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Wie eine amerikanische Sektenführerin einen experimentellen Kult-Klassiker erschaffen hat

Die Aufnahmen der Sekte, die in ihren Gebetsgesängen Rockmusik verdammten, sind inzwischen sehr beliebt bei Untergrund-DJs.
30.10.15

„Together“, sagt eine männliche Stimme. Weitere Stimmen setzen ein. Zwei davon stehen im Vordergrund, die eines Mannes und die einer Frau; falls sie echte Worte von sich geben, dann sind diese nicht zu entschlüsseln. Es sind einfach Silben, der Klang von klappernden Lippen und rollenden Zungen über eine einzige Note. Es hat etwas von Insekten; die Nasalität, die Dichte, wie ein Schwarm heranschwirrender Zikaden. Von Zeit zu Zeit—etwa alle paar Minuten—legen die beiden Stimmen im Vordergrund eine Pause ein, um Luft zu holen. Dann kannst du den Rest der Versammlung wirklich hören: hunderte, vielleicht tausende Stimmen, die durch einen riesigen Raum dröhnen, jeden Ton und jede Höhe im musikalischen Spektrum. Es ist eine großartige, erhabene Wolke aus Stimmen.

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Ich habe schon vorher Mantras und Gesänge gehört, aber das hier klingt anders. Es ist beharrlich. Die Energie wird nach außen getragen, anstatt nach innen. Und die Intensität verstärkt sich etwa alle fünf Minuten, die Stimmen werden alle zusammen lauter und einen halben Ton höher, wie eine Armada aus Sattelschleppern, die alle im selben Moment schalten. Nach 27 Minuten Intensivierung ist der Gesang schnell, hoch und ekstatisch. Im Kopf ergibt sich das Bild einer Versammlung von Tausenden, die niederknien, mit zurückgerollten Augen, ihre Lungen voll mit ihren Absichten. Worum bitten sie? Dann stoppt der Gesang abrupt. „Please be seated“, sagt die Frau.

Ich suchte sofort nach Informationen, nachdem ich es zum ersten Mal gehört hatte—nachts auf WFMU, dem unkommerziellen New Yorker Hörfunksender—und fand die Aufnahme direkt online. Es ist eine alte Aufnahme der Church Universal and Triumphant (kurz CUT), von einem Album namens Sounds of American Doomsday Cults, Vol 14, die auf einen mysteriösen Label namens Faithways International erschienen ist. Das Cover, von dem online zusammen mit den MP3s ein Scan gepostet wurde, ist nüchtern, eine offensichtliche Hommage an die alten Smithsonian Folkways-Veröffentlichungen—ein Bild eines Leuchtturms, ein grüner und pinker Hintergrund. Soweit den Leuten im Internet bekannt gibt es keine Sounds of American Doomsday Cults Volume 1 - 13. Das Label hat laut Info im Internet nur eine einzige weitere Veröffentlichung vorzuweisen: eine Sammlung von Originalaufnahmen von Aum Shinrikyo, der Sekte, die 1995 in Japan zwölf Menschen bei einem terroristischen Anschlag auf die U-Bahn getötet hat.

Wenn es um die Herkunft der Aufnahmen der Church Universal and Triumphant geht, dann vermischen sich im Internet Geschichte und halbherzig recherchierte Mythologie. Die Church Universal and Triumphant war eine amerikanische Gruppierung aus dem ländlichen Montana, in dessen Zentrum eine Zeit lang Elizabeth Clare Prophet stand, die sich selbst für die Reinkarnation von Marie Antoinette und Guinevere hielt und laut eigener Aussage eine Reihe an Heiligen kanalisieren konnte, wie Jesus, Herkules und Shiva. Bilder von ihr zeigen eine Frau mit Dauerwelle und einem starren Grinsen—vielleicht die am schlichtesten aussehende Führerin einer Weltuntergangssekte aller Zeiten. Es ist die Stimme von Prophet, die den Gesang anführt. Die Aufnahme stammt irgendwann aus der Mitte der 80er. Niemand wusste, wer die Aufnahme gemacht hatte. Niemand wusste, wer hinter Faithways International steckt. Niemand wusste, woher Sounds of American Doomsday Cults, Vol 14 kam. Ich kontaktierte den DJ, der die Aufnahme in seiner Show gespielt hatte—es waren einfach ein paar MP3s, die er vor ein paar Jahren im Netz gefunden hatte, sagte er.

Ich lud sie mir runter. Die ganze Aufnahme ist einfach großartig. Sich die ganzen 27 Minuten anzuhören, gleicht einem Rausch, einnehmend und faszinierend, als würde man von menschlichen Stimmen eingesogen. Es hat einen übernatürlichen Touch; es existiert irgendwo außerhalb von Musik. Es ist eine vollkommen eigene Kreation, Science-Fiction-ähnlich. Der Rest der Aufnahme ist vielleicht noch faszinierender: ein ganzer Gottesdienst der Church Universal and Triumphant, der „der Bekämpfung des Scheusals und dem Drachen—der Kraft des Rock’n’Roll“ gewidmet ist. Man hört hauptsächlich Prophets Stimme, die über die sexuelle Perversion von Rockmusik doziert und dabei unglaubliche Dinge sagt, die sowohl witzig als auch wirklich inspiriert sind. Als sie alleine singt, betet sie für diejenigen, die „vom synkopierten Rhythmus der Gefallenen und dem Missbrauch des 4/4-Rhythmus unterwandert wurden“. Sie „ruft die elektrischen Sonnenringe der großen zentralen Sonne“. Sie spielt das Musikvideo zu Tina Turners „Better Be Good To Me“ ab. Als der Mann an der Reihe ist, beschwört er mit nasaler Ernsthaftigkeit „das heilige Feuer“ für eine Liste aus 71 bekannten Rock’n’Roll-Musikern herauf, inklusive Michael Jackson, Kenny Loggins, The Alan Parsons Project, „Cyndi Looper“ und „Scooby Dooby Doo“.

Es fühlte sich an, als hätte ich einen vergrabenen Schatz gefunden. Mein Interesse hatte etwas geringfügig Morbides und Voyeuristisches—letztendlich sind das alles die Gebete echter Menschen. Ich wollte wissen, was ich hörte; wie der Raum aussah; was sie sagten. Und wer steckte hinter diesem dubiosen Label Faithways International, das die Aufnahmen veröffentlicht hat? Mit etwas neugierigen Absichten—als würde ich die Familienbibel eines Fremden durchblättern—habe ich versucht, herauszufinden, woher sie kamen.

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Ich fand mich in einer Gruppe von neugierigen Hörern, Klangkünstlern und von Avantgarde-Musik Besessenen wieder, die seit Jahrzehnten von den Aufnahmen fasziniert sind. Die gesprochenen Teile des Albums—die über Tina Turner und Cyndi Looper—sind seit Jahren bei Underground-DJs und experimentellen Komponisten beliebt. Genesis P-Orridge von Throbbing Gristle hat einmal gesagt, dass sie sie immer mitgenommen hat, wenn sie aufgelegt hat. Negativland, die dissidenten Sound-Collagisten und Urheberrechts-Kreuzzügler, die sich einmal mit U2 angelegt haben, haben 1987 den Ruf nach dem „Sacred Fire“ für ein Stück namens „Michael Jackson“ gesampelt. Fatboy Slim hat es 1996 gesampelt und sein Stück ebenfalls „Michael Jackson“ genannt.

Mark Hosler von Negativland sagte mir, dass sie Mitte der 80er das Original-Band des CUT-Gottesdienstes gefunden hätten. Es hieß „Rock’n’Roll Exposé #1“, copyright Church Universal and Triumphant, Inc. Das war nicht die Sounds of American Doomsday Cults-CD, sondern das Ausgangsmaterial.

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Negativland

„Es hat uns damals auf jeden Fall zum Staunen gebracht“, so Hosler. „Es schrie danach, genutzt zu werden.“ Aber es war nicht Hosler, der das Band gefunden hat—er sagt, dass es entweder Ian Allen oder Don Joyce waren, beides damals ebenfalls Mitglieder der Gruppe. Könnte einer von ihnen hinter Faithways International stecken? Wir erfahren es wohl nie—leider sind sie beide Anfang des Jahres gestorben—wahrscheinlich erscheint es jedoch nicht.

Eine Kopie von Sounds of American Doomsday Cults, Vol 14, die 2000 auf Faithways veröffentlicht wurde, ist nicht einfach zu finden. Das Album ist schon lange vergriffen, von Zeit zu Zeit bietet jemand eine Kopie für um die 100 Dollar an (was außerhalb meines Budgets liegt). Ich habe bei Aquarius Records angerufen, dem ältesten Plattenladen San Franciscos; der Stadt, in der anscheinend alle, die sie ihr eigen nennen, auf die Aufnahme gestoßen sind. Aber da die CD nicht mehr erhältlich ist, ist sie auch nicht mehr über den Laden zu bekommen. Und keiner von den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, wusste, woher sie stammt (obwohl einer der Verkäufer sagte, dass er sich noch immer neue Aufnahmen der Kirche schicken lässt—sie veröffentlichen sie immer noch als CD-R und verschicken sie per Post—da sie „großartig sind“).

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Letztendlich habe ich in den Weiten des Internets eine Kopie gefunden—ein Typ namens Earl Kuck hat sie über seine Website Tedium House verkauft. Er sagte mir, dass er vor zehn Jahren einen Karton mit den CDs auf einer Plattenbörse in San Francisco gefunden habe. Er hat mir die CD in einem Paket geschickt, zusammen mit einer Schlange aus Holz, der letzen Seite einer wütenden, handgeschriebenen Notiz und einer Kopie von Le Carillon von The Autumns. Die Aufmachung der CD ist einfach—ein pinkes Booklet mit zwei Zeitungsberichten über die Sekte und keinen wirklichen Credits.

Kuck sagte mir, dass er nicht wisse, woher die CDs, die er gekauft hatte, kamen, aber er dachte, dass jemand in Australien sie produziert habe. Er brachte mich mit einem weiteren Freund aus San Francisco in Kontakt, einem Typen namens „Seymour Glass“, der die „Rock’n’Roll Exposé“-Version des Tapes für sein Underground-Fanzine Bananafish rezensiert hat. „Glass“ hatte ein ähnliches Erlebnis wie ich. „Als ich die Aufnahme zum ersten Mal gehört habe, saß ich während der gesamten Zeit mit offenem Mund vor meiner Stereoanlage“, schrieb er. „Ich bin zurück in den Buchladen und habe jedes Exemplar gekauft, das sie hatten. Ich habe mehr Aufnahmen von diesem Tape gemacht als irgendjemand sonst.“

Ich schaffte es, „Glass“ zu kontaktieren (der Name in seiner Email war „Maria Estevez“), der mir bestätigte, dass er das Tape in einem mittlerweile geschlossenen Buchladen in San Francisco gefunden hatte, was ihn dazu brachte, sich über „die Plage von Startups und Luxuswohnungen“ in der Stadt auszulassen.

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„Ich habe eine lange Geschichte in der Auswertung (ich denke, so kann man es nennen) von Aufnahmen, die ich mag“, schrieb er mir, „und mir wurde oft gesagt, dass ich als Geburtshelfer für diese Aufnahmen angesehen werde. Es ist schön, wenn man sich an mich erinnert.“

Mir wurde klar, dass „Glass“ und Kuck dieselbe Person sind und dass keiner der beiden Namen echt ist (Überraschung!). Es würde Sinn ergeben, wenn er/sie der-/diejenige(n) war(en), der/die die Doomsday Cults-CD vom Original-Tape zusammengestellt hat/haben. Beide behaupteten, dass sie die Ursprünge nicht kennen, was natürlich zum Tenor dieser ganzen Sache passen sollte. Ich kam zu der Überzeugung, dass diese lustigen Spaßmacher tatsächlich die „Geburtshelfer“ dieser CD waren; sie hatten das alte Tape genommen und auf clevere Weise neu verpackt. Aber sie haben mir nie erzählt, ob sie es wirklich waren, also habe ich zur Sicherheit noch einmal nachgebohrt (Ich sagte Kuck, dass ich gehört hatte, er und „Glass“ wären noch nie zusammen im selben Raum gesehen worden. Er antwortete: „Er und ich sind häufig zusammen im selben Raum. Die Leute sind nur nicht aufmerksam genug, um es mitzubekommen.“).

Brian Turner war, soweit ich weiß, vor 15 Jahren der erste DJ bei WFMU, der Doomsday Cults gespielt hat, nachdem sie zum ersten Mal über Faithways veröffentlicht wurden. Er ist auch der musikalische Leiter des Senders. Ich war mir sicher, dass er etwas mehr wüsste. Er wusste nicht, woher die Aufnahmen stammen, aber er sagte, dass er, als sie 2000 das erste Mal erschienen, sein Exemplar in der Post fand. Das ist in seinem Fall nicht sonderlich merkwürdig—schließlich ist er der musikalische Leiter eines Radiosenders—als er das Paket jedoch öffnete, war er überrascht, seinen Namen in den Credits zu finden. Er dachte darüber nach, wer für die Veröffentlichung verantwortlich sein könnte. „Elizabeth Clare Prophet wurde von Leuten, die merkwürdige Klänge schätzen, wie [Gregg] Turkington, [Germs- und Ariel Pink-Schlagzeuger] Don Bolles und so, angepriesen“, sagte Turner mir. Abgesehen davon hatte er keine Ahnung.

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Greg Turlington ist in der Comedy-Welt dafür bekannt, die Figur Neil Hamburger erschaffen zu haben. Er ist auch Australier. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich auf dem richtigen Weg. Ich kontaktierte ihn sofort, bekam aber nur eine kurze Antwort: „Ich hatte nichts zu tun mit der Platte“, schrieb er. „Ich habe keine Ahnung, wer wirklich dahinter steckte… obwohl ich, wenn ich mich recht entsinne, in den Credits erwähnt werde.“

Auch von Don Bolles bekam ich kurz danach eine Antwort. „Nein“, schrieb er. „Aber mein Name war darauf.“ Elizabeth Clare Prophet lachte uns aus dem Jenseits aus.

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Foto: Earl Kuck

1875 gründete eine russische Einwanderin namens Helena Blavatsky in New York mit ihren Freunden die Theosophische Gesellschaft. Blavatsky behauptete, mit diversen überirdischen Wesen zu kommunizieren, inklusive Jesus. Die Gesellschaft wollte die Weltreligionen zu einem einzigen Glaubenssystem zusammenfassen und bis sie 1891 starb—durch eine Grippe, an der Spitze einer wachsenden Organisation, aber des Betrugs beschuldigt—hatte sie Ableger der Theosophischen Gesellschaft in Indien, Europa und Russland ins Leben gerufen.

VICE: Auf Streifzug durch das Hauptquartier von Australiens berüchtigtstem Kult

Vierzig Jahre später hatte sich die Theosophie in Amerika ausgebreitet—auch bis nach Chicago, wo Guy Ballard, ein Anhänger von Blavatsky, in den frühen 30ern mit seiner Frau Edna die I AM-Bewegung gründete. Ballard glaubte wie Blavatsky, dass er mit einem spirituellen Dreamteam kommunizieren könne, die er als die Meister der Weisheit bezeichnete und die Buddha, Konfuzius und die Jungfrau Maria umfassten. (Er hielt sich selbst für die Reinkarnation von George Washington). Die Ballards haben ihre Anhängerschaft durch lange „Dekrete“ geführt—komponierte Gebete, die von der gesamten Gemeinde während den Gottesdiensten laut ausgerufen wurden. 1939 starb Ballard plötzlich und direkt danach wurden Edna und ihr Sohn Don von der Bundesregierung wegen Postbetrugs angeklagt (wogegen sie ankämpften und vor dem obersten Gericht 1946 gewannen). Aus der I AM-Bewegung sind wie aus der Theosophischen Gesellschaft viele Gruppierungen von Anhängern entstanden.

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Einer dieser Anhänger, Mark L. Prophet (was tatsächlich sein echter Name ist), hat 1958 The Summit Lighthouse gegründet. Genau wie Ballard behauptetete auch Prophet, mit altehrwürdigen überirdischen Wesen kommunizieren zu können (in seiner Liste fanden sich Herkules, Shakespeare und viele andere). Wie Ballard behauptete auch er, wiedergeboren zu sein (in seinem Fall als Sir Lancelot und Henry Wadsworth Longfellow); und wie Ballard konnte auch Prophets Frau Elizabeth Clare mit den Meistern der Weisheit kommunizieren.

Die New-Age-Bewegung der 70er lieferte verbrauchte und desillusionierte Hippies in Hülle und Fülle, die dem Summit Lighthouse in Scharen beitraten. Wie die Ballards vor ihnen schrieben auch die Prophets Dekrete, die bei den Versammlungen gesungen werden konnten, jedoch mit weniger Gebrüll und mehr kontrolliertem Dröhnen. Für die Gottesdienste legten die Prophets einen Zweck fest—zum Beispiel die Verurteilung und Zerstörung von Rockmusik—und die Gemeinde glaubte, dass diese Zwecke durch die Dekrete wahr werden können, wenn sie kraftvoll genug sind. Dass sie den Verlauf der Geschichte ändern können, ohne ihre Zufluchtsstätte zu verlassen. (Anders ausgedrückt, was ich als Musik wahrnahm, war für die Mitglieder der Kirche ernsthaftes Beten). Manchmal hat Elizabeth ein echtes stählernes Schwert über ihrem Kopf geschwungen, während die Gemeinde die Dekrete sang, manchmal stundenlang. Die Gläubigen nannten sie „Guru Ma“.

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Als Mark Prophet 1973 starb, zog Elizabeth nach Los Angeles und benannte die Bewegung in Church Universal and Triumphant um. 1986, als sie Mitglieder und Geld angehäuft hatte, zog sie erneut um, auf eine 30.000 Hektar große Ranch nördlich des Yellowstone Nationalparks, die sie von Malcolm Forbes gekauft hatte.

Dies war die Hochphase von Elizabeth Clare Prophet. Sie hatte die Church Universal and Triumphant zu einer Religion mit etwa 30.000 Anhängern gemacht. Sie hielt lange Gottesdienste für 2000 Gläubige ab, die mit ihr zusammen in Montana lebten. Und sie fing an, von den Meistern der Weisheit Nachrichten über den Weltuntergang zu empfangen. Sie ließ die Kirche enorme Vorbereitungen treffen. So fingen die Mitglieder an, unterirdische Schutzbunker zu bauen, die Platz für 750 Leute boten, haben Waffen gehortet und in riesigen Tanks tausende Liter Benzin gelagert.

In den frühen 90ern erzählte sie ihren Anhängern, dass am 15. März um Mitternacht sowjetische Nuklearraketen die Vereinigten Staaten treffen würden. Die örtlichen Apotheken berichteten, dass ihre Bestände an Medizin, Verbandmaterial und Wasser aufgekauft wurden; Banken berichteten, dass die betroffenen Kunden Schlange standen, um ihre Ersparnisse abzuheben und ihre Konten aufzulösen. „Es ist bizarr“, sagte ein Offizieller der Bank gegenüber den Los Angeles Times in jenem März. „Sie wollen nicht warten, sie wollen es jetzt und zwar in bar.“

Einen Abend vor der Apokalypse hatte eines der Mitglieder, das gerade seine Sachen zusammenpackte, seine eigene Form der religiösen Offenbarung. Es ging um die Band Rush. Der 25-jährige Sean Prophet, der einzige Sohn von Elizabeth und Mark, half seiner Mutter oft bei der Verbreitung ihrer Anti-Rock’n’Roll-Propaganda, brütete jedoch ein Geheimnis aus: Er liebte Prog-Rock.

In dieser Nacht setzte sich Sean spontan seine Kopfhörer auf und hörte sich Power Windows an—zu Recherchezwecken, wie er sich selbst sagte—und war überrascht, als es ihn zu Tränen rührte. In dieser Nacht hörte er sich mindestens fünf weitere Rush-Alben an. Später schrieb er: „Die Vorstellung, dass solch talentierte Musiker ‚die Gefallenen‘ sind, ergab einfach keinen Sinn. Für mich fühlten sie sich wie Brüder an.“ Diese Erfahrung veränderte ihn. Er beschloss, dabei zu bleiben, um zu sehen, ob die Welt wirklich untergeht (es schadet nicht, auf Nummer sicher zu gehen) und als sie es nicht tat, war er raus.

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In der Nacht des 15. März saßen hunderte Anhänger zusammengekauert in den Bunkern der Sekte, Eimer mit menschlichen Ausscheidungen um sie herum (das Abwassersystem war noch nicht fertig). Die Sonne ging in dieser Nacht über dem Gelände unter und (Überraschung!) am nächsten Tag wieder auf. Die Anhänger packten ihre Sachen und gingen nach Hause. Sean und seine Familie brachen 1993 den Kontakt zur Sekte ab. (Zufälligerweise wurde einer der Söhne von Sean, Chris, später Schlagzeuger bei Horse the Band). 1999 zog Elizabeth sich aus der Kirche zurück—sie bekam Alzheimer—und starb 2009. Die Church Universal and Triumphant existiert noch immer, auch wenn ihre Größe und ihr Einfluss abgenommen haben.

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Ich mag Sean. Er ist freundlich und ihm macht es nichts aus, mir über die Details der Kirche zu berichten. Er scheint als radikaler Freidenker so inspiriert zu sein, wie er als Kind einer Sektenführerin nur sein konnte. Wir sprechen über das Aufwachsen in der Sekte. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu den Dekreten zu befragen.

„Ich habe seit Jahren mit niemandem mehr darüber gesprochen“, erzählt er mir. Es stellt sich heraus, dass Sean derjenige ist, der das „Rock’n’Roll Exposé #1“-Band aufgenommen hat—das, was Seymour Glass und Ian und Don von Negativland in Trödelläden gefunden hatten. Das, was jemand da draußen als Sounds of American Doomsday Cults, Vol 14 veröffentlicht hatte. In den 80ern hat Sean ein 25-köpfiges Team angeführt, das Audio- und Video-Bänder produziert hat, um sie an Anhänger auf der ganzen Welt zu verschicken. Das Team hat im Wochenrhythmus Bänder wie „Rock’n’Roll Exposé“ gemacht.

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„Wir haben ‚kommerziellere‘ Aufnahmen von Dekreten gemacht, die für Anfänger gedacht waren“, erklärt Sean mir. „Davon haben wir Zehntausende gemacht. Sie waren langsam und deutlich zu verstehen. Die schnelle Version des Dekrets auf dieser CD stammt wahrscheinlich aus einer der kleineren Sendungen, die wir wahrscheinlich nur in einer Auflage von ein paar Hundert Kopien gemacht haben.“ Er sagt, dass der Gottesdienst, der auf der CD dokumentiert wurde, recht gewöhnlich war—Elizabeth Prophet verbringt eine ganze Weile damit, Rockmusik zu verdammen und Dekrete aufzusagen, die sie vernichten sollen.

Ich frage Sean, was er von dem 27-minütigen Dekret hält—das, was mich zuerst im Radio so sprachlos gemacht hatte; das, bei dem meine Nachbarn neugierig durch mein Wohnzimmerfenster schauen; das, zu dem ich manchmal einschlafe. Ich beichte ihm, wie sehr es mir gefällt. „Wenn du dir das 20 Jahre lang hättest anhören müssen, dann wärest du nicht so begeistert davon“, sagt er nüchtern. „Als gesangliche Neuheit ist es interessant.“

„Aber du musst bedenken, dass viele dieser Leute Jahre ihres Lebens damit verbracht haben, zu denken, dass sie mit diesen Klängen die Welt verändern und das war eine enorme Energieverschwendung“, fügte er hinzu. „Auf Grundlage dieser Ideen wurde Menschen Leid zugefügt. Wenn du anfängst zu glauben, dass diese Absichten selbst zu einer Veränderung führen, dann bist du verloren. Darum ging es in den Dekreten. Und es macht mich krank, wenn ich daran denke, dass die Leute diese noch immer vollführen. Ich kann wirklich verstehen, dass dies sehr interessant für die Avantgarde und für Soundcollagen ist. Aber das waren echte Leute, die den falschen Weg gewählt haben. Viele von ihnen, Kinder [zum Beispiel], gegen ihren Willen. Es ist zerstörerisch. Es ist nicht harmlos.“

(Die Dekrete sind auch kein Kauderwelsch, offenbart mir Sean. Eine Zeile, die kein ungeschultes Ohr heraushören könnte, lautet: „O Hercules thy splendid shining, shatter failure and opining. Open the way in love divining, seal each one in crystal lining.”)

Ich weiß, dass das, was Sean Prophet sagt, stimmt und tatsächlich drückt es etwas aus, mit dem ich Probleme hatte. Es ist nicht nur voyeuristisch, sich diese alten Aufnahmen anzuhören—es ist ein Eintauchen in eine Welt, über die ich nichts weiß, ein 27-minütiger Auszug und ich verliere mich darin, als wäre es eine beliebige alte, experimentelle Aufnahme. Hinter diesen Aufnahmen steckt eine Welt, die ich nie begreifen werde; ein Netz aus Gläubigen, die entrückt, fehlgeleitet und manipuliert waren (und vielleicht noch immer sind). Ich habe das Gefühl, dass es in gewisser Hinsicht unfair ist, in diese Aufnahme einzutauchen, ohne die Quelle wirklich zu schätzen zu wissen. Es ist eine Tür, die ich noch nicht bereit bin, zu öffnen. Aber meine Faszination mit der Aufnahme kann ich auch nicht verbergen.

Ich erinnere mich an die Unterhaltung, die ich mit Mark Hosler von Negativland geführt habe—einem Pionier dieser Aufnahme, auf merkwürdige Weise ein Experte wie jeder andere. Hosler und andere Künstler sind in der Lage, diese Klänge als vollkommen eigenständig zu betrachten—als ein Produkt von Nerds, die es tausende Male vervielfältigt haben, aber auch eines einer Weltuntergangssekte in Montana.

„Wir haben eine echte Liebe und liebevolle Wertschätzung für all diese seltsamen Dinge, die wir in den letzten 35 Jahren in unserer Arbeit genutzt haben, auch für diese Aufnahme“, sagte Hosler mir. „Es ist nie herablassend oder spöttisch oder gehässig, obwohl manche Zuhörer es fälschlicherweise so einordnen. Es ist eher Staunen und sprachlose Bewunderung, dass Menschen so unglaublich merkwürdig und ungewöhnlich sein können.“

Chris Kissel ist bei Twitter.