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Der Bizeps wächst nicht mehr—Die Bosstransformation von Kollegah im Selbstversuch

Die letzte Phase der Bosstransformation ist ein Tal der Schmerzen und trotzdem stagniert der Bizeps-Wachstum.

von Sebastian Cleemann
01 Dezember 2014, 9:30am

Was bisher geschah: Eher bossunverdächtiger Fitnessabstinent mit Familie und Terminplan meldet sich zu Kollegahs Bosstransformation an und berichtet bei uns regelmäßig über seine Fortschritte. Er ist motiviert, er jammert, er fügt sich, er nimmt das Programm mit auf Reisen, er entwickelt Muskelstolz. Status nach 9 von 12 Wochen? Siehe GIF und lese sein neuestes Update.

Oh.
Mein.
Gott.

Er wächst nicht mehr.

Woche neun von zwölf und mein Körper versagt mir die Belohnung für die täglichen Strapazen. Mit zartem Mitleid im Blick nimmt meine Frau das Maßband von meinem Oberarm: 37,5 Zentimeter. Immer noch. „Tut mir leid", lügt sie mich an, die falsche Schlange. Hat ihr doch schon der Sechs-Wochen-Boss gereicht, der stabile bierwampenlose Halbboss, das mittlere Management der Muskeln. Aber kann ich mich damit zufrieden geben? Nix. Ich will Boss sein. Lieber tot, als jemandem Schutzgeld geben. Aus der Bank gehen und lächeln. Meine Physis modellieren.

Ich bin mir nicht mal sicher, ob hier tatsächlich etwas falsch läuft. Der Optik zufolge ist offenbar das Maßband kaputt, und Arbeitskollegen fragen mich, ob es denn nicht mal reicht. Aber vielleicht wird hier tatsächlich noch hauptsächlich Restfett gegen Bi- und Trizepsmasse ausgetauscht? Und die echten Gains kommen in den letzten vier Wochen? Der Trainingsplan der Phase drei sieht zumindest danach aus: Tägliches Training, strenge Muskelgruppentrennung, nochmal satt Gewichte drauf, dazu Low Carb und Ladetage. Die Muskeln freilegen, die wir in den letzten Wochen aufgebaut haben. Und weiter aufbauen.

Ganz ehrlich: Der erste Blick auf den Trainingsplan der Phase drei erwischt mich in einem schlechten Moment. Ich habe keinen Bock mehr. Es ist gar nicht das relativ monotone Training, es sind nicht die Gewichte, es ist nicht die Küchenwaage, es sind nicht die Tupperbecher und es ist auch nicht die gewaltige Sehnsucht nach Schokolade. Es ist die Zeit. Es sind die täglich mindestens 60 Minuten. Zeit, die für Musik, Familie, Entertainment oder einfach nur ruhiges An-die-Decke-Starren fehlt. Und noch vier Wochen lang fehlen wird. Aber hey. „Das wird bosshaft durchgezogen!", fordert der Boss. „Allein in den letzten zwei Wochen wird sich so viel tun wie in den sechs Wochen davor." Und ich sage: „Muss ja."


Die ersten Trainingstage haben es in sich. Neu ist das Pyramidensystem, bei dem, wenn die Muskeln sich am aktuellen Arbeitsgewicht so richtig abgearbeitet haben, noch ein paar Sätze mit geringerem Gewicht gemacht werden. Ergebnis: eventuell Zuwächse, auf jeden Fall Schmerzen. Die guten alten Schmerzen, die in Phase zwei so deutlich nachgelassen hatten. Kommen direkt nach dem Training, grüßen noch am nächsten Morgen. Ich muss an den Eröffnungsmonolog von Reservoir Dogs und an Tarantinos „Like A Virgin"-Interpretation denken: „She's feeling something she ain't felt since forever. Pain. It hurts just like it did the first time. Hence: Like a Virgin." Es fühlt sich an wie Woche eins.

Tatsächlich bringt dieses eindeutige „Du hast etwas gemacht und hier passiert jetzt etwas"-Signal des Körpers einen ganzen Batzen Motivation zurück. Was nichts daran ändert, dass es mir schlicht unmöglich ist, täglich zu trainieren, wenn ich nicht Scheidung, Kündigung und/oder Bandauflösung riskieren will. Zumal der Boss ja auch sieben bis acht Stunden Schlaf fordert. Zeit für einen professionellen Rat. Ab ins Studio, ab an die Geräte, ab dahin, wo man schwitzt und sich auskennt.


Zeit für einen professionellen Rat

Chris, Chef der Fitnessbude meines Vertrauens, hilft mir, den Plan ein wenig neu zu sortieren. Welche Muskelgruppen kann man an einem Tag zusammenfassen, ohne die Leistung zu schmälern oder sie zu überanstrengen? Laut Kollegah ist das Ganze so geplant, dass sich die einzelnen Muskelgruppen zwischen den jeweiligen Trainingstagen gut erholen. Aber Chris reicht das nicht: „Die Muskeln erholen sich, ja. Aber das ist allein nicht genug. Der ganze Körper braucht Erholung."

Krafttraining, so der Kopf der Körperschmieder, besteht aus drei Teilen: Training, Ernährung, Erholung. „Und das Training ist dabei eigentlich das Unwichtigste. Der Muskel wächst ja nicht beim Training, der Muskel wächst in den Pausen." Und wenn ich den Körper überlaste, schadet das letztlich auch dem Muskelaufbau. Anabol wird katabol, Proteinreserven werden angegriffen, der Körper verbraucht sich schlimmstenfalls selbst. Kopfkino, lass nach. Wir finden einen Modus, der Zeit für Arbeit, Kinder und Schlaf schafft und mich trotzdem im Training nicht zurückwirft.

Was sagt denn nun eigentlich mein Arzt dazu?

Aber wo ich schon mal beim Rat von außerhalb bin: Was sagt denn nun eigentlich mein Arzt dazu? Der ist bei unserer ersten Verabredung erst einmal selber krank. Und dann ist November und alle anderen sind krank. Keine Termine, keine Zeit, schon gar keine Lust, mir auf den letzten Bossmetern noch eine Grippe im Wartezimmer einzufangen. Stattdessen ein Telefongespräch mit einer Ärztin im Bekanntenkreis, das sie selbst so interessiert, dass sie für den nächsten Artikel gern ein paar Bluttests vorbereiten will. Zunächst aber: Was sagt sie denn so zu Training und Ernährung?

Ihre Gegenfrage: „Wie geht's dir denn damit?" Was immer eine sehr gute Gegenfrage ist, weil sie einen zwingt, einen diffusen Eindruck halbwegs klar zu formulieren. Und ich stelle fest: Abgesehen von einem wirklich unbarmherzigen Schokoladenappetit nach jedem Mittagessen geht es mir damit eigentlich ganz gut. Die fehlenden Kohlenhydrate, „die wichtig für den Sofortverbrauch sind", machen sich nicht durch außergewöhnlichen Energiemangel bemerkbar. Und das Mittagstief ist eben das Mittagstief und nicht wirklich etwas Neues, ob es nun Nudeltopf, Fleischpfanne oder drei Kilo Mousse au chocolat gibt.

Und das Präparat aus der Eiweißbombe? „Die Dosis macht das Gift", sagt sie. Und, hier grob vereinfacht: zu viel Eiweiß schadet den Nieren, begünstigt Arteriosklerose. An sich aber ist Eiweiß Teil einer ausgewogenen Ernährung und ein Eiweißshake kann ein besserer Mittagstief-Retter sein als ein schneller Zuckerkick. Das sagt sie mir jetzt.

Kurz: Prinzipiell und erst recht für die überschaubare Dauer der Transformation sieht sie kein gesundheitliches Risiko—wenn denn die Übungen alle richtig ausgeführt werden. Aber wichtig ist ihr dennoch eines: „Man wird nicht das eine wirksame Ernährungsprogramm für alle Menschen erstellen können. Auch nicht für alle Europäer, alle Deutschen, alle Berliner, alle Männer. Stoffwechsel sind nun einmal sehr individuell." Darüber wird noch zu reden sein, Freunde.

Denn wo das Ende naht, naht auch das Fazit. Nicht dass ich das jetzt schon vorwegnehmen will, dafür hat der Boss für die letzten Wochen noch zu viel versprochen. Aber mir entgeht ja nicht, dass die Frage „Und? Funktioniert's?" einigen tüchtig auf den Nägeln brennt. Ich denke, dass ich nicht allzu viel Spannung rausnehme, wenn ich „Hä? Na klar!" sage.

Ob ein Programm, das drei Monate lang meine Ernährung reguliert und mich im Schnitt eine Stunde täglich an die Gewichte schickt, mich Fett verlieren und Muskeln aufbauen lässt? Na logo! Würde mich die Kolosstransformation—drei Monate lang täglich neun Stunden Fernsehsessel und ein Kilo Smarties—dick und unbeweglich machen? Macht mich die Stefanmrosstransformation—täglich sechs Stunden Tröte und drei Stunden Haarezurückkämmen—zu einem soliden Vorabendtrompeter? Anzunehmen. Muskelwunsch? Kollegah liefert.

„Es sollten euch jetzt schon 80% eures Freundeskreises Steroide unterstellt haben", fasst Kollegah den aktuellen Soll-Stand zusammen. Ganz soweit sind ich und meine Freunde dann doch noch nicht. Aber immerhin: „You're destroying my life", klagt meine englische Arbeitskollegin, „My friend was supposed to put up my curtains today, but now he needs to work out because he wants to look like you."

Viel geiler eigentlich.


Tag 0 | Woche 9

Aktueller Transformationszustand

Highlight:


Lowlight: „Du hast keine Lust mehr? Du sehnst dich nach Freizeit? Hier, nimm diesen Plan mit täglichen Trainingseinheiten!"

Bossfaktor: 6/10, bis er wieder wächst.

Symbolvideo:

Alle bisherigen Teile gibt es hier.

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Sebastian trainiert mit freundlichster Unterstützung bei Die Körperschmieder in Berlin.

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