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Wie gescheiterte Promis im Internet hetzen und dafür gefeiert werden

Wenn es mit der Karriere nicht mehr klappt, gibt es jetzt die Möglichkeit, eine fremdenfeindliche oder antisemitische Internet-Karriere einzuschlagen.

von Juri Sternburg
06 November 2015, 10:00am

Kennt ihr das? Ihr seid so semi-erfolgreiche Promis, eure letzte Veröffentlichung hat außerhalb des Tropical Islands und diverser Kegelbahnen im Rheinland niemanden interessiert und eure Wandlung vom Gangster-Rapper zum „echten Musiker“ kam weniger gut an als erwartet? Oder wart ihr mal ein für seine Anzüglichkeiten verehrter Moderator und fristet euer Dasein inzwischen in der Kabine eines Radiosenders, den nur Aluhut-Träger empfangen können? Ist euer ehemaliger Gesangspartner einfach wieder zurück in seine Autowerkstatt gegangen, statt sich mit weiteren Mega-Hits für die eventuell 2017 wiederkehrende „Wetten Dass...?“-Sendung mit Luke Mockridge (sachdienliche Hinweise zu dieser Person bitte an die Redaktion) zu qualifizieren?

Dafür gibt es jetzt eine einfache Lösung: Facebook-Hetze! Es scheint derzeit tatsächlich simpler, seine Reichweite etwas zu erhöhen, indem man sich mit ausgemachtem Schwachsinn profiliert, als diese Küchenschneidemaschine aus der Teleshopping-Werbung zu bedienen. Und wenn der zur Normalität verkommene Unfug nicht mehr reicht, dann schleimt man sich eben etwas bei der „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Fraktion ein. Zum besseren Verständnis: Wir reden hier nicht von Facebook-Teppichludern wie Jan „Todesstrafe für Kinderschänder“ Leyk oder grundsympathischen Kerlen wie Kay One, die mit ihren „Beziehungstips“-Bildchen einfach nur für das Gute in der Welt kämpfen. Es geht viel mehr um Typen wie etwa Jürgen „Hip Hop ist halbschwul“ Milsky, der vor wenigen Tagen anscheinend farbige Drogendealer an seiner geliebten Hohenzollernbrücke in Köln erspähte. Ganz klar, da musste ein fundierter Facebook-Post her, der sich differenziert mit der Thematik auseinandersetzt. Das Ganze klang dann so:

ICH KÖNNTE GRADE KOTZEN !! WENN ICH IN KÖLN BIN FAHRE ICH FAßT JEDEN TAG AM RHEIN ENTLANG ZUM SPORT..SEIT VIELEN MONATEN...

Posted by Jürgen Milski on Saturday, October 31, 2015


Nun gut. Der Reihe nach. Erstens ist es natürlich ziemlich clever zu erwähnen, dass er zum Sport fährt. Nicht dass noch jemand denkt, er fährt da hin, um Drogen zu kaufen. Mit Drogen hat nämlich weder der Jürgen, noch irgendwer in der Schlagerbranche oder auf den unzähligen Promi-Events, auf denen sich der ehemalige kleine Bruder von Zlatko so rumtreibt, etwas zu tun. Vor allem nicht mit solchen Drogen, die von denen da unter der Brücke sind. Desweiteren hat die blonde Sportskanone in Erfahrung gebracht, dass die Menschen, die dort herum stehen, hier „Gastrecht“ genießen. Aha. Das sind also laut MegaPark-Milski alles Flüchtlinge. Das weiß er halt. Flüchtlinge, die hier nicht arbeiten dürfen, kassieren also auch noch Sozialhilfe, obwohl die ja eigentlich nur für Arbeitslose gewährt wird. Wir haben es hier also fast schon mit dem immer häufiger auftauchenden Schrödinger-Migranten zu tun: Dieser ist zu faul zum Arbeiten und nimmt uns gleichzeitig die Arbeitsplätze weg. Selbstverständlich verkaufen die ihre Drogen da an Kinder (bisher konnte nicht geklärt werden, ob diese bereits im Krabbelalter sind oder direkt von der Geburtsstation rüber rollen) und all seine ausländischen Freunde sehen das genauso und niemand unternimmt was und gemeinsam sind wir stark und blablabla.

Klingt dann plötzlich doch ganz schön nach: „Denkt doch mal an die Kinder. Ich esse auch oft Döner, aber jetzt reicht's. Da müssen wir halt mal eine Bürgerwehr gründen und durchgreifen.“ Selbstverständlich wird noch erwähnt, dass er jetzt bestimmt von Gutmenschen als Nazi tituliert wird. Naja, ungebildeter Rassist würde es vielleicht auch schon tun. Und was passiert daraufhin? Sagen wir es mal so: Wäre Milskis Facebook-Seite ein kleiner dicker Junge, dann würde dieser nun freudestrahlend in einem Honigtopf sitzen und sich Sprühsahne in die Ohren schießen. In Zahlen: Bekommt ein durchschnittlicher Onkel Jürgen-Post (Jürgen beim Tennis, Jürgen beim Kegelverein, Jürgen gibt deepe Beziehungstips à la Kay One) zwischen 30 und 100 Likes, hat es sein Capslock-Manifest bisher auf 22.165 Likes gebracht und wurde über 7.000 mal geteilt. Seit seinem Statement am 31. Oktober 2015 verzeichnete die Seite einen Zuwachs von über 530%. Das entspricht der Zahl, die Lukas Podolski angibt, wenn er sagen will, dass er heute alles gegeben hat. 530% eben.

Auch andere Künstler haben entdeckt, dass sich mit derlei Stumpfsinn sehr viel Aufmerksamkeit erreichen lässt. Wenn der „Löwen-Rapper“ (egal, versteht kein Mensch, geht wahrscheinlich um Anführer-Skills) und „Prototyp“ Massiv nicht gerade für irgendwelche Autofolien, Luxus-Uhren oder den ausgeprägten Shisha-Konsum wirbt, streut er gerne mal den ein oder anderen amüsanten Verschwörungspost ein. Seine bevorzugte Informations-Seite „Islam Fakten“ stellt ihm dafür jede Menge Vorlagen zur Verfügung. Da erfährt man zum Beispiel, dass Gott die Dinosaurierknochen nur auf die Erde gelegt hat, um uns zu testen. Ein anderes Bild behauptet „Die Steinzeit hat es nie gegeben und es ist eine historische Lüge“. Bis hierhin ist das lustiger Kreationismus, unterhaltsame Verblödung, die sich auf Money-Boy-Niveau bewegt, sprich, das Ganze könnte auch durchaus als Satire verstanden werden. Wenn der Rapper mit einer Reichweite von über 500.000 Followern, von denen ein Großteil unter 18 sein dürfte, ein Bild wie das folgende postet, dann ist das jedoch nicht mehr lustig oder leicht dumm, sondern blanker Antisemitismus.

Komisch oder ?

Posted by
Massiv on Wednesday, July 22, 2015


Hier werden offensichtliche Lügen verbreitet, bewusst in Kauf genommen, dass Jugendliche diesen Müll unreflektiert übernehmen und der „Juden-Verschwörung“ Haus und Hof geöffnet. Das Ganze dann in einen Topf geworfen, ein eigenes Fitnessprogramm und die passenden Ergänzungsmittel hinzu gerührt, ein paar Videos von Tieren und Kindern eingestreut und schon habt ihr eine glänzend funktionierende Seite und müsst euch nicht mehr mit so nervigen Dingen wie relevanter Musik oder der Verantwortung gegenüber der eigenen Gefolgschaft beschäftigen. Zumindest nicht bis der Mond in euer Ghetto kracht. Dass diese Behauptung, nebenbei bemerkt, auf der 2001 erschienenen Meldung der „Jerusalem Post“ basiert, nach der das israelische Außenministerium eine Liste von 4000 Personen erstellt hatte, die zur Zeit der Anschläge möglicherweise im oder in der Nähe vom World Trade Center oder Pentagon waren und nun von ihren Angehörigen nicht erreicht werden konnten, ist wirklich nicht mehr wichtig. Hier hat schließlich jemand etwas auf ein Bildchen getippt. Das muss stimmen. Ausserdem heißt die Seite ja „Islam Fakten“. Ja klar. Is' lahm, Fakten.

Wenn das alles noch nicht funktioniert hat, weder Wutreden über Politiker, noch süße Sonnenuntergangsbilder und Dalai-Lama-Weisheiten den gewünschten Erfolg gebracht haben, latenter Rassismus, Verschwörungstheorien und Fitnessprogramme nicht dazu geführt haben, dass sich irgendwer für euch interessiert, dann hilft nur noch eins: offen menschenverachtende Nazi-Posts. Das dachte sich wohl auch der ehemalige Show-Hampelmann, Rundfunkmoderator und Hörbuch-Interpret Elmar Hörig. Das war dieser Typ den eure Eltern im Radio gehört haben und der dann auf Sat.1 den Werner Schulze-Erdel in nüchtern geben durfte und so Shows wie „Bube, Dame, Hörig“ (nein, das ist kein Film von Guy Ritchie) wegmoderierte. Als Hörig nach einer Entgleisung gegenüber einer minderjährigen Kandidatin von Sat.1 gefeuert und bald auch vom SWR vor die Tür gesetzt wurde, zog er sich zurück und quasselte auf größtenteils unbekannten Radiosendern vor sich hin. Doch dann entdeckte er Facebook. Und er entdeckte dass er hier eine—wenn auch ziemlich dumpfe—Anhängerschaft hinter sich bringen konnte, indem er einfach mal coole Sprüche wie „Wenn der erste Flüchtling in Slowenien erfriert, ist wer schuld ??? Natürlich. Die Nazis. Warum ??? Die Nazis sind an allem Schuld“ raushaut oder unter das Bild einer „Mohrenkopf“-Schachtel „Dinge die das Leben bereichert haben bevor sie Beine bekamen“ schreibt. Oder er veröffentlicht halt gleich so etwas:

Nach diesem Sprung hats mich gestern gebröselt. Rig geschrottet. Halbe Stunde gepaddelt, mit Schlauchboot gerettet Wer gibt mir jetzt Asyl und vor allem, wer bezahlt mir neues Segel ???#Shithappens

Posted by Elmar Hörig on Thursday, May 21, 2015


oder sowas

Sach mal, ist der Job als Begrüßungsklatscher eigentlich von der Berufsgenossenschaft anerkannt ???

Posted by Elmar Hörig on Thursday, September 24, 2015


Dass sich seine Äußerungen nicht nur durch die Unmassen an beschissenen Smileys auf der gleichen Ebene wie die unzähligen „In Ausschwitz ist noch Platz *Zwinkersmiley*“-Kommentare auf dummdeutschen „Patrioten“-Seiten bewegen, scheint dem alterssenilen Golfspieler ziemlich egal zu sein. Hauptsache es gibt irgendwen, der sich noch für ihn interessiert. Und wenn es die Menschen sind, die klatschend neben brennenden Flüchtlings-Heimen stehen würden, dann stört ihn das auch nicht.

Abschließender Lösungsvorschlag: Wie wäre es, wenn Elmar Hörig eine Show moderiert, in der Massiv und Jürgen Milski, mit den jeweiligen Sidekicks Jan Leyk und Kay One, über den Zustand unserer Gesellschaft diskutieren und wir das Ganze dann immer Dienstags um 23.59 Uhr auf Tele 5 ausstrahlen. Als Produzenten, Regisseure und Spielführer schlage ich Oliver Kalkofe und Serdar Somuncu vor, die würden die Angelegenheit sicher in die richtigen Bahnen lenken.