könnte laut David Nutt die Muster der Gehirnaktivitäten von Depressiven oder Alkoholabhängigen so verändern, dass sie bestimmte festgefahrene Automatismen aufgeben und nicht mehr an ihnen leiden. Dazu bedarf es aber noch weiterer Forschung. Auch die Untersuchung des Imperial College London muss vertieft, da sie eine relativ kleine Stichprobe hatte und nur Probanden teilnahmen, die bereits Erfahrungen mit Drogen hatten.

Vermutlich könnte die Untersuchung von LSD schon viel weiter sein, wäre sie nicht in Ende der 1960er Jahre flächendeckend verboten worden. Lucy in the Sky with Diamonds, wie die Beatles 1967 die halluzinogene Substanz besangen, war zuvor in der Jugend-Kultur zur Mode-Droge der Hippies geworden. Zuvor war sie seit ihrer Entdeckung 1943 von verschiedenen Pharma-Firmen verkauft worden und viele Untersuchungen zur Wirkung der Substanz hatten bereits auf einen therapeutischen Effekt hingedeutet. Durch das Verbot wurde die Forschung bis heute immens erschwert.

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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