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Punk braucht dringend neue Ideen

Amerikas Punkszene blüht richtig auf—leider hat es das alles schon mal gegeben.

von Ben Sailer
01 Januar 2015, 9:00am

Vor ein paar Jahren behauptete ein Kumpel bei einem Hardcore Konzert, dass Punk ein totes Genre sei und seit über einem Jahrzehnt nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht habe. Reflexartig bezeichnete ich seine Bemerkung als einen Haufen Schwachsinn. Kaum ein Klischee ist abgedroschener als „Punk is Dead“. Stattdessen konterte ich mit einer langen Liste von Bands, die in meinen Augen gerade alles abrissen. Mein Erinnerungen sind zwar etwas verschwommen, aber unter diesen Gruppen befanden sich wahrscheinlich The Menzingers, Title Fight, Ironic Chic und in etwa die Hälfte des Tiny Engines und des Topshelf Records Rosters. Und, was erwiderte er? Diese ganzen Bands würden sich anhören, als wären sie direkt den 90ern entsprungen, und, so sehr mich das auch ärgerte, ich musste ihm Recht geben.

Einige Zeit ist seitdem ins Land gezogen und man könnte sagen, dass mein Kumpel heute mehr Recht denn je hat. Schau nur, was gerade im Punk und Hardcore, wie auch den ganzen kleinen Subgenres los ist. Der ganze alte Kram ist wieder der neue heiße Scheiß. Mit Reunions von Bands wie American Football, Mineral, Braid und anderen, die heutzutage die Bühne mit jungen Bands teilen, die klingen wie ... nun ja, wie American Football, Mineral und Braid, hat der Midwestern Emo ganz offensichtlich seine Wiederauferstehung erlebt. Diese Entwicklung ist an sich großartig, aber so sehr ich diese auch Bands abfeier, so wird man doch nur schwer den Eindruck los, dass diese 90er Nostalgie lediglich eine Leere füllt, die durch einen Mangel an neuen und interessanten Ideen entstanden ist.

Hier liegt das Problem.

Auch wenn Emo vielleicht die Musikrichtung ist, die sich gerade der meisten Aufmerksamkeit erfreut, so ist es doch nicht das einzige Genre, das sich zur Inspiration bei Musik aus der Clinton-Ära bedient. Den Delay-getränkten Sound von My Bloody Valentine (ja gut, die gab es schon einen Flügelschlag vor Clintons Amtszeit, du darfst trotzdem weiterlesen) hört man auch bei der ganzen neuen Generation von Shoegaze Bands wie Whirr und Nothing raus. Code Orange wiederum, zweifellos eine der aktuell umtriebigsten Bands im Hardcore, hätten ohne Probleme in das 90er Jahre Roster von Victory Records gepasst (bevor das Label vor die Hunde ging). Von The Menzingers und einem Haufen Bands, die dieses Jahr bei The Fest spielten, lässt sich ohne Probleme eine direkte Linie zu Gruppen wie Hot Water Music und The Lawrence Arms ziehen. Ach ja, Fuzz-lastiger Alt/Indie-Rock macht auch wieder von sich Reden (siehe: Creepoid, Speedy Ortiz und Beach Slang).

Und es geht noch weiter: Aus unerfindlichen Gründen hat auch Nu Metal gerade sein Comeback, wie der Erfolg von Bands wie Issues und Islander bezeugen kann. Was die wirtschaftlich rentablere Seite des Pop-Punks angeht, könnten 5 Seconds of Summer (mir kommt gerade etwas Kotze hoch) die zeitgemäße Antwort auf Sum 41 sein (das war zwar in den frühen 2000ern, ist aber immer noch nah genug), und das ganze Easeycore Zeug bedient sich schon seit Jahren schamlos bei New Found Glory. Selbst Deafheavens (absolut grandioser) Orchid-meets-Mayhem Sound fußt auf zwei mehr als etablierten Genres (Screamo und Black Metal), die jeweils ihren kreativen Höhepunkt in den 90ern erreichten.

Es gibt gute Gründe dafür, dass alles, was vor 15 bis 20 Jahren beliebt war, jetzt wiederkommt: 1) eine Menge von dem Zeug war einfach großartig und 2) auch wenn es das nicht war, so hat es die Menschen doch irgendwo berührt. Es gab außerdem schon immer Bands, die 90s Emo, Shoegaze, Metalcore und Indie/Alt-Rock gespielt haben, sie bekommen jetzt einfach wieder mehr Aufmerksamkeit von einem größeren Publikum. Egal, wie man das jetzt finden will, aber diese Genres sind Trends geworden.

Und Trends kehren nun mal in Zyklen wieder.

Während es eine komplette neue Generation von Bands gibt, die von der Vergangenheit zehrt—sei es gleich gut oder besser als das Ausgangsmaterial—so gibt es auf der anderen Seite einfach nicht genug, was wirklich neu oder interessant ist und ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein Teil von dem, was Bands wie Texas Is The Reason, Unbroken oder (typische 90er Band deiner Wahl einfügen) überhaupt so spannend machte, war die Tatsache, dass sie etwas erschufen, was zu ihrer Zeit neu war. Sie verfügten über eine Energie und eine Vitalität, die die Kultur und Identität ihrer eigenen Generation mitprägte. Es ist an sich nicht schlimm, diesen Sound jetzt wieder aufleben zu lassen, allerdings macht es das für die hiesige Generation ungemein schwerer, selber eine ähnlich lebendige Identität erschaffen, wenn man sich nur massenhaft bei der Vergangenheit bedient.

Diese Art von Einfallslosigkeit wird zu Stagnation führen und Stagnation wiederum führt zu Langeweile—oder in den Worten von Refused: „We need new noise.“



Altbekanntes

Was machen wir jetzt also? Vielleicht eins, vielleicht alle der folgenden Dingen. Es wäre schon etwas anmaßend, den Labels zu sagen, dass sie das aufgeben sollen, was ihnen am meisten am Herzen liegt, aber es gibt doch in der Punk/Hardcore/Indie/Was-auch-immer-Welt höchstwahrscheinlich genug Raum, um Bands, die neue Sachen ausprobieren, etwas mehr Platz einzuräumen, anstatt immer nur auf das sichere Pferd zu setzen. Im Gegenzug sollten junge Bands nicht immer nur auf das schielen, was die Bands vor ihnen schon gemacht haben, und stattdessen verstärkt versuchen, etwas Neues zu erschaffen. Es ist jetzt auch nicht so, als bräuchte es die Neuerfindung des Rades, aber ein etwas weniger Malen-nach-Zahlen-mäßiger Umgang in Bezug auf die musikalischen Vorgänger wäre durchaus ein Schritt nach vorne.

Aber auch die Musikpresse muss ihren Teil leisten. Wie viele planlose „Emo Revival“-Artikel mussten wir schon ertragen, die dem Genre sonst keine drei Wörter Beachtung geschenkt hätten? Ja, es ist wichtig, über das zu schreiben, was kulturelle Relevanz hat, aber es ist genau so wichtig, die Welt über Dinge zu informieren, von denen sie noch nichts gehört hat. Wenn an der Speerspitze der Coolness zu stehen, einfach nur bedeutet, einen alten Gaul auszuschlachten, dann läuft irgendetwas gehörig falsch.

Vielleicht lässt sich aber auch der modernen Technologie eine Teilschuld geben. Auch wenn diese ganzen Seiten für Musikempfehlungen—Spotify, Last.fm, Pandora und so weiter—großartige Werkzeuge dafür sind, neue Bands zu finden, so führen sie dich doch meistens zu mehr von dem, was du ohnehin schon magst—als Band hat man dann dementsprechend weniger gute Gründe, um aus der Reihe zu tanzen. Für denjenigen, der es schafft, eine Plattform zu kreieren, die dich mit wirklich neuer Musik versorgt, anstatt nur Kram wiederzukäuen, den du eh schon hörst, lockt da draußen bestimmt ein ordentlicher Batzen Kohle.

Momentan sieht es aber so aus, als ob—und das ist meine schlimmste Befürchtung—sich zu viele Trittbrettfahrer an den unterschiedlichen 90er Genres bedienen und damit dann einen massiven, kollektiven Burnout heraufbeschwören werden. Ohne Zweifel erscheint gerade eine Menge guter Musik, wenn aber so viel davon darauf ausgerichtet ist, lediglich in alten Erinnerungen zu schwelgen, dann gehen irgendwann die Ideen aus, alles gerät wieder in Vergessenheit und etwas anderes wird seinen Platz einnehmen.

Auf das nächste große Ding also! Hoffen wir, dass es nicht beschissen wird.

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