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Eine Reise durch die Wiener Lokale meiner Jugend, die es heute nicht mehr gibt

Ein paar davon sind mir ziemlich stark in Erinnerung geblieben. In einem ehemaligen Aufstell-Lokal ist jetzt übrigens ein Kindergarten.
23 Juli 2015, 8:50am

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Die Zeit zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr zählt bei bei den meisten Menschen zu ihren intensivsten Lebensabschnitten. Das war bei mir nicht anders. Schule war reine Nebensache und diente mehr als Treffpunkt für Leute, denen es ähnlich ging. Die meisten in dem Umkreis bezeichneten meine Freunde und ich als „Funky-Punkys“—ja, heute klingt dieser Begriff auch für mich ziemlich bescheuert. Das waren Schüler, die sich alternativ und heruntergekommen präsentierten, obwohl der Großteil von ihnen aus wohlhabenden Hause stammte und nur behauptete, kein Geld zu haben. Viele stahlen irgendwelche Sachen aus dem Supermarkt und zeigten die Beute stolz in der Klasse herum. Sie bestahlen teilweise auch Leute beim Fortgehen—nicht cool.

Zu der Zeit hörte man in meinem Umfeld Punk, Metal und Drum'n'Bass. Ich möchte mich jetzt ungern dazuzählen, aber ein bisschen von dem Ganzen steckte auch in mir. Ich hing eine Zeit lang viel mit ihnen ab und zog durch die Straßen und die Lokale Wiens. Die Denkweisen und Philosophien übernahmen sie von älteren Society-Gegnern, die mehr punk als funk waren und die Sache etwas ernster nahmen. Wir teilten uns aber einige Denkansätze. Es war genau die Zeit, wo die USA in den Irak einmarschierten, und ich sympathisierte vor allem mit den anti-kapitalistischen Grundsätzen. Vegetarismus, Tierrechte und Anarchie zählten ebenfalls zu den Hauptthemen. Dabei schleppte es mich in Lokale, die es teilweise (leider) nicht mehr gibt und die ich gerne nochmal erwähnen möchte. Ich versuch mich mal gedanklich wieder an diese Plätze zu begeben. Außerdem interessierte es mich, was aus diesen Lokalen geworden ist.

Das Benjamin war so etwas wie mein erstes Stammlokal. Mit der Wochenendfrage—„Benji, Oida?“—ging es in Richtung Schwedenplatz. Es war der Treffpunkt alternativer Typen, die ihre alternativen Gedanken am liebsten zu Metal/Alternative Rock-Barmusik austauschten. Das Lokal war etwas abgefuckt, aber ich war (teilweise) Schlimmeres gewöhnt. Die Wände waren beschmiert und gaben jedem Möchtegern-Sprayer die Chance, sich dort zu verewigen. Die Tische erinnerten an jene vom nahe gelegenem Dick Mack’s. Wer mutig genug war, chillte auf den Sofas, die ständig mit undefinierbaren Flecken beschmutzt waren. Sobald du Platz nahmst, begrüßte dich eine ältere Dame, die den Mundwinkel stets weit unten hatte. Da ich mit meinem Taschengeld nicht sonderlich viel ausgeben konnte, versuchte ich immer, die Bestellung zu verschieben. Mir ging’s nämlich nur um die Gesellschaft. Alkohol war mir egal, da ich meistens schon ziemlich high hin ging. Ewig ließ sich die Bestellung aber nicht herauszögern. Ein paar nahmen ein Heineken und die, die noch kein Bier mochten, schlürften den ganzen Abend lang an ihrem Bacardi Cola um 4,50 Euro. Heute befindet sich dort ein edles Möbelgeschäft. Weird.

Ein weiteres Lokal, das es heute nicht mehr gibt, war das Steinzeit. Das lag gleich um die Ecke des Benjamin und war zweifelsohne der unappetitlichste Ort von allen. Der einzige Grund, dort hinzugehen, war um sich zu zerstören. Es war die Pilgerstätte unseres Freundeskreises und ein regelrechter Versammlungsort. Dort konntest du dich völlig daneben benehmen, ohne schräge Blicke zu kassieren. Deshalb hat sich auch tatsächlich so gut wie jeder daneben benommen. Vor dem Eingang saßen und lagen nämlich schon die üblichen Alkoholleichen. Wenn du es über die drüber geschafft hast, belohnte dich der Security-Typ mit einem ziemlich unfreundlichen Blick. Du warst nämlich nichts anderes als potentieller Kandidat, den er, wie so viele auch, einfach in deinem Alkoholrausch vor die Tür werfen konnte. Du gingst die Treppen hinunter und warst in einem riesigen, total verrauchten Saal, der so roch, als ob die Leute Alkohol schwitzen würden. Die Bar war ziemlich lang und sah sogar etwas modern aus. In der Mitte befand sich ein Wuzeltisch. Die Musik ging in die Rock/Punk/Metal-Richtung. Als ich nach Bildern vom Steinzeit gesucht habe, bin zufällig auf Kommentare ehemaliger Besucher gestoßen.

„Tja, eine typische Metalbude halt. Das Lokal selbst ist irgendwie schon originell, doch auch schon etwas verwahrlost. Die Toiletten sind eine einzige Katastrophe. Der Barbereich ist immer randvoll, das Publikum ist ziemlich jung und einige Leute sollten sich echt überlegen, ab welchem Alter man wirklich nicht mehr extremst headbangen sollte, ist einfach nur peinlich. Wenn ich mal wieder Lust auf Metal oder Rock habe, verschlägts mich ganz sicher woanders hin.“

„Das Lokal ist einfach nur abgefuckt und grauslich. Extrem Dunkel, verraucht und es stinkt. Toiletten sind grauslich, und, so wars zumindest früher, voll mit Drogenutensilien. Für mich unverständlich wie diese Bar existieren kann, denn nur wegen der guten Musik würde ich dort nie hingehen“

„Eine Freundin von mir ist gestern von einem Wildfremden niedergeschlagen worden. Den Security-Typen und dem Manager war es egal, bis die Polizei und die Rettung kamen. Mehr brauche ich nicht schreiben.“

Auf meiner Foto-Tour bemerkte ich, dass dort gerade umgebaut wird.

Ganz in der Nähe befand sich das RockPub. Es war gleich neben dem Coyote und war, im Vergleich zu den restlichen Lokalen, durchaus sympathisch und sauber. Im Lokal hingen einige Poster, auf denen das Wort „Techno“ durchgestrichenen war. Es war mit hellem Holz möbliert und immer gut besucht. Die Leute, die dort hingingen, fielen mir nie unangenehm auf. Sie erinnerten mich sogar an so etwas wie eine „Metal-Family“. Der einzige Grund, warum ich nicht regelmäßig dort war, lag an der Musikauswahl. 2002/03 war nämlich Nu-Metal das heißeste Genre. Das spielte man dort für meinen Geschmack einfach zu oft. Genau zu der Zeit ließ meine Coolness nicht zu, dass ich mich mit dieser Musikrichtung öffentlich anfreundete. Ich hörte es aber ständig. Ich präsentierte mich immer mit meinen Slayer- und Metallica-Patches und sagte, dass Bands wie Disturbed Kindermusik seien. Wie dumm ich nicht war. Dort wurde ebenfalls reichlich gesoffen. Das RockPub war immer der richtige Ort, falls ich mal Abwechslung brauchte. Heute befindet sich dort eine Garage.

Ich hing auch öfters im Aufstell-Lokal 69 ab. Die Nummer soll die Hausnummer darstellen und hatte nichts mit Porno zu tun. Aufstellen war nichts Anderes als Gras besorgen. Es befand sich am Margaretengürtel und wurde immer von ziemlich merkwürdigen Typen besucht. Dealer und ihre Kunden vor allem. Die Eingangstür schien unverwüstlich zu sein. Sie war aus Metall und hatte so einen klassischen Türschlitz, den man wegschieben konnte um einen Blick auf den Gast werfen zu können. Das Lokal war dunkel und mit Schwarzlicht beleuchtet. Große, schwarze Ledersofas machten es dort irgendwie gemütlich. Musik war natürlich nebensächlich. Sobald du das Lokal betreten hast, folgte immer das übliche Schema: Getränk bestellen und Platz nehmen. Nachdem ich einige Minuten mit meinem überteuerten Eistee wartete, öffnete sich die Tür eines Abstellraumes, aus dem ein Typ mit einer Grammwaage rausrannte. Das Geschäft verlief immer blitzartig und war also schnell vorbei. Danach chillten die Meisten, drehten einen Joint nach dem anderen und erzählten sich die coolsten Geschichten als sie mal beim Dealen erwischt wurden. Wie so viele Aufstell-Lokale hielt sich auch das 69 nicht so lang. Irgendein Typ im Stadtpark erzählte uns beim Skaten, wie es hochgenommen wurde: „Herst, ich war 69 und da war Razzia. Polizei ist gekommen und hat mir die Puffn auf den Kopf gedrückt. Ich hab gedacht er drückt ab.“ Gut, dass mir das erspart blieb. Ob du es glaubst oder nicht: Jetzt ist dort ein Kindergarten. Aus diesem Grund hab ich mich auch entschlossen, das Foto vom Haus wegzulassen.

Einige Male schleppte es mich auch ins Pi. Das fandest du auf der Zieglergasse und war im Grunde ein Industrial/Gothic Schuppen. Die meisten Besucher zeigten sich mit Neon-farbenen Haarschmuck und kleideten sich völlig in Schwarz. Auf der Tanzfläche bewegten sie sich mit grell leuchtenden Stäbchen, die damals im dunklen Saal ziemlich freaky wirkten. Einige Stammgäste zeigten ihre Loyalität, indem sie sich den griechischen Buchstaben „Pi“ tätowieren ließen. Die Musik hing von der Veranstaltung ab. Meistens war es aber ein Mischmasch der dunkelsten Musikgenres. DJ Anubis war bei der Community äußert beliebt und war der Grund für stark besuchte Veranstaltungen. Nach seinem Tod im Jahr 2011 spürte man etwas weniger Interesse.

Raffinierterweise versuchte man dort die letzten Gäste gegen Sperrstunde mit Scooter zu verscheuchen—das funktionierte aber leider auch nicht immer. Wenn gar nichts mehr ging kam „Sailor Moon“. Das Pi war, wie anzunehmen, etwas makaber eingerichtet. Blutrote Wände und schwarze Möbel sorgten für ein pures Goth-Feeling. Ich dachte, dass Lokale wie das Pi aufgrund ihrer Einzigartigkeit nie dicht machen würden. Die nun meist heimatlosen Industrial-Goths findet man heute noch auf Veranstaltungen des Schwarzen Reigens. Bis jetzt hat es noch niemand geschafft, das Lokal zu füllen. Der Morrison Club war nur für kurze Zeit drinnen. Danach versuchte eine Shisha-Bar drei Monate lang ihr Glück.

Die Frage, die sich jetzt natürlich stellt: Warum gibt es die Lokale nicht mehr? OK, jedes Aufstell-Lokal wird früher oder später hochgenommen. Warum aber die anderen nicht durchgehalten haben, ist mir ein Rätsel. Wenn ich jetzt zurück denke, fällt mir aber auf, dass früher fast alle in meiner Schule alternative Pseudo-Punks waren. Vielleicht konnte man uns nicht wirklich ernst nehmen, aber wir nahmen es ernst. Dazu zählte natürlich auch der Besuch dieser Bars. Dort waren wir unter uns. Vielleicht ist das heute anders—den Eindruck hab ich zumindest. Leute wie uns sehe ich zumindest gefühlt heute deutlich weniger als damals. Vielleicht erkenne ich sie auch nur nicht. Eventuell ist alternative Jugendkultur im Jahr 2015 einfach auch viel diverser als damals. Vielleicht sind diese Lokale heute einfach woanders, und in knapp 12, 13 Jahren werden diese Besucher auf eine ähnliche Rückschau gehen können. Und vielleicht bin ich auch einfach nur alt geworden.

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